Features 26.07.2014 | 09:00von GM Ilja Zaragatski

Die illegalsten Züge der Schachgeschichte

Wenn wir anfangen Schach zu spielen, lernen wir die Regeln und halten uns an diese. Sollte man meinen! Die Wirklichkeit sieht aber etwas anders aus: Immer wieder tauchen in der Turnierpraxis unerlaubte Spielfortsetzungen auf, ob wider besseren Wissens oder aus Versehen. Wir zeigen euch die verrücktesten Beispiele!


Ungeschicke wie dieser Dame passieren selbst gestandenen Großmeistern! Nur dass sie dabei meistens nicht so gut aussehen.


Platz 7: Korchnoi - Karpov, Weltmeisterschaftsmatch Partie 21, Moskau 1974

Steigen wir ein mit einem Klassiker der Schachhistorie. In der 21. Partie ihres Weltmeisterschaftsmatches 1974 in Moskau gelang Viktor, dem Schrecklichen, eine starke Neuerung und brachte ihm bald eine klare Gewinnstellung ein:


In der Position auf dem Diagramm war der Weltmeisterschaftsanwärter sich aber plötzlich nicht mehr ganz sicher ob der Rochaderegeln und stand an dieser Stelle - während er am Zug war - kurzerhand auf, um den Schiedsrichter in Person des belgischen Großmeisters Alberic O'Kelly de Galway aufzusuchen und zu erfragen, ob die kurze Rochade an dieser Stelle ein legaler Zug sei. Auf die positive Rückmeldung des Unparteiischen hin kehrte er zurück ans Brett, rochierte kurz und zwang Karpov nach 18...Lxc4 19.f4 zur Aufgabe. Kein tatsächlich illegaler Zug, aber als damals wohl zweitbester Spieler des Planeten sollte man schon wissen, dass die Rochade in ähnlichen Fällen nur dann verboten ist, wenn eine gegnerische Figur ein Feld kontrolliert, das der König passieren müsste.

Platz 6: Zaragatski - NN, Blitzturnier zur NRW-Meisterschaft 1997 in Hiddenhausen


Eine völlig unbedeutende Spaßpartie Eine weitere großartige Perle der Schachgeschichte folgt auf dem sechsten Platz; eine Blitzpartie eures Autors im zarten Alter von 11 Jahren. Damals, als euer Schreiber noch als vielversprechendes Talent des Jugendschachs galt und die tatsächliche NRW-Meisterschaft U13 mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen konnte, tauchte im begleitenden Blitzturnier die oben abgebildete Stellung auf. Mein Gegner, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann, sah wenige Sekunden vor Blättchenfall meinen Turm wohl fälschlicherweise auf h7 und antwortete a tempo mit 1..Kd8. Das wäre natürlich ein illegaler Zug gewesen, aber da mir die Alternative der Reklamation grundsätzlich missfiel, setzte ich meinen Gegner entschlossen mit 2.Kd6! matt.

Blitzpartien sind offensichtlich perfekte Nährböden für illegitime Züge. Wer von euch hat schließlich noch nie in den letzten verbleibenden Sekunden ein Bauernrennen bestritten, indem er seine Bäuerlein konsequent anderthalb Felder vorsetzte, um ein, zwei entscheidende Tempi zu gewinnen!? Ein weiterer Tipp: Zum Beispiel in der Spanischen Partie bei Ausführung der kurzen Rochade ruhig mal mit dem Daumen schon mal Te1 und mit dem kleinen Finger h3 spielen. Gewinnt zwei Tempi und fällt praktisch kaum auf 

Platz 5: Grischuk - Avrukh, Saint Vincent 2005 und Vallejo - Gelfand, Leon 2010













Eine Sorte illegaler Züge, auf die nur die wenigsten kommen würden, sehen wir in diesem Doppelbeispiel. Dabei ging die Partie zwischen Grischuk und Avrukh (linkes Diagramm) mit 64...Tg5+ 65.hxg5 patt zuende, während das Remis in Vallejo-Gelfand nach 66...Lxg5 67.Lxg5 gegeben wurde. Ja und? Naja, laut Regelwerk der FIDE endet eine Schachpartie genau dann, wenn die Unmöglichkeit einer Mattsetzung beider Seiten feststeht. In den Artikeln 1.3, 5.2b und 9.6 wird deutlich, dass die Partie sofort zuende ist, wenn keine Abfolge legaler Züge existiere, mit der ein Matt ermöglicht werden kann. Das ist in beiden Beispielen der Fall. Beachte, dass im rechten Beispiel keine Stellung mit Königen und gleichfarbigen Läufern denkbar ist, in der eine der Parteien mattgesetzt wird! Natürlich ist das ziemliche Paragraphenreiterei, die wir hier betreiben, aber streng genommen werden zuhauf Partien weitergespielt, die eigentlich schon Remis geendet sind 

Platz 4: Steiner - Colle, Budapest 1926 

Eine weitere, weitverbreitete Gattung illegaler Züge sehen wir in den folgenden drei Paradebeispielen, die sich den vierten Platz teilen. Ich taufe dieses Motiv ... einen ,,Figuren-Beam" ©
Beispiel 1:

13. ♘c3 c6 An dieser Stelle warf Steiner ausversehen seinen König um, platzierte ihn aber gleich wieder zurück auf sein Herkunftseld. Dachten die beiden Spieler zumindest. Tatsächlich aber landete der Monarch nach seinem kurzen Ausflug zum Boden anstatt auf h1 auf g1, was noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen sollte. Die Partie ging weiter, als wäre nichts gewesen: 14. c5 ♘d5 15. ♕b3 e6 16. ♗xd5 exd5 17. ♗g5 f6 18. ♖ae1+ ♗e7 19. ♖xf6 gxf6 20. ♗xf6 0-0 21. ♖xe7 ♖xf6 22. ♖xd7  Eine starke Kombination von Steiner, zumindest mit dem König auf g1. In der richtigeren Stellung mit dem König in der Ecke - so wie diese Partie auch ihren Eingang in die Datenbanken fand - käme hier ein nicht zu unterschätzendes Zwischenmatt auf f1 infrage. So aber folgte noch ♗xd7 23. ♘e4 ♖f7 24. ♕g3+ ♖g7 25. ♘f6+ ♔h8 26. ♕e5 ♗h3 27. ♘h5  und Colle erklärte sich geschlagen. 1-0

Auf eine ganz ähnliche Weise erging es den Spielern in

Wilder - Arkell, London 1989 (linkes Diagramm) und Mason - Winawer, London 1883 (rechtes Dia)













Im ersten Fall wurde das Brett aufgrund von störender Sonneneinstrahlung an einem anderen Plätzchen neu aufgebaut. Dieser Verlegung fiel jedoch leider der Bauer h3 zum Opfer, der sich auf dem neu eingerichteten Brett ein Feld weiter hinten, auf h2, wiederfand - natürlich ohne Wahrnehmung der Spieler. Also ging es weiter. Wilder spielte später Lf1-Lh3 und hatte dadurch einen leichten Vorteil sicher, der aber nicht mehr zum Gewinn ausreichte. 
Die Partie Mason-Winawer hingegen wurde in der vorliegenden Stellung (rechtes Diagramm) als Hängepartie verlegt, am Nachspieltag aber versehentlich mit dem Springer auf d7 aufgebaut. Seltsamerweise blieb dies von den Kontrahenten unbemerkt, sodass Schwarz die starke Fortsetzung 1...Sc5 mit der Idee Se4+ auspackte und bald die Partie gewann. Doof gelaufen für den Anziehenden!

Platz 3: Kindermann - Korchnoi und Torre - Reti, Baden Baden 1925

Eine neue, wohlbekannte Spezies unerlaubter Züge reiht sich auf dem dritten Platz unserer Toplist ein. Hier lautet das Motiv regelwidrige Rochade!













Im linken Beispiel hat es erneut Viktor Korchnoi ins Ranking geschafft. In seiner Auseinandersetzung mit GM Stefan Kindermann spielte er zuvor Tg8, dann wieder Th8 und wollte an dieser Stelle einfach wegrochieren. Dieser Fauxpas blieb zunächst unbemerkt und die Partie ging unter beidseitiger Zeitnot weiter. Bei der Rekonstruktion der Züge nach der Zeitkontrolle aber fiel dann doch noch auf, dass etwas nicht stimmte. In ausgesprochener Unlust auf ein neuerliches Zeitnot-Drama einigten sich Kindermann und Korchnoi schließlich einfach auf ein Remis. Von wegen, Viktor der Schreckliche! Eher Viktor, der schrecklich Vergessliche!

Auch der legendäre Richard Reti, im rechten Diagramm mit Schwarz am Zuge fand hier den starken Zug lange Rochade, wonach sein König am Damenflügel ein bombensicheres Plätzchen gefunden zu haben schien. Carlos Torre aber hatte etwas dagegen und verwies den Namensgeber für die Reti-Eröffnung (1.Sf3) zurecht darauf, dass sein Turm zuvor bereits nach b8 und wieder zurück nach a8 gezogen hatte. Reti korrigierte sein Versehen und spielte 22...Kf8, da er ja nun den König bereits angefasst hatte; die Partie endete nach 31 Zügen mit einem Unentschieden.

Platz 2: Kholmov - Lutikov, Dubna 1976


Dieses Exempel gefällt mir besonders gut; allein, dass es im realen Leben anstatt auf dem Computer und vor fast 40 Jahren und nicht im Internetzeitalter gespielt wurde, überrascht mich ein wenig. In dieser Pre-Premove-Ära erwartete Großmeister Ratmir Kholmov nach 10...Ld7-g4 11.h3 nun nichts anderes als 11...Lxf3 und hatte sich darauf schon die passende Antwort überlegt. Als sein Gegner stattdessen 11...Lc8 folgen ließ, schaute Kholmov wohl nicht ganz genau hin und spielte, wie zuvor fest vorgenommen, 12.Dxf3. Seltsamerweise war Lutikov nicht einverstanden und bemerkte, dass es im Schach verboten sei, eigene Figuren zu schlagen. Weiß hatte beim Schlagen des eigenen Schimmels den Springer zuerst angefasst, spielte hier stattdessen entsprechend 12.Se1 und gewann die Partie schließlich doch noch. Also ich hätte ja nach 12.Dxf3 einfach so getan, als wäre nichts gewesen, schnell irgendeinen Zug gemacht und die Mehrfigur souverän verwertet 

Platz 1: Azmaiparashvili - Ivanchuk, Tilburg 1994 und Romanovsky - Kasparyan, Leningrad 1938

Als ebenfalls ausgesprochen gewieft und trickreich bewiesen sich die Schwarzspieler auf dem ersten und besten Platz unserer Rangliste. Leider flog der Schwindel letztendlich aber doch auf.













Im ersten Fall, der Partie der beiden Weltklasse-Großmeister Azmaiparashvili und Ivanchuk steht Schwarz glatt auf Verlust; er kann die schwarzfeldgrigen Drohungen gegen seinen König nicht verteidigen. Chucky aber entkorkte in der Diagrammstellung 33..Da3-g4, was nach 34.Df6 Kf8 Schwarz tatsächlich die Haut gerettet hätte. Nur blöd, dass die Dame nicht schielen kann und von a3 nur mit sehr viel Fantasie mit nur einem Schritt nach g4 kommt. Ivanchuk musste seinen Versuch zurücknehmen und gab auf, da es ansonsten keine Rettung gibt.
Ein wenig tragischer lief es für den bekannten Studienkomponisten Genrikh Kasparyan. In aussichtsreichster Stellung setzte er hier zur genialen Kombination 52...De1+ 53.Kh2 Txh3 54.Lxh3 (54.Kxh3 Dh4#) 54...Sf3# an ... nur um dann festzustellen, dass der Springer in Wirklichkeit gefesselt war und er mit Minusturm in hoffnungsloser Stellung aufgeben konnte.

Ist euch auch schon einmal ein vergleichbares Malheur passiert? Berichtet!


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 8

Guest
Guest 7128612481
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options