Allgemein 06.03.2020 | 15:09von Colin McGourty

Das Kandidatenturnier 2020: Wang Hao

Wang Hao ist gerade einmal 30 Jahre alt, aber es schien bereits in der Vergangenheit so, dass seine Karriere als Weltklasse-Schachspieler um das Jahr 2014 bereits vorzeitig beendet war. Im vergangenen Jahr jedoch tauchte der chinesische Star plötzlich wieder aus dem Nichts auf und nahm an offenen Turnieren teil. Schlussendlich gelang es ihm sogar, das Grand Swiss zu gewinnen, in der Weltrangliste nach oben zu klettern und sich für das Kandidatenturnier 2020 zu qualifizieren. Im klassischen Schach führt er mit 5 zu 0 Siegen gegenüber Fabiano Caruana. Auch gegen Grischuk, Nepo und Giri hat er keinen negativen Score. Sogar Weltmeister Carlsen hat er bereits zwei Mal geschlagen. Ist er in Jekaterinburg ein echter Anwärter auf den Sieg?


Wang Haos 8/11 bei einer Leistung von über 2900 Elo beim letztjährigen Grand Swiss auf der the Isle of Man war eine beeindruckende Leistung der ehemaligen chinesischen Nr. 1, mit der er sich auf der internationalen Schachbühne zurückmeldete.


In das Kandidatenturnier geht er mit einer Elo von 2762 (so viel hatte er noch nie) und der Weltranglistenposition 12. Und das, nachdem er vor drei Jahren noch bei 2670 stand, auf Rang 75 der Welt absackte und auf Position 8 der chinesischen Rangliste.

Was wissen wir über ihn?

Die nackten Zahlen

  • Geboren: 4. August 1989 in Harbin, China
  • Alter: 30
  • Weltranglistenposition: 12
  • Elo: 2762
  • Höchste Elo: 2762 (März 2020)
  • Qualifiziert durch: Sieg des 2019er Grand Swiss 
  • Score gegen die anderen Kandidaten: +4 (13 Siege, 9 Niederlagen, 26 Remis)
  • Setzlistenplatz: 7

Vielleicht schaust du auch mal auf Wang Haos chess24-Profil vorbei.

Das Urteil unserer Experten

In einem 32-minütigen Video teilen Magnus' Sekundanten Laurent Fressinet, Jan Gustafsson und Peter Heine Nielsen ihre Einschätzungen. Und dort kommentieren sie auch einen scheinbar mühelosen Sieg Wang Haos gegen Fabiano Caruana aus dem Dortmunder Turnier 2013.

Und so bewerten unsere drei Experten die Fähigkeiten Wang Haos:

  • Vorbereitung: Laurent 2 | Jan 2 | Peter 3
  • Rechenfähigkeit:  Laurent 3 | Jan 4 | Peter 4
  • Verständnis: Laurent 4 | Jan 3 | Peter 4
  • Technik: Laurent 4 | Jan 3 | Peter 3
  • Zeit-Management: Laurent 4 | Jan 3 | Peter 4
  • Kampfgeist: Laurent 2 | Jan 4 | Peter 3
  • Hot or not: Laurent 3 | Jan 4 | Peter 3
  • Summe: Laurent 22 | Jan 23 | Peter 24 – Kombiniert: 69

Im Vergleich zu Kirill Alekseenkos kombinierter Wertung von 60 Punkten sind das 9 Punkte mehr.

Wie man sehen kann, wird seine Vorbereitung als Schwäche angesehen. Jan zweifelt, ob Wang Hao in der Lage sein wird, sich an das absolute Top-Niveau heranzurobben, "Sekundanten zu verpflichten, Engines über Entfernungen laufen zu lassen und Trainings-Camps zu organisieren." Laurent erinnert sich daran, dass er keine Angst hatte, als er Wang Hao am Brett gegenüber saß. Doch Peter merkte an, dass "die Fähigkeit, absolut unvorhersagbar zu sein, auch etwas ist." Er verglich daraufhin Wang Hao mit Vassily Ivanchuk.

Beim "Kampfgeist" entbrannte die größte Debatte. Jan nutzte dabei seine große Erfahrung aus dem Bangkok Chess Club Open um zu erklären, dass Wang Hao "immer mit beiden Farben gegen mich kämpft!" Peter verwies auf seinen Sieg gegen Caruana und merkte an, "dass ihm der Gegner egal ist - es könnte Jan, aber auch Fabiano sein, er wird auf Gewinn spielen." Dafür gab es eine gewisse Zustimmung, doch Laurent meinte, dass "er schnell demotiviert werden kann" und dass der Chinese daher ein unberechenbarer Spieler sei.

Wang Hao zerstörte auf brutale Weise Jans Träume beim Bangkok Chess Club Open 2015 | Foto: Turnierseite

Doch wie bei Alekseenko auch müssen wir die Wertung bei "Hot or not" anpassen. Laurent verteidigte seine 3, obwohl Wang Hao gerade die höchste Elo erreichte, die er jemals hatte. "Er hat Gibraltar nicht gewonnen." Das stimmt zwar, aber ungeschlagene +5 und 4,2 Elo im Plus, das ist auch nicht das schlechteste Ergebnis!


Wang Hao landete auf dem geteilten ersten Platz, aber wurde Zweiter, nachdem er in der ersten Schnellschachpartie gegen David Paravyan überzogen hatte.

Schauen wir uns ein paar Gründe an, warum Wang Hao (k)einen großen Einfluss auf den Ausgang des Kandidatenturniers haben könnte:

Stärken

Er kann jeden schlagen: Wang Hao schlug bereits Vishy Anand mit Schwarz in nur 28 Zügen in der vorletzten Runde des Grand Swiss und er hat es zu seinem Hobby gemacht, die Besten der Besten zu besiegen. So schlug er bei der ersten Auflage des Norway Chess in 2013 Vishy und Magnus Carlsen nacheinander innerhalb von zwei Runden, wobei er Magnus in einem Schwerfigurenendspiel ausquetschte. Auch bei der U14-WM konnte er Magnus besiegen!

Nicht nur, dass er jeden schlagen kann. Er kann vor allem die Spieler schlagen, auf die er im Kandidatenturnier trifft:

  • Plus (+) Score gegen: Caruana (+5), Grischuk (+1) and Giri (+2)
  • Minus (-) Score gegen: Ding Liren (-4)
  • Gleich (=) Score gegen: Nepomniachtchi (je ein Sieg), Radjabov
  • Niemals gespielt gegen: Alekseenko

Man könnte vielleicht zuerst versucht sein, Wang Haos beeindruckende 5 Siege, 4 Remis und 0 Niederlagen gegen Fabiano Caruana darauf zurückzuführen, dass diese stattfanden, als Fabi ein Kind war. Aber das ist nicht wirklich der Fall. Bis auf einmal war die derzeitige Nr. 2 der Welt immer der Spieler mit der klar höheren Elo. Was man jedoch anführen könnte, wäre, dass der letzte Sieg 2013 war und dass Wang Hao in 7 ihrer 9 Partien die weißen Steine führte.

Unvorhersagbar: Wang Hao ist ein weiteres Überraschungsei in diesem Turnier. Wie wird er sein erstes absolutes Weltklasse-Turnier seit sechs Jahren angehen? Wir wissen es nicht - seine Rivalen vermutlich aber auch nicht. Was jedoch klar ist, ist, dass er die Art von Spieler darstellt, der die Träume so manchen Spielers platzen lassen könnte.

Grischuk und Wang Hao nach ihrem Remis beim Tal Memorial 2010 | Foto: Evgeny Surov, chess-news.ru

Pures Talent: Beim Tal Memorial 2010 Tal bestand das Feld aus den Spielern Aronian, Karjakin, Mamedyarov, Grischuk, Nakamura, Wang Hao, Kramnik, Gelfand, Shirov und Eljanov. Levon Aronian erzählte damals dem Schachjournalisten Ilya Odessky, dass seiner Meinung nach Wang Hao der talentierteste Spieler sei. Damals beendete Wang Hao das Turnier mit 5/9, einen halben Punkt hinter Aronian, Karjakin und Mamedyarov. Aus schachlichen Gründen steht er also nicht unverdient im Kandidatenturnier.  

Schwächen

Sich an das absolute Top-Niveau zurückzukämpfen, wird nicht leicht: Nach dem Sieg beim Grand Swiss gab Wang Hao einige überraschende Geständnisse preis. Das eine war, dass er fast nicht am Turnier teilgenommen hätte, da er sich nach dem World Cup müde fühlte, während die andere war, dass er hauptsächlich als Trainer für etwa 8 Privatschüler am Schach arbeitet. Werden ein paar Monate gereicht haben, um sich auf einige der kampferprobtesten Spieler im Weltschach vorzubereiten? Wie Jan bemerkte, dürfte es für ihn Neuland sein, "Sekundanten zu verpflichten, Engines über Entfernungen laufen zu lassen und Trainings-Camps zu organisieren".

Dann ist da noch der psychologische Druck. Wird Wang Hao mit einem Elite-Superturnier umgehen können, bei dem nach einer Niederlage nichts leichter wird? Oder ist er zu sehr an den Rhythmus der Turniere mit Schweizer System gewöhnt?  Es hilft nicht, dass er mit Schwarz gegen Ding Liren ins Turnier startet, den einzigen Spieler, gegen den er in der Vergangenheit Probleme hatte. 

Der Coronavirus:  Als ob das nicht schon genug wäre, wurden Wang Haos Pläne auch noch durch den Coronavirus beeinträchtigt, der China als erstes Land traf. Er musste ein für Peking geplantes Trainingslager absagen, und obwohl er in gewisser Weise das Glück hatte, sich in Japan aufzuhalten...

...musste er den Plan, nach China zurückzukehren, bevor es weiter nach Russland geht, über Bord werfen, da er in Russland sonst 14 Tage unter Quarantäne gestanden hätte.

Es gibt fast keine Historie über seine Erfolge in Superturnieren: Obwohl wir Wang Haos eindrucksvolle Erfolgsbilanz nachweisen können, sollte man nicht vergessen, dass er auch durchaus in der Lage ist, gegen andere zu verlieren. Bevor er zum Beispiel Carlsen und Anand in den letzten beiden Runden des Norway Chess 2013 schlug, hatte er drei Partien verloren (gegen Nakamura, Karjakin und den Letztgesetzten Jon Ludvig Hammer). Oder in Dortmund 2013, dort verlor er trotz des schönen Sieges über Caruana und weiterer Siege über Meier und Fridman ebenfalls 4 Partien. 

Sein einziger Superturnier-Triumph scheint Biel 2012 gewesen zu sein, als er vor Carlsen, Nakamura, Giri, Bacrot und Bologan (und Morozevich, der nach zwei Runden ausschied) ins Ziel kam. Eine Kuriosität dabei ist jedoch, dass er beide Partien gegen Magnus verlor und bei normaler Wertung von Siegen und Remispartien mit 6,5 Punkten gegen Carlsens 7 nur Zweiter geworden wäre. Stattdessen war dies ein Fall, in dem das 3-Punkte-für-einen-Sieg-System von Bilbao den Unterschied ausmachte:

NameFEDRatingPartienSiegeRemisNiederlagenPunkte
1Wang Hao27391061319
2Magnus Carlsen28371046018
3Anish Giri26961044216
4Hikaru Nakamura27781044216
5Etienne Bacrot2713101457
6Victor Bologan273281164
7Alexander Morozevich277020020

Selbst bei seinem größten Erfolg, dem Grand Swiss, zeigte Wang Hao gewisse Anzeichen von Instabilität. Er remisierte ein gewonnenes Endspiel gegen Vitiugov und verlor ein remises Endspiel gegen Aronian. Er hätte also noch mehr Punkte haben können. Die Varianz von Wang Haos Ergebnissen ist demnach sehr groß.

Was auch passieren mag, Wang Haos Partien werden sicherlich beim Kandidatenturnier spannend zu verfolgen sein. Das Turnier beginnt am 17. März, also in weniger als zwei Wochen. Schau immer mal wieder hier auf der Seite für Vorstellungen weiterer Spieler vorbei.

Weitere Links:


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