Berichte 07.07.2019 | 01:50von Colin McGourty

GCT Zagreb, R9: Aronian stoppt Carlsen… fast!

Levon Aronian fand einige brillante Verteidigungsressourcen und verhindert so, das vierte Opfer Carlsens in Folge zu werden, nachdem eine paradoxe Eröffnungsidee des Weltmeisters beinahe perfekt aufging. Der einzige Sieg in der neunten Runde der Grand Chess Tour in Zagreb konnte von Shakhriyar Mamedyarov gegen Vishy Anand verbucht werden. Ian Nepomniachtchi entglitt der Gewinn gegen Wesley So. Damit hängt nun viel von Wesleys Weißpartie in der vorletzten Runde gegen Magnus ab.

Wenn du von der Analyse nach der Partie überrascht bist! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hier kannst du alle Partien der Grand Chess Tour 2019 aus Kroatien nachspielen:

Carlsen ½-½ Aronian

Ein harter Tag für Aronian, der aber den Juggernaut stoppen konnte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Bereits zum zweiten Mal nacheinander konnte Magnus Carlsen gegen einen seiner größten Rivalen eine Neuerung vom Stapel lassen. Dieses Mal muss es sich für Levon Aronian noch viel mehr wie ein déjà vu angefühlt haben, denn in diesem Jahr erwischte ihn Magnus bereits in Baden-Baden in ihrer Partie in der Wiener Variante mit einem neuen Zug (10.Ld2!?) in einer Stellung, die zuvor schon über 700 gespielt wurde. In unserer Datenbank wurde die nun in Zagreb nach 7.e5 und 8.Sxd4 erreichte Stellung bereits 45 Mal am Brett ausdiskutiert:


Bis auf einmal, wo Weiß mit 15.h4 spielte, rochierte der Anziehende kurz. Carlsen Sekundant Jan Gustafsson sagt dazu in seiner Video-Serie zur Wiener Variante nach 15.0-0 Sc6:

Schwarz hat die Entwicklung beendet und wir haben nun eine typische Situation: Schwarz hat einen schwachen König, Weiß einen schwachen Damenflügel - was wiegt schwerer?

Es ist leicht zu erkennen, warum die Idee, lang zu rochieren, wie Magnus es mit 15.0-0-0 tat, noch nie versucht wurde, obwohl der Zug eine der drei Hauptvorschläge von Stockfish ist.

Olimpiu G. Urcan: Das ist wohl der dubovschste Zug, den Magnus in diesem Turnier bislang gespielt hat. Frisch, mutig, zweischneidig.

Levon meinte dazu:

Ich fand das ein sehr interessantes Konzept. Es fühlte sich ziemlich riskant an, aber ich konnte nicht herausfinden, ob ich einfach die Entwicklung normal mit Sc6 fortsetzen oder etwas anderes mit Sa6 probieren sollte. Aus praktischer Sicht ist es vermutlich eine gute Idee - zumindest für eine Partie kann man es spielen.

15…Sa6!?, was die c-Linie für einen Angriff auf den weißen König offen lässt, mag der kritischere Test sein, aber wie in Baden-Baden wählte Aronian den konservativen Ansatz und spielte das normale 15...Sc6 nach 11 Minuten des Nachdenkens. Schnell konnten wir Carlsens Idee bewundern: Eine mutige Reise des h1-Turms: h1-h3-g3-g4-f4-f6:


Levon gab zu, diese Idee unterschätzt zu haben, und Magnus sagte zu Maurice:

Es war definitiv eine interessante Partie. Ich hatte dieses sehr ambitionierte Konzept in der Eröffnung, aber es ist nicht so dumm, wie die Partie gezeigt hat. Ich kann leicht einen wirklichen starken Zugriff auf die schwarzen Felder bekommen und in der Partie hatte ich das Gefühl, alles erreicht zu haben, was ich wollte. Aber dann konnte ich den Ausmacher nicht finden, was ziemlich frustrierend war, aber ich weiß auch nicht, ob es einen gab.

Die Gefahr für Levon war, wie der zuschauende Anish Giri und unser französischer Twitter-Account realisierten, dass Magnus in die Fußstapfen seines Idols AlphaZero tritt und Levons Stellung komplett paralysiert, wenn Schwarz vom rechten Weg abkommen sollte:


Grand Chess Tour: Anish Giri teilt seine Gedanken und analysiert die Carlsen-Aronian Partie

Aronians 27…Df8! 28.Dxc3 Tc8! ("Ich dachte, ich stelle meinen Turm nach c8 und alles wird gut!") schien die Probleme zu lösen und im Nachhinein hätte Magnus vielleicht sein Glück im leicht besseren Endspiel nach 29.Txf7+ versuchen sollen. Das jedoch überlegte er nicht wirklich, denn 29.Dd3 erzwingt 29...Dg7 und es scheint so, als ob Schwarz in großen Schwierigkeiten ist. Levon gab auch zu, zuerst besorgt gewesen zu sein, während Magnus das Gefühl hatte, dass es einen Weg geben müsste, langsam zu gewinnen. Aber finden konnte er nichts: "Es sieht so schön aus, aber offensichtlich hält das alles wunderschön zusammen - es ist komisch".

Giris Zitat ist vielleicht das, an welches man sich am meisten erinnern wird:

Die größte Herausforderung für Levon ist es, der Versuchung zu widerstehen, die Partie jetzt aufzugeben... Ich glaube, die Versuchung ist einfach sehr groß, der Stellung überdrüssig zu werden und das Handtuch zu werfen!

Aronian widerstand der Versuchung mit dem Schlüsselzug 31…h6!:


Die Idee ist, dass 32.Txh6? mit 32...f5! gekontert wird und plötzlich stünde Schwarz auf Gewinn, da der weiße Turm abseits der Partie gestrandet ist.

Magnus war enttäuscht, aber es stellte sich heraus, dass er nichts übersehen hatte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Stellung war nach meinung der Computer ausgeglichen, aber Magnus spielte das starke 32.a3! und hoffte darauf, seinen Vorsprung von 15 Minuten auf der Uhr zu etwas Zählbarem zu verwandeln. Hätte Levon keinen klaren Kopf bewahrt, hätte sich diese Strategie auch schnell auszahlen können. Denn...:

MrDodgy: Schach ist ein einfaches Spiel. Der Computer gibt 0.00 an und dann gewinnt Magnus.

Aber Levon machte keine Fehler und die Partie wurde nach 49 Zügen remis gegeben. Magnus war gezwungen festzuhalten, dass "es vielleicht einfach eine gute Partie war!" In der Zwischenzeit hatte Levon sich ein wenig Inspiration von seiner Frau Arianne Caoili geholt. Diese sprach mit Maurice während der Live-Show (und sagte einige delikate Dinge über Levons Tanzfähigkeiten!):

Olimpiu G. Urcan: Ein wunderbares Interview mit der talentierten Arianne Caoili.

Levon kommentierte das wie folgt:

Ich denke, ich habe es immer noch nicht geschafft, mein bestes Schach zu zeigen. Auch wenn ich ein paar gute Jahre hatte, hinke ich ihren Erwartungen immer noch hinterher. Sie inspiriert mich sehr, mich noch härter reinzuhängen und mehr zu erreichen!

Schau dir hier Carlsens und Aronians Interview im Anschluss an die Partie an:

Und hier geleitet uns Daniel Fridman Zug für Zug durch die Partie, die ein hochklassiges Remis war. Daniel kommentierte zusammen mit Jan für den deutschen Stream:

Mamedyarov 1-0 Anand

Das war die einzige entschiedene Partie der neunten Runde und wir hätten das eigentlich kommen sehen müssen! Alle vier Partien, die die beiden in diesem Jahr in Superturnieren gegeneinander gespielt hatten, fanden einen Sieger. Vishy gewann krachend in Wijk aan Zee und im Anschluss eine Partie, die Shakh als eine der "interessantesten Partien seines Lebens" in Shamkir beschrieb. Dort verlor der Aseri eine Gewinnstellung. Man könnte darüber spekulieren, ob sein Jahr nicht anders verlaufen wäre, wenn er diese Partie gewonnen hätte, aber Shakh merkte selbst an, dass er in 2019 sowohl außer Form ist als auch kein Glück hat.

Arindam Bagchi, der indische Botschafter in Kroatien, spielt den Eröffnungszug für Mamedyarov  | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Beim Norway Chess Turnier patzte Vishy schwer und verlor eine Partie, die der einzige Sieg Mamedyarovs in einem Superturnier im Jahr 2019 ist (er schlug ebenfalls Sam Shankland in der Bundesliga). Das bringt uns direkt nach Zagreb, wo auch hier eine weiteres Abspiel der Wiener Variante (6.Lxc4) diskutiert wurde. Wer sollte uns besser als Jan durch die wilden Fahrwasser dieser hochgradig komplexen Begegnung führen?

Der Moment, für den man die Partie in Erinnerung behalten wird, ist ein Qualitätsopfer, das an einen Sieg Vishys gegen Garry Kasparov erinnert: Sein Sieg in der neunten Partie des WM-Kampfs 1995, nachdem die acht vorherigen Partien unentschieden endeten:

chess24: Mamedyarov nutzt einen Trick gegen Anand, den Anand selbst bereits gegen Kasparov im WM-Kampf 1995 angewandt hat!

Dieses Mal war es Mamedyarov, der mit diesem Opfer seine Struktur reparierte, und es wäre durchaus auch doppelt süß gewesen, denn Vishy hatte dieses Opfer bereits selbst gegen ihn gebracht:

!TUUR: Zeit, es zurück zu zahlen! Während gerade 27.Td5!? von Mamedyarov gegen Vishy gespielt wurde, spielte Vishy beim Shamkir Chess 2015 28.Td5! gegen Shakh. Damals gewann Anand, wird Shakh heute Revance nehmen?

Nach einer energischen Partie nicht frei von Fehlern gewann schlussendlich Shakhriyar Mamedyarov, womit er die rote Laterne abgab und sich sein Leben sogleich viel besser anfühlte:

Nach diesem Sieg sollte es sicherlich viel besser gehen. Ich werde anfangen, Partien wie vor zwei Jahren zu gewinnen, oder einem Jahr. Manchmal passiert das Großmeistern, sogar jedem Spieler, nur nicht Carlsen! Bis auf ihn verlieren alle Spieler, selbst die Nummer 2 der Welt, Caruana, und So, Aronian, Nakamura und andere 60-70 Elo und kommen dann zurück. Meine Stimmung ist gut und ich denke, ich werde versuchen, mein Schach zu verändern und ebenfalls zurück zukommen.

Wie Giri zuvor am Tag bereits anmerkte, hatte auch Magnus eine Rating-Delle nach seinem Höhenflug auf 2882, aber er behielt den Status als Nr. 1 der Welt und "jeder wird nun Angst vor ihm haben, wenn er 50 Punkte verliert". Für Shakh jedoch war es eine andere Geshichte...

Lasst uns hoffen, dass Shakh und Šah bald wieder Synonyme werden! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

So knapp

Andernorts gab es ruhige Remispartien, wie bspw. in Karjakin-Giri und auch ein weniger ruhiges Remis bei Nakamura-MVL. Auch wenn die Maroczy-Struktur in dieser Partie nicht lange von Bestand war, schien es so, als ob die Spieler die Zeit nur runterzählten, bis sie sich auf den FIDE Grand Prix in Riga fokussieren können.

Caruana-Ding Liren war eine dieser Partien, die zeigen, wie hart Schach sein kann | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

"Ich habe von der Partie nichts verstanden", sagte Giri zu Caruana-Ding Liren, und es ist schwer etwas zu dieser hochgradig komplexen Partie, die unentschieden endete, zu sagen. Das beste Zitat bezieht sich auf die Früchte von Fabis erstem wirklichen Nachdenken. Nach 30 Minuten produzierte er 13.Da4!?


"Aus welchem Universum kommt dieser Zug?" fragte Anish Giri, der es mit seinem eigenen Spiel aus der ersten Runde gegen Magnus verglich. Währenddessen gab Fabiano zu, dass es "schlicht ein Fehler und ein schrecklicher Zug" war. "Es ist mir ein wenig peinlich, solch einen Zug gemacht zu haben!" 13...Sa7 folgte, aber noch war kein Schaden entstanden und Fabi hatte das Gefühl, seinen Gegner auszuspielen, bis die Nr. 2 und 3 der Welt im 58. Zug die Friedenspfeife rauchten.

Wieder entkam Wesley So sehenswert | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Damit bleibt nur noch eine relevante Partie für die Tabelle, Nepomniachtchi-So. Nachdem Wesley am Vortrag Nakamura in einer D+T vs. D+T Stellung besiegte, sah es nun so aus, als ob er sie diesesmal verlieren sollte. Schlussendlich sollte sich die Partie nach 35...Dh3 entscheiden:


36.Dd5! war der Gewinnzug, aber nach 22 Minuten setzte Nepo seine Hoffnungen auf 36.De2?, wonach Wesley dank 36..Dh2+ mit einem Dauerschach entwischen konnte. Ian erklärte das Missgeschick so:

Dd5 ist der offensichtliche Zug. Ich wollte ihn a-tempo spielen, aber dann begann ich zu rechnen und das ist kein gutes Zeichen, wenn du in leichten Gewinnstellungen anfängst zu rechnen!

“Derzeit habe ich einfach nur viel Glück”, war Wesleys Urteil, denn er konnte keine Rettung für sich finden, während Nepomniachtchi in der kritischen Stellung fehlgriff. Dieses Remis könnte für die Schlusstabelle eine große Bedeutung haben, denn nun liegt Wesley nur einen halben Punkt hinter Magnus:


Am Samstag steigt die vorletzte Runde, unter anderem mit der Paarung So vs. Carlsen. Magnus weiß, dass er mit einem Sieg ein weiteres Superturnier eine Runde vor Schluss gewinnen könnte, während Wesley einer der beiden Spieler war, die Magnus in 2018 schlagen konnten (beim Norway Chess). Könnte er das gleiche in Zagreb wiederholen, hätten wir ein anderes Narrativ. Magnus sagte dazu:

Es ist klar, dass nur wir zwei um den Turniersieg spielen, von daher wird die Partie verdammt wichtig. Aber ich fühle mich gut und bin bereit für den Kampf.

Die Übertraung beginnt ab 16:30 Uhr MEZ

Weitere Links:


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