Features 09.06.2015 | 11:40von chess24 staff

Die psychologischen Hintergründe von Zeitnot

Zeitnot ist eines der am häufigsten auftretenden Probleme, mit denen Turnierspieler zu kämpfen haben. Wir sind alle schon einmal in die Falle getappt und haben sie als Ausrede für verlorene Partien genutzt. Carlos Martínez, ein spanischer Psychologe, der sich auf Schach spezialisiert hat, erklärt einige der psychologischen Faktoren, die bei Zeitnot eine Rolle spielen. Außerdem gibt er uns Tipps, wie wir lernen können, Zeitnotprobleme zu bekämpfen.

Ivanchuk ist einer der Elitespieler, die am häufigsten mit Zeitnot zu kämpfen haben | Foto: Bilbao Masters

Einleitung

Über den Zeitfaktor im Schach und seinen Einfluss auf die Spielweise, oder genauer gesagt, auf die Entscheidungen, die wir treffen, und das letztendliche Ergebnis der Partie, wurde schon viel geschrieben. Von der gesammelten Schachliteratur zu diesem Thema möchte ich Jonathan Rowsons Buch, Die sieben Todsünden des Schachspielers, hervorheben. In dem Kapitel über die Sünde des Perfektionismus analysiert der Autor die Ursachen dafür, warum Spieler in Zeitnot geraten. Er schreibt dazu etwas, das man sich unbedingt merken sollte:

Im Endeffekt will ich jedoch sagen, dass es nicht immer 'eine Sünde' ist, in Zeitnot zu geraten, und wir sollten uns nicht immer selbst die Schuld dafür geben. Wichtig ist, dass man erkennt, was für ein wichtiger Teil der Partie die Uhr ist […] Es könnte hilfreich sein, sie als eine der vier Dimensionen einer Partie zu sehen, der man genauso viel Aufmerksamkeit zukommen lassen sollte wie den anderen drei. 

In diesem Zitat gibt es zwei Aussagen, die man herausstellen sollte:

  1. Zeitnot ist nicht immer ein echtes Problem. Es gibt extrem komplizierte Partien, in denen man sehr konkrete und genaue Berechnungen durchführen muss, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Oder man erreicht in einer Partie den entscheidenden Moment und muss einen Zug sehr sorgfältig analysieren. Auch dafür benötigt man eventuell viel Zeit.
  2. Betrachte die Uhr als vollwertige Dimension der Partie. Oft reicht es einfach nicht aus, die Stellungen zu verstehen, zu planen und richtig zu berechnen - man muss all diese Vorgänge auch noch relativ schnell absolvieren. Die Uhr ist ein inhärenter Teil der Partie und hat einen großen Einfluss auf sie. Daher ist es sehr wichtig, dass man es sich bewusst macht, wenn Zeitnot in den eigenen Partien regelmäßig auftritt, und dass man daran arbeitet.

Das Ziel des vorliegenden Artikels ist, einige Gründe für Zeitnot zu beschreiben und darüber zu reflektieren. Außerdem werden Strategien angeboten, die euch dabei helfen werden, diesen Aspekt eurer Spielweise zu verbessern.   

Zeitnot: eine beruhigende Ausrede

Unabhängig von ihrem Level trifft man oft Spieler, die Schwierigkeiten haben, ihre Zeit gut einzuteilen. Dieses Handicap führt dazu, dass sie in einer Partie, die sie unter Kontrolle hatten oder sogar gewonnen hätten, Fehler begehen. Dann wird die Zeitnot meistens als Ausrede oder Rechtfertigung für das Ergebnis verwendet. Der pauschalisierte und zusammengefasste Ablauf sieht folgendermaßen aus: ein Spieler fängt an, mehr Zeit als sein Gegner auf das Suchen von besseren Plänen, Ideen und Zügen in einer bestimmten Stellung zu verwenden. Im Verlauf der Partie geht seine Zeit langsam zu Neige, aber seine Stellung ist offensichtlich besser. Als der entscheidende Augenblick eintritt, hat er kaum noch Zeit übrig und übersieht einen Schlag seines Gegners - z.B. einen Zwischenzug - oder führt eine falsche Berechnung durch. Er verliert die Partie oder teilt sich die Punkte im besten Fall mit seinem Gegner. Von diesem Punkt an verwendet er seine Zeitnot als Ausrede - er hat besser gespielt als sein Gegner und behauptet, dass er ohne Zeitnot zweifellos gewonnen hätte. Als ob gutes Zeitmanagement kein grundlegender Teil der Partie wäre, den man zum Erfolg eben auch braucht. Ein solcher Ablauf findet - in unterschiedlichen Ausführungen - immer wieder statt.

Es war nicht immer die Uhr, an der Ivanchuk scheiterte...

Ich will Zeitnot nicht verteufeln oder sagen, dass sie immer ein Problem darstellt, aber wenn man regelmäßig in Zeitnot gerät, sollte man sich fragen, ob das Faktoren aufzeigt, die man erkennen, trainieren und verbessern kann. Diese Faktoren können unterschiedlicher Art sein: nämlich technischer und psychologischer Natur. Die technischen Faktoren haben mit dem Schach an sich zu tun, mit dem Wissen und damit, wie man es in bestimmten Stellungen anwendet. Es gibt Situationen in einer Partie, auf die wir später mit mehr Klarheit zurückblicken können. Die psychologischen Faktoren sind jedoch viel "stiller" und greifen oft ohne unser Wissen oder ohne unser Wissen um ihre Bedeutung. Daher ist der erste Schritt ihre Identifizierung – uns unsere Denkprozesse bewusst zu machen und ehrlich und aufrichtig zu beobachten, was während der Partie in unserem Kopf geschieht, vor allem in Schlüsselmomenten. Nur auf dieser Grundlage können wir Lösungen sowie bestimmte Bereiche, an denen wir arbeiten können, finden. 

Andere psychologische Faktoren

Ein weiterer, häufig auftretender psychologischer Faktor, der Zeitnot verursacht oder verstärkt, ist ein mangelndes Selbstvertrauen des Spielers. In dem Klassiker The Psychology of Chess schreibt GM Juri Awerbach:

Meine eigene Erfahrung zeigt, dass Zeitmangel normalerweise nicht auf die Unfähigkeit, sich die Zeit vernünftig einzuteilen, zurückzuführen ist, sondern auf einen Charakterfehler, der mit Unentschlossenheit zusammenhängt; in der Praxis geht es dabei meistens ums Zögern. Ein Schachspieler gerät nicht in Zeitnot, weil er nicht weiß, wie er die Zeit einteilen soll, sondern weil er nicht genügend Selbstsicherheit hat, seiner Berechnung nicht vertraut, und daher immer wieder dieselbe Variante überprüft.

Obwohl man diese Aussage etwas verfeinern könnte, weist Awerbach deutlich auf psychologische Faktoren im Gegensatz zu einer reinen Unfähigkeit beim Zeitmanagement hin. Mangelndes Selbstvertrauen erkennt man üblicherweise auf zwei Arten: 

  1. Man bittet einen Spieler, seinen Denkprozess während einer Partie direkt zu erzählen. Das Auftauchen von Zweifeln bei der Analyse und/oder dem Treffen von Entscheidungen ist ein Indikator für mangelndes Selbstvertrauen.

  2. braucht Konstanter Zeitverbrauch über eine Reihe von Zügen hinweg. Das kann man beobachten, wenn ein Spieler Minuten für jeden Zug einer aufeinanderfolgenden Reihe von Zügen braucht, welche letztendlich nicht entscheidend für den Ausgang der Partie sind.

Einige Eigenschaften eines mangelnden Selbstvertrauens sind: Zweifel hinsichtlich der Eröffnungen, Unsicherheit bezüglich der Stellungsbewertung, Überschätzung der Fähigkeiten des Gegners und pessimistische oder negative Gedanken über den Ausgang der Partie. Spezifische Visualisierungsübungen oder "einfache" taktische/technische Übungen zu trainieren kann uns helfen, unser Selbstvertrauen während der Partien zu stärken.

Ein weiterer, wichtiger psychologischer Faktor, der zu Zeitnot führt, ist die Angst vor dem Gegner. Diese Angst tritt vor allem dann auf, wenn man gegen einen stärkeren Gegner spielt oder gegen einen Spieler, gegen den man einen negativen Score hat. Man versucht, gut zu spielen und keine Fehler zu machen. Man analysiert jeden Zug sorgfältig und detailliert und versucht, nichts zu verpassen. Anders ausgedrückt: man wendet eine strengere Denk- und Spielweise an und verliert damit eine gewisse Freiheit und Kreativität in der Analyse und der Bewertung von Stellungen. Ständig wachsam zu sein führt zu einem enormen Energieverbrauch (Müdigkeit) und verbraucht außerdem viel Zeit (Anspannung). Aber was, wenn man versucht, Schach zu spielen, ohne irgendjemandem etwas beweisen zu wollen? Einfach aus Spaß? Wenn man einfach Spaß an der Partie und den Ideen und Berechnungen hat?

Wenn es jemanden gibt, der wie kein anderer bei seinen Gegnern Angst hervorruft, ist es Garry Kasparov! | Foto: Kampf der Legenden

Schließlich würde ich gerne noch auf einen anderen entscheidenden Faktor hinweisen, der bereits am Anfang des Artikels erwähnt wurde: den Perfektionismus. Jonathan Rowson schreibt dazu:

Perfektionismus entsteht als Wunsch, bei jeder einzelnen Gelegenheit den besten Zug zu finden […] Perfektionisten bemühen sich daher, nicht als die Schachspieler Schach zu spielen, die sie sind, sondern als die Schachspieler, als die sie sich selbst in ihrem perfektesten Zustand sehen.

In The Psychology of a Chess Player bezieht sich Krogius ebenfalls darauf. Er erwähnt analytische Zweifel und schreibt dazu:

Sie treten auf, wenn man sich darauf versteift, in jeder Stellung den besten, einzigartigen oder exklusiven Zug zu finden. So erscheint eine vernünftige Variante nicht effektiv genug; man will etwas Überzeugenderes finden.

Es gibt Spieler, die versuchen, jeden Zug ihrer Rivalen, den sie als "seltsam" oder "extravagant" ansehen, zu bestrafen. Diesen Spielertyp nennt Rowson den Moralapostel. Diese Art von Spieler oder mentaler Strategie, wie ich es nennen würde, verbraucht zwangsläufig zu viel Zeit, die man aufwenden muss, um den Fehler des Gegners und seine verdiente Strafe zu finden. Eine solche Denkweise führt dazu, dass man während des Betrachtens des Brettes und des Treffens von Entscheidungen angespannt ist und daher seine wertvolle Zeit nicht produktiv nutzt. Es gibt keine perfekte Partie (obwohl man das angesichts einiger Partien von Magnus Carlsen bezweifeln kann), also sollte man nicht versuchen, seinen Gegner einem perfekten Vorbild zufolge zu bestrafen. Die Partie besteht aus dem Lösen von den Problemen, die entstehen. Du bist kein überdurchschnittliches Wesen mit Superkräften, sondern ein Spieler, der sein bestes Schach zeigen will sowie verstehen will, was in der Partie geschieht. 

Schlussfolgerung

Obwohl Zeitnot ein allgegenwärtiges Phänomen ist und normalerweise nur von ein paar Faktoren herrührt, ist es trotzdem ein sehr persönliches Problem. Zu erkennen, welche der eigenen Charakterzüge sie verursachen oder verstärken ist der erste Schritt hin zum Verständnis des Problems. Dann kann man trainieren, Zeitnot zu vermeiden.

Quellen

  • Die sieben Todsünden des Schachspielers: Jonathan Rowson
  • Psychologie im Schach: N. V. Krogius

Andere empfehlenswerte Literatur

  • Schach für Zebras: Jonathan Rowson
  • Chess Players’ Thinking - A Cognitive Psychological Approach: Pertti Saariluoma
  • Practical Chess Psychology: Amatzia Avni
  • Chess Psychology - The Will to Win: William Stewart  

Carlos Martínez

Carlos ist ein Psychologe und Experte in der Gestalttherapie. Aktuell arbeitet er mit dem Valencianischen und Spanischen Schachverband an Programmen für die technologische Förderung, Unterstützung und Hilfe für Spieler bei Meisterschaften in Spanien, Europa und der Welt. Wenn ihr ihn kontaktieren wollt, schreibt eine Email an: carlosmartinezpsi@gmail.com


Habt ihr spezielle Fragen zur Schachpsychologie, die ihr gerne von Carlos oder einem unserer anderen Experten beantworten lassen würdet? Wenn ja, weist uns doch bitte im Kommentarbereich darauf hin!

Siehe auch:


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