Berichte 14.07.2017 | 01:21von Colin McGourty

Danzhou, R4-5: Wei Yi überquert die 2750 mit Stil

Die chinesische Nummer Eins Ding Liren ist bedauernswert. Nachdem er Wei Yi in der direkten Begegnung in der vierten Runde quälen konnte, sah es nach einem Sieg über Ruslan Ponomariov in der fünften Runde so aus, als ob er zum Tabellenführer aufschließen könnte. Wei Yi zauberte jedoch in allen Partiephasen gegen Yu Yangyi und errang einen großartigen Sieg, mit dem der 18-jährige gleich drei Ziele erreichte: er überholte seinen Gegner und ist nun die neue Nummer Zwei Chinas, er überquerte zum ersten Mal die 2750 und ist nun unter den 15 besten Spielern der Welt - nach Peter Svidlers Niederlage in Genf beendete er den Tag sogar auf Platz 14.

Wei Yi übernahm von Yu Yangyi Platz Zwei in der chinesischen Rangliste | Foto: qipai.org.cn

In den Runden 4 und 5 wurden vier der zehn Partien entschieden, aber fast überall wurde heftig gekämpft:

Runde 4: Weitere Spieler gewinnen erstmals

Wir erwähnten bereits in unserem ersten Bericht aus Danzhou, dass nur Wei Yi und Ding Liren in den ersten drei Runden ein Sieg gelungen war. Das änderte sich in der vierten Runde, da Yu Yangyi und Le Quang Liem gewinnen konnten. Ihre Partien waren beide Massaker.

Lu Shanglei musste in Danzhou bisher leiden | Foto: qipai.org.cn

Lu Shanglei, der einzige Spieler, der nicht um die 2700 oder noch höher gewertet ist, hatte Schwierigkeiten - drei seiner Landsmänner konnten ihn besiegen. Gegen Yu Yangyi wandelte er mit seiner Eröffnung bald am Rande der Niederlage. Er verteidigte zuerst eine Schwäche auf h6 taktisch, dann machte er dasselbe bei einer weiteren Schwäche auf c6 - doch als dieser Bauer fiel, war die Partie im Grunde vorbei. Dennoch führte Yu Yangyis 32. d5! das Ende viel schneller herbei:


IEs liegt nicht so sehr an der direkten Drohung, auf e6 zu schlagen und den Läufer auf d6 anzugreifen, dass Schwarz auf Verlust steht, sondern mehr am Plan Da4! und Dd7!. Alle schwarzen Figuren sind angegriffen, während die Dame auf der anderen Seite des Brettes feststeckt. In der Partie folgte 32. ... Lb7 33. Da4 Tc1 34. De8+ Lf8 35. dxe6 und Schwarz gab auf.

Le Quang Liem schlägt Vladimir Malakhov, der bekanntlich einen Nebenjob als Nuklearwissenschaftler hatte | Foto: qipai.org.cn

Le Quang Liem hingegen machte seinen verpassten Gewinn mit Schwarz gegen Ding Liren wett, indem er Vladimir Malakhov überspielte. Malakhov lag bereits eine Qualität zurück, als seine Entscheidung zum Gegenangriff mit 35. Df4? mit 35. ... Tb1! beantwortet wurde:


Es gibt keinen Ausweg, da z. B. nach 36. Txb1 Dxb1+ 37. Kh2 Tc1! der weiße König in einem Mattnetz gefangen ist. Die Partie war bald zu Ende: 36. Sh2 Sd2 37. Sg6 Sxf1 38. Sxf1 Txf1+ Weiß gab auf.

Andernorts wurde im innerukrainischen Duell von Ruslan Ponomariov die Berliner Verteidigung gewählt, die Vassily Ivanchuk mit dem weniger verbreiteten "Anti-Berliner" 4. Sc3 beantwortete, womit er ins Vierspringerspiel überleitete. Das genügte zum Ausgleich, aber nicht mehr.

Die ukrainischen Spieler in vertrauten Posen | Foto: qipai.org.cn

Das Spitzenduell zwischen Ding Liren und Wei Yi verlief viel schärfer, und nach 16. ... Lxe2 hatte Wei Yi vorübergehend zwei Bauern mehr:


Es war jedoch Weiß, der das Geschehen bestimmte, doch schlussendlich war Ding Lirens Vorteil in einem Turmendspiel verschwunden.

Runde 5: Noch ein Meisterwerk Wei Yis

In der fünften Runde wurde an allen Brettern gekämpft, nur bei Lu Shanglei - Malakhov nicht - beide Spieler waren zweifellos zufrieden damit, nach ihren Niederlagen in der vorangegangenen Runde ein ruhiges Remis mit 5. Te1 in der Berliner Verteidigung auszuspielen. Für die Siege sorgten erneut die üblichen Verdächtigen. 

Ding Liren war nach dem Sieg über Ponomariov Neunter der Weltrangliste und lag vor Vishy Anand | Foto: qipai.org.cn

Ding Liren opferte einen Bauern, um gegen Ruslan Ponomariov das Zentrum zu sprengen, und spielte danach das scharfe 17... Le2!   


Jeder Versuch, den Turm auf f1 zu retten, wird mit dem verheerenden 18. ... Sfg4! beantwortet, aber der ehemalige Weltmeister Ponomariov fand einen Ausweg mit 18. f4! Lxf1 (18. ... Sd3!?) 19. fxe5 Ld3 20. exd6 Lxc2 21. Sd5! Sxd5 22. Lxd5, und Weiß hatte einen Bauern für die Qualität und Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken:


Ding Liren übte jedoch einfach weiterhin Druck aus, und schließlich hatte Weiß eine sehr wackelige Verteidigung:


51. ... Tf2+! war der kleine Stups, der das Kartenhaus zum Einsturz brachte, und nach 52. Ke4 Tg4+! (natürlich nicht 52. ... Txg3 53. d8=D und Weiß gewinnt!) Weiß gab auf.

Nach der Erkrankung am ersten Tag und zwei Niederlagen kommt der Ruhetag für Ruslan vielleicht genau richtig | Foto: qipai.org.cn

Ding Liren hätte somit zu Wei Yi aufgeschlossen, sofern der 18-jährige nicht die Partie gegen Yu Yangyi gewann, die sich zu einer weiteren epischen Begegnung entwickelte. Zuerst sahen wir eine mutige Eröffnungswahl:


Die Spitzenspieler hatten hier 8. Sbd2 gespielt, wie etwa Nigel Short oder Fabiano Caruana. Caruana verlor 2011 in Reggio Emilia gegen Anish Giri - ein denkwürdiges Turnier, war es doch Giris bislang einziger Sieg bei einem Superturnier, und außerdem lernte er dort seine zukünftige Frau Sopiko Guramishvili kennen!

Es wird schwieriger, in Wei Yis Spiel Schwächen zu finden | Foto: qipai.org.cn

Wei Yis 8. Kf1!? ist viel seltener und wurde auf dem allerhöchsten Niveau noch nie versucht. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Vladimir Kramniks früher Trainer Vitaly Tseshkovsky so im Halbfinale der UdSSR-Meisterschaft 1984 gegen Eduardas Rozentalis spielte und genau jene Art wilden Kampf bekam, den er laut Kramnik so genoss.

Wei Yi war auch in seinem Element und ignorierte 14. ... h6 mit 15. Te1:


Es muss nicht erwähnt werden, dass 15. ... hxg5?? 16. Lh7+ Kh8 17. hxg5 für Schwarz nicht gut ausgehen würde. In der Partie kennzeichnete der Computer einige spätere Züge Wei Yis als Ungenauigkeiten, aber Yu Yangyi wurde dauernd vor große Probleme gestellt, während die weißen Figuren perfekt zusammenspielen:


Vielleicht wäre es sogar noch stärker gewesen, zuerst auf f5 zu tauschen, aber hier spielte Wei Yi das wunderschöne 22. Th5!! Man kann der Hauptvariante nicht aus dem Weg gehen, da z. B. 22. ... b6? an 23. Txg5 bxc5 24. Txf5! scheitert, und falls 24. ... Sxf5 folgt, setzt 25. Sd7# Matt! Es ist eine Stellung, in der viele Abspiele in solchen Katastrophen enden, aber Yu Yangyi spielte richtigerweise 22. ... Dxh5 23. Sd7+ Lxd7 24. Dxh5, und nach einigen weiteren Abenteuern schien Schwarz hervorragende Aussichten auf eine Festung zu haben. 

Eine schwierige Partie für Yu Yangyi und seine Fans! | Foto: qipai.org.cn

Ein kleiner Fehltritt reichte jedoch schon aus (52. ... Lf1? scheint der Schuldige zu sein), und Wei Yi nutzte seine Gelegenheit - eine Schlüsselstellung war nach 54. ... hxg4 entstanden:


Yu Yangyi wollte den Läufer vermutlich nach 55. fxg4 Lg2 wieder auf die Diagonale h1-a8 zurückführen, doch Wei Yi spielte hingegen den Zwischenzug 55. a4!, was den Turm nach f5 oder h5 zwingt. Dort ist er nach fxg4 angegriffen und lässt dem Läufer keine Zeit, um eine Blockade des d-Bauern zu unterstützen. Dieser Bauer sollte die Partie entscheiden; Yu Yangyi gab zehn Züge später auf.

Ihr solltet euch diese Partie zwischen Wei Yi und Yu Yangyi nicht entgehen lassen!

Selten hatte ein einziges Ergebnis so große symbolische Bedeutung. Wei Yi schob sich an Yu Yangyi vorbei und ist nun die chinesische Nummer Zwei, er überquerte zum ersten Mal die 2750 und ist auch erstmalig unter den besten 15 der Welt zu finden. Er beendete den Tag auf Platz 14:

Quelle: 2700chess.com 

Wei Yi ist erst vor einem Monat 18 Jahre alt geworden, und auch wenn es stimmt, worauf etwa Tarjei J Svenson hinweist, dass Magnus ungefähr zur gleichen Zeit auf Platz 4 der Weltrangliste lag (hier ist die FIDE-Weltrangliste vom Januar 2009)...

RankNameCountryRatingGamesB-Year
 1 Topalov, Veselin 2796 8 1975
 2 Anand, Viswanathan 2791 11 1969
 3 Ivanchuk, Vassily 2779 19 1969
 4 Carlsen, Magnus 2776 17 1990
 5 Morozevich, Alexander 2771 20 1977
 6 Radjabov, Teimour 2761 27 1987
 7 Jakovenko, Dmitry 2760 40 1983
 8 Kramnik, Vladimir 2759 20 1975
 9 Leko, Peter 2751 23 1979
 10 Movsesian, Sergei 2751 16 1978

... könnte man anmerken, dass Wei Yi in seiner Schachkarriere oft gegen chinesische Rivalen spielen musste, die scheinbar oftmals unterbewertet waren. Er hat nun seine taktische Brillanz mit sehr guter Eröffnungsvorbereitung und zäher Verteidigung kombiniert, womit er nun für den Vorstoß an die Spitze bereit zu sein scheint. Wann werden wir einen Versuch von ihm sehen? Nun, der Weltcup findet im September statt, und damit hat er eine theoretische Chance, das Kandidatenturnier zu erreichen und jüngster Weltmeister aller Zeiten zu werden, sofern er die Qualifikation schafft und Magnus gegen Ende 2018 schlagen kann. Gut, bis dahin ist es ein langer Weg, aber mit Partien wie jenen in Danzhou macht er uns alle zu Träumern!

Am Freitag, den 14. Juli, gibt es den einzigen Ruhetag des Turniers, am Samstag beginnen die Partien um 08:30 Uhr MEZ hier bei chess24. Ihr könnt bei allen Partien auch über unsere kostenlosen Apps zusehen:

         

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