Allgemein 09.03.2020 | 13:40von Colin McGourty

Das Kandidatenturnier 2020: Ian Nepomniachtchi

Ian Nepomniachtchi kennt das Gefühl, Magnus Carlsen zu schlagen, bereits von Jugendturnieren und hat nach wie vor eine positive Bilanz gegen den Weltmeister, doch nun hat er erstmals die Chance, sich für ein WM-Match gegen ihn zu qualifizieren. Nepo geht als Nummer 5 der Welt in das Kandidatenturnier, aber kann er sein Potential auch zeigen, wenn es darauf ankommt? Wir schauen uns den Vierten der Setzliste in Jekaterinburg genauer an.


Im Jahr 2019 feierte Ian Nepomniachtchi seinen endgültigen Durchbruch. Obwohl er schon seit zehn Jahren zur Weltspitze zählt, schaffte er erst mit seinem dritten Platz beim Tata Steel Masters den Sprung unter die Top Ten. Dieses Turnier war ein Vorgeschmack auf die späteren Entwicklungen – Nepo startete mit 2,5 aus 3 und hatte vier Runden vor Schluss +3, ehe er gegen Jorden van Foreest und Sam Shankland verlor und seine Bilanz ruinierte. Dann startete er in Zagreb mit 3 aus 3 und landete wie beim Sinquefield Cup, wo er mit +2 gut im Rennen lag, am Ende bei 50 Prozent.

Am Ende schaffte er die Qualifikation für das Kandidatenturnier beim Grand Prix. Nepo gewann zwar nur zwei Turnierpartien gegen Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave, aber das reichte in Kombination mit seinen beiden Siegen bei den K.O.-Turnieren zum zweiten Platz in der Gesamtwertung hinter Alexander Grischuk.

Schauen wir uns ein paar Fakten über Ian Nepomniachtchi an:

Die nackten Fakten   

·         Alter: 29

·         Weltranglistenplatz: 5

·         Aktuelle Elo: 2774

·         Beste Elo: 2776 (September 2019)

·         Qualifiziert durch: Zweiter im Grand Prix

·         Erfahrung in Kandidatenturnieren: Keine

·         Bilanz gegen die anderen Kandidaten: -4 (1 Sieg und 5 Niederlagen gegen MVL) 

·         Nummer der Setzliste: 4

Das Urteil der Experten

Peter Heine Nielsen meinte zu Laurent Fressinets Votum für Nepomniachtchi 1-0 Caruana aus Zagreb als dessen beste Leistung, dass er hoffe, der Franzose werde bei der Auswahl seiner besten Partien nicht mitwirken. Unsere Experten haben sich die Partie angeschaut und anhand dessen die Chancen von Nepo beim Kandidatenturnier bewertet. Nach der Eröffnung stand Ian Nepomniachtchi total auf Verlust, doch im weiteren Verlauf konnte er ihn bescheißen und die Partie sogar noch gewinnen. Unsere Experten waren sich darin einig, dass der Russe auf jeden Fall ein findiger Spieler ist.

Hier die Punkte, die unsere Experten an Nepo verteilten:

CategoryLAURENTJANPETERGesamt
VORBEREITUNG33410
BERECHNUNG54413
SCHACHVERSTÄNDNIS44412
TECHNIK44311
ZEITEINTEILUNG3238
KAMPFGEIST3328
FORM33410
Gesamt25232472

Demgegenüber bekamen Kirill Alekseenko 60, Wang Hao 69 und Anish Giri 71 Punkte.

Wie man sieht, bewertet das Team Magnus das Talent und die Rechenkünste von Nepo sehr hoch, doch anderswo herrschen Zweifel. Laurent Fressinet ist von seiner Vorbereitung keineswegs überzeugt, aber das kann auch am Match der beiden gegeneinander beim Weltcup 2015 liegen, wo Laurent nach eigener Einschätzung in allen Partien besser stand:


Sein Kommentar:

Ich habe ihm gegenüber sehr gemischte Gefühle, da er zwar sehr talentiert ist, es aber manchmal so aussieht, als würde er nur auf Tricks spielen und die Sache nicht richtig ernst nehmen.

Auf die Gefahr, alte Wunden aufzureißen, hier noch einmal die Schlussphase der Partie, durch die Fressinet ausschied:


Nach 33.f3! Sd2 34.Sg4! mit Doppelangriff auf den Turm b8 und das Feld h6 hätte Fressinet gut gestanden. Stattdessen spielte er aber 33.Tb2? und das ließ sich Nepo nicht entgehen: 33…Tbg8! 34.f3 (es ist schon zu spät) 34…Sg3! 35.Sg4:


35...Txg4! und die Partie war vorbei.

Es herrschte aber keine Einigkeit darüber, wie gut Nepos Vorbereitung wirklich ist:

Peter: Letztlich hat er sich durch eine extrem gute Vorbereitung vor einer extrem wichtigen Partie gegen MVL für dieses Turnier qualifiziert.

Laurent: Wer hatte letztes Jahr nicht die bessere Vorbereitung als MVL!?

Im Bereich Zeiteinteilung und Kampfgeist herrschte dagegen Einigkeit. Alle Experten sind der Meinung, dass Nepo ein sehr unsicherer Kantonist ist – „verliert er ein paar Partien hintereinander, bricht er vermutlich komplett ein“ (Fressinet), „er war schon öfters auf Tilt“ (Heine-Nielsen) – und dass er zwar nie in Zeitnot kommt, dafür aber manchmal seine Züge aufs Brett schleudert, ohne über sie nachzudenken.

"Weisheit des Tages: Tilt ist nicht der beste Freund des Schachspielers."

Ein typischer Fall war die einzige Turnierpartie gegen Magnus, die er bisher verloren hat (Zagreb 2019). Ian hatte zwar die Kontrolle über die Partie verloren, aber immer noch 28 Minuten auf der Uhr, um den Remiszug 28.exf5! zu finden. Stattdessen spielte er nach nur 40 Sekunden 28.gxf5?? und stand nach 28…g4! völlig auf Verlust: 

Zu Nepos Verteidigung muss man jedoch sagen, dass der Weltmeister selbst hinterher zugab, 27…f5!? nur gespielt zu haben, weil er dachte, er stünde nach 28.exf5 auf Gewinn. Im schnellen Ziehen liegen auch Vorteile, und Peter Heine Nielsen vergleicht Nepos Stil mit dem “jungen Vishy”, der großen Druck auf seine Gegner ausübte - “vielleicht keine gute Zeiteinteilung, aber sie bringt viele Punkte ein!”

Schauen wir uns die Gründe an, warum das Nepo Kandidatenturnier gewinnt bzw. warum ihm das nicht gelingt:

PROS

Nepo hat seine Bestform zum richtigen Zeitpunkt erreicht: Nepos 5.Platz auf der Weltrangliste ist seine höchste Platzierung überhaupt, und das obwohl er letztes Jahr einige schwächere Resultate erzielte. Man wirft ihm vor, Schach nicht ernst genug zu nehmen – er lasse sich etwa von Videospielen wie DOTA-2 ablenken – aber falls dies überhaupt zutrifft, hat er noch ein Ass im Ärmel. Peter Heine Nielsen meinte:

Das wäre fast ein Vorteil, da man noch etwas verbessern kann. Ist man bereits mit vollem Ernst dabei, muss man an kleineren Rädchen drehen.

Ian Nepomniachtchi wärmte sich mit einem Sieg beim starken Blitzturnier im Rahmen des Aeroflot Open auf| Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Sein Talent: Niemand bezweifelt, dass Nepo “unglaublich talentiert” ist (Fressinet). Peter Heine Nielsen meinte, “Ich denke, er hat noch viel Luft nach oben, und das ist für ein Turnier wie dieses eine gute Ausgangsbasis“. Jan Gustafsson fasste zusammen:

Ich bin mir bei Nepomniachtchi unsicher. Für ihn könnte es extrem gut oder extrem schlecht laufen. 

Gut laufen muss es für den späteren Sieger allemal, und das bedeutet, dass Nepo zwar nicht der Favorit ist, aber trotzdem eine echte Chance hat.

Er ist einer der Spieler, die vor Magnus keine Angst haben müssen: Nepomniachtchi ist der einzige Topspieler der Welt, der gegen Magnus eine positive Bilanz hat. Seine Siege hat er nicht nur bei Jugendturnieren (U12 EM und U14-WM), sondern auch beim Tata Steel 2011 und den London Chess Classic 2017 erzielt. Jeder Teilnehmer möchte das Kandidatenturnier gewinnen, aber unbewusst fragt man sich in den entscheidenden Runden dann vielleicht doch, ob man es wirklich mit Carlsen aufnehmen will. Dieses mentale Problem hat Nepo vermutlich nicht.

CONTRAS

MVL ist dabei: Ian Nepomniachtchi schien mit seinem Sieg gegen Maxime Vachier-Lagrave im Halbfinale des Grand Prix in Jerusalem die Hoffnungen des Franzosen zerstört zu haben, doch plötzlich steht dieser trotzdem im Kandidatenturnier. Das an sich wäre noch kein Problem, doch MVL hat eine Bilanz von 5:1 in Turnierpartien gegen Nepo, der gegen den Rest des Feldes eine ausgeglichene Bilanz vorzuweisen hat.

Nach dieser Partie schienen MVLs Hoffnungen auf die Teilnahme am Kandidatenturnier zerstört | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Es ist ein langes Turnier, in dem Konstanz zählt: 2019 zog sich ein Muster durch all seine Turniere. Ian Nepomniachtchi schaffte es einfach nicht, ein Turnier lang stabil gute Ergebnisse zu erzielen. Das müsste sich vermutlich ändern, aber Peter Heine Nielsen sieht auch noch eine andere Möglichkeit:

Entweder muss alles perfekt für Ian laufen, oder er durchläuft drei Phasen, in denen es zunächst sehr, dann schlecht und dann wieder sehr gut läuft.

Er ist einer der Debütanten: Nepo ist einer der vier Spieler, die noch nie an einem Kandidatenturnier teilgenommen haben. Beim ersten Versuch das härteste Schachturnier zu gewinnen ist keine einfache Aufgabe. 

Nur noch eine Woche dauert es, bis das FIDE Kandidatenturnier im russischen Jekaterinburg beginnt! Dann wissen wir mehr...

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