Meinung 09.08.2014 | 18:34von IM Georgios Souleidis

DIe Null-Toleranz-Diskussion

Früher war es nie ein Problem. Wenn man nicht pünktlich am Brett erschien, wurde einfach die Uhr eingeschaltet. Aber das änderte sich mit der Olympiade in Dresden 2008. Tarjei J. Svensen und Jonathan Tisdall schauen auf ein Problem, das insbesondere bei Olympiaden akut ist. Dabei lassen sie einige Beteiligte zu Wort kommen.

Vor der hektischen 1. Runde kniffen die Verantwortlichen noch ein Auge zu, als viele Spieler zu spät dran waren - Paco Vallejo freut sich, nachdem er die Security passiert hat | Foto: Georgios Souleidis, chess24

Die FIDE-Regel 6.6 ist unmissverständlich:

Jeder Spieler, der nach Beginn der Partie am Schachbrett erscheint, verliert die Partie. D.h. Die Karenzzeit beträgt null Minuten. Die Turnierregeln können von den Organisatoren angepasst werden.

D.h., wenn man nicht am Brett erscheint, sobald der Gong ertönt, verliert man die Partie. Bei der Schacholympiade 2014 in Tromsø gab es schon einige Fälle, in der die Null-Toleranz-Regel angewandt wurde, sowohl für Spieler als auch für ganze Mannschaften. In der 1. Runde wurde die Regel, wie bei der Olympiade in Istanbul, nicht so strikt angewandt. D.h., dass die 1. Runde mit einer Verspätung von 15 Minuten begann.

10-jährige verstößt gegen Null-Toleran-Regel - bricht in Tränen aus

In der 2. Runde allerdings begannen die Probleme. Die palästinensischen Männer und Fraruen waren nicht in der Lage pünktlich zu erscheinen. Ein Journalist aus dem gleichen Hotel, in dem diese Mannschaften untergebracht sind, sprach von einem Kommunikationsproblem – wenige der Palästinenser sprechen Englisch – und sie realisierten nicht, dass zu wenige Busse unterwegs waren an dem Tag.

Der Hauptschiedsrichter, Takis Nikolopoulos, ließ seiner Meinung freien Lauf:

Ich erklärte den palästinensischen Frauen, dass ich die Regel hasse, aber anwenden muss.

In der 2. Runde brach die 10-jährige Murara Umuhoza Layola in Tränen aus, nachdem sie genullt wurde.

Murara Umuhoza Layola - die jüngste Spielerin, die wegen der Null-Toleranz-Regel verloren hat | Foto: Georgios Souleidis, chess24

Die lokale Tageszeitung iTromsø sprach mit dem Mädchen und sie erklärte, dass sie ihren Tisch und ihren Stuhl nicht fand:

Ich wurde sehr traurig und wusste nicht, wohin ich laufen soll.

Das war bei weitem nicht der einzige Fall. Kurz vor Beginn der 2. Runde erklärte ein irakischer Spieler, dass er sich nicht wohl fühle und ein wenig Wasser holen möchte. Unglücklicherweise kam er zu spät zurück und verlor seine Partie.

Geht das nicht zu weit, oder ist das ein vernünftige Regel?

Klare Meinungen

Peter Doggers kritisierte die Regel nachdrücklich:

Bei einer Olympiade, in der 75% Amateure sind und zwei Wochen Urlaub nehmen, ist die Null-Toleranz-Regel komplett fehl am Platz.

Der Journalist Leonxto Garcia, der für die renommierte spanische Tageszeitung El Pais arbeitet, stimmt zu und meint, dass man für Amateur- und Profiturniere nicht die gleichen Regeln anwenden sollte:

Ich habe eine klare Meinung darüber. Wir müssen die professionellen Turniere von den Amateurturnieren unterscheiden. Bei Profiturnieren habe ich kein Problem mit der Null-Toleranz-Regel. Ich würde sogar vorschlagen, dass die Spieler zehn Minuten vor Beginn erscheinen müssen, damit die Fotografen und Kameramänner ihren Job besser machen können.

Aber wenn wir über Amateurturniere sprechen, ist es einfach nur lächerlich.

Einer der größten Befürworter, der amtierende ECU-Präsident Silvio Danailov, betrachtet solche Fälle wie den des jungen Mädchens als unglücklich und denkt auch, dass man Profi- von Amateurturnieren unterscheiden sollte, obwohl er im Prinzip harte Strafen befürwortet.

In solchen Fällen wie dem des Mädchens ist die Strafe zu hart, es ist ein unglücklicher Fall. Eine Geldstrafe wäre in solchen Fällen vielleicht passeder.

Wir befragten auch einige Spieler bezüglich der Null-Toleranz-Regel.

Michael Adams:

"Einfach nur eine furchtbare Regel" - Die englische Nr. 1 Michael Adams | Foto: David Llada

Die Null-Toleranz-Regel ist eine furchtbare Regel. Sie sollte hier nicht angewandt werden und Organisatoren sollten nicht darauf bestehen. Es gibt keinen Grund. Wenn so viele Leute mitspielen, ist es schwierig, dass alle gleichzeitig erscheinen.

Laurent Fressinet:

Ich verstehe die Regel, wenn Offizielle dabei sind und man den ersten Zug ausführen möchte – wenn der Spieler nicht da ist, ist das ein Problem. So gesehen sollte die Null-Toleranz-Regel nur für die ersten fünf Tische vielleicht gelten. Und es ist zu hart, wenn man am Tisch sitzen muss. Manchmal ist das einfach nur blöd. Lasst uns hoffen, dass die Schiedsrichter die Regel ändern.

Judit Polgar:

Es gibt Regeln, die man respektieren muss, ob man will oder nicht. Sie haben diese Regel erstellt und wenn man mitspielt, muss man sich darauf einstellen. Ich bin kein Fan dieser Regel, da wir wegen des Sicherheitschecks mindestens eine halbe Stunden früher erscheinen müssen. Das bedeutet, dass ich viel früher hier sein muss, um den Beginn nicht zu verpassen.

Auf der anderen Seite verstehe ich, dass man bei einer Sportveranstaltung pünktlich erscheinen sollte, insbesondere bei einer Liveübertragung. Dann macht es besonders Sinn. Für einen Spieler macht es keinen großen Unterschied, ob er fünf Minuten früher oder später erscheint, aber es gibt Regeln, die man beachten muss.

Generell, wenn so eine Regel existiert, dann gilt sie für alle, egal ob Amateure oder für Profis.

Die beste Spielerin aller Zeiten hat gemischte Gefühle bezüglich der Null-Toleranz-Regel | Foto: David Llada

Der dänische Großmeister Jacob Aagaard hat eine interessante Idee, wie man die Null-Toleranz-Regel anpassen könnte:

Ich stimme zu, dass ein Spieler zu Beginn der Partie anwesend sein sollte. Vergleicht man das mit einem anderen Sport auf Topniveau, gibt es keine Ausnahme. Auf der anderen Seite, wenn Andy Murray zur Toilette muss zwei Minuten vor einer Partie in Wimbledon, weil es ihm z.B. schlecht geht, dann startet die Partie fünf Minuten später.

Dementsprechend halte ich es für ausreichend, wenn ein Spieler vor Beginn der Partie sein Formular als Zeichen der Bereitschaft unterschreibt. Die Definition „bereit zum Spielen“ sollte flexibler gestaltet werden, so dass die Organisatoren mehr Spielraum haben. Der wichtiger Punkt ist, wenn ein Spieler zu spät kommt, dann sollte er sofort mit einer Zeitstrafe von 30 Minuten belegt werden. Wenn er nach zehn Minuten nicht erscheint, sollte er die Partie verlieren.

Was ist deine Meinung bezüglich dieser Regel? Ist sie zu streng, oder ist sie notwendig, um Schach zu professionalisieren? Teile uns deine Meinung als Kommentar mit!


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