Allgemein 21.12.2019 | 17:59von FM Yosha Iglesias

Der ultimative Fehler: Unnötige Aufgaben Teil 2

Nach dem vorhergehenden Artikel, in dem FM Joachim Iglesias einen Blick auf das Aufgeben in Stellungen, die remis oder gewonnen waren, geworfen hat, ist es nun an der Zeit, den schlimmsten der "ultimativen Fehler" anzugehen: die Aufgabe einer gewonnenen Stellung! 

Lese hier noch einmal den Artikel: Der ultimative Fehler: Unnötige Aufgaben.

Dieser zweite Artikel basiert zu einem großen Teil auf einer Zusammenstellung von Tim Krabbé auf seiner ausgezeichneten Seite. Ich habe die meiner Meinung nach besten Beispiele genommen und auch einige Partien hinzugefügt, die von Krabbé nicht angeführt werden. 

Vallejo - Santos 2018

Beginnen wir mit dem vielleicht einzigen Fall einer hochkarätigen Partie, bei der die Aufgabe in Gewinnstellung auf Kamera aufgenommen wurde. Beim 2018er Leon Masters drückt die spanische Nr. 1, Paco Vallejo, in einem schwer zu verteidigenden Endspiel gegen seinen Landsmann IM Jaime Latasa. Nachdem so viel Druck aufgebaut wurde, waren beide Spieler der Meinung, dass Weiß die schwarze Blockade brechen könnte:


Nach 68.Th8+?? hat Schwarz nur einen einzigen Zug - und zwar den Gewinnzug. Dennoch griff er hier fehl, indem er... aufgab! Nach 68…Kxh8 69.Kxg6+ kann Schwarz schlicht den Läufer mit Txe5 schlagen und so das Umwandlungsfeld kontrollieren.

Odendahl – Ikonnikov 2019

Vor Kurzem ereignete sich Folgendes: Der mit Elo 2352 bewertete deutsche FIDE-Meister Reiner Odendahl wurde von GM Vyacheslav Ikonnikov überspielt und seine Aufgabe war nachvollziehbar, als der Großmeister die Partie mit 36...Dxg3+?? beenden wollte. 

"Aufgabe" war nicht die beste Wahl in dieser Stellung.

Doch nach 37.fxg3 f2+ 38.Kf1 hat Schwarz keine Fortsetzung, da der Springer auf e1 das Feld g2 deckt.

Ignatz - Marco 1902

Das älteste und vermutlich bekannteste Beispiel:


Der Läufer auf d4 ist gefesselt und drei mal angegriffen. Weil Schwarz keinen Ausweg sah, die Figur zu retten, gab der Nachziehende auf. Die Alternative 36...Lg1! hätte jedoch Dame und Partie gewonnen!

Ahues - Muller 1920


Weiß, ein starker deutscher Meisterspieler, spielte hier 1.Dxf6 in dieser verzweifelten Stellung. Natürlich wäre 1...gxf6?? 2.Tg3+ Kh9 3.Lxf6# eine Katastrophe. Doch anstatt aufzugeben hätte Schwarz zu 1...Dg4!! greifen sollen, was g7 verteidigt und nach 2.hxg4 gxf6 den Gewinn sicherstellt. Schwarz kann sogar mit dem sadistischen 1...Dd1+!! beginnen und erst nach 2.Kh2 den Zug 2...Dg4 spielen.

Torre - Parker 1924

Der mexikanische Meister Carlos Torre ist vor allem für die großartige Partie bekannt, die er 1920 gegen Edwin Adams verlor, nachdem er eine Reihe von Ablenkungsopfern zur Ausnutzung einer Grundreihenschwäche hinnehmen musste (obwohl es zumindest teilweise eine erfundene Partie zu sein scheint). Eine weitere seiner Niederlagen ist in die Geschichte eingegangen - die folgende gegen Frank Parker, die er während eines Simulants im Marshall Chess Club in New York 1924 erlitt.


Weil er keinen Weg sah, ...Tc1 zu verhindern, gab Weiß hier auf, doch 30.Td6!! hätte die Partie gewonnen. Nach 30...cxd6 31.f7 oder 30...Txd6 31.g8D+ gewinnt Weiß, zum Beispiel 31…Kd7 32.Df7+ Kc6 33.De8+ Kb6 34.De3! Kc6 35.Dxc5+!

NN - Sonnenschein 1937


Stellt man diese Stellung auf mit der Ansage "Weiß am Zug setzt Matt", ist es womöglich leicht, auf 1.Lf7+! Kxf7 2.Tf1+! Kg8 3.Tf8+! Txf8 4.Dg7# zu verfallen. Aber da er es in der Partie nicht sah und davon ausging, seine Dame zu verlieren, gab Weiß hier auf!

NN - Grammatikoff 1938


Weiß gab auf wegen 1.Txd2 Txd2 2.Dg4 h5! oder 2…f5! und die Dame kann die Grundreihe nicht weiterhin gedeckt halten. Doch der Zwischen 2.Lxg6! hätte die Partie gewonnen, denn nach dem Zurückschlagen des Läufers kann nach 3.Dg4 weder ...f5 noch ...h5 gespielt werden, weil beides wegen 4.Dxg6 verliert.

Kofman - Sachetti 1948


Da der Anziehende keinen Weg fand, ...Dxh3# zu verhindern, gab Weiß auf. Doch 1.Te8+! Kd7 2.Te3 hätte Vorteil daraus gezogen, dass nach dem Schach der Läufer auf d4 gefesselt ist und der Turm nun h3 sicher decken kann. Die Dame muss den Läufer gedeckt halten, beispielsweise mit 2...Df4, doch dann gewinnt Weiß wegen 3.Txd4+! Dxd4 4.Td3! Dxd3 5.Se5+! und dank der Gabel hat Weiß eine Mehrfigur.

Havasi - Reko 1976


Ein Klassiker, den man in vielen Endspielbüchern zur Thematik "Bauerndurchbrüche" findet. Mit Bauer weniger gab Schwarz auf, weil Weiß durch das Bilden eines Freibauern am Königsflügel gewinnen würde. Doch hätte Schwarz dank einer langen Variante gewinnen können: 1…c4! (aber auf keinen Fall 1…a4?? 2.bxa4 c4 3.b3) 2.bxc4 a4 3.c5 a3 4.bxa3 bxa3 5.c6 a2 6.c7 a1D 7.c8D Df1+ 8.Kg3 Df4+ 9.Kh3 Df3+ 10.Kh2 Df2+ 11.Kh3 Dh4+ 12.Kg2 Dxg4+.

Jonasson - Angantysson 1984


Schwarz am Zug gewinnt! 

Notwendig war es, hier nicht 26…e2?? zu spielen, wobei Weiß jedoch aufgab. Nach 27.fxe7 Ld4+ kann sich Weiß halten dank 28.Se3! Lxe3+ 29.Kh1 und die weiße Dame deckt den Bauern.

Das einfachste und beste war jedoch 26…Lxf6! Es hätte folgen können 27.Dxf6 Dxf6 28.Txf6 Td1+ 29.Tf1 e2 30.Se3 Txf1+ 31.Sxf1 e1D.

Martorelli - Antunes 1985  


In einer seit mehreren Zügen völlig gewonnenen Stellung wurde Schwarz von 39.Td7! überrascht und Schwarz gab schockiert auf. 39...Tf7?? hätte tatsächlich nach 40.Txe7 Txd1+ 41.Kg2 Txe7 42.Df8# verloren, aber Schwarz hatte die Ressource 39...Df7!! und 40.Txf7 würde nun auf 40...Txd1+ treffen. Nach z.B. 40.T1d5 hat Schwarz nun die einfache Ressource 41...Dg8!, die alles zusammenhält. 

Samarin - Antoshin  1985


Schwarz steht nach einem Zug wie 35...Dh5 total auf Gewinn mit Ideen wie ...Lh3, was völlig ausreichend sein würde. Schwarz entschied sich jedoch für die naheliegende Taktik 35...Dxh2+?? 36.Txh2 Tcg8 und Weiß gab auf.


Doch Weiß besitzt das unglaubliche 37.e6!! Lxe6 38.Txc5! bxc5 39.Txc5 und es wäre an Schwarz, die Segel zu streichen.

Korchnoi - Van der Stricht 2003


In 2003 war Viktor der Schreckliche immer noch einer der besten Spieler der Welt und sein Gegner, ein starker Internationaler Meister, glaubte ihm und gab nach 36.Tg6?? auf.

Doch Schwarz hat nun tatsächlich einen Gewinnzug, auch wenn es schwer zu finden ist: 36...Sxe5!! 37.Txe6 Sxd3 Schwarz droht eine Familiengabel auf f4, während 38.Txh6+ gxh6+ mit Schach erfolgt!

Die Moral von der Geschichte: Zum Aufgeben ist es nie zu spät!

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