Berichte 21.07.2018 | 07:43von Colin McGourty

Dortmund 2018, R5: Nepo stoppt Kramnik

Am Freitag wurde bekannt gegeben, dass Ian Nepomniachtchi wie Vladimir Kramnik dem russischen Team bei der Schach-Olympiade angehört, aber nach der gestrigen 5.Runde in Dortmund könnte es Diskussionen über die Brettreihenfolge geben. In der Eröffnung wurde Nepo von Kramnik überrascht, opferte dann aber einen Bauern, um einen der gegnerischen Läufer aus dem Spiel zu nehmen. Auf den anschließenden positionellen Sieg wäre Kramnik auch stolz gewesen, außerdem brachte er Nepo zwei Runden vor Schluss die alleinige Führung im Turnier ein, da alle anderen Partien remis endeten.

Kramnik und Nepo gaben am Ruhetag noch gemeinsam eine Autogrammstunde | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Alle Partien des Sparkassen Chess Meetings in Dortmund könnt ihr hier mit Computer-Analyse nachspielen:

Nepomniachtchi schlägt Kramnik mit dessen Waffen

Während in Dortmund die 5.Runde lief, wurde die russische Mannschaftsaufstellung für die diesjährige Schacholympiade in Tiflis bekannt gegeben, und die sorgte – bei einem Land mit dieser Fülle an Spitzenspielern wenig überraschend – durchaus für Diskussionen. Wäre ausschließlich nach Elo aufgestellt worden, wären Kramnik, Karjakin, Grischuk, Nepomniachtchi und Svidler nominiert worden, doch statt Grischuk und Svidler tauchen Jakovenko und Vitiugov im Kader auf:

1.    Vladimir Kramnik

2.    Sergey Karjakin

3.    Ian Nepomniachtchi

4.    Dmitry Jakovenko

5.    Nikita Vitiugov

Richtet man sich nicht ausschließlich nach der Elo, hätte man auch der Jugend mit Spielern wie Vladimir Fedoseev, Vladislav Artemiev, Dmitry Andreikin, Maxim Matlakov oder Daniil Dubov eine Chance geben können. Schon allein die Aufzählung dieser Spieler – die in den meisten anderen Ländern automatisch nominiert würden – reicht, um zu sehen, wie schwer es ist, eine russische Olympia-Mannschaft aufzustellen!

Lächeln auf ganzer Front vor Beginn der Partie | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Kommen wir aber wieder zurück nach Dortmund, wo Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik wie im Vorjahr bei seiner Partie gegen Vishy Anand beim Norway Chess die aggressive Yurtaev-Variante im Spanier spielte und diese damit erst zum zweiten Mal in seiner Karriere aufs Brett brachte. Damit überraschte er den bisherigen Schnellspieler Nepomniachtchi ganz offensichtlich, denn dieser dachte im 6.Zug lange nach, ehe er sich nicht für Vishys 6.Sc3, sondern 6.c3 entschied. Kramnik zog weiter schnell, obwohl seine Reaktion zwei Züge später alles andere als trivial war:


Mit 8…Tb8 hätte Kramnik wieder in die Spanische-Archangelsk-Hauptvariante überleiten können, die Peter Svidler in seiner Videoserie Svidler’s Archangels (auf Englisch) ausführlich bespricht. Auch 8…Lg4 und 8…Lb7 führen zu bekannten Stellungen, aber Kramniks 8…b4!? wurde bisher nur selten gespielt. Wenig später gab er einen Bauern für das Läuferpaar und das typisch aktive Spiel, auf das Schwarz damit hofft, doch wie so oft im modernen Schach führte das erste längere Nachdenken in der Partie zu einem großen strategischen Fehler:


Der Computer behauptet – und wer wollte dem widersprechen -, dass Schwarz nach einem nützlichen Entwicklungszug wie 17…Te8 oder 17…Ld7 gut steht, und es spricht auch nichts dagegen, den Läufer auf h4 zu schlagen. Stattdessen wurde Kramnik materialistisch und wollte den Bauern mit einer kleinen Kombination zurück gewinnen: 17…Df4?! 18.Lg3 Sxg3 19.hxg3 Dxg3 ermöglicht aber 20.c5!


Die Dame muss ziehen, und nach 20…Dg6 21.Tc1 ist der Läufer auf a7 plötzlich komplett vom Spiel ausgeschlossen, wobei ein direkter Angriff mit 21…Lh3 22.Sh4 Dg4 hübsch mit 23.Tc4! gekontert wird, was Kramnik bei seinem 26-minütigen Nachdenken vor 21…Df7 sicher gesehen hat. Solche Probleme sieht man in der Regel eher bei Kramniks Gegnern, wie etwa bei der denkwürdigen Partie gegen Nigel Short bei den London Chess Classic 2011.   

Short wusste damals noch nicht, wie ihm geschehen würde... | Foto: Ray Morris-Hill

Nigel gab damals zu, dass er nach Vlads 19…d5! am liebsten aufgegeben hätte:


Der Läufer auf b3 ist vom Spiel ausgeschlossen und konnte sich bis zu Shorts Aufgabe im 43.Zug nicht mehr befreien:


In Dortmund übernahm Nepomniachtchi die Rolle von Kramnik | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Im Grunde spielte sich in Dortmund mit dem Läufer auf a7 genau das Gleiche ab, denn nach dem letzten Zug der Partie 41.Sd4 war er immer noch eingesperrt:


Einer der traurigsten Läufer aller Zeiten!

Damit ist ganze Geschichte aber noch nicht erzählt, denn Schach ist ein konkretes Spiel und Kramnik hätte gewisse Rettungschancen behalten, wenn er nach 31.Se3?! die Gelegenheit beim Schopf ergriffen hätte.


31…f5! sieht auf den ersten Blick absurd aus, doch 32.f3 scheitert an 32…Df6 mit Angriff auf den ungedeckten Springers auf h4, während gleichzeitig …f4 in der Luft liegt. Diese Folge hätte definitiv praktische Chancen geboten, doch nach 31…Ld7? 32.Dxb4 a5 33.Dxa5 c6 34.d6 hatte Nepomniachtchi alles, was man sich wünscht. Nach der Partie meinte er, “Natürlich bin ich mit dem Ausgang der Partie zufrieden, aber noch mehr mit der Qualität meines Spiels.”

Drei ruhige Remis

Immerhin mal wieder ein Remis für Nisipeanu | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die anderen Partien konnten bei diesem Spektakel nicht mithalten. Liviu-Dieter Nisipeanus Leiden setzten sich nach drei Niederlagen in Folge fort, denn er musste gegen Vladislav Kovalev eine Stellung mit Minusbauer verteidigen. Letztlich geriet er aber nie in Verlustgefahr und erreichte nach 62 Zügen den Remishafen. 

Giri zeigt wieder einmal, wie hart das Leben eines Schachprofis ist...

Anish Giri versuchte gegen Radek Wojtaszek fünf Züge weniger, etwas aus dem Läuferpaar herauszuholen, doch der polnische Großmeister hielt stand. Die letzte Partie mit dem anderen Polen, Jan-Krzysztof Duda, sah nach dem aggressiven 9.g4!? vielversprechend aus:


Vier Züge später hatte Georg Meier aber den Bauern mit g5 gestoppt und lang rochiert, wonach die weißen Angriffschancen verpufft waren. Am ehesten stand sogar Schwarz besser, als nach 33.Zügen die Züge wiederholt wurden. 

Meier stoppte kunstvoll Dudas Angriff | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Damit liegt Nepomniachtchi zwei Runden vor Schluss mit 3,5 aus 5 allein in Führung, einen halben Punkt dahinter lauern die Supergroßmeisterturnier-Novizen Vladislav Kovalev und Jan-Krzysztof Duda. 


In Runde 6 wird Kramnik als Weißer sicher alles daran setzen, gegen seinen "guten Kunden" (bis zum Tata Steel in diesem Jahr) Anish Giri zurückzuschlagen, und auch Duda-Nepomniachtchi ist bei diesem Turnierstand von großer Bedeutung. Alle Partien könnt ihr wieder live auf chess24 ab 15:15 Uhr verfolgen!

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