Allgemein 02.03.2020 | 12:41von Colin McGourty

Die WM-Kandidaten 2020: Kirill Alekseenko

Der 22-jährige Russe Kirill Alekseenko hat den Freiplatz für das Kandidatenturnier 2020 bekommen und ist in jeder Hinsicht der große Außenseiter: Er ist der jüngste alle Teilnehmer, hat mindestens 64 Elo-Punkte weniger als alle anderen und hat noch nie an einem Super-GM-Turnier, geschweige denn an einem Kandidatenturnier teilgenommen. Gelingt dem jungen Russen eine Sensation oder vervollständigt er einfach nur das Teilnehmerfeld und sorgt dafür, dass alle Maxime Vachier-Lagrave-Fans ihren Helden noch mehr vermissen?


Beim Kandidatenturnier 2020 in Jekaterinburg wird, sofern es das Coronavirus zulässt, ab 17. März der nächste Herausforderer von  Weltmeister Magnus Carlsen ermittelt. Wir schauen uns der Reihe nach alle WM-Kandidaten an und beginnen mit Kirill Alekseenko, der zum Auftakt mit den schwarzen Steinen auf Alexander Grischuk trifft:

Da Alekseenko in drei seiner ersten vier Partien Schwarz (wenn ihr mit der Maus auf seinen Namen geht, könnt ihr die Paarungen sehen) hat, wird er direkt zu Turnierbeginn eine doppelte Feuertaufe erleben. Hier einige Infos zu dem jüngsten Teilnehmer:

Die nackten Fakten

  • Geboren am 22. Juni 1997 in Vyborg, Russland
  • Alter: 22
  • Weltranglistenplatz: 39
  • : 2698
  • : 2715
  • Qualifikation: Ausrichterfreiplatz (nominierbar durch seine Spitzenplatzierung beim Grand Swiss)
  • Erfahrung in Kandidatenturnieren: Keine
  • Bilanz gegen die anderen Kandidaten: -2 (nur 5 Turnierpartien, davon drei Remis und zwei Niederlagen) 
  • Nummer der Setzliste: 8

Mehr Infos findet ihr bei Kirill Alekseenkos Profil auf chess24 (auf Englisch).

Das Urteil der Experten

In ihrer Vorschau auf das Kandidatenturnier 2020 beschäftigten sich Magnus Carlsens Sekundanten Laurent Fressinet, Jan Gustafsson und Peter Heine Nielsen 35 Minuten lang mit Alekseenko und dessen vielleicht bester Partie Alekseenko 1-0 Harikrishna vom World Cup 2019. Alle Premium-Mitglieder haben kostenlosen Zugriff auf diese Videoserie.

Hier die Punkte, die sie auf einer Skala bis 5 an Alekseenko verteilten:

  • Vorbereitung: Peter 2 | Laurent 2 | Jan 3
  • Berechnung: Peter 4 | Laurent 3 | Jan 3
  • Schachverständnis: Peter 3 | Laurent 3 | Jan 3
  • Technik: Peter 4 | Laurent 3 | Jan 2
  • Zeiteinteilung: Peter 3 | Laurent 3 | Jan 3
  • Kampfgeist: Peter 2 | Laurent 3 | Jan 3
  • Form: Peter 3 | Laurent 3 | Jan 2
  • Gesamt: Peter 21 | Laurent 20 | Jan 19 

Wie zu erwarten, mussten unsere Experten aber zugeben, dass sie keine wirkliche Vorstellung von Alekseenkos Qualitäten in bestimmten Kategorien haben, da er erst seit kurzem auf höchstem Niveau angekommen ist. Erst einmal konnte er nach seinen Spitzenergebnissen beim Weltcup und beim Grand Swiss die Schallmauer von 2700 durchbrechen.

Die größten Diskussionen gab es beim Kampfgeist. Peter Heine Nielsen begründete seine 2/5 so:

Will er das Turnier gewinnen oder nur gut abschneiden? Ich denke, Letzteres. An seiner Stelle würde ich das Gleiche zu, aber ich bin auch kein großer Kämpfer! Das ist letztlich die Grundlage meines Arguments. Er wird nicht mit aller Macht gewinnen wollen. Man kann sich den Verlauf vorstellen – etwa, dass er am Anfang auf Sicherheit spielt, um gut ins Turnier zu starten, und wenn ihm das gelingt, wird er auf Sicherheit weiterspielen, um den guten Start nicht zu ruinieren. Ich bezweifle sehr, dass er in der Stimmung sein wird, das Turnier auf jeden Fall gewinnen zu wollen, und wenn er bei +1 liegt, wird er vermutlich nicht versuchen, auf +2 oder +3 zu kommen. Ich denke nicht, dass er sich an, zum Beispiel, Caruanas +3 orientieren und sich sagen wird: „Den hole ich ein.“ Er wird sein eigenes Turnier spielen. Und er weiß ganz genau, dass er die niedrigste Elo hat und es für ihn nicht darum geht, das Turnier zu gewinnen – und das wäre Kampfgeist.

Aber stimmt das auch? In einem ausführlichen Interview sollte Alekseenko seinen Stil beschreiben. Nach langem Nachdenken antwortete er:

Aus meiner Sicht will ich so tiefgründig und bedacht spielen wie möglich und immer einen Weg finden, um zu kämpfen. Gibt es die Alternative Vereinfachungen oder Komplikationen, entscheide ich mich immer für Letzteres. 

Auch über die Kategorie "Form" ließe sich diskutieren. Zwar war Alekseenkos Leistung in Gibraltar (3 Siege, 7 Remis) keine Offenbarung, aber seine Leistung bei der Mannschafts-EM kann man schlecht kritisieren. 


Obwohl er mit einer Niederlage startete, holte er am Ende ein positives Ergebnis und erzielte in der Schlussrunde gegen Polen den einzigen russischen Sieg, der dem Team die Goldmedaille einbrachte – und das nach vielen anstrengenden Turnieren hintereinander.

Schauen wir uns einige Gründe an, warum Alekseenko in Jekaterinburg gut bzw. schlecht abschneidet:

PROS

Der Überraschungsfaktor: Beim Kandidatenturnier 2020 sind ungewöhnlich viele unbekannte Größen dabei (Wang Hao und Teimour Radjabov hatte man längere Zeit nicht auf dem Schirm), aber Alekseenko ist eindeutig der unbekannteste Spieler. Seine Gegner wissen recht wenig über ihn und können sich nicht sicher sein, was sie erwartet.

Kein Druck: Er selbst fasste seine Rolle im oben erwähnten Interview so zusammen:

Ich mag die Rolle der „unbekannten Größe”. Niemand erwartet ein starkes Ergebnis von mir, und ich habe keinen zusätzlichen Druck.

Sein Team: Bei den GRENKE Chess Classic arbeitete Alekseenko als Sekundant für Peter Svidler und vermutlich wurden die Rollen nun getauscht. Svidler und vielleicht Nikita Vitiugov, ein weiterer starker GM aus St. Petersburg, könnten Alekseenko unterstützen und haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie wissen, worauf es bei einer Vorbereitung auf das Kandidatenturnier ankommt. Erneut kommt der Überraschungseffekt ins Spiel. Alekseenko:

Es gibt über diese Spieler viele Informationen, und sie spielen seit vielen Jahren dieselben Eröffnungen. Ich habe nur halb so viele Partien gespielt, bin selten gegen starke Spieler angetreten und habe kein voll entwickeltes Eröffnungsrepertoire – damit lässt sich arbeiten.

Alter: Alekseenko ist der jüngste Teilnehmer und hat sicher die Kondition für ein 14-rundiges Turnier.

CONTRAS

Mangel an Erfahrung: Das Kandidatenturnier ist zuallererst ein Super-GM-Turnier, und es ist nur sehr wenigen Spielern in der Schachgeschichte gelungen, diese geschlossenen Turniere zu gewinnen, in denen sich die besten Spieler speziell auf ihre Gegner vorbereiten können. Fast niemand hat bei der ersten Teilnahme ein solches Super-GM-Turnier gewonnen, und genau das müsste Alekseenko gelingen. Fast alle seine Erfolge – dreimaliger Sieg beim Tschigorin-Memorial, Sieg beim Rilton Cup und der dritte Platz beim Grand Swiss – hat er in Open errungen. Der Unterschied ist sehr groß.

Alle wollen gegen ihn gewinnen: In derart stark besetzten Turnieren suchen sich die Spieler diejenigen Gegner aus, gegen die sie Punkte holen können, und dabei ist Alekseenko sicher das Hauptangriffsziel. Übersteht er die ersten Runden gut und jemand anders startet schlecht, kann sich das ändern, doch zunächst werden alle erst einmal versuchen, die Schwächen des Außenseiters bloßzulegen.

Gegen Ding Liren hielt Alekseenko beim Weltcup 2019 beide Turnierpartien remis | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die Voodoo-Puppen der MVL-Fans: Zwar haben wir vorher erwähnt, dass Alekseenko nicht unter Druck steht, aber vielleicht stimmt dies gar nicht. Vielleicht wirkt es sich ja aus, dass Alekseenko den Freiplatz erhielt und andere Spieler wie MVL, denen bessere Chancen eingeräumt wurden, außen vor blieben. Natürlich kann Alekseenko dafür überhaupt nichts, aber es könnte durchaus sein, dass er davon nicht unbeeindruckt bleibt.

Die Elo lügt nicht?! Es hat fast symbolische Bedeutung, dass Alekseenkos Elo vor Turnierbeginn unter 2700 gerutscht ist und da er mindestens 64 Elo-Punkte weniger als alle anderen Teilnehmer auf dem Konto hat, geht jeder davon aus, dass er Letzter wird. Andererseits war Dmitry Andreikin vor dem Kandidatenturnier 2014 in einer ähnlichen Ausgangsposition und wurde Vierter. Gleichwohl muss man auch sagen, dass Alekseenkos Aufstieg zwar langsam, dafür aber stetig war (mit 20 Jahren überschritt er 2600, und mit 22 die 2700). Man weiß nicht, wo seine Grenze ist, aber Nielsen meint dennoch: 

Vielleicht ist er unterbewertet, aber er ist immer noch der schwächste Spieler im Kandidatenturnier - und er wird auf einem sehr hohen Niveau geprüft. 

Kirill Alekseenko ist auf jeden Fall der klare Außenseiter beim Kandidatenturnier 2020 - wer auf ihn wettet, bekommt etwa 100 zu 1 - aber eine Überraschung ist dennoch möglich. In den nächsten Tagen werden wir uns die anderen Teilnehmer ansehen und schauen, wer die besten Karten hat, im Dezember 2020 (vermutlich in Dubai) der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen zu werden.

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