Berichte 06.11.2018 | 11:29von Colin McGourty

Damen-WM in Khanty, R1: Favoritinnen stolpern über die Youngsters

Die beste deutsche Schachspielerin und Nummer 10 der Setzliste Elisabeth Pähtz ist bereits in der ersten Runde der Damen-Weltmeisterschaft in Khanty-Mansisk gegen die  18-jährige Iranerin Mobina Alinasab ausgeschieden. Mit ihrer überraschenden Niederlage war sie aber nicht die einzige Favoritin, die an einer aufstrebenden Nachwuchsspielerin scheiterte, denn die 15-jährige Zhu Jiner aus China schlug Lela Javakhishvili 2:0, die 19-jährige Usbekin Gulrukhbegim Tokhirjonova bezwang Alina Kashlinskaya und die 22-jährige amtierende chinesische Meisterin Zhai Mo eliminierte Olga Girya.

Bei Ni Shiqun-Zhukova konnte sich die Chinesin erst im Stechen durchsetzen | Foto: Turnierseite

Alle Partien der Damen-WM könnt ihr hier nachspielen:

Elf 2:0-Siege mit zwei großen Überraschungen

Die interessanteste Teilnehmerin der Damen-WM in Khanty-Mansiysk ist zweifellos die 74-jährige Rani Hamid, die mit 34 Jahren ihre Schachkarriere begann und seitdem 19-Damenmeistertitel in Bangladesch und drei britische Damenmeistertitel errang. Obwohl ihre Elo von ehemals 2189 auf 1935 gesunken ist, konnte sich die amtierende Meisterin ihres Landes beim Zonenturnier mit 8 aus 9 qualifizieren

Rani Hamid zeigt, dass man auch im höheren Alter noch viel beim Schach erreichen kann | Foto: Turnierseite

Allerdings dominierte in Khanty-Mansiysk bisher die Jugend, und auch die an Nummer 4 gesetzte Anna Muzychuk machte gegen die Turnierseniorin früh alles klar. Sie kam bereits mit 17.c5! in entscheidenden Vorteil, denn Schwarz hat keine Zeit, den Bauern zu schlagen:

„Die 74-jährige Rani Hamid aus Bangladesch ist allein wegen ihrer Qualifikation ein Vorbild, doch gegen Anna Muzychuk steckt sie schon früh in Schwierigkeiten!“

Die zweite Partie verlief sogar noch brutaler, wodurch Muzychuk als erste Spielerin die zweite Runde erreichte. Wie sie gewannen zehn weitere Spielerinnen ihr Auftaktmatch mit 2:0, darunter auch ihre Schwester Mariya und die Nummer 1 der Setzliste Ju Wenjun. Unter den 2:0-Siegerinnen waren aber auch Überraschungen, wie die 15-jährige Zhu Jiner, die gegen die favorisierte Lela Javakhishvili aus Georgien furchtlos Material gewann und diesen Vorteil sicher verwertete.

Zhu Jiner hat mit 15 Jahren bereits eine Elo von 2379 | Foto: Turnierseite

Deutlich dramatischer verlief die 0:2-Niederlage von Olga Girya. In der ersten Partie spielte sie Caro-Kann gegen die chinesische Meisterin Zhai Mo und stand in einer Stellung mit heterogenen Rochanden besser, doch nach einigen Ungenauigkeiten hatte Weiß plötzlich durchschlagenden Angriff.   

Olga Girya war vor der Partie noch gut gelaunt... | Foto: Turnierseite

In der zweiten Partie holte Girya nichts gegen die gegnerische Grünfeld-Verteidigung heraus, doch gerade als die WM für sie ehrenhaft zu Ende zu gehen schien, wurde sie in gegenseitiger Zeitnot Opfer eines netten Gewinnzuges:

Der Zug stellt zwei Drohungen auf: Grundreihenmatt mit Ta1# und Gewinn des Turms mit Ld4+. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte Weiß sich mit 39.Sf3 oder 39.Sc2 erfolgreich verteidigen, aber darauf folgt dennoch 39…Ld4+!, wonach der Läufer wegen Grundreihenmatt wieder nicht geschlagen werden kann. Ein perfektes Beispiel für Schachgeometrie.

Zehn 1,5:0,5-Siege mit zwei noch größeren Überraschungen

Viele Spielerinnen litten in der ersten Runde unter Zeitproblemen, und in zwei Fällen wirkte sich das fatal aus: 


Die deutsche Nummer 1 und Nummer 10 der Setzliste Elisabeth Pähtz hätte in ihrer ersten Partie gegen Mobina Alinasab ausgezeichnete Gewinnchancen gehabt, wenn sie 28.e6! gespielt hätte, doch mit 28.Sf5, gespielt mit 2 Minuten Restbedenkzeit, vergab sie ihren Vorteil, und nach 28…Lf8 folgte mit noch einer Minute 29.a4?! Es ging weiter mit 29…Sc6!, worauf mit sechs Sekunden auf der Uhr 30.f4?! folgte und Schwarz mit 30…De6! dauerhaften Vorteil erhielt. Die 18-jährige amtierende iranische Meisterin Alinasab gewann die Partie in der Folge recht sicher und stellte mit einem Remis aus der Position der Stärke heraus in Partie 2 das Weiterkommen sicher.

Mobina Alinasab beendete die WM-Träume von Eli Pähtz | Foto: Turnierseite

Ein ähnliches Schicksal erlitt die Russin Alina Kashlinskaya, die auf der Isle of Man noch glänzend abgeschnitten hatte. Ihre Gegnerin, die 19-jährige Usbekin Gulrukhbegim Tokhirjonova hatte noch neun Sekunden auf der Uhr, als sie 38.h5?! spielte: 


Mit mehr Bedenkzeit hätte Kashlinskaya sicher gesehen, dass sie nach 38…Dxg1! gute Gewinnchancen in einer unverlierbaren Stellung gehabt hätte, da Weiß mit 39.Txg1 f3 40.Tgxg7 wegen 40…Tg2! kein Remis forcieren kann. Kashlinskaya hatte selbst aber auch nur noch eine Minute auf der Uhr und spielte 38.Tg2?, wonach 39.Dxb6! den Spieß umdrehte und Schwarz nach 39…f3 40.Te8 Df4 41.Dd8! bereits aufgeben konnte:

Tags darauf schaffte Kashlinskaya nicht den dringend benötigten Sieg. 

Elf Stichkämpfe ohne echte Überraschung

In zehn Matches endeten die beiden Turnierpartien remis, und interessanterweise konnten sich die Favoritinnen allesamt in den ersten beiden Stichkampfpartien durchsetzen. Dramatisch war es teilweise aber trotzdem!

Die Spanierin Ana Matnadze gegen Dinara Saduakassova in der ersten Turnierpartie auf Gewinn, verlor dann aber im Stichkampf | Foto: Turnierseite 

Die 27-jährige Guliskhan Nakhbayeva aus Kasachstan hatte gegen die dreimalige russische Meisterin Alisa Galliamova, die gerade 34…Bg6 gespielt hatte, durchschlagenden Angriff:


35.Txf7! ist der beste Zug (35…Kxf7 36.Dd7+ ist Matt in 4 Zügen), doch es gibt noch andere Möglichkeiten. Mit 18 Sekunden auf der Uhr zog Guliskhan aber 35.Dxg6??. Nach 35…fxg6 36.Txg7+ Kf8 37.Tcc7 gewinnt Weiß, aber 35…Dxg6 wendete das Blatt. Wenige Züge später gab Weiß auf:

„Ein außergewöhnlicher Fehler, denn Guliskhan Nakhbayeva spielt in Gewinnstellung 35.Dxg6?? – ohne die schwarze Dame auf b1 wäre das ein schöner Zug gewesen…“

Auch die an Nummer 12 gesetzte Halbfinalistin von 2017 Harika Dronavalli konnte sich nur knapp retten:

„Fast wäre die Sensation perfekt gewesen, denn mit 64.a6! hätte Sopiko Khukhashvili die Partie gewonnen, doch zwei Züge später war 66.a6? der Verlustzug.“

Für Sopiko Khukhashvili kam es sogar noch schlimmer, denn nach dem verpassten Gewinn mit 64.Lb7(mit 10 Sekunden auf der Uhr) hätte sie mit Lxd5 in einem der nächsten beiden Züge leicht remis machen können.

Harika Dronavalli kam eine Runde weiter! | Foto: Turnierseite

Ein Match aber ragte heraus: das zwischen der zweimaligen Europameisterin aus der Ukraine Natalia Zhukova und der 21-jährigen Ni Shiqun aus China. Die erste Partie entwickelte sich zu Gunsten der Ukrainerin, die Ni Shiquns 24.Sc5 durch 24…Bc8! als Fehler brandmarkte:


Zhukova meinte nach der Partie, sie habe ihrer Gegnerin die Enttäuschung angemerkt, als diese feststellte, dass das beabsichtigte 25.Lxb7? (25…Lxb7?? 26. Se6+!) an 25…Sf5! mit schwarzer Gewinnstellung scheitert. Stattdessen zog Shiqun ihren Springer nach b3 zurück, wonach keine Spielerin bis zum 52.Zug einen Fehler machte, ehe die Chinesin bei einer Kombination einen tödlichen Zwischenzug übersah:

Letztes Jahr sorgte Ni Shiqun bereits für einige Überraschungen, als sie in Teheran überraschend Lilit Mkrtchian, Valentina Gunina und Natalia Pogonina besiegte, ehe sie schließlich im Viertelfinale an Alexandra Kosteniuk scheiterte. 

Ni Shiqun brauchte sechs Partien, zog aber in Runde 2 ein | Foto: Turnierseite

Dieses Mal war sie sogar Favoritin gegen Zhukova und konnte diese Rolle trotz der Auftaktniederlage untermauern. Partie 2 gewann sie nach kompliziertem Verlauf und war damit die einzige Spielerin, die eine Niederlage wettmachen konnte. Nach zwei Remis in den 25-Minuten-Partien musste die Entscheidung dann in den Zehn-Minuten-Partien fallen. Ein Sieg in der ersten Partie reichte Ni Shiqun, um sich für das Revanche-Match gegen Kosteniuk zu qualifizieren!

Somit kam es nicht einmal annähernd zu einem Armageddon…

Schon in Runde 2 stehen viele enge Matches an:

Auch die Partien der 2.Runde könnt ihr mit dem Live-Kommentar von Alexander Morozevich und Pavel Tregubov ab 11:00 Uhr live auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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