Berichte 19.07.2018 | 14:45von Colin McGourty

Dortmund 2018, R4: Kramnik bremst Dudas Aufstieg

Vladimir Kramnik sorgte mit einem überzeugenden Sieg gegen Jungstar Jan-Krzysztof Duda in Runde 4 dafür, dass der Ausgang des Sparkassen Chess Meetings 2018 in Dortmund völlig offen ist. Vier Spieler teilen nun den ersten Platz, neben Kramnik und Duda sind es Ian Nepomniachtchi and Vladislav Kovalev, die in dieser Runde Remis spielten. Anish Giri verpasste Liviu-Dieter Nisipeanu die dritte Niederlage in Serie und hat nun nur einen halben Punkt Rückstand.

Schwarz gegen Kramnik ist ein Härtetest für aufstrebende junge Spieler | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Du kannst alle Partien aus Dortmund im Viewer unten mit Computeranalyse nachspielen:

Der 20-jährige Jan-Krzysztof Duda steht am Rand der Weltelite, aber spielte bisher nur selten gegen Weltklassespieler. Mit verkürzter Bedenkzeit gewann er gegen Levon Aronian und Wesley So, aber mit klassischer Bedenkzeit ist sein Landsmann Radek Wojtaszek offenbar nach wie vor der stärkste Spieler, den er jemals besiegen konnte - zuletzt in der dritten Runde in Dortmund. Mit klassischer Bedenkzeit verlor er beim Qatar Masters 2015 gegen Magnus Carlsen und dieses Jahr beim Gibraltar Masters gegen Hikaru Nakamura. Gegen Vladimir Kramnik hatte er zuvor bei der Blitz-WM 2015 verloren.

Der Ex-Weltmeister gewann die Schlüsselpartie des Tages | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Schwarz gegen Kramnik ist vielleicht der härteste Test im Schach - die erste Herausforderung ist, die Eröffnung zu überleben. Kramnik dachte, dass sein Gegner an dieser Aufgabe scheiterte. Er sagte Georgios Souleidis, dass Duda "wohl etwas durcheinander brachte”. Der Pole wählte ein scharfes Abspiel gegen Kramniks englische Eröffnung, zuerst 8…e4!? und dann 11…d5!?:


Nach 12.Lg5 c6!? 13.cxd5 cxd5 14.Db3 war klar, dass Schwarz seinen Bauern auf d5 nicht auf Dauer behalten würde. Später wurde es eine "Masterclass" von Kramnik, offenbar da Duda beim 22. Zug nach 16 Minuten Nachdenken die falsche Entscheidung traf:


22…g5! ist der vom Computer vorgeschlagene Rettungsanker: es droht Bauerngewinn auf f4 und Schwächung der weissen Königsstellung, da 23.fxg5?? wegen 23…Df2+ nebst Matt sofort verliert. Weiß hat diverse Möglichkeiten, aber offenbar kann Schwarz immer den schwachen weissen Mehrbauern auf d3 belästigen und Remis halten.

Stattdessen zog Duda seinen aktiven Turm mit 22…Tc8? zurück, auch das wäre spielbar wenn Kramnik nicht schnell 23.Qd7! gefunden hätte. Fast forciert (23…Tcxe8 24.Txe8 g5! ist eine schlechtere Version der vorigen Variante, aber immer noch besser als die Partiefortsetzung) entstand danach ein Turmendspiel, das Kramnik sicher zum Gewinn führte:


Die d-Freibauern sind zu stark. Duda nahm den weissen h-Bauern und beschleunigte damit das Ende, die Schlusspointe war as brutale 37.Te7+!

‌Kramnik zeigt Duda, dass er immer noch an seinem Spiel arbeiten muss!

Die eleganteste Fortsetzung wäre 37...Txe7 38.dxe7 h3 39.Ke6 h2 40.f6 h1=D 41.f7#, andere Varianten sind allerdings auch trivial. Der junge Pole gab auf.

Nach Dudas Niederlage konnten Ian Nepomniachtchi oder Vladislav Kovalev mit Siegen die Führung übernehmen, aber beide spielten mit Schwarz nur Remis.

Wojtaszek war auf Nepomniachtchis Tempo in der Eröffnung vorbereitet | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Wojtaszek-Nepomniachtchi war eine der Partien, in denen beide Spieler viel mehr kannten als die bereits auf einem Brett gespielte "offizielle Theorie". Zum Beispiel scheint es hier, dass Schwarz den Abtausch seines Läufers gegen den weissen Springer nicht vermeiden kann…


Nepomniachtchi spielte jedoch ohne inne zu halten 11…Le4 12.f3 Dg5! 13.g3 Lc6 und der Läufer hatte eine neue Diagonale gefunden. Es sah dennoch gefährlich aus, da Wojtaszek 14.e4 spielte und danach ein massives Bauernzentrum aufbaute. Aber auf typisch "hypermoderne" Weise konnte Nepomniachtchi dann dieses Zentrum angreifen, beim Remisschluss stand gar er etwas besser. 

In seinem ersten Superturnier teilt Kovalev drei Runden vor Schluss die Führung | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Vladislav Kovalev beeindruckte ebenfalls weiterhin. Er überraschte seinen Gegner Georg Meier in der Eröffnung und hielt später mit konkreten Ideen das Gleichgewicht:


21…b6! war ein multifunktioneller Zug, der nicht nur a5 nochmals überdeckte sondern auch das folgende Manöver vorbereitete: 22.Td1 De7! 23.Se4 Db7! und die Dame auf der langen Diagonale erzwang Figurenabtausch und Remis. Das war ein gutes Ergebnis für Kovalev, da er mit klassischer Bedenkzeit zuvor zweimal gegen Meier verloren hatte.

Anish Giri rehabilitierte sich für die Nieederlage tags zuvor | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die andere entschiedene Partie des Tages war zwischen den Verlierern des Vortages  Liviu-Dieter Nisipeanu und Anish Giri. Nisipeanu hatte auch in Runde 2 verloren, und auch wenn er Weiß hatte war bald klar dass Anish Blut roch. Wie so oft im Najdorf-Sizilianer hatte Schwarz nach Damentausch die Initiative, dabei war Giri mit seinem 21. Zug zufrieden:


21…a5! kam gerade rechtzeitig, bevor Weiß dieses Feld mit seinem Springer besetzen konnte. Bald konnte Schwarz langfristige Schwächen angreifen, und 30.Td5? war wohl der entscheidende Fehler (30.g3 damit der Lh3 wieder mitspielt bot offenbar gewisse Chancen).


Nach 30…Ta3! 31.Tb1 Sf6! 32.Txd6 Sxe4 drohte der Springer, entscheidend in der weissen Stellung zu erscheinen. Nisipeanu eliminierte ihn mit einem Qualitätsopfer, für die Qualität hatte er zwar einen Bauern aber Giri konnte seinen Vorteil problemlos verwerten. 

Damit ist vor einem langen Wochenende – nach dem Ruhetag am Donnerstag drei Runden Freitag, Samstag und Sonntag -  alles offen. Vier Spieler führen, und selbst der Siebte Wojtaszek hat nur einen Punkt Rückstand:


Die Schlüsselpartie am Freitag ist das Duell der mit-führenden Russen Nepomniachtchi-Kramnik, wobei Duda-Meier, Giri-Wojtaszek und Kovalev-Nisipeanu ebenfalls den Kampf um den Turniersieg beeinflussen können. Verfolge das Geschehen live hier auf chess24 ab etwa 15:15 MESZ am Freitag!

Siehe auch:


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