Features 10.03.2016 | 13:47von Carlos Colodro

Die Geschichte der Kandidatenturniere, Teil 2

Bis 1990 besiegte Garry Kasparov ein ums andere Mal einen unermüdlichen Anatoly Karpov, doch dann änderte sich plötzlich der Rhythmus. Nigel Short bezwang Karpov und gründete gemeinsam mit Kasparov eine unabhängige Schachorganisation, die ein verändertes WM-System einführte. Es folgten 15 Jahre mit großer Unsicherheit und vielen Streitigkeiten. Die Idee, den Herausforderer mit einem Kandidatenturnier zu ermitteln, blieb aber bestehen. Schauen wir uns die Turniere seit 1993 genauer an.

Kasparov und Anand 1995 auf dem Dach des World Trade Center | Foto: Garry Kasparov/Business Insider

Nach Kasparovs Sieg in New York und Lyon begann ein neuer Zyklus. Zum ersten Mal wurde das Interzonenturnier in Manila als Open im Schweizer System ausgetragen. Im anschließenden Kandidatenturnier unterlag Karpov überraschend im Halbfinale gegen den talentierten Briten Nigel Short, der damals 27 Jahre alt war. Danach schlug Short auch noch Timman im Finale.

Als die FIDE einen Ausrichter suchte, beschlossen Kasparov und Short, das Match selbst mit der unabhängigen neuen Organisation PCA auszutragen, weil es der FIDE angeblich an Professionalität fehlte und sie korrupt wäre. Die FIDE hielt danach an ihrem Zyklus fest, allerdings ohne die besten Spieler der Welt. Eine verwirrende Phase mit vielen Streitereien folgte.


Klassische Weltmeisterschaften  

Kasparov hatte im folgenden WM-Kampf gegen Short, der im Herbst 1993 in London ausgetragen wurde, wenig Mühe, seinen Konkurrenten zu besiegen. Der nächste PCA-Zyklus begann mit einem elfrundigen Open im Schweizer System, das als Qualifikation für das Kandidatenturnier diente. Nachdem sich 16 Spieler qualifiziert hatten, begannen die Zweikämpfe nach dem Vorbild der bisherigen FIDE-Wettkämpfe. Viswanathan Anand gewann das Finale gegen Gata Kamsky.

Der anschließende WM-Kampf wurde im 107.Stock des World Trade Center ausgetragen. Garry Kasparov verteidigte seinen Titel mit einem recht komfortablen 10,5 : 7,5, nachdem das Match mit acht Remis und einem Sieg von Vishy in der neunten Partie begonnen hatte.

Fünf Jahre vergingen, ehe Kasparov einen neuen Herausforderer bekam. Die PCA verlor ihren Hauptsponsor Intel und stellte mangels Sponsoren quasi den Betrieb ein. Schließlich gab Kasparov bekannt, dass Anand und Vladimir Kramnik aufgrund ihrer Elo-Zahlen das Recht hätten, seinen nächsten Gegner zu ermitteln. Anand, der gleichzeitig am FIDE-Zyklus teilnahm, entschied sich aus vertraglichen Gründen gegen das Match. Als Konsequenz trat Kramnik gegen den nächsten Spieler in der Weltrangliste an, Alexei Shirov. Dieser schlug Kramnik und hatte sich damit als Herausforderer Kasparovs qualifiziert.

Kasparov und Kramnik bei ihrem Match 2000 in London | Quelle: Diagonale TV

Es blieb spannend. Das Match zwischen Kasparov und Short fiel aus, weil die Verhandlungen immer scheiterten, worauf schließlich Kramnik antreten durfte. In dem berühmten Match, das 2000 in London ausgetragen wurde, schlug Kramnik tatsächlich Kasparov und schaffte damit etwas, was fünfzehn Jahre lang niemand gelungen war.

Nach einem „Zyklus“ ohne Kandidatenturnier wurde beschlossen, dass der Sieger des Dortmunder Großmeisterturniers der nächste Herausforderer sein sollte. Garry Kasparov verzichtete auf eine Teilnahme (weil er einen Rückkampf verlangte), worauf sich der jüngste Teilnehmer, der 23-jährige Peter Leko, im Finale mit 2,5 zu 1,5 gegen Veselin Topalov durchsetzte. Im WM-Kampf im schweizerischen Brissago verteidigte Kramnik seinen Titel durch einen Sieg in der letzten Partie.


FIDE-Weltmeisterschaften

Nachdem Kasparov sich aus der FIDE zurückgezogen hatte, beschloss der Weltverband, dass die WM 1993 in einem Wettkampf zwischen Karpov und dem Finalisten des Kandidatenturniers, Jan Timman, entschieden würde. Karpov gewann den Wettkampf überlegen mit 12,5 zu 8,5.

Beim nächsten Zyklus griff man wieder auf die Idee des Interzonenturniers zurück. Dieses Mal wurde aber kein Kandidatenturnier ausgerichtet, sondern ein Turnier um die Weltmeisterschaft. Der Titelverteidiger, Anatoly Karpov, hatte dabei nicht einfach das Recht, gegen den Herausforderer anzutreten, sondern stieg im Halbfinale ein. Dort besiegte er Gelfand und traf im Finale auf Gata Kamsky. Auch diesen Wettkampf gewann Karpov souverän mit 10,5 zu 7,5. 

Anatoly Karpov und Gata Kamsky während der WM 1996 | Quelle: de.chessbase.com

1998 gab man die Idee des Kandidatenturniers auf und veranstaltete stattdessen K.O.-Turniere. Bei der ersten Austragung sollte der Titelverteidiger, Anatoly Karpov, gegen den Sieger eines K.O.-Turniers mit 100 Spielern antreten. Der Russe verteidigte seinen Titel einmal mehr mit einem Sieg gegen Anand, den er nach einem Unentschieden im sechsrundigen Match im Schnellschach besiegte.

Ab 1999 entzog die FIDE dem Titelverteidiger das Privileg der direkten Qualifikation für das Finale und entschied, dass er schon in der 2.Runde antreten musste. Karpov akzeptierte dies nicht und verzichtete auf eine Teilnahme. Auf einmal hatten deutlich mehr Spieler eine realistische Chance, Weltmeister zu werden. Vier Turniere wurden so abgehalten – die Sieger waren Alexander Khalifman, Viswanathan Anand, Ruslan Ponomariov und Rustam Kazimdzhanov.

Rustam Kasimdzhanov gegen Michael Adams beim Finale der FIDE WM 2004 in Tripolis | Quelle: FIDE

Die Gewinner dieser Turniere wurden nicht von allen als Weltmeister akzeptiert, daher strebte die FIDE eine Wiedervereinigung der Titel an. Da Kasparov seine Karriere beendete hatte, wurde es deutlich einfacher, ein Turnier zu organisieren, an dessen Ende ein unumstrittener Champion stand. Dies war der Hintergrund eines doppelrundigen Turniers mit acht Spielern, das in San Luis in Argentinien ausgerichtet wurde.

Vladimir Kramnik, der zu dieser Zeit klassischer Weltmeister war, entschloss sich trotz einer Einladung gegen eine Teilnahme, erklärte sich aber bereit, gegen den Sieger des Turniers anzutreten. Und so kam es auch. Veselin Topalov gewann in San Luis überlegen und forderte Kramnik dann im September und Oktober 2006 in Eilsta heraus. Das Match wurde zu einer schmutzigen Angelegenheit, weil Topalov und sein Team Kramnik des Betrugs bezichtigten, aber am Ende wurde der Russe nach einem Sieg im Stechen zum Sieger erklärt.


Die langsame Rückkehr zu den Ursprüngen

Mit einem endlich wieder unumstrittenen Champion suchte die Schachwelt danach langsam nach einem System, das von Spielern und Fans gleichermaßen unterstützt wurde.

2007 war alles aber immer noch sehr kompliziert, da die Ergebnisse des Weltcups von 2005 teilweise die Qualifikanten bestimmten, die an einem sechzehnköpfigen Kandidatenturnier teilnehmen durften. Dort sicherten sich Aronian, Leko, Gelfand und Grischuk einen Platz für das Finale in Mexico City, wo Anand mit 9 aus 14 Weltmeister wurde.

Vishy Anand während der WM in Mexiko | Quelle: Öffentliche Domain

Vladimir Kramnik lehnte eine Teilnahme an diesem Turnier ab, im Vorfeld wurde aber festgelegt, dass der neue Weltmeister ihm einen „Rückkampf“ zubillige. Das Duell wurde in Bonn ausgetragen und Anand verteidigte seinen Titel.

Da Topalov 2007 die Teilnahme am Turnier verwehrt wurde, sprach ihm die FIDE das Recht zu, direkt an einem Qualifikationsmatch teilzunehmen. Der Bulgare schlug den Sieger des Weltcups, Gata Kamsky, in sieben Runden und durfte gegen Anand antreten. Dank eines Siegs in der zwölften und letzten Partie behielt Anand seinen Titel.

Das klassische Format zur Ermittlung des Herausforderers erlebte im nächsten Zyklus sein Comeback. Das Kandidatenturnier kehrte zurück, und als Qualifikation dienten der Grand Prix und der Weltcup. In einem achtköpfigen K.O.-Turnier setzte sich Boris Gelfand im Finale gegen Alexander Grischuk durch und erwarb damit das Recht, gegen Anand um die höchste Ehre im Schach anzutreten. In Moskau unterlag der Israeli erst im Stechen, nachdem er den Titelverteidiger zuvor extrem unter Druck gesetzt hatte.

Die Ermittlung der Teilnehmer des Kandidatenturniers von 2013 verlief ähnlich wie die Jahre zuvor. Dieses Mal wurde das K.O.-Format aber durch ein doppelrundiges Turnier abgelöst. Nach einem dramatischen Finale, in dem die beiden Führenden verloren, wurde Magnus Carlsen dank besserer Wertung zum Sieger erklärt. Im anschließenden WM-Kampf schlug der Norweger dann auch Anand und wurde in Chennai im November 2013 Weltmeister.

Carlsen gewann das Kandidatenfinale 2013 trotz einer Niederlage gegen Peter Svidler in der letzten Runde | Quelle: Offizielle Website

Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde der nächste WM-Zyklus auf ähnliche Weise durchgeführt. Dieses Mal wurde das Kandidatenturnier im März 2014 in Khanty-Mansiysk ausgetragen. Viswanathan Anand qualifizierte sich ohne Niederlage für die Revanche gegen Carlsen, aber erneut schlug Carlsen ihn, dieses Mal in Sochi.


Das nächste Kapitel wird morgen in Moskau aufgeschlagen. Viele Experten sind der Meinung, dass es noch nie so schwer war, einen Sieger vorherzusagen. Wer wird eurer Meinung nach der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen? Schafft es einer der Vertreter der neuen Generation - Giri, Nakamura oder Caruana – oder gelingt es Vishy, zum sechsten Mal in Folge beim Kampf um die WM dabei zu sein?

Bald ist es soweit. Morgen geht es los, und chess24 wird das Turnier aus den verschiedensten Blickwinkeln mit verfolgen. Das solltet ihr nicht verpassen!

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