Berichte 15.07.2019 | 07:50von Colin McGourty

Dortmund R1: Explosiver Start in der Nach-Kramnik-Ära

Richard Rapport schlug den Vorjahressieger Ian Nepomniachtchi im ersten Dortmunder Sparkassen Chess Meeting in der Nach-Kramnik-Ära, womit er einen dramatischen Start des Turniers einleitete. Leinier Dominguez machte einfach dort weiter, so seine exzellente Form seit seinem Comeback im klassischen Schach aufhörte und enterte die Top 10 der Live-Elo-Liste durch seinen Sieg über Liviu-Dieter Nisipeanu, die deutsche Nummer 1. Daniel Fridman holte den ganzen Punkt gegen Kaido Kulaots, während Radjabov-Wojtaszek trotz eines recht spekulativen Figurenopfers unentschieden endete.

Mit Beginn der Partie lächelten alle, als die Dortmunder Bürgermeisterin Birgit Jörder den symbolischen ersten Zug machte. Das war es dann aber auch mit dem Lächeln! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Alle Partien aus Dortmund kannst du hier nachspielen:

Im Januar diesen Jahres kündigte der 14. Schachweltmeister Vladimir Kramnik seinen Rücktritt vom klassischen Schach an. Das schlug wie eine Bombe in der Schachwelt ein, die vielleicht nirgendwo stärker zu spüren war als in Dortmund. Das Sparkassen Chess Meeting ist schon so lange als Kramniks Wohnzimmer bekannt, dass es fast ein Schock ist, seinen Namen nicht auf der Spielerliste zu lesen. Seit der Ausgabe 2002, damals ein Kandidatenturnier, um seinen Herausforderer um die Weltmeisterschaft zu ermitteln, hatte er in 16 Ausgaben in Folge bis 2018 gespielt. Er gewann das Event 10 Mal, zuerst 1995 und zuletzt 2011. Und obwohl er in den letzten Jahren es manch einmal schwer hatte, verlieh er dem Turnier doch immer den Glanz der Weltklasse.

Vieles blieb beim alten: Es wird immer noch auf der gleichen Bühne gespielt und es gibt viele Zuschauer, die aus der Umgebung Dortmunds stammen. Es gibt keine Videos der Spieler und die Züge werden immer noch mit einer Verzögerung ins Netz übertragen, um Betrug zu verhindern | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite 

Dieses Jahr überschneidet sich das Turnier mit dem FIDE Grand Prix in Riga, aber das 7-rundige Turnier hat trotzdem einige Top-Spieler am Start und einen Mix von Spielern unterschiedlichster Elo-Zahlen, was für eine Menge entschiedener Partien sorgen sollte. Das war in Runde 1 auch definitiv der Fall:

Rapport 1-0 Nepomniachtchi

Ein super Start für Richard Rapport! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Der Ungar Richard Rapport hat eine große Anzahl von Bewunderern für seine originelle und gewagte Herangehensweise ans Schach, aber in den letzten Jahren waren seine Fans ein wenig enttäuscht, weil er es nicht schaffte, in die absolute Elite vorzustoßen. Er ist nun 23 Jahre alt und vielleicht ist es Zeit für einen neuen Angriff auf die Spitze! Er gewann kürzlich das mit 8 Spielern besetzte Danzhou GM-Turnier mit ungeschlagenen +2. Auch wenn er dort nur die am niedrigsten bewerteten Spieler - Ernesto Inarkiev und Bassem Amin - besiegte, hat er Dortmund nun mit einem Sieg über den Erstgesetzten und Titelverteidiger Ian Nepomniachtchi begonnen.

Richard hatte das Gefühl, dass er keinen wirklichen Vorteil aus seiner Englischen Eröffnung geholt hatte, aber "irgendwo im Übergang zum Endspiel übersah mein Gegner ein paar Ideen". Die Lage wurde kritisch, als Rapport 29.Le4! spielte:


Die Drohung liegt in Td6, was die Dame gewönne. Und den König zu bewegen, damit die Dame ein Rückzugsfeld hat, würde Weiß eine total dominante Stellung verschaffen. Das bedeutet, dass 29…De6 erzwungen war, aber nach 30.Dxe6 fxe6, ist die schwarze Bauernstruktur mit den isolierten e- und g-Bauern grässlich. Die ungleichfarbigen Läufer gaben Nepo zwar ein wenig Hoffnung, die Partie zu überleben, aber nach einigen weiteren Ungenauigkeiten verblieb Weiß mit einem nicht mehr aufzuhaltendem e-Bauern. Die Partie war dann nach 56 Zügen vorbei:

Dominguez 1-0 Nisipeanu

Nisipeanu und Dominguez beide in der "Denkender Schachspieler"-Pose | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Trotz dieser Niederlage blieb Nepomniachtchi auf Platz 6 der Live-Eloliste, während sich der Kubaner Leinier Dominguez durch einen Sieg über die deutsche Nr. 1 Liviu-Dieter Nisipeanu auf Rang 10 verbesserte. Dominguez ist mit einer großen Leidenschaft für das Schach zurückgekehrt, nachdem er zwei Jahre lang kein klassisches Schach gespielt hatte, während er sich mit Problemen bei der Erlangung einer US-Staatsbürgerschaft herumschlagen musste. Er gewann beinahe die US-Meisterschaft und startete in der russischen Team-Meisterschaft, und in Dortmund gelang ihm ein sehr überzeugender Start. Das hier war vielleicht der entscheidende Moment des Spiels:


Beide Spieler beschrieben 23...d5?! als Fehler, aber der Computervorschlag 23…Le6!? 24.Lxa6 und erst dann 24...d5! ist auch nicht etwas, was man leichten Herzens spielt. Weiß hatte einen Bauern mehr und der Punkt, an dem die Partie schlussendlich kippte, schien der Zeitpunkt zu sein, als Schwarz das materielle Gleichgewicht herstellen wollte:


32…Dxa2? 33.Te8+ Kh7 34.b3! schneidet die schwarze Dame vom Rest der Partie ab, wonach es Schwarz nicht mehr möglich war, sich gegen die weißen Drohungen am Königsflügel zu verteidigen. Die Partie endete nach 38 Zügen.

Fridman 1-0 Kulaots

Daniel Fridman (rechts) hat nun endlich einen Sieg in Dortmund! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Daniel Fridman kommentierte zuletzt auf chess24 zusammen mit Jan Gustafsson während des FIDE Grand Prix in Kroatien und bemerkte nach der Partie, dass dies sein erster Sieg in Dortmund überhaupt war und das, obwohl er bereits 2012 und 2013 mitspielte (13 Remis, 5 Niederlagen). Der Este Kaido Kulaots qualifizierte sich für das diesjährige Turnier, weil er zuvor das Aeroflot Open gewonnen hatte. Daniel hatte eine Überraschung parat und spielte mit 1.e4 einen Zug, den er ansonsten sehr, sehr selten wählt. Gegen Kulaots' Siziliansich entschied er sich für 2.c3, eine Variante, die zuletzt vor gut 10 Jahren spielte. Aber am Ende ging der Plan perfekt auf. Als er den c-Bauern zum zweiten Mal bewegte, hatte er bereits deutlich mehr Zeit au der Uhr, 17.c4:


Kaido beschloss, dass es Zeit für drastische Maßnahmen war und bot mit 17...Lxf2!? ein Figurenopfer an. Auch wenn das Schlagen auf d5 die c-Linie für einen Angriff auf den weißen König öffnen würde, hätte man das Opfer auch annehmen können. Stattdessen ignorierte Fridman mit 18.Kb1 die Figur, wofür man ihn auch nicht kritisieren konnte, denn kurz danach hatte er bereits eine Gewinnstellung. Zwischendurch sah es aus, als ob er bei all den attraktiven Optionen den Faden verlieren würde, aber aufgrund der starken Zeitnot konnte Kulaots die Stellung nicht mehr halten:


38.Txg5+! fxg5 39.Dxg5+ und der Vorhand fällt und Schwarz gab auf, da 39…Kf7 40.Df6+ Kg8 41.Dg7# die Partie beenden würde.

Radjabov ½-½ Wojtaszek

Ein hartes Theorie-Duell, das keiner der Spieler für sich entscheiden konnte | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Es war ein Tag der Opfer. Der Sieger von 2017, Radek Wojtaszek, folgte einer Fernschachpartie mit 19…Txe5!? 20.f3 c4!?:


Teimour Radjabov zögerte nicht und entschied sich schnell für 21.fxe4 Lc5+ 22.Kh1 dxe4 23.Sf1 e3 24.Lxe3 Lxe3 25.Sxe3 Dh4! 26.Dg4 De7!


Wie man unschwer erkennt, ist das die Art von Stellung, bei der man gerne im Vorwege alle Nuancen ausgearbeitet hat! Schwarz hätte nun schlicht einen Bauern mehr, da der e3-Springer nicht verteidigt werden kann (aufgrund von 27...Te8), aber Weiß kann sich mit 27.Dxg7+! Kxg7 28.Sf5+! herausreden, und die Partie ging schnell dem Remis entgegen.

Nach einem harten Ende in Kroatien hat Ian nun einen harten Start in Dortmund | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

´Die Tabelle führen nach der ersten Runde nun Rapport, Dominguez und Fridman an:

In Runde 2 wird Nepomniachtchi versuchen, mit einem Sieg gegen Kulaots wieder Tritt zu fassen, während in Rapport-Dominguez zwei der Führenden aufeinander treffen. Die Spieler müssen sich ums Kräfte schonen keine Gedanken machen, denn bereits am Montag und dann noch einmal am Donnerstag erwartet sie ein Ruhetag.

Hier kannst du alle Live-Partien ab 15:15 Uhr MEZ verfolgen.

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