Features 10.03.2016 | 11:03von Carlos Colodro

Die Geschichte der Kandidatenturniere, Teil 1

In Kürze beginnt das Kandidatenturnier, und natürlich ist gesamte Schachwelt gespannt, was in Moskau passieren wird. Einen Sieger zu prognostizieren oder gar Favoriten zu benennen, ist so gut wie unmöglich – sicher ist nur, dass dieses Turnier ein historisches Ereignis sein wird. Blicken wir deshalb auf die Geschichte der Kandidatenturniere zurück. In unserem ersten Teil schauen wir auf die Turniere, die in den Jahren 1948 bis 1990 ausgetragen wurden, als die Schachwelt noch geteilt war. 

Eine Collage der Teilnehmer des Interzonenturniers 1958 in Portoroz | Quelle: soloscacchi.altervista.org

Die große Popularität des Schachspiels hat viel mit der großen Anerkennung zu tun, die dem Weltmeister seit jeher entgegengebracht wird. Vor über hundert Jahren wurde Wilhelm Steinitz als erster Schachkönig gekrönt, und wenn man nur die unumstrittenen Titelträger durchgeht, kommt man bis Magnus Carlsen auf nur 16 Spieler. Auch das ist ein Grund, warum das Turnier, in dem der Spieler ermittelt wird, der um die höchste Ehre kämpfen darf, so wichtig ist. Das Kandidatenturnier ist der vorletzte Schritt zu unsterblichem Ruhm. 

Botvinnik (rechts) gegen Capablanca im Jahr 1936 | Quelle: Öffentliche Seite

Seit der Einführung der Weltmeisterschaft arbeitete man bis in die 1940er Jahre mit einem System, in dem geradezu ritterliche Regeln befolgt wurden, um den Herausforderer des Weltmeisters zu bestimmen. Diese „Methode“ behielt man bis zum Tode Alexander Aljechin bei. Konfrontiert mit dem Problem, wie der neue Weltmeister gefunden werden sollte, entschied die FIDE sich für die Organisation eines Rundenturnieres mit fünf Spielern, das in Den Haag und Moskau ausgetragen wurde. Mikhail Botvinnik gewann es deutlich und wurde zum Weltmeister erklärt.

Dies war der Zeitpunkt, an dem die Idee entstand, den nächsten Herausforderer in einem Zyklus zu ermitteln. Dieses System dauerte zunächst drei Jahre, und es fanden sogenannte kontinentale Interzonenturnieren, in denen die Qualifikanten für das Kandidatenturnier ermittelt wurden. 


1948 bis 1963 Die ersten Rundenturniere

Am ersten doppelrundigen Kandidatenturnier, das Teil des Zyklus von 1948 bis 1951 war, nahmen zehn Spieler teil. Der 24-jährige David Bronstein gewann das Turnier, indem er seinen Landsmann Isaac Boleslavsky in einem Stechen über 14 Partien (!) niederrang – das Turnier hatten beide mit 12 Punkten gleichauf beendet. Vassily Smyslov wurde Dritter. Das Turnier selbst wurde im April/Mai 1950 in Budapest ausgetragen, das Stechen dann im Juli/August desselben Jahres in Moskau.

Botvinnik verteidigte seinen Titel mit einem Unentschieden gegen Bronstein. Es folgte die zweite Austragung eines Kandidatenturniers, das dank des großartigen Buchs von Bronsteins bis heute eines der berühmtesten ist. In Zürich nahmen 1953 fünfzehn Spieler teil, die ersten acht Runde wurden dabei in Neuhausen am Rheinfall absolviert. Vassily Smyslov verlor nur eine seiner 28 Partien und gewann das Turnier mit 18 Punkten. Bronstein, Keres und Reshevsky folgten mit 16 Punkten.

Auch der darauf folgende WM-Kampf endete unentschieden, womit Botvinnik gemäß der damaligen Regeln seinen Titel erneut behielt. Das nächste Kandidatenturnier wurde in Amsterdam ausgetragen, und wieder gewann Smyslov mit nur einer Niederlage. Dieses Mal waren allerdings nur zehn Spieler dabei und Keres wurde alleiniger Zweiter.

Mikhail Tal im Jahr 1962 | Ouelle: Niederländisches Nationalarchiv

1957 wurde Smyslov nach einem Sieg über den "Patriarchen" Botvinnik zum Weltmeister gekürt, doch beim Rückkampf im Jahr darauf verlor er den Titel gleich wieder. Am folgenden Kandidatenturnier nahm der zweimalige Sieger Smyslov erneut teil, hatte dem Ansturm des Zauberers von Riga, Mikhail Tal, aber nichts entgegenzusetzen. Tal wurde mit 20 aus 28 Erster und gewann dabei nicht weniger als 16 Partien. Das Turnier fand im damaligen Jugoslawien in drei verschiedenen Orten statt.

Tal trat mit seinem Abschneiden bei der WM in Smyslovs Fußstapfen: Im ersten Match schlug er Botvinnik, unterlag aber im Rückkampf. Nun war die Reihe an Tigran Petrosian, der 1962 das Kandidatenturnier in Curacao ohne Partieverlust gewinnen konnte. Dieses Turnier blieb vor allem wegen der Kollusionsvorwürfe gegen die sowjetischen Spieler in Erinnerung. Die drei Erstplatzierten - Petrosian, Keres und Geller – remisierten jeweils in wenigen Zügen, und Bobby Fischer warf ihnen vor, gemeinsame Sache gemacht zu haben, damit er nicht gewinnen konnte.

Diesen Artikel kann man im Archiv von Sports Illustrated nachlesen

Nach den heftigen Diskussionen schaffte die FIDE die geschlossenen Turniere ab und ersetzte sie durch eine Reihe von Wettkämpfen.


1963 bis 1972 Die ersten Wettkämpfe und Fischers Dominanz

Bobby Fischer 1972 in Amsterdam | Quelle: Niederländisches Nationalarchiv

1965 wurde erstmals das Wettkampfformat eingeführt. Daran nahm Boris Spasski teil und besiegte Michail Tal im Finale, das in Tiflis ausgetragen wurde. Auf seinem Weg ins Finale bezwang der neue Herausforderer Paul Keres und Efim Geller. Im WM-Kampf an sich verlor Spassky dann aber in einem knappen Match 1966 in Moskau gegen Petrosian.

Der nächste Zyklus verlief ähnlich – Spassky bezwang Geller im Viertelfinale und Larsen im Halbfinale. Mit Viktor Korchnoi, der Tal hauchdünn besiegt hatte, bekam er aber einen neuen Gegner. Das Finale in Kiev wurde eine sichere Beute von Spassky. Und beim folgenden WM-Kampf im Jahr 1969 schaffte er es, Petrosian zu besiegen und neuer Schachweltmeister zu werden.

Die Geschehnisse zwischen 1970 und 1972 zählen zweifellos zu den berühmtesten Ereignissen der Schachgeschichte. In dieser Zeit fegte ein Mann namens Bobby Fischer wie ein Wirbelsturm durch die Schachwelt. Nachdem er von den 24 Partien, die er im Interzonenturnier von Palma de Mallorca spielte, nur eine verloren hatte, qualifizierte sich der Amerikaner mit zwei unfassbaren 6:0-Siegen gegen Mark Taimanov und Bent Larsen für das Finale des Kandidatenturniers. Dieses fand in Buenos Aires statt, und zunächst schien Fischers Lauf vorbei. Nach fünf Runden stand es unentschieden, aber dann ließ das Genie aus Chicago mit vier Siegen in Folge gegen den Ex-Weltmeister keine Zweifel mehr aufkommen und qualifizierte sich für den WM-Kampf gegen Spasski.

Im vermutlich berühmtesten Schachwettkampf aller Zeiten siegte Fischer unter höchst widersprüchlichen Umständen. Das Match fand zwischen dem 11.Juli und 1.September 1972 in Reykjavik stand


1972 bis 1990 Korchnoi, Karpov und Kasparov

Mit Fischer als Weltmeister begann eine neue Ära, denn es betraten junge und hungrige Spieler die Bildfläche, die dem scheinbar Unbesiegbaren die Krone entreißen wollten. Im ersten Zyklus erreichten Korchnoi und Anatoly Karpov das Kandidatenfinale, nachdem sie zuvor je einen Ex-Weltmeister ausgeschaltet hatten: Petrosian und Spassky. Karpov ging mit drei Siegen in den ersten 17 Partien in Führung, doch Korchnoi schien das Blatt mit zwei Siegen in den nächsten vier Partien wenden zu können. Am Ende konnte Karpov aber seinen Vorsprung behaupten.

Zu dieser Zeit wurde der einst bewunderte Fischer zu einem komischen Kauz. Der Amerikaner forderte, die WM-Regeln müssten geändert werden, und nachdem die FIDE dies ablehnte, verschwand er von der Bildfläche. Karpov wurde zum Weltmeister erklärt.

Korchnoi und Karpov waren am Brett Rivalen, aber auch abseits des Bretts| Quelle: chesscn.com

Der nächste WM-Zyklus hatte bereits begonnen, und dieses Mal sicherte sich Korchnoi das Recht, gegen seinen Rivalen Karpov um die WM-Krone zu spielen. Dieses Ziel erreichte er mit einem Sieg gegen Spassky im Kandidatenfinale, das Ende 1977 in Belgrad ausgetragen wurde. Im zweiten wichtigen Wettkampf gegen „Viktor, den Schrecklichen“ hatte Karpov deutlich weniger Probleme und gewann recht sicher.

Im Zyklus, der von 1982 bis 1985 währte, betrat der heute legendäre Garry Kasparov die Bühne. Das junge sowjetische Talent gewann bei seiner ersten Teilnahme direct das Kandidatenturnier. Zunächst erzielte er Siege gegen Alexander Beliavsky und Korchnoi, ehe er im Finale in der litauischen Hauptstadt Vilnius den 63-jährigen  Smyslov besiegte, der überraschend das Finale erreicht hatte.

Kasparov und Karpov trugen gleich mehrere heiße Duelle aus| Quelle: kasparov.com

Die Weltmeisterschaftskämpfe zwischen Karpov und Kasparov sind ein eigenes Kapitel und waren schon mehrfach Thema. Das Duell 1984 in Moskau endete abrupt ohne einen Sieger, den Rückkampf gewann Kasparov 1985, und auch 1986 in London bzw. Petersburg triumphierte der Jungstar.

Die beiden nächsten Kandidatenzyklen gewann Karpov ohne größere Probleme, und es gab keine Zweifel, dass die beiden Ks die beiden besten Spieler der Welt waren. Im ersten Zyklus besiegte Karpov im Finale Andrei Sokolov, im zweiten Jan Timman.

Die beiden folgenden WM-Kämpfe gewann Kasparov, aber immer nur knapp: Der erste in Sevilla endete mit einem 12:12-Unentschieden, währen der nächste, in New York und Lyon 1990 ausgetragene mit 12,5 zu 11,5 für Kasparov ausging.

***

Alle hier erwähnten Namen sind Schachlegenden. Wie in der Einleitung erwähnt, besitzt der Schach-WM-Titel auch deshalb einen so großen Stellenwert, weil er nicht nur bei Schachfans, sondern auch beim normalen Publikum hohe Anerkennung genießt. In der nächsten Folge schauen wir uns an, was nach 1990 geschah.

Außerdem dauert es nur noch wenige Tage, bis das nächste große Kapitel in der Schachgeschichte aufgeschlagen wird. Verpasst nicht die Live-Übertragung auf chess24!

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