Interviews 28.06.2019 | 00:56von FM Joachim Iglesias

Dorfman: Talent ist die Fähigkeit, hart an sich zu arbeiten

Der Großmeister Iossif Dorfman, ehemaliger UdSSR und französischer Meister, spricht in einem Interview mit Joachim Iglesias über das Schachleben in der Sowjetunion, seine Tätigkeit als Sekundant Kasparovs während vier WM-Kämpfen, sein neunjähriges Training mit Etienne Bacrot, neue Schachtalente (er glaubt, dass Artemiev viel mehr Potential als Karjakin hat), sein Buch und seine neue Video-Serie, Die Schachmethode.

Iossif Dorfman liebt das Spiel so sehr wie eh und je

Bevor wir zum Interview kommen, hier erst noch ein paar Fakten aus seiner Karriere:

  • Geboren am 1. Mai 1952 in Zhytomyr, Ukraine
  • Er bekam 1973 den Titel "Verdienter Meister des Sports der UdSSR" verliehen
  • Europameister mit der UdSSR in 1977
  • Verleihung des Titels "Internationaler Meister" 1977
  • UdSSR-Meister in 1977
  • Verleihung des Großmeister-Titels 1978
  • Garry Kasparovs Sekundant während der WM-Kämpfe 1984-1987
  • Lebt seit 1989 in Frankreich
  • Arbeitet ab 1992 mit dem 9-jährigen Etienne Bacrot und hilft ihm, der jüngste GM der Schachgeschichte zu werden
  • Französischer Meister 1998
  • Seit 2019 für die französische Seite von chess24 tätig, u.a. als Kommentator und Autor von Schachvideos

Alle Partien, die im nachfolgenden Interview erwähnt werden, kannst du hier nachspielen:

Joachim Iglesias: Hallo, Iossif. Wenn du nichts dagegen hast, lass uns doch zuerst einmal chronologisch deine Karriere als Spieler und dann als Coach ansehen, bevor wir dann zu aktuellen Projekten kommen. Du wurdest 1952 in der heutigen Ukraine geboren. Wann hast du Schach gelernt?

Iossif Dorfman: Ich erinnere mich noch lebhaft an den Tag, als ein Freund der Familie mir anbot, Schach zu lernen und mir die Regeln beibrachte. Aber mit dem Spielen habe ich nicht wirklich vor meinem 11. Lebensjahr angefangen, was selbst zu der Zeit schon recht spät war.

Wie Maxime Vachier-Lagrave, der einen Abschluss in Mathematik hat, hast du die Universität besucht. Bereust du diese Wahl im Nachhinein? Würdest du es heutigen, vielversprechenden Talenten raten, einen Abschluss zu machen?

Ich habe an der polytechnischen Universität in Kiev fünf Jahre lang Ingenieurswissenschaften studiert. Dazu muss man sagen, dass es zu dieser Zeit sehr schwer war, ein professioneller Schachspieler zu werden, denn es gab dazu einfach zu wenige Ressourcen. Rafael Vaganian zum Beispiel wurde in der sowjetischen Meisterschaft 1975 Zweiter, ohne damals ein professioneller Spieler gewesen zu sein. In der UdSSR genossen die besten Schachspieler große Anerkennung - sie waren so bekannt wie Astronauten und füllten ganze Hallen mit Zuschauern, wenn sie spielten. Es gab allerdings auch sehr wenig Geld und man musste schon ein wenig verrückt sein, um Schachprofi zu werden. In Frankreich gibt es keine Anerkennung: Wer kennt schon Maxime, Etienne oder Laurent? Keiner, oder zumindest fast keiner. Davon abgesehen kann man heute in Frankreich gut vom Schach leben, aber das Leben vom Schach hat sich verändert. Du musst Unterricht geben, Bücher schreiben, Videos drehen und Partien spielen. Wir sind weit weg von dem Vorurteil, das es noch in den 90ern gab, dass Schachspieler um 2 Uhr Mittags aufstehen, um in Kneipen um Geld zu blitzen...

Am 1. Januar 1977 ist Karpov Weltmeister und du bist lediglich ein Meister des Sports der UdSSR, aber du solltest ein unglaubliches Jahr haben...

Ich hatte auch bereits zuvor große Erfolge. Du musst bedenken, dass zu dieser Zeit der Meister des Sports mit dem Titel des Großmeisters vergleichbar war. Um eine Norm zu erspielen, brauchtest du +6 bei der UdSSR Meisterschaft in der U27, was, wie man sich vorstellen kann, schwer genug ist. Ich gewann das Turnier mit +11 und wurde bereits 4 Runden vor Schluss Meister des Sports.

In 1976 gewann ich die Meisterschaft der Roten Armee, die so stark war wie die heutige französische Meisterschaft.

Ich gewann im Anschluss die Premier League, ein Qualifikationsturnier für die UdSSR Meisterschaft, mit 1,5 Punkten Vorsprung. Dort spielten fast nur Großmeister mit, zum Beispiel Tseshkovsky, Sveshnikov, Beliavsky…

Im Finale gewann ich dann 6 Partien, aber unglücklicherweise verlor ich auch zu viele Partien, um am Ende auf dem Podium zu landen.

Mit insgesamt 10 entschiedenen Partien landete Iossif bei seiner zweiten UdSSR Meisterschaft vor Tal und Smyslov


Joachim: Iossif gewann einige fantastische Angriffspartien in der UdSSR Meisterschaft 1976. Das Damenopfer gegen Romanishin muss man einfach gesehen haben: 



17...Sxe3!


Anatoly Karpov bestand dann darauf, dass ich im Team der UdSSR bei der Europameisterschaft 1977 in Moskau mitspielen sollte. Zu der Zeit gehörten bis auf Timman und Larsen die besten Spieler der Welt der Sowjetunion an. Für einen jungen Spieler, der noch nicht einmal den Titel eines Internationalen Meisters besaß, war es praktisch undenkbar, ins Nationalteam aufgenommen zu werden. Aber ich durfte mitspielen und leistete einen guten Anteil daran, Europameister zu werden. Ich holte drei Siege und drei Remis.

Iossif Dorfmans erste Partie als Spieler für das Team der UdSSR | Quelle : OlimpBase.org

Für das Finale der UdSSR Meisterschaft 1977 hatte ich mir vorgenommen, solider zu spielen. Zum Beispiel wechselte ich vom Sizilianer zum Spanier. Mit dieser Eröffnung remisierte ich gegen Balashov und Geller und konnte Smyslov und Romanishin schlagen. Am Ende verlor ich nicht eine einzige meiner 15 Partien.

Iossif Dorfman, UdSSR-Meister 1977! Am Ende des Turniers wurde ein Stechen ausgespielt, bei dem Iossif eine Partie gewann, eine verlor und vier Remis holte. Daraufhin wurden er und Gulko beide zu Meistern erklärt!


Joachim: Das Endspiel gegen Smyslov sorgte für besondere Genugtuung: 


Iossif hatte gerade auf g5 Springer getauscht. Der a3-Bauer wird den weißen Läufer das Leben kosten, aber die weißen Königsflügelbauern scheinen sehr bedrohlich. Schwarz gewinnt aber studienmäßig:

81...Se4! 82.Kf3 Sc3 83.Lb3 a2 84.Lxa2 Sxa2 85.g6 Sxb4 86.Ke4 Sa6! 87.Kf5 Sc7!


Der schwarze Springer kommt heldenhaft zurück und Smyslov gab auf , weil 88.Kf6 mit 88...Sxd5+ beantwortet werden würde.


Zu dieser Zeit, als du der amtierende Meister der UdSSR warst, hast du da davon geträumt, Weltmeister zu werden?

Das ist eine hervorragende Frage... Alles, was ich in meinem Leben getan habe wie zum Beispiel das Beenden meiner Karriere als Ingenieur, um Schachprofi zu werden, habe ich gemacht, weil es irgendwie meine Bestimmung war.  Vielleicht, wenn ich wie Joel Lautier die Zuversicht gehabt hätte... Joel war ein exzellenter Spieler, sehr motiviert, sehr zielstrebig, er hätte sich ein Ziel gesetzt: Weltmeister werden. Vielleicht, wenn ich diese Zuversicht gehabt hätte und die Fähigkeit, mir klare Ziele zu setzen und alles dafür zu tun, sie dann auch zu erreichen, dann hätte ich es vielleicht immer noch nicht geschafft, aber ich wäre zumindest eine ganz kleine Bedrohung für den Weltmeister geworden. Aber ich habe niemals daran geglaubt, dass das mein Schicksal ist und ich begann bereits früh, als Trainer zu arbeiten.

1984 war Kasparov 21 Jahre alt und bat dich um Hilfe bei seinem ersten WM-Kampf gegen Karpov. Deine Zusammenarbeit mit ihm sollte vier WM-Kämpfe dauern. Wie hast du die Zeit erlebt?

Mit 27 begann ich zum ersten Mal, als Trainer zu arbeiten, und zwar als Sekundant von Beliavsky. Danach arbeitete ich mit Polugaevsky während seines Matchs mit Korchnoi und auch mit Tigran Petrosian, der, wenn man so will, eines meiner Idole ist. Ich coachte ebenfalls Juniorenteams der Ukraine. Als mich Kasparov 1984 also fragte, ob ich seinem Team angehören möchte, hatte ich bereits einiges an Trainererfahrung. Zu unserem Team gehörten drei Großmeister: Gennadi Timoshchenko, Evgeny Vladimirov und ich, und zudem ein IM, Alexander Nikitin. Alexander Shakarov kümmerte sich um die Organisation: Denn damals gab es noch keine Computer und unsere Vorbereitung musste professionell auf Lochkarten sortiert werden! Karpov hatte ein Team von 24(!) Spielern, die ihm zuarbeiteten, unter anderem Spieler wie Geller und Polugaevsky...

Die 1984-85 WM. Von links nach rechts: Evgeny Vladimirov, Iossif Dorfman, Alexander Nikitin, Garry Kasparov und Gennadi Timoshchenko | Foto: gpntb.ru

Wir organisierten ein 24-tätiges Trainingscamp, das sehr intensiv war. Wir haben nichts außer Schach getan mit Ausnahmen einiger Pausen für Sport und Spaziergänge. Am Ende jeden Tages haben wir Garry darüber informiert, an was wir gearbeitet hatten. Die Einschätzung unklar “∞” hat er nie akzeptiert. Wenn jemand mit einer Variante ankam, die in ∞ endete, lehnte er das ab und fragte:" Warum zeigt ihr mir das, was soll ich damit anfangen?"


Joachim: Diese Anekdote wurde mir von Laurent Fressinet bestätigt. Zu Beginn seiner Zusammenarbeit mit Vladimir Kramnik gab Laurent Vladimir Varianten, die mit unklar endeten. Kramnik sagte damals zu ihm: "Kasparov meinte, dass wenn du Varianten mit "unklar" bewertest, dann bedeutet das, dass du nicht hart genug gearbeitet hast. Und weißt du was? Ich glaube, er hatte Recht."


Natürlich drehte sich der Großteil unserer Arbeit um Eröffnungen. Eine Geschichte habe ich zu dem Thema. In der berühmten 16. Partie des WM-Kampfs 1985 hatten wir alles bis 21...g5! vorbereitet, wonach Schwarz auf Gewinn steht. Ich verfolgte die Partie im Presseraum zusammen mit Maia Chiburdanidze, die eine exzellente Spielerin war. Ich wollte ihr nicht sagen, dass alles vorbereitet war, aber ich sagte ihr, dass ich glaube, dass Schwarz ganz gut stünde. Sie dachte, dass es absolut unklar war. Daher sagte ich zu ihr, "vielleicht geht ja ...g5 für Schwarz." Sie schaute mich an, als ob ich verrückt wäre. "g5, was ist das für ein Zug?" Dann spielte Kasparov ...g5. Und Maia, die eine sehr intelligente Frau war, verstand sofort: "Garry ist immer noch in der Vorbereitung - Anatoly ist verloren!"


Du bist 1989 nach Frankreich gezogen. Kannst du uns etwas über die Umstände erzählen?

Als Gorbatschow die Grenzen öffnete, habe ich die Chance genutzt und im Westen 5 Turniere gespielt. Ich hatte für einen Klub in Belgrad und das jugoslawische Frauenteam gearbeitet und dort traf ich auch Damir Levacic, der mich fragte, ob ich für seinen Klub in Cannes spielen wollte. Als ich im Januar 1989 zum ersten Mal in Cannes war, spielte ich in der französischen Mannschaftsmeisterschaft am ersten Brett und gewann die ersten sieben Partien allesamt gegen gute Spieler, unter anderem Polugaevsky, Salov, Illescas und Spraggett! Dann wurde von der GMA ein Turnier in Moskau organisiert und Damir fragte mich, ob ich mit meiner Familie nicht nach Frankreich ziehen wollte. So kam ich nach Frankreich vor 30 Jahren.


Joachim: 1989 spielte Iossif beim Palma de Mallorca Open eine der fantastischsten Partien seiner Karriere. Gegen Peter Velikov opferte er erst einen Bauern, dann die Qualität, eine Leichtfigur, einen Turm und schließlich noch eine Leichtfigur!


Hätte Dorfman hier 23...Lf8 gespielt, hätte er wegen 24.Dxf4 verloren. Stattdessen spielte er 23...Bc8!! und stand auf Gewinn! Falls jetzt 24.Dxf4, so gibt es 24...Le5!, während in der Partie nach 24.Dxc8+ Lf8 der weiße König in größten Schwierigkeiten steckt


Etienne Bacrot unterbot Peter Lekos Rekord als jüngster GM aller Zeiten | Foto: Gerhard Hund

Im Jahr 1993 stellte man dich einem 9-jährigen Kind vor...

Etienne Bacrot hatte eine Wertungszahl von 1930, wenn ich mich richtig erinnere. Ich hatte bis dato noch nicht von ihm gehört. Eric Prié, der bis dahin mit ihm trainierte, war ein Trainer des Verbands und er stellte mich seinem Vater vor. Etiennes Schwäche war es, dass er Gegner nicht dafür bestrafte, wenn diese einen fragwürdigen Zug machten und sie ihn so aus der Vorbereitung brachten. Er hatte noch nicht die Idee, etwas widerlegen zu wollen. Und ich merkte, dass er so seine Probleme mit dynamischem Spiel hatte.

Während ich mit Etienne arbeitete, reifte in mir die Idee zu meiner Schachmethode. Mit 13 schlug er Smyslov, der immer noch stark spielte, mit 5:1 bei vier Siegen und zwei Remis! 1997 schaffte es Etienne dann ins Guiness Buch der Rekorde als jüngster Großmeister aller Zeiten.

Zusätzlich zu Etienne arbeitete ich mit weiteren französischen Spielern zusammen, die dann Großmeister geworden sind, zum Beispiel Eloi Relange und Robert Fontaine. Ich habe in meinem Haus Trainingscamps organisiert und manchmal waren ein Dutzend Jugendspieler vor Ort. Ab einem bestimmten Punkt entschied ich, einen professionellen Koch einzustellen, der so gut kochte, dass ich vermutete, dass manche Spieler mehr wegen des Essens als wegen des Schachs kamen!

Romain Edouard hat eine Video-Serie auf chess24 aufgenommen zum Thema Die Initiative in den Händen Topalovs. Topalov ist auch ein Spieler, dem du sekundiert hast. Was kannst du uns über eure Zusammenarbeit sagen? 

Ich habe die Partien von Topalov stets genossen, denn er spielte in dem Stil Vitaly Tseshkovskys: mit all seiner Seele. Tseshkovsky war ein wahres Schachgenie und er starb viel zu früh. Als er starb, schrieb Spassky, “Vitaly, warum lässt du mich alleine?”

Topalovs Manager, Silvio Danailov, hatte mich 1998 kontaktiert, um Veselin auf ein Match mit Kasparov vorzubereiten. Zu der Zeit war Garry ein absolutes Monster.

Wir hatten ein 18-tägiges Trainingscamp auf Las Palmas. Wir haben sogar noch intensiver gearbeitet als zu der Zeit mit Garry: 8 Stunden pro Tag intensivstes Schach und Blitz am Abend! Veselin konnte das Match unentschieden gestalten und beide Seiten gewannen drei Partien.

Unsere Zusammenarbeit endete dann jedoch weniger gut. Mir fielen wiederkehrende Fehler in Topalovs Spiel auf und ich meinte zu wissen, wie ich ihm helfen konnte, aber Veselin konnte sich selbst nicht in Frage stellen. Im Gegensatz dazu konnte Kasparov sehr fordernd, geradezu ernst sein, aber er brachte einem immer großen Respekt entgegen. Sagen wir es so: In diesem Bereich fehlte es Topalov womöglich. 

Vitaly Tseshkovsky, zweifacher Meister der UdSSR und Trainer von Vladimir Kramnik, starb am 24.12.2011 am Schachbrett im Alter von 68 Jahren | Foto: ruchess.ru

Im Jahr 1998 hast du dein Buch Die Schachmethode publiziert, deren französische und englische Auflage absolut ausverkauft sind. Heute kann man Kopien davon zu hohen Wiederverkaufspreisen erstehen: 100, 150, manchmal gar 200 Euro! Zuletzt hast du eine 9-stündige Video-Serie mit Jan Gustafsson aufgenommen. Kannst du uns erklären, worum es in deiner Methode geht und wie Spieler davon profitieren können?

Die Schachmethode ist für jedermann oder zumindest für alle Spieler, die arbeiten und besser werden wollen. Eine lustige Geschichte hierzu: Ich gab ein Trainingscamp für zwei talentierte Spieler in Deutschland. Die Mutter von einem der beiden wohnte dem Training im gleichen Raum bei und hörte meinen Ausführungen zu. Zum Ende des Trainings schlug sie Züge vor, die ab und an besser waren als die Vorschläge der Kinder!

Als ich zum ersten Mal mit einem 5-jährigen Kind arbeitete, merkte ich, dass ich Schwierigkeiten hatte, die richtigen Worte zu finden. Aber als ich "dynamisch" durch "schnell" und "statisch" durch "langsam" ersetzte, verstand es das, was ich wollte, perfekt.

Man muss verstehen, dass es bei der Schachmethode nicht um einen Algorithmus geht, der dir sagt, wer besser steht. Es ist ein Werkzeug, das dir hilft, Kandidatenzüge und den besten Zug zu finden, vor allem in kritischen Stellungen. Wir schauen uns zuerst die statische Balance der Stellung an auf Basis einer Skala absteigender Wichtigkeiten, um bestimmen zu können, welche Seite dynamisch spielen sollte. Die dynamischen Züge können dann in drei Kategorien eingeteilt werden: Züge, die die Bauernstruktur ändern, insbesondere im Zentrum, Züge, die einen Abtausch anbieten und Züge, die die Initiative an sich reißen. Mit dem Prozess finden wir alle Kandidatenzüge in wenigen Dutzend Sekunden!

Auch bietet die Schachmethode einige bahnbrechende Themen, so zum Beispiel das materielle Ungleichgewicht 1 Läufer und 2 Springer gegen 1 Springer und 2 Läufer, das zuvor niemals diskutiert wurde.

Ein Gespür fürs Timing: Iossif Dorfman wurde in Meribel 1998 französischer Meister - das Jahr, in dem seine "Schachmethode" veröffentlicht wurde! | Quelle: heritageechecsfra.free.fr

Alexander Grischuk sagte über dein Buch Die Schachmethode, dass es das Buch war, von dem er am meisten gelernt hat. Aber nun zu dir: Von welchem Buch hast du am meisten profitiert?

Ganz ohne Zweifel "Zürich 1953" von David Bronstein! Das ist ein absolut einzigartiges Buch. Nicht nur, dass die Ideen mit Worten und nicht nur mit Varianten beschrieben werden, für einen Spieler seines Levels war das einfach noch nie dagewesen. Er war die Nr. 2, Nr. 3 der Welt und er gibt so offen seine Ideen preis mit großer Ehrlichkeit. Es ist ein tiefes und ehrliches Buch.

Wir haben bereits die Revolution durch klassische Schachengines erlebt und erleben nun die Revolution durch AlphaZero und Leela Chess Zero, einen Computerschachweltmeister, den jeder nutzen kann. GM Alexander Donchenko zeigte mir eine interessante Eröffnungsneuerung, die er zuletzt bei den Top12 gegen Pierre Villegas spielte. Es ist schlicht der erste Vorschlag von Leela, auch wenn Stockfish den Zug gar nicht auf der Rechnung hat:

1.c4 e6 2.g3 d5 3.Lg2 Sf6 4.Sf3 d4 5.d3 c5 


Und nun 6.e4!

Nimmt Schwarz auf e3, steht Weiß leicht besser. Und nach 6...Sc6 7.e5! gefolgt von Lf4, De2, Sbd2 und h4 hat Weiß einen guten Königsindischen Angriff. Das ist eher ein Zug der alten Schule, aber er zeigt ein gutes Verständnis für die Stellung. Denkst du, Leela wird noch einmal die Art und Weise ändern, wie sich Menschen vorbereiten oder gar die Eröffnungstheorie an sich?

Ja, ich habe die Partie gesehen mit e2-e4 für Weiß - das ist eine sehr gute Version des Königsindischen Angriffs. Die Revolution begann bereits mit AlphaZero. Es ist lustig zu sehen, wie es das d4-d5-Opfer im Dameninder spielte, was ich bereits mit Polugaevsky für sein Match mit Korchnoi im Jahr 1980 vorbereitete! Ich selbst habe es bereits vier mal gespielt und es ist schon 30 Jahre alt. Offensichtlich habe ich nicht die Technik AlphaZeros, um den Vorteil zu verwerten, aber bereits damals verstanden wir, wie gefährlich die Stellung für Schwarz ist.


Joachim: 

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 Lb7 5.Lg2 Le7 6.0-0 0-0 7.d5!? exd5 8.Sh4 c6 9.cxd5 Sxd5 10.Sf5


Diese Variante wurde im Match AlphaZero vs. Stockfish im Jahr 2017 gespielt, aber AlphaZero war hier nicht der Pionier! Im Halbfinale des 1980er Kandidatenturniers bereitete Polugaevsky dieses Opfer mit Iossif vor und spielte es in der Partie gegen Korchnoi. Der Spieler, der sich schlussendlich für das WM-Match qualifizieren sollte, griff sofort fehl:

10...Lc5? 

Stockfish probierte in seinen Partien sowohl 10...Lf6, was 11.Sd6 erlaubte, als auch 10...Sc7 11.e4 d5.

11.e4! Se7 12.Sxg7!! Kxg7 13.b4!


13...Lxb4 14.Qd4+

Und Weiß gewann die Figur mit großem Vorteil zurück, obwohl er einen Bauern weniger hatte. 1-0 nach 73 Zügen.


Zur Partie, in der AlphaZero seine Bauern opferte, sagte Kasparov zu einem gemeinsamen Freund, dass AlphaZero über all diese Bauern lacht, weil sie durch Figurenaktivität kompensiert werden, insbesondere durch den Läufer auf b2. Hier stimme ich mit ihm gar nicht überein. Ja, wir stören uns nicht an diesen Bauernopfern, aber man bekommt im Gegenzug dafür die Unsicherheit des schwarzen Königs, nicht Figurenaktivität! Die Königssicherheit ist das wichtigste Merkmale meiner Bewertungsskala, wichtiger als alle anderen zusammen.


Joachim: Iossif bezieht sich auf die Partie, die Matthew Sadler mit dem Titel "Wie man angreifen sollte" beschrieb:

Hier sieht man eine Schlüsselstellung, in der Kasparov auf die Figurenaktivität von Weiß verweist, aber Dorfman die Unsicherheit des schwarzen Königs betont:



Glaubst du wie Laszlo Polgar, dass jedes Kind das absolute Top-Level erreichen kann? Und wie definierst du Talent?

Von Beginn an habe ich Etienne gesagt, dass jedes begabte Kind Weltmeister werden kann, wenn er sich die entsprechenden Ziele setzt. Wahres Talent bedeutet aber die Fähigkeit, hart an sich zu arbeiten.

Einige Voraussetzungen müssen bei einer jungen Person zusammenkommen, damit sie ein starker Spieler wird: Der Spieler muss es lieben, zu spielen, er muss das Training lieben und seine Familie muss die nötige Zeit und das nötige Geld haben. Wenn alle diese Faktoren zusammenkommen, so wie bei Etienne, dann ist alles möglich.

2008 hatten Etienne und ich eine Trainingssession und er fragte mich, ob ich neue junge Talente trainierte. Ich sagte, ja. Etienne schaute mich traurig an und sagte, dass es für sie schwerer als für ihn werden würde, womit er meinte, dass das heutige Schach noch viel mehr von einem an Arbeit verlangt.

Iossif in der ersten Runde der französischen Mannschaftsmeisterschaft 2018

Hast du als Trainer eine Spezialität?

Am meisten kann ich natürlich im Bereich Strategie helfen. All die technischen Dinge, wie Taktik oder Endspiele, das kann ich natürlich, aber andere können das genauso gut. Einer meiner Schüler hat zum Beispiel einen Trainer, der die technischen Dinge unterrichtet, während ich mich um die strategischen Dinge kümmere.

Welche jungen Talente um den Globus beeindrucken dich am meisten?

Vladislav Artemiev. Zwischen ihm und Karjakin gibt es keinen Vergleich. Artemiev hat viel mehr Potential, aber er hat immer noch große Probleme mit seinem Repertoire. Ich glaube nicht so recht an die anderen russischen Spieler wie Dubov und Nepomniachtchi, wenn es um den WM-Titel geht. Vielleicht Ding Liren, der von staatlicher Hilfe profitieren könnte und wenn er vier bis fünf 2700er hat, die ihm zuarbeiten.

Abgesehen von deiner Video-Serie zur Schachmethode bist du einer der Hauptkommentatoren auf chess24 auf der französischen Seite. Was kannst du unseren Nutzern dazu sagen?

Ich bin dankbar dafür, dass chess24 mir schlussendlich diese Plattform gibt. Das ist eine großartige Möglichkeit, mein Wissen zu teilen und während Live-Partien zu erklären, wie meine Methode funktioniert. Die Schachmethode ist die Hinterlassenschaft meiner Karriere und ich freue mich, dass ich dieses zusammengetragene Wissen mit tausenden von Spielern teilen darf.

Vielen Dank für das Interview, Iossif. Ich freue mich schon, dich bald wieder bei chess24 zu sehen!

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