Berichte 22.07.2018 | 09:57von Colin McGourty

Dortmund 2018, R6: Nicht Kramniks Jahr

Nach einer zweiten Niederlage in Serie, diesmal gegen Anish Giri, hat Vladimir Kramnik keine Chance mehr auf einen 11. Turniersieg in Dortmund. Ebenfalls steht fest, dass Radek Wojtaszek seinen Titel nicht verteidigen wird sowie dass Liviu-Dieter Nisipeanu Letzter wird. Ansonsten ist alles offen. Ian Nepomniachtchi entwischte spektakulär gegen Jan-Krzysztof Duda und hat vor der letzten Runde einen halben Punkt Vorsprung - aber wenn er seine letzte Partie nicht gewinnt, haben Duda, Giri, Meier und Kovalev alle Chancen auf den Turniersieg.

Anish Giri ist nach zwei Schwarzsiegen wieder im Turnier und hat gute Chancen auf den Gesamtsieg - wenn er in der letzten Runde Duda besiegt | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Am Samstag bot die vorletzte Runde des Sparkassen Chess Meetings in Dortmund vier dramatische Partien:

Die Schlüsselpartie im Kampf um den Turniersieg Duda-Nepomniachtchi erfüllte die Erwartungen. In einem Sizilianer mit 3.Lb5 wurde der alleine führende Ian Nepomniachtchi langsam überspielt. Der 20-jährige Jan-Krzysztof Duda übernahm volle Kontrolle über das Feld d5 und eliminierte dann systematisch schwarze Bauern am Damenflügel.

Duda konnte sich fast für frühere Niederlagen gegen Nepomniachtchi rächen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Der kritische Moment der Partie kam dann im 51. Zug:


Weiß hat zwei Mehrbauern und Raumvorteil, aber das schwarze Gegenspiel ist nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel verliert der Versuch, sich mit 51.Sa4?? direkt zu "konsolidieren", nach 51…Dd8! sofort, und andere Springerzüge sind ebenfalls schlecht. Duda hatte allerdings gute Damenzüge, und offenbar einen Weg zum Gewinn – 51.g5! Selbst hier ist es jedoch nicht trivial – nach 51…fxg5 52.hxg5 Dd8 53.g6+ Kh8 droht Schwarz Qg5+ nebst mindestens Dauerschach:


Am besten ist nun das dramatische 54.Ta8!!, nach 54…Dxa8 55.gxf7 Df8 56.Se6 Dxf7 57.Sxd4 exd4 kann Schwarz im entstandenen Damenendspiel noch Widerstand leisten, aber Weiß hat natürlich sehr gute Gewinnchancen. In der Partie folgte jedoch 51.Kf3?! Dc6! 52.Sa4?! und Nepomniachtchi konnte mit einem vorübergehenden Figurenopfer alle seine Probleme lösen:


52…Lxc4! 53.bxc4 Txc4 54.Qb1 Txa4 55.Txa4 Dxa4 - die weissen Bauern am Damenflügel waren verschwunden, wenig später wurde Remis vereinbart. Damit verpasste Duda die Chance, Nepo zu überholen, und hat weiterhin einen halben Punkt Rückstand - wie drei andere Spieler, darunter Anish Giri.

Duda verpasste eine große Chance für eine sehr gute Ausgangsposition im Kampf um den Turniersieg. Nun braucht er in der letzten Runde einen Schwarzsieg gegen Giri und passende Ergebnisse in anderen Partien. | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite 

Giri traf auf Vladimir Kramnik, der nach seiner Niederlage tags zuvor erwartungsgemäß auf Gewinn spielte - schliesslich brauchte er den vollen Punkt, um in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen.

Fördert ein Schnurrbart Anish Giris schachliche Entwicklung? | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite  

Vladimir wählte mit dem Colle–Zukertort System eine ruhige Eröffnung, aber der Schein trügte natürlich - nach 27.Rd3 musste Schwarz aufpassen:


Weiß hat zwar einen Bauern weniger, aber er droht g4, Se5 und Tcd1 - mit Materialgewinn wenn Schwarz nicht schnell reagiert. Nach 13 Minuten entschied sich Giri dafür, mit 27…e5!? den Bauern zurück zu geben und die Stellung zu vereinfachen. Nach 28.Sxe5 Td4 29.Tf3 Sh4 30.Te3 Sf5 kam der Moment, in dem ein anderer Spieler vielleicht einfach 31.Rf3 gewählt hätte, nebst vermutlich Remis durch Stellungswiederholung.

Zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere ist Kramnik jedoch nicht vorsichtig-solide, mit 31.Tee1 spielte er weiter. Das war an sich nicht falsch, aber zwei Züge danach nahm Giri den Bauern auf a2. Nun musste Kramnik konkrete Drohungen gegen den schwarzen König kreieren, da er sonst langfristig untergeht. Das Letztere geschah, nach einer etwas chaotischen Zeitnotphase war die Partie im 40. Zug praktisch entschieden:


Kramnik beeilte sich nicht, die Partie aufzugeben, aber nach dem 59. Zug stand ein schwarzer Bauer auf a2 und fünf Züge später akzeptierte Kramnik endlich seine Niederlage. Damit hat Giri nach anfangs sieben Niederlagen und null Siegen nun seinen früheren Angstgegner zweimal nacheinander besiegt. Giri hat damit in der Live-Eloliste nur noch 0,2 Punkte Rückstand auf Nummer 5 Kramnik, der Vierte Ding Liren liegt dagegen plötzlich 16 Punkte vor Kramnik.

GM Niclas Huschenbeth hat ein Video zu dieser Partie (auf Englisch):

Die andere entschiedene Partie dieser Runde war der erste Sieg für Georg Meier, der Liviu-Dieter Nisipeanu noch tiefer in den Tabellenkeller schickte. Die Eröffnung war ein Erfolg für Meier, nach guter Vorbereitung im Katalanen überlegte er erstmals im 16. Zug - er erwog 33 Minuten lang den Übergang in ein praktisch gewonnenes Endspiel. Dafür entschied er sich dann, und hatte dabei wohl die Komplikationen ab dem 20. Zug genau berechnet:


20.Sxc7! Lxa4 21.Txd6 Sxd6 22.Sxd6 Ra7 23.Sc4 und Weiß hatte zwei Leichtfiguren für einen Turm, der verdoppelte schwarze Mehrbauer war eher irrelevant. Mit beeindruckender Technik verwertete Meier seinen Vorteil.

Nisipeanus vierte Niederlage und Meiers erster Sieg | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite  

Wojtaszek-Kovalev endete Remis, damit kann Radek Wojtaszek seinen Dortmund-Titel definitiv nicht mehr verteidigen. In dieser Partie war er nahe am Sieg, aber nach einigen Ungenauigkeiten war sein klarer positioneller Vorteil dahin.

Dieses Jahr nicht für Radek Wojtaszek, aber Vladislav Kovalev hat noch Chancen auf den Turniersieg - wenn er in der letzten Runde gegen den angeschlagenen Kramnik gewinnt | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite  

Damit haben vor der letzten Runde Kovalev, Meier, Giri und Duda alle nur einen halben Punkt Rückstand auf Nepomniachtchi:


Dies sind die Paarungen, nur Nisipeanu-Wojtaszek spielt im Kampf um Platz 1 keine Rolle:

Das einfachste Szenario ist natürlich, wenn Nepomniachtchi mit Weiß gegen Meier gewinnt, dann ist er alleiniger Turniersieger. Wenn er Remis spielt oder verliert, wird es dagegen viel komplizierter. Es gibt keine Stichkämpfe, erster Tiebreaker ist "meiste Schwarzpartien" (Vorteil für Meier, Giri und Kovalev gegenüber Nepo und Duda), danach “meiste Siege” (Vorteil Giri oder Duda wenn sie in der letzten Runde gewinnen). Alle haben eine mathematische Chance, wenn z.B. Giri gegen Duda gewinnt kann nur Nepomniachtchi mit einem Sieg Anishs ersten Sieg in einem traditionellen Superturnier verhindern.

Die letzte Runde am Sonntag beginnt zwei Stunden früher um 13:15, wiederum wird chess24 live übertragen!

Siehe auch:


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