Berichte 16.07.2017 | 13:27von Colin McGourty

Dortmund, Runde 1: Fedoseev zerstört Kramniks Traum

Magnus Carlsen kann sich als Nummer Eins der Weltrangliste entspannt zurücklehnen, da Vladimir Kramniks verwegener Versuch spektakulär scheiterte, in der ersten Runde des Sparkassen Chess Meetings in Dortmund Vladimir Fedoseev zu besiegen. Big Vlad hatte zum Zeitpunkt der Aufgabe zwei Figuren weniger und fiel auf der Live-Weltrangliste auf den vierten Platz zurück. Maxime Vachier-Lagrave war beinahe noch ein Top 10-Spieler, der eine Niederlage quittieren musste, aber es gelang ihm noch, eine schlechte Stellung gegen Radek Wojtaszek zu halten. Die übrigen beiden Partien endeten remis, allerdings nicht ohne Abenteuer.

Der 22-jährige Vladimir Fedoseev setzte sein wunderbares Jahr mit einem Schwarzsieg über die russische Nummer Eins fort | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Dortmund ist ein siebenrundiger Sprintwettbewerb, daher stellte der erste Tag bereits einen herben Rückschlag für Vladimir Kramniks Hoffnungen auf einen elften Turnierseig dar. Ihr könnt alle Partien mit Computeranalyse mit dem Selektor unterhalb nachspielen (klickt auf ein Ergebnis, um die Partie zu öffnen):

Die 45. Ausgabe des Sparkassen Chess Meetings begann am Samstag im Orchesterzentrum NRW, und einige Jugendspieler bekamen die Chance, mit einigen der weltbesten Spieler zusammenzuarbeiten:

Großartige Idee beim @SparkassenChess. Vor dem Beginn der ersten Runde kommen die Großmeister mit Kindern einer Grundschule auf die Bühne.

Alle Blicke waren wie immer in Dortmund auf Vladimir Kramnik gerichtet, und er rechtfertigte diese Aufmerksamkeit auch!

Kramnik 0 - 1 Fedoseev: Eine Figur ist eine Figur

Wie wir bereits in unserer Vorschau erwähnten, ist Vladimir Kramnik in Dortmund bereits seit sechs Jahren ohne Sieg, und in dieser Zeit liefen die Dinge oft nicht nach Plan. Vladimir begann 2014 mit einer Weißniederlage gegen Georg Meier, das unser Analytiker als "Kramniks schlechteste Partie seit 25 Jahren" bezeichnete. Er bewies, dass das kein Zufall war, da er auch ein Jahr später gegen Arkadij Naiditsch in der ersten Runde verlor. Zum Glück begann Kramnik 2016 mit Schwarz, allerdings konnte er mit sechs Remisen in den ersten sechs Runden auch nicht überzeugen.

Falls es noch ein weiteres schlechtes Omen für Kramnik gab, war es eine Antwort Vladimir Fedoseevs in einem Interview mit Dorsa Derakshani, die wir in unserer Vorschau sorglos ausgelassen haben:

Und deine Lieblingspartie von einem anderen Spieler?

Der Schwarzsieg von Mamedyarov gegen Kramnik in Shamkir. Diese Partie enthielt viele interessante Züge und Ideen, außerdem ist es nicht einfach, Kramnik mit Schwarz zu schlagen. Diese Partie hat mir wirklich gefallen!


Die Dortmunder Bürgermeisterin Birgit Jörder eröffnete am Samstag die erste Partie | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Ihre Partie am Samstag wurde von Fedoseev mit Caro-Kann eröffnet, auf das Kramnik mit einem Abtausch auf d5 und frühem c3 antwortete - das ist ein in Mode gekommener Aufbau, der etwa auch von Anish Giri vor wenigen Tagen in Genf gegen Alexander Riazantsev gewählt wurde, sowie von Jaime Santos, der damit gegen Vishy Anand im vor Kurzem in León gespielten Match großen Vorteil erlangte. Magnus Carlsen spielte in einer Blitzschachpartie so gegen Alexander Grischuk, und Fedoseev war keinesfalls unvorbereitet. Er erklärte hinterher (alle Zitate der Spieler in diesem Bericht stammen von der Turnierseite), dass er diese Variante mit seinem Trainer Alexander Khalifman genau analysiert hatte - Khalifman hat eine Bücherreihe namens "Opening for White according to Kramnik" verfasst und sich darauf spezialisiert, für bestimmte Gegner die unbequemste Eröffnung auszuwählen.

Der erste kritische Wendepunkt kam nach 12. Lg5:


Schwarz kann entweder zulassen, dass seine Struktur durch ein Schlagen auf f6 verdorben wird, oder mit 12. ... Le7 auf eine passive Verteidigung wechseln, oder wie in der Partie mit dem Bauernopfer 12. ... Se4! fortsetzen. Falls Weiß auf e4 zweimal nimmt, erhält Schwarz seriöse Kompensation in Form seiner beiden Läufer und einem Tempogewinn durch den Angriff auf den e4-Turm - im Vergleich mit dem Partieverlauf sieht das nach dem geringeren Übel aus!

Kramnik opferte stattdessen selbst einen Bauern, da er nach 13. a4 bxa4 nicht zurücknahm, sondern mit 14. c4 Sxg5 15. Sxg5 dxc4 16. Lxc4 Sd8 17. Se4 Lf4 weiter Öl ins Feuer goss:


Man könnte sagen, dass zu diesem Zeitpunkt beide Spieler bekamen, was sie wollten. Fedoseev fühlt sich in komplexen taktischen Stellungen wie zuhause, während Kramnik spät in seiner Karriere wieder voll auf Angriff spielt, anstatt einfach kleine Vorteile zum Sieg anzuhäufen. Die Stellung ist ausgeglichen, steckt aber voller wilder Taktiken. Die Partie hätte zum Beispiel so weitergehen können: 18. Dxa4+ Lc6 19. Sd5! (ein wunderschöner, wenn auch nur zum Ausgleich führender Zug):

Das ist die Art Chaos, die Kramnik und Fedoseev gerade jetzt anstreben!

Falls Weiß eine Figur opfern möchte, hat er 18. Tc1 Lxg5 19. Lxe6! (wonach uns der Computer verrät, dass es ausgeglichen ist) bzw. das weniger korrekte, aber vielleicht spielbare 18. Sxf7!? Kramnik entschied sich stattdessen aber für 18. Dh5?, und Fedoseev fragte mit 18. ... Lxe3 19. Txe3 Dxc4 nach:


  

Was hat Weiß für die Figur bekommen? Leider sagen uns die allwissenden Engines, dass es "fast nichts" ist, womit die Frage lautet: "Was hat Kramnik übersehen?" Er spielte mit 20. Txe6+ weiter und hatte sich vermutlich nur 20. ... Sxe6 21. Dxf7+ angesehen, aber auch in diesem Fall hat Schwarz wenig zu befürchten. Fedoseev spielte stattdessen das pointiertere 20. ... Kf8!, und Kramnik hatte nichts Besseres als den Rückzug 21. Te5. Falls er diese Stellung vor dem Opfer erreicht hätte, wäre er von all seinen Mattdrohungen geblendet gewesen und hätte übersehen, dass das prosaische 21. ... h6! alles beendet - Weiß hatte nach 22. Tae1 g6! 23. Dh4 Kg7! keinerlei Angriff mehr.

Ein weiterer misslungener Arbeitstag zum Beginn "seines" Turniers | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Was folgte, ließ sich großteils durch Müdigkeit und fehlende Zeit auf Kramniks Uhr erklären, da er zum Zeitpunkt, als Vladimir Fedoseev 29. ... Tac8 spielte und Kramnik endlich aufgab, eine der verlorensten Stellungen hatte, an der eine Nummer Zwei der Welt je beteiligt war:


Wir sagen Nummer Zwei der Welt, aber Kramnik fiel durch die Niederlage zwei Plätze auf Platz Vier zurück - im Grunde war das auch das Ende der Geschichte, in Dortmund wieder die Nummer Eins zu werden:

So und Caruana rückten einen Platz vor, und falls Kramnik sich in Dortmund nicht davon erholt, werden ihre Chancen auf eine Qualifikation für das Kandidatenturnier 2018 auf Grund der Wertungszahl enorm vergrößert | Quelle: 2700chess

Er würde nun fünf Siege in den letzten sechs Partien benötigen, und obwohl Kramnik nach einer Erstrundenniederlage 2015 drei Siege hintereinander folgen ließ, ist das noch immer viel verlangt. Der ständige Aufstieg Fedoseevs hält dagegen weiter an. Der 22-jährige begann das Jahr mit 2658 Zählern auf Platz 96, derzeit liegt er in der Live-Weltrangliste mit 2732,2 Punkten auf Platz 29 - die Top 20 sind in Dortmund in Reichweite.

MVL ½ - ½ Wojtaszek: A close shave

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, verlor 2015 nicht nur Vladimir Kramnik am ersten Tag, sondern mit Wesley So noch ein weiterer Top 10-Spieler (gegen Liviu-Dieter Nisipeanu). Dieses Szenario hätte sich 2017 wiederholen können, da der Mitfavorit und Titelverteidiger MVL beinahe wie Kramnik eine Erstrundenniederlage hinnehmen musste.

Wojtaszek schlug MVL in ihrer letzten klassischen Partie in Biel, konnte diesen Erfolg jedoch nicht wiederholen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Er spielte Anti-Marshall, aber die polnische Nummer Eins Radek Wojtaszek hatte seine Hausaufgaben gemacht und eine Verbesserung gegenüber seiner Letztrundenpartie gegen Mickey Adams beim Shamkir Chess in diesem Jahr vorbereitet:


In Shamkir hatte Radek sofort 13. ... Tb5 gespielt, aber nach 14. c4 war die Stellung geschlossen und blieb so bis zum Remisschluss nach 44 Zügen. Doch dieses Mal spielte er 13. ... bxc3 14. bxc3 und erst dann 14. ... Tb5. Der Bauer auf a5 fiel bald, und obwohl Maxime - zumindest anfangs - genug Kompensation zu haben schien, geriet er schrittweise auf Abwege und gab später zu: "Ich habe das Läufermanöver völlig übersehen, nach dem ich viel schlechter stand". Er bezog sich auf die Stellung nach 24. Dc2:


Es folgte 24. ... Lb4 25. Td1 La5 26. Se3 Lb6, und Schwarz hatte bald einfach einen gesunden Mehrbauern, der sich früher oder später gute Hoffnungen darauf machen konnte, das Brett entlang zu marschieren und sich in eine Dame zu verwandeln. Wojtaszek sollte später klagen, dass es "offensichtlich ärgerlich ist, wenn man hinterher sieht, wie groß der Vorteil tatsächlich war." Es ist nicht einfach genau zu bestimmen, was er falsch gemacht hatte, aber es scheint, als ob er sich den a-Bauern zu einfach blockieren ließ und dann fälschlicherweise Leichtfiguren abtauschte, um in ein Damenendspiel zu gehen, das Maxime mühelos hielt.

Angesichts dessen, was Kramnik passierte, erwischte Maxime einen guten Start | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Zwei Kampfremisen

Die übrigen beiden Partien dauerten zusammengenommen 126 Züge, aber es sah nie so aus, als ob eine Begegnung entschieden würde. 

Nisipeanu konnte seine Erfahrung gegen Blübaum nicht nutzen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Das innerdeutsche Duell Nisipeanu - Blübaum begann mit dem Veresov-System, das von Angriffsspielern wie Baadur Jobava, Richard Rapport und Hikaru Nakamura angewendet wurde, und vor kurzem auch bei Weltmeister Magnus Carlsen Zustimmung fand: 1. d4 Sf6 2. Sc3 d5 3. Lf4. Unser Kommentator Jan Gustafsson hat es in seinem Video "A repertoire against 1. d4. Part 4: Sidelines" behandelt (obwohl er zu dieser Option meinte, sie habe "beinahe Hauptvariantenstatus"):


Jans Empfehlung im in der Partie gewählten Abspiel war 7. ... Ld7, nicht Blübaums 7. ... e6 8. Sxc6 bxc6 9. Sa4, was er als "vermutlich gut für Schwarz, aber ich würde lieber nicht mit dieser Struktur zu tun haben" beschrieb. Die Partie änderte an dieser Einschätzung nichts, da der trickreiche alte Kämpfer Nisipeanu seinen Gegner vor eine lange und trickreiche Verteidigungsaufgabe stellte. Blübaum meinte später: "Ich musste im Turmendspiel einige einzige Züge finden, aber zum Glück passte alles zusammen".


Matthias sah korrekterweise, dass 56. ... Txg7! das Remis sichert, da der weiße König nach 57. Kxg7 zu weit entfernt ist, um König und Bauer von Schwarz aufzuhalten. Die Partie endete nach 68 Zügen mit Patt.

Wang Yue kanalisierte seinen inneren Magnus Carlsen und hielt gegen Andreikin remis | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

In Wang Yue - Andreikin konnte Dmitry seinen chinesischen Gegner in der Eröffnung überraschen, doch trotz eines strukturellen Vorteils zeigte Wang Yue, dass er nichts von seiner soliden Spielweise eingebüßt hatte, und nach 58 Zügen hatte er die Punkteteilung erreicht. Danach gab er den Eindruck, dass das Ergebnis nie außer Zweifel gestanden war:

Ja, ich stehe im Endspiel einigermaßen schlechter, aber es ist immer Remis.

Andreikin trifft als nächstes auf Kramnik | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Nach der ersten Runde in Dortmund liegen alle Spieler bei 0,5 aus 1, mit Ausnahme von Vladimir Fedoseev mit 1 aus 1 und dem anderen Vladimir mit 0 aus 1. Keiner der Vladimirs wird in der zweiten Runde leichtes Spiel haben, da Fedoseev mit Schwarz gegen Blübaum spielt, während Kramnik Schwarz gegen Andreikin hat. Dieses Match war in der Vergangenheit interessant, da Andreikin im klassischen Schach 3:1 gegen die russische Nummer Eins führt und Kramnik auch aus dem Weltcup 2015 werfen konnte; doch andererseits gewann Kramnik die wichtigste Begegnung zwischen ihnen: das Weltcupfinale 2013.

Jan Gustafsson wird wieder vom Geschehen berichten, und dieses Mal muss er nicht vorzeitig zu einer Geburtstagsfeier! Ab der dritten Runde am Dienstag werden Lawrence Trent und Peter Svidler wieder mitkommentieren, und ab diesem Zeitpunkt sind die Live-Kommentare exklusiv den Premiummitgliedern vorbehalten. Wenn ihr ein Premium-Jahresabonnement abschließt, bekommt ihr eine signierte chess24-Tasse nach Hause geliefert: 

Jan führte die Tassen in der gestrigen Sendung vor - ihr könnt sie hier noch einmal ansehen, wir werden aber noch eine Version ohne verzögerte Audiospur online stellen

Die zweite Runde beginnt am Sonntag ab 15:30 Uhr bei chess24! Ihr könnt bei allen Partien auch über unsere kostenlosen Apps zusehen:

         

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