Berichte 15.07.2018 | 11:11von Colin McGourty

Dortmund 2018, R1: "Schach ist hässlich und remis"

Beinahe hätte sich Ian Nepomniachtchi mit einem Sieg gegen Anish Giri das schönste Geschenk zum 28.Geburtstag gemacht, doch ein falscher Königszug sorgte dafür, dass sich der Niederländer in Runde 1 des Dortmunder Sparkassen-Meetings ins Remis rettete. Auch die anderen Partien verliefen interessant, wenngleich Vladimir Kramnik scherzte, dass “Schach hässlich ist und remis”, nachdem er gegen Liviu-Dieter Nisipeanu seinen Mehrbauern nicht verwerten konnte. Jan-Krzysztof Duda kämpfte am längsten und versuchte sieben Stunden lang vergebens, Vladislav Kovalev niederzuringen.

Dortmunds Bürgermeisterin Birgit Jörder eröffnete die Partie Kramnik-Nisipeanu | Foto: Turnierseite

Alle Partien aus Dortmund könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen:

Geburtstags-Blues

Während der Eröffnungsfeier im NRW Orchesterzentrum wurde auch ein Geburtsständchen auf Ian Nepomniachtchi angestimmt, der gestern 28 Jahre alt wurde. Kurz vor Turnierbeginn meinte er noch, dass er von einem so starken Spieler wie Anish Giri keine Geschenke erwarte, am Ende hätte er aber fast eins bekommen.   

Um ein Haar ein perfekter Start für Ian Nepomniachtchi | Foto: Turnierseite

Die Renaissance der Russischen Eröffnung auf höchstem Niveau ging in die nächste Runde, wobei Nepo sich für ein älteres System ohne entgegengesetzte Rochade entschied. Dann aber verschärfte der Russe das Geschehen mit dem Vorstoß des h-Bauern und der Gegenüberstellung der weißen Dame auf der e-Linie mit einem schwarzen Turm. Diese Provokation sorgte dafür, dass Giri über eine Stunde nachdachte und sich schließlich für den zweifelhaften Plan entschied, den b-Bauern von b7 nach b4 vorzustoßen:  


Der Computer empfiehlt hier, mit 19.Lxh6! sofort aufs Ganze zu gehen, denn nach 19…gxh6 20.Dxh6 Lf8 21.Dg5+ Kh8 22.Sg4! kämpft Schwarz ums Überleben. Auch Nepos 19.Dg3 war ein guter Zug, nach dem Giri durch ein Bauernopfer aber ein wenig Druck abschütteln konnte. Objektiv lag er mit dieser Entscheidung vermutlich richtig und hätte das Damenendspiel bei korrektem Verlauf remis halten können, doch als er sich die Zeit nahm, den gegnerischen a-Bauern zu verschlingen, gab er seinem Gegner die Chance zum Erstrundensieg: 


Dies ist einer der Momente, in denen man sieht, wie schwer Schach ist, denn während 48.Ke3! offenbar gewinnt, da der weiße König den d-Bauern unterstützen kann, reicht das in der Partie gespielte 48.Kf3? nach 48…Dd3+ 49.Kg2 Dc2+ 50.Kh3 nur zum Remis. Das Problem war der Zug, den Nepo übersehen hatte:


50…Dc6! kam gerade rechtzeitig, um die Partie zu retten, und Nepo musste sich an seinem Geburtstag mit einem Remis begnügen (gemeinsam mit seinem Sekundanten Vladimir Potkin beim Abendessen):

“Schach ist hässlich und remis” – Vladimir Kramnik

Titelverteidiger Radek Wojtaszek wurde von Georg Meier früh in der Partie überrascht | Foto: Turnierseite

Die anderen drei Partien verliefen allesamt interessant, wobei die kürzeste Partie Wojtaszek-Meier mit einer Überraschung bzw. sogar zwei Überraschungen in der Eröffnung begann. Die erste bestand darin, dass Georg Meier über fünf Minuten überlegte, ehe er 1.c4 mit 1…b6 beantwortete, doch dann lief alles nach Plan für ihn. Sein 6…e5! war die zweite Überraschung, denn dieser Zug kam bisher erst bei Christiansen-Speelman, Hastings 1978 und einer relativ unwichtigen Schnellschachpartie in diesem Jahr aufs Brett:


Titelverteidiger Wojtaszek investierte 10 Minuten, bevor er auf das “prinzipielle” 7.a3 in den beiden Vorgängerpartien verzichtete und stattdessen das bescheidenere 7.Se2 spielte. Schließlich endete die Partie im 31.Zug mit dreimaliger Zugwiederholung.

Kramnik-Nisipeanu war schon allein deshalb interessant, weil bei ihr eine Neuerung von Magnus Carlsen aufs Brett kam, mit der der Weltmeister Kramnik in der 7.Runde von Norway Chess 2016 besiegt hatte:

Kramnik versank in tiefes Nachdenken, als Carlsen seinen Springer von c3 nach e2 zurückzog | Foto: Fiona Steil-Antoni

Dieses Mal führte Kramnik die weißen Steine, aber Nisipeanu war gut vorbereitet und spielte nicht 12…Sb6?! wie Kramnik in Norwegen, sondern 12…f5. Trotzdem war die daraus resultierende Stellung kein Zuckerschlecken angesichts der technischen Fähigkeiten des ehemaligen Weltmeisters. 


Während Kramnik am Damenflügel den typischen Minoritätsangriff startete, sah Nisipeanu die Zeit gekommen für radikale Maßnahmen am Königsflügel und opferte mit 18…f4!? 19.Sxf4 Sxf4 20.exf4 einen Bauern. 

Kramnik saß dieses Mal auf der anderen Seite des Brettes| Foto: Turnierseite

Er stellte seinen König nach f6 und wartete ab, ob Kramnik seine Festung stürmen konnte. Der Russe probierte alles, und mit einem der letzten Tricks versuchte er einen der beiden verdoppelten f-Bauern zurückzugeben:


41…Kxf5 Te7! ist für Weiß leicht gewonnen, aber Schach ist nicht Dame und Nisipeanu ließ den f-Bauern einfach stehen. Wenig später endete die Partie durch Zugwiederholung remis. Kramnik meinte hinterher:

Ich hätte etwas Ambitionierteres spielen sollen. Schach ist hässlich und remis!

Kovalev und Duda hatten einen langen Arbeitstag | Foto: Turnierseite

Die beiden unbeschriebensten Blätter in Dortmund sind der 20-jährige Jan-Krzysztof Duda aus Polen und der 24-jährige Weißrusse Vladislav Kovalev, der sich beim Aeroflot Open für Dortmund qualifiziert hat. Bei ihrem Aufeinandertreffen in Runde 1 wurde der weltbeste Junior zwar in der Eröffnung überrascht, kämpfte später aber fast sieben Stunden um den vollen Punkt, indem er Schritt für Schritt seinen positionellen Vorteil vergrößerte. Hier die Stellung nach 47…Ta5:


Weiß hat seine Türme auf einer offenen und halboffenen Reihe postiert, einen optimal stehenden Springer, die bessere Bauernstruktur und ein lukratives Angriffsziel auf d5. Wie jedoch kommt er weiter? Diese Frage konnte Duda in den 72 Zügen, die diese Partie dauerte, nie wirklich beantworten. Eine interessante Anregung des Computers ist hier 48.Tbb1!?, um die Stellung aufzubrechen und nach 48…Txa3 49.Ta1! auf a7 einzudringen und den d-Bauern zu gewinnen, doch natürlich muss Schwarz nicht schlagen und kann seine Festung vielleicht aufrechterhalten.

Dortmund bleibt seiner Tradition treu und präsentiert Schach auf der großen Bühne | Foto: Turnierseite

Damit konnten die vier Spieler, die Schwarz hatten, mit dem ersten Turniertag zufrieden sein. Drei von ihnen – Meier-Giri, Kovalev-Nepomniachtchi und Nisipeanu-Duda - haben in Runde 2 Weiß, während die Partie Wojtaszek-Kramnik, in der der Titelverteidiger auf den Turnierfavoriten trifft, schon vorentscheidenden Charakter für den Turnierausgang haben könnte.

Alle Partien könnt ihr wie immer live auf chess24 ab etwa 15:15 Uhr verfolgen!

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