Berichte 23.07.2018 | 13:14von Colin McGourty

Dortmund 2018, R7: Nepo stürmt zum Turniersieg

Mit einem Sturmsieg in der letzten Runde gegen Georg Meier gewann Ian Nepomniachtchi das  Sparkassen Chess Meeting 2018 in Dortmund, am Ende hatte er einen vollen Punkt Vorsprung. Es war eine dramatische letzte Runde: die vier anderen Spieler, die mit einem Sieg noch eine Chance auf den Turniersieg hatten, versuchten ebenfalls alles. Anish Giri hatte gegen Jan-Krzysztof Dudas Pirc klaren Vorteil, aber spielte dann nicht energisch genug. Vladislav Kovalev verpasste Vladimir Kramnik fast die dritte Niederlage nacheinander, bevor die Partie nach 104 Zügen mit nur noch den beiden Königen Remis endete.

Arkady Dvorkovich, russischer Kandidat für das Amt des FIDE-Präsidenten, war beim Triumph seines Landsmanns Nepomniachtchi vor Ort in Dortmund | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Am Ende hatte nur eine Partie der letzten Runde von Dortmund 2018 Sieger und Verlierer, und dadurch wurden alle komplizierten Tiebreak-Berechnungen hinfällig:

Nepomniachtchi-Meier 1-0: Ein verdienter Sieger

Erstmals seit 2011 gewann ein russischer Spieler in Dortmund, und erstmals seit 1993 (Anatoly Karpov) heisst dieser Russe nicht Vladimir Kramnik. Ian Nepomniachtchi hatte vor der letzten Runde einen halben Punkt Vorsprung aber wusste, dass er wahrscheinlich gewinnen musste, da bei einem geteilten ersten Platz der erste Tiebreak (Anzahl Schwarzpartien) andere Spieler bevorzugte. Er hatte den Luxus von viermal Weiß in sieben Runden und nutzte dies aus - vor dem abschliessenden Sieg gegen Georg Meier gewann er auch mit Weiß gegen Liviu-Dieter Nisipeanu und Kramnik.

Meier wurde in der Eröffnung überrascht und erlitt im Mittelspiel schnell Schiffbruch | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Französisch von Georg Meier war nicht unerwartet, ebenso die Stellung nach 6…Sxf6, die Meier (laut chess24 Datenbank) bereits 80-mal mit Schwarz auf dem Brett hatte. Hier dankte Nepo jedoch seinem Sekundanten Vladimir Potkin, der ihm das relativ seltene 7.Se5 gezeigt hatte. Das hatte der deutsche Großmeister noch nie auf dem Brett. Anfangs reagierte Meier schnell, aber bereits für das riskante 11…Da5+!? brauchte er 20 Minuten. Danach war auch Ian nicht mehr vorbereitet:


Nepo musste bereits konkrete Fragen beantworten, aber am Ende war entscheidend, dass er mit ‌14.Lxf6 gxf6 dem Gegner einen Doppelbauern verpassen und dessen Königsstellung schwächen konnte. Es war eine ideale Situation für den Russen, da er diese Partie unbedingt gewinnen wollte. Der entscheidende gegnerische Fehler kam wohl im 19. Zug: 


19…Kh7! sieht furchtbar aus - in die Diagonale des Ld3 laufen und keine Hoffnung, mit dem König eventuell Richtung Damenflügel zu flüchten - aber es bot viel bessere Überlebenschancen. Objektiv ist die Stellung gar ausgeglichen, aber die Varianten erfordern starke Nerven. Stattdessen war nach 19…Kg7?! 20.g4! f4 21.Tg1! der Druck auf der g-Linie partieentscheidend, wobei Weiß nach 21…Ld7 noch einen brillianten Zug finden musste:


Das Problem von sofort 22.g5? ist 22…h5!, nach 23.Dxh5 Th8! steht Schwarz gar besser. Wie kann Weiß das verhindern? Das Feld h5 mit der Dame besetzen! Nach 22.Dh5! hatte Schwarz keine Verteidigung, und nach dem weiteren 22…Th8 23.g5! hxg5 24.Dxg5+ Kf8 25.Df6 Txh2 26.Tg7 Le8 musste Weiß für den vollen Punkt noch einen genauen Zug finden:


27.Lh7! und es gibt keine Verteidigung gegen Matt of g8 (oder h8, wenn Schwarz den Läufer schlägt). Schwarz hatte noch einige Racheschachs, aber er gab sofort auf. Damit war Ian Nepomniachtchi Sieger des 46. Sparkassen Chess Meetings in Dortmund.

Am Ziel! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Sein Kommentar auf Twitter:

‌Ich belegte bei Dortmund Sparkassen Chess Platz 1. Nicht ohne ein bisschen Glück, aber ich bin dennoch glücklich und zufrieden.

Glück hatte er vor allem gegen Duda, der in dieser Partie den Gewinnweg nicht fand. Aber über das gesamte Turnier war das Kompensation für Ians verpassten klaren Sieg gegen Anish Giri in der ersten Runde. Nepo sagte Georgios Souleidis:

Zweimal stand ich schlecht, gegen Kovalev und Duda. Gegen Kovalev dachte ich in der zweiten Runde ständig an das WM-Finale (im Fussball). Die Partie gegen Duda war ein gutes Beispiel für einen lächerlichen Najdorf mit Schwarz. “Ich werde nie wieder so spielen", sagte ich Vachier-Lagrave letztes Jahr nach einer ähnlichen Niederlage. Und nun passierte es doch wieder, aber diesmal hatte ich Glück und entwischte mit Remis. Ich verpasste allerdings auch einen forcierten Gewinn gegen Giri. Ich war enttäuscht, aber natürlich machen wir Fehler und sind keine Maschinen. Es war natürlich ein starkes Feld, auch wenn Liviu-Dieter Nisipeanu schlechte Form zeigte. Generell mag ich dieses Turnier wirklich - obwohl es witzig ist, dass Zuschauer in der ersten Reihe manchmal einschlafen und schnarchen.

Es war ein voll verdienter Triumph in einem Superturnier:


Meier hatte ein sehr solides Turnier, nach fünf Remisen und einem Sieg gegen Nisipeanu in der vorletzten Runde konnte er gar vom Turniersieg träumen. Ein Schwarzsieg gegen Nepomniachtchi war dabei jedoch wahrlich keine leichte Aufgabe.

Giri-Duda 1/2: Feuerwerk

Eine Achterbahn-Partie endete Remis, Dudas späterer Kommentar: "Ich denke, dass ich nach diesem Turnier mit den weltbesten Spielern mithalten kann." | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die übrigen Partien endeten Remis, aber es lag (jedenfalls an zwei von drei Brettern) nicht an mangelndem Siegeswillen! Jan-Krzysztof Duda entkorkte nach der verpassten Chance tags zuvor gegen Nepomniachtchi gegen Giri Pirc/Modern (1.e4 d6). Diese Eröffnung wählen Topspieler fast nur gegen nominell klar schwächere Gegner, oder wenn sie mit Schwarz unbedingt gewinnen wollen/müssen. Dies war das zweite Szenario - der Grund, warum es nicht öfter gespielt wird, wurde deutlich: mit einfachen aber kraftvollen Zügen erreichte Anish Giri schnell überwältigenden Vorteil. Er wusste, dass er mit einem Sieg Turniersieger wäre - es sei denn, Nepo gewinnt ebenfalls.

Der kritische Moment kam nach 20…a5:


Am besten ist das direkte 21.h4!, mit 22.f5! und weiterem Bauernsturm nach fast allen gegnerischen Zügen. Aber Anish beendete den direkten Königsangriff und tauschte die Damen: 21.Dh4!? h6 22.Sxe6+ fxe6 23.Dxd8 Texd8 24.Tde1:


Weiß stand immer noch besser, aber vielleicht hatte Giri praktische schwarze Chancen nach 24…d4! unterschätzt - ein erstaunlicher Zug, da es die Diagonale des Lg2 Richtung Ta8 öffnet. Nach weiteren unklaren Verwicklungen hatte Schwarz bald eine Mehrqualität und stand gar etwas besser. Aber am Ende gab Duda die Qualität zurück, und in einem todremisen Turmendspiel wurde der Punkt geteilt.

Am Ende waren beide Spieler wohl etwas unzufrieden, aber beide können auf gute Turniere zurückblicken. Giri verlor zwar nach einem nachlässigen Patzerzug gegen Kovalev, aber danach gelang ihm mit zwei Siegen ein Comeback und in der Live-Weltrangliste belegt er wieder Platz 5. Besonders erfreulich wohl, dass er einen der Siege gegen seinen früheren Peiniger Vladimir Kramnik erzielte.

Duda ist vor seinem nächsten Turnier in China Nummer 20 der Live-Weltrangliste | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Der 20-jährige Jan-Krzysztof Duda schien derweil in seinem ersten Superturnier keinen übertriebenen Respekt zu zeigen. Wenn er seine Chance in der vorletzten Runde gegen den im Turnier führenden Spieler genutzt hätte war für ihn eventuell noch mehr möglich. Nach dem Turnier belegt er, da David Navara am Sonntag in Biel gegen Magnus Carlsen verlor, Platz 20 in der Live-Weltrangliste. Duda hat allerdings keine Zeit, um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen: schon demnächst fliegt er nach China. Das Danzhou GM Turnier beginnt am Wochenende mit einem starken Teilnehmerfeld knapp unterhalb der absoluten Weltelite, die regelmäßig hochkarätige Einladungen bekommt.


Kovalev-Kramnik 1/2: Im Geiste des 19. Jahrhunderts

Kovalev verbrachte in Dortmund wohl die meiste Zeit von allen Spielern am Brett |Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Der 24-jährige Vladislav Kovalev konnte in Dortmund ebenfalls seinen Ruf verbessern. Er blieb ungeschlagen und spielte in der letzten Runde unter Siegzwang ungewöhnliches Schach gegen Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik. Mit ‌6.Sxf7 folgte Vladislav einer Partie, die vor 181 Jahren gespielt wurde!

Erst nach Kramniks 12…Sxd4 verliess die Partie "Theorie" aus dem 19. Jahrhundert (seine “romantischen” Vorgänger spielten 12…Dxd4):


Kramnik hielt voll dagegen, aber Kovalev opferte einen Bauern und machte weiter Druck, bis sein prominenter Gegner mit 30…Sb5? fehlgriff:


31.Lf6! war ein einfacher Doppelangriff (es droht auch 32.Dxg5#), der sofort eine Qualität gewann: Kramnik musste auf f6 nehmen, da sein König nach z.B. 31…Te1+? 32.Txe1 Dxe1+ 33.Kh2 De3 34.Le5! erlegt wird.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Kovalev, dass er mit einem Sieg alleiniger Zweiter würde. Kramnik würde dann "sein" Turnier mit schändlichen drei Niedderlagen nacheinander beenden. Am Ende war es sehr knapp, da nach dem Abtausch eines Bauernpaars noch sechs Figuren und Bauern auf dem Brett waren.  Tablebase-Domäne… und Weiß stand auf Gewinn:

Matt in 33 nach 53.Ke3, natürlich...

Es war allerdings fast eine schwarze Festung, und nach 53.Ta8 lautete das Urteil Remis - wobei Kramnik dafür mehrfach einzige Züge finden musste: zunächst 53…Kg6! 54.Ke3 Sg2+! 55.Ke4 Sh4! und danach balancierte er bis zum 104. Zug am Rand des Abgrunds, erst dann war das Remis mit nur noch den beiden Königen unterschriftsreif.

Es war keinesfalls Kramnik in Bestform, aber zumindest hat er das Publikum mehrfach prächtig unterhalten | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Damit hervorragende ungeschlagene +1 for Vladislav (der eine Sieg ausgerechnet gegen Giri), während Vladimir sein -1 Ergebnis sicher schnell abhaken will. Der Optimismus nach dem glatten Sieg gegen Duda war durch Niederlagen gegen Nepomniachtchi und Giri schnell dahin. Kramnik wird das Turnier sicher ernsthaft analysieren, bevor er bei der Olympiade in Batumi Russland vertritt. Russland gewann zuletzt vor 16 Jahren Gold; Kramnik ist sicher motiviert, diese Serie zu beenden, bevor er als Spieler aufhört. Aber ist er in seiner derzeitigen wechselhaften Form der richtige Spieler für Brett 1? Oder entscheidet man sich dafür, dass er an einem der anderen Bretter abräumen soll?

Beide Spieler sind sicher froh, dass diese Partie und das Turnier nun vorbei sind | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Damit bleibt nur noch Nisipeanu-Wojtaszek, die einzige Partie der letzten Runde, bei der fast nichts mehr auf dem Spiel stand. Die Spieler beschlossen, nicht von Ereignissen an den anderen Brettern abzulenken, und spielten ein ruhiges Remis mit dreifacher Stellungswiederholung nach 34 Zügen. Beide hatten enttäuschende Turniere. Die noch beste Nachricht zu Liviu-Dieter Nisipeanus sieglosen -4 ist, dass er nach wie vor in den top100 weltweit vertreten und Nummer 1 in Deutschland ist, allerdings nun nur noch 16 Elopunkte vor Jan Gustafsson. Radek Wojtaszek musste sich früh von Hoffnungen, seinen Titel des Vorjahres zu verteidigen, verabschieden. Er verpasste mehrfach den Sieg gegen Kramnik und verlor dann, erneut, gegen seinen jungen Landsmann Duda. Es war keinesfalls eine Katastrophe, da er ansonsten ungeschlagen blieb, aber sein Ergebnis ist wohl zu wenig für eine weitere Einladung für Dortmund 2019.

Dortmund 2018 ist vorbei | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Das ist der Endstand des Sparkassen Chess Meetings 2018 in Dortmund:

Das Publikum bekommt jedoch weiterhin Spitzenschach geboten: das Schachfestival Biel hat bereits begonnen, mit Siegen in Runde 1 für Magnus Carlsen und Shakhriyar Mamedyarov.

Siehe auch:


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