Berichte 16.07.2018 | 17:24von Colin McGourty

Dortmund 2018, R2: Duda übernimmt die Führung

Der 20-jährige Jan-Krzysztof Duda gewann mit Schwarz gegen Liviu-Dieter Nisipeanu und übernahm damit die alleinige Führung nach Runde 2 des Sparkassen Chess Meetings in Dortmund. Die Nummer 1 der Junioren-Weltrangliste wurde für leichtes Risiko üppig belohnt, während das spekulative Damenopfer von Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik fast zu einer Niederlage gegen Radek Wojtaszek führte. Vladislav Kovalev trennte sich unter günstigeren Umständen von seiner Dame, aber sein Vorteil gegen Ian Nepomniachtchi reichte nicht für den vollen Punkt. Meier-Giri war die einzige Partie, die quasi nicht stattfand, so konnten diese beiden Spieler bereits vor dem Anstoss das Finale der Fussball-WM im Fernsehen verfolgen!

JK Duda erzielt den ersten Sieg bei Dortmund 2018 | Foto: Turnierseite

Alle Partien aus Dortmund mit Computeranalyse:

Ein gutes Omen für Duda?

Vor 7 Jahren vertrat Duda Polen bei der 2011 World School Championship 2011 in Krakau

Die Kleinstadt Wieliczka bei Krakau ist vor allem durch ihr Salzbergwerk eine Touristenattraktion, aber es ist auch der Heimatort eines neuen Stars der Schachszene – Jan-Krzysztof Duda. Der GM-Titel im Alter von 15 Jahren und 21 Tagen war kein Rekord, aber seither war der polnische Jungstar erfolgreicher als Rivalen wie Vladislav Artemiev: Duda hat nicht nur Elo 2700 geknackt, sondern steht vielleicht kurz vor dem Sprung in die absolute Weltelite. Er will seine Chance offenbar versuchen zu nutzen: in Runde 1 machte er 72 Züge lang Druck, tags darauf traf er gegen Liviu-Dieter Nisipeanu eine mutige Entscheidung.

Duda spielte Najdorf-Sizilianisch, sein übliches Repertoire, Nisipeanu wählte dagegen das positionelle 3.Lb5+. Der Schlüsselmoment kam nach 10.e5:


Laut Eröffnungsbaum unter der chess24-Liveübertragung spielte Schwarz hier 1154-mal 10…Se4, aber nur 58-mal 10…Sg8!?. Starke Spieler taten es nur gegen nominell klar unterlegene Gegner, aber nach sechs Minuten spielte Duda es gegen die deutsche Nummer 1. Er erklärte später "ich wollte eine Partie bekommen".

Nisipeanu war hierauf nicht vorbereitet und grübelte 15 Minuten, bevor er sich für 11.a3 entschied. Danach rochierte Duda lang und stürmte mit seinem g-Bauern vorwärts, die Lage war plötzlich bereits kritisch:


Offenbar ist hier 19.b4! (19...g4 20.b5!) der einzige Zug für Weiß. Nach 19.Rc3? g4! hatte Weiß nur optisch Angriffschancen - nichts funktioniert, z.B. wäre 20.Sxb7 Dxb7 21.Tb3 gxf3! ein weiteres Damenopfer an diesem Tag in Dortmund, Schwarz stünde klar besser. In der Partie gewann Schwarz schlichtweg den wichtigen Zentralbauern auf d4, Nisipeanu bereute "eine Reihe idiotischer Züge". Nach 32…Qc7 gab er dann auf:


Weiß ist total hilflos (es droht gar einzügig Matt) und Schwarz kann weitere gegnerische Bauern fast nach Belieben einsammeln.

Es ist früh im Turnier, aber bei seinen vier letzten Auftritten in Dortmund (dieser inbegriffen) hatte Nisipeanu zuvor nur zwei Partien verloren. Seine Gegner in diesen Partien, 2015 Fabiano Caruana und 2017 Radek Wojtaszek, gewannen jeweils das Turnier. Ein gutes Zeichen für den Jungstar, wobei beide in der letzten Runde gegen Nisipeanu siegreich waren, dieses Jahr werden noch fünf Runden gespielt.

Fussballfans

Sonntag war ein grosser Tag im Sport, Schach "konkurrierte" mit Finale in Wimbledon und bei der Fussball-WM....

Wenn die Länder der Spieler beteiligt gewesen wären, wären Kurzremisen vielleicht keine große Überraschung, aber nur bei Meier-Giri zeichnete sich früh ein friedliches Ende ab:

‌Eindeutig Fussballfans :)

Klar, dass nun 16…Lxc4 17.Lxe5 folgte, und nach 17…c6 18.Tfe1 Tfe8 verschwand der weisse Mehrbauer und die Stellung war totremis. Giri meinte hinterher "wenn ich gewusst hätte, dass Georg Fussballfan ist...". Beide Spieler sagten jedoch, dass sie mit dem Ergebnis zufrieden sind, Giri betonte dass er zu Beginn im Turnier zweimal Schwarz hatte.

Keine Partie für die Annalen | Foto: official website

Damenopfer

Die anderen Partien waren viel unterhaltsamer. Vladimit Kramnik blieb seinem neuesten Stil treu: immer Komplikationen - fast egal welche und wie sie objektiv einzuschätzen sind - statt sich mit einem ruhigen Remis zu begnügen.

Kramnik opfert wieder einmal! | Foto: Turnierseite

Das war der Moment in der Partie:


Kramniks Entscheidung haben wir live so kommentiert:

‌Kramnik zockt mal wieder...

Nach 21…Dxe1+ 22.Dxe1 Lxd3 hatte sich der Charakter der Stellung geändert, und Schwarz hatte einen (optisch) gefährlichen d-Freibauern. Aus praktischer Sicht hatte es den Vorteil, dass Wojtaszek für seine beiden nächsten Züge fast 40 Minuten verwendete, und später fand der Dortmund-Titelverteidiger nicht immer den besten Zug. Dennoch hatte Schwarz nie ernsthafte Gewinnchancen, während Ungenauigkeiten zu weissem Vorteil führen konnten. Das geschah im 39. Zug, statt 39…Kg7 - worauf Radek mit noch einer Minute auf der Uhr mit dem automatischen 40.Qd4+ die Zeitkontrolle erreichen konnte - wählte Kramnik 39…Kh7?!:

‌39...Kh7? war beinahe zu viel Risiko für Kramnik in gegnerischer Zeitnot - das trickreiche 40.Df8! gewinnt offenbar, aber nach 40.Dd4 geht der Kampf weiter...

Damit wollte Kramnik die gegnerische Dame dazu bewegen, den d-Bauern aus dem Auge zu verlieren, es gab ein kleines Problem: wenn Radek mit 40.Df8! "in die Falle tappt" gewinnt Weiß! Später muss Weiß in dieser Variante mit dem König über das halbe Brett wandern, aber das konnte er nach der Zeitkontrolle in aller Ruhe berechnen.

Stattdessen kam doch 40.Qd4 und das war immer noch nicht alles. Kramniks 40…Te2?! scheint ebenfalls objektiv falsch, nach 41.Df6! Kg8 42.Dxc6 d2 43.Dc2 Lc4 und jetzt 44.a6! Lxa6 45.Kf3! bricht die schwarze Konstruktion zusammen. Wojtaszek spielte jedoch 41.Dd7, und hier war 41...Lc4! im Remissinne ausreichend:


Nun kann Weiß die Umwandlung des gegnerischen d-Bauern nicht mehr verhindern (falls Schwarz das will), da auf 42.a6 42...Ld5 geht, aber Weiß hat immer genug Trümpfe um Remis zu erzwingen. In der Partie war 42.Dxc6 Tc2 43.De4 Tc3 44.Dd4 Tc2 usw. Remis durch Stellungswiederholung. Danach sagte selbst Vladimir widerwillig "mit dem Remis war ich am Schluss glücklich".


Bisher alles OK für Vladislav Kovalev in seinem ersten echten Superturnier| Foto: Turnierseite

Die Glanzzüge des Tages kamen jedoch vielleicht von Vladislav Kovalev: er zeigte, dass die anti-Najdorf Variante 3.Lb5+ auch ihre Prise Gift hat!


26.Sxe6! Sxe3 27.Txe3 Ld5 28.Sxd8! Lxc4 29.Sc6 Dd7 30.Txc4 und auch hier am Ende Turm und Leichtfigur gegen Dame.


Es war dabei kein Gezocke oder Bluff im Stile von Kramnik, das wurde offensichtlich in dieser späteren vereinfachten Stellung:


Normalerweise (ohne grobe Fehler) kann hier nur Weiß gewinnen, wobei Tablebases trotz der zwei verbunden Freibauern Remis anzeigen. In einer praktischen Partie könnte Schwarz fehl greifen, aber hier hatte Ian Nepomniachtchi auch noch fast unbegrenzte Bedenkzeit, um gegebenenfalls tief zu rechnen. Er konnte gar ein 90-minütiges Nickerchen einlegen und hätte immer noch eine halbe Stunde auf der Uhr, dann würde aber vielleicht die FIDE Ethics Commission diesen Fall diskutieren!

Stattdessen spielten beide die verbleibenden 30 Züge recht schnell, ohne konkrete weisse Fortschritte. Damit hat nach zwei Runden in Dortmund nur Duda 1.5/2, Nisipeanu trägt mit 0.5/2 die rote Laterne und alle anderen Spieler haben nach zwei Remisen 50%. Wie zuvor in den letzten Jahren hat Dortmund ein entspanntes Programm - Montag ist/war bereits der erste Ruhetag.

Am Dienstag geht es weiter, bei Duda-Wojtaszek will der Schwarzspieler vielleicht Rache für seine Niederlage bei der polnischen Meisterschaft. Wie Du siehst hat Weiß an den anderen drei Brettern klaren Elovorteil und wird sicher auf Gewinn spielen. Das alles live hier auf chess24 ab etwa 15:15 MESZ!

Siehe auch:


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