Berichte 01.06.2019 | 18:01von Colin McGourty

Das Kandidatenturnier der Frauen beginnt in Kazan

Im Frauenschach beginnt derzeit in Kazan (Russland) eine neue Ära. Seit Freitag spielen dort acht der besten weiblichen Spielerinnnen der Welt im Kandidatenturnier die Herausforderin von Ju Wenjun um die Weltmeisterschaft aus. Die Nr. 3 der Welt, Mariya Muzychuk, führt die Setzliste des doppelrundigen Turniers (also insgesamt 14 Runden) an, aber die Setzlistenletzte, die Nr. 12 der Welt, Valentina Gunina, hat lediglich ein um 57 Elo geringeres Rating aufzuweisen. Gunina war in der ersten Runde auch gleich in einer packenden Partie gegen Kateryna Lagno involviert - doch am Ende gab es in keiner Partie eine Siegerin.

Aleksandra Goryachkina, die jüngste Spielerin des Turniers, meinte es ernst gegen die einstmalige Weltmeisterin Kosteniuk | Foto: Turnierseite

In der Vergangenheit war der WM-Zyklus der Frauen komplett anders als der allgemeine, offene WM-Zyklus. Bisher wurden abwechselnd Matches bzw. Knock-Out-Turniere mit 64 Spielerinnen gespielt. Hou Yifan eroberte den Titel 2011 in einem Match gegen Humpy Koneru, verlor ihn dann 2012 bei einem Knock-Out-Turnier an Anna Ushenina, holte ihn sich zurück, indem sie Ushenina 2013 in einem Match besiegte, um ihn dann jedoch wieder während eines Knock-Out-Turniers an Mariya Muzychuk zu verlieren, bevor sie ihn sich wieder 2016 in einem Match gegen selbige eroberte. 2017 ging der Titel dann an Tan Zhongyi. Hou Yifan war frustriert von diesem System und nahm deshalb an den letzten beiden Knout-Out-Weltmeisterschaften nicht mehr teil, bevor sie sich dann komplett von diesem WM-Zyklus verabschiedete.

Die Spielerinnen kämpfen um das Recht, die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun herausfordern zu dürfen | Foto: Turnierseite 

Ihre chinesische Landsfrau und die Nr. 2 der Weltrangliste, Ju Wenjun, übernahm den WM-Titel. Dabei schaffte sie es, nicht nur auf heroische Art und Weise den Titel in einem Match gegen Tan Zhongyi im Mai 2018 zu gewinnen, sondern ihn auch noch zu verteidigen, indem sie die Knout-Out-Weltmeisterschaft in Khanty-Mansisyk im November des gleichen Jahres für sich entscheiden konnte. Dieser Triumph fiel in die Zeit, in der die FIDE eine neue Führungsspitze bekam und die Entscheidung getroffen wurde, im Frauenbereich das gleiche System der Qualifikation und des WM-Kampfs einzuführen, welches sich schon seit Jahren im offenen Bereich bewährt hat: Der Weltmeister verteidigt seinen Titel jedes Mal in einem Match und der Herausforderer wird in einem Kandidatenturnier ermittelt.

Das Turnier wird im Hotel Nogai im Herzen Kazans ausgetragen. Kommentiert wird in einem Zelt an der Hauptstraße | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite

Viele Kinder nutzten die Chance, Sergey Shipov und Ilya Smirin bei der Live-Kommentierung zu lauschen | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite

Das bringt uns auch direkt nach Kazan in Russland, wo vom 31. Mai bis zum 17. Juni acht Spielerinnen in einem 14-rundigen Turnier darum kämpfen, Herausforderin der Weltmeisterin zu werden. Außer, dass die Bedenkzeit etwas kürzer ist als im offenen Kandidatenturnier (es wird gespielt mit 90 Minuten für 40 Züge und dann 30 Minuten bis zum Ende der Partie mit einem Bonus von 30 Sekunden ab dem ersten Zug), gelten die exakt gleichen Regeln für das Kandidatenturnier. Das beinhaltet auch die durchaus fragwürdige Regelung, dass wenn es durch Punkte keine klare Siegerin gibt, als Feinwertungen der direkte Vergleich, die Anzahl der Siege sowie die Sonneborn-Berger-Wertung herhalten müssen. Und nur im unwahrscheinlichen Fall, dass alle diese Feinwertungen gleich sind, wird ein Stichkampf gespielt. 

Die Erstplatzierte erhält 50.000€, während der Gesamtpreisfond 200.000€ beträgt. Aber das eine, große Ziel liegt natürlich darin, die Weltmeisterin Ju Wenjun herauszufordern. Denn beim WM-Match wird neben dem Titel um 500.000€ gespielt.

Die acht Spielerinnen während der Eröffnungszeremonie | Foto: Turnierseite

Das Teilnehmerfeld setzt sich aus den Halbfinalistinnen der letztjährigen Knock-Out-WM (Kateryna Lagno, Alexandra Kosteniuk und Mariya Muzychuk) sowie fünf Spielerinnen aufgrund ihres Durchschnittsratings in 2018 (Anna Muzychuk, Tan Zhongyi, Nana Dzagnidze, Valentina Gunina und Aleksandra Goryachkina) zusammen. Goryachkina schaffte es ins Kandidatenturnier als erste Nachrückerin, denn Hou Yifan, die derzeit in Oxfort studiert, hatte sich entschieden, die Einladung zum Turnier auszuschlagen.

Alle Partie und Paarungen kannst du dir hier ansehen:

Und hier findest du den Live-Kommentar zu Runde 1:

Runde 1: Alle Partien remis, aber keine ohne Drama

Gemäß den Regeln des Kandidatenturniers werden Spielerinnen aus gleichen Nationen immer so früh wie möglich gegeneinander gepaart, um geheime Absprachen so unwahrscheinlich wie möglich zu machen - denn zu diesem frühen Zeitpunkt kann noch keiner wissen, wer am Ende sich im Rennen um den ersten Platz befinden wird. In diesem Fall bedeutet das einen Beginn des Turniers mit zwei innerrussischen Duellen und dem Aufeinandertreffen der beiden ukrainischen Schwestern, Anna und Mariya Muzychuk. Es verwunderte keinen, dass deren Partie durch eine Zugwiederholung schnell mit Remis endete (nach ungefähr 20 Minuten).

Ein weiterer ukrainischer Großmeister, Pavel Eljanov, leistete den Muzychuk-Schwestern bei der Eröffnungszeremonie Gesellschaft | Foto: Turnierseite

In der Pressekonferenz im Anschluss zur Partie sagte Mariya, die zusammen mit Kosteniuk und Tan Zhongyi eine der drei Ex-Weltmeisterinnen im Feld ist, dass es ihr Hauptziel sei, Elo 2600 zu erreichen. Etwas, das ihre Schwester in der Vergangenheit bereits erreicht hat:

Kateryna Lagno schaut bei Dzagnidze-Tan Zhongyi vorbei | Foto: Turnierseite

Alle weiteren Partien wurden jedoch bis zum Schluss gegeneinander ausgekämpft. Nana Dzagnidze sagte, dass sie von Tan Zhongyis Russischer Verteidigung überrascht wurde. Dennoch dachte sie, dass sie einen großen Vorteil hätte, bis der Zug 20…La6! gespielt wurde:


Die taktische Rechtfertigung liegt natürlich in 21.Lxa6?? Lxh2+ mit Damengewinn. Nach 21.Sd5 stand Weiß immer noch gut, aber Nana entschied sich, im 32. Zug ein Remis durch Zugwiederholung zu nehmen.

David Llada: Die Ex-Weltmeisterin Tan Zhongyi wurde gestern 28 Jahre alt. Auf dem Foto sieht man sie mit ihrem Trainer GM Yu Shaoteng, der bereits vielen anderen chinesischen Stars in der Vergangenheit geholfen hatte - unter anderem Hou Yifan.

In den Begegnungen der Russinnen war sich keine Spielerin für einen echten Kampf zu schade. So entstand in Kosteniuk-Goryachkina eine ziemlich unausgeglichene Stellung, in der Weiß zuerst einen großen Vorteil hatte, dann jedoch Schwarz eine möglicherweise gewinnträchtige Stellung nach der Zeitkontrolle nicht nach Hause bringen konnte.

Aleksandra Goryachkina während der Eröffnungszeremonie | Foto: Turnierseite

Die 20 Jahre alte Aleksandra Goryachkina ist die jüngste Spielerin im Teilnehmerfeld und fiel für einen Schachstar der heutigen Zeit durch eine Ungewöhnlichkeit auf- als Anastasia Karlovich ihr während der Pressekonferenz nach der Partie eine Frage auf Englisch stellte, antwortete Aleksandra auf Russisch, dass sie kein Englisch spricht!

Das Highlight des Tages war allerdings die Partie der beiden anderen Russinnen. Valentina Gunina erlangte ohne große Mühen aus der Eröffnung heraus einen großen Vorteil, aber wie Kateryna Lagno erklärte, hatte sie den Eindruck, dass "meine Gegnerin mir anscheinend mehr Druck durch die Uhr als durch die Stellung geben wollte".

Gunina-Lagno war wie vermutet eine explosive Begegnung! | Foto: Turnierseite

Schwarz hatte um die Zeitkontrolle herum jedoch alles unter Kontrolle...

chess24: In Zeitnot lief für Valentina Gunina alles schief und Kateryna Lagno ist nah dran, ins Kandidatenturnier mit einem Sieg zu starten!

…aber in nahezu hoffnungsloser Situation hatte Gunina einen Geistesblitz: 46.Ta1!


Nach 46…Dxa1?! (Rückzüge mit der Dame waren besser, aber die schwarze Stellung wäre dann nicht mehr eindeutig gewonnen gewesen) 47.De7+ Kg8 48.De6+ Kf8 stellte es sich heraus, dass Lagno 49.Dc8+! übersehen hatte. Dennoch dachte sie, dass ihr König den Schachs entkommen müsste. Später jedoch kam die kalte Dusche durch den Zug 55.g3!:


Katerynas dachte zuerst, als sie diesen Zug sah, dass es nun nichts mehr gibt, was sie tun kann, um Dh4# zu verhindern:

Ich wollte aufgeben, aber ich sah 55...Lg5, also den einzigen Zug, und es sollte immer noch ein Remis sein. Aber nach g3! war das kein toller Moment.

Nach diesem kurzen Moment des Erschreckens gab Valentina schlussendlich ein Dauerschach mit 56.Dxh7+ und die Partie endete mit der Punkteteilung im 60. Zug.

chess24: Eine großartige Rettung für Gunina!

Es waren nicht nur die Züge auf dem Brett, welche die Spielerinnnen forderten, denn der Spielort inmitten einer Fußgängerzone im Herzen Kazans hatte auch seine Schattenseiten!

Ian Rogers: Als die kritischen Stellungen in der ersten Runde des Kandidatenturniers der Frauen in Kazan erreicht sind, beginnt auf der Baumanstraße eine Straßenband ihren nächtlichen Auftritt. Und den Bass der Gitarre kann von den vier verbliebenen Spielerinnen deutlich im Spielsaal gehört werden.

Gunina kommentierte das so: "Ich mag Viktor Tsoi, aber nicht während der Partie!” Auch war sie nicht besonders glücklich über die Temperaturen: "Es war kalt, denn die Klimaanlage war sehr kalt eingestellt! Kateryna Lagno störte die Musik und nicht eingehaltene Versprechen:

Wir wussten, dass es Musik geben kann und die Organisatoren sagten, sie würden etwas dagegen tun. Nur wie sollen wir uns nun fühlen? Froh sein, dass die Musik nicht zu laut war?

Wir können erwarten, dass die Organisatoren sich etwas einfallen lassen, um die Situation zu bereinigen. Die Action hingegen wird weitergehen, denn es stehen noch 13 Runden an! Ab jetzt werden Elisabeth Pähtz als auch Evgeny Miroshnichenko auf Englisch kommentieren. Die Partien beginnen an jedem Tag um 14:00 Uhr MEZ. Schalte ein und verfolge die Partien live hier auf chess24!

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