Allgemein 04.07.2020 | 21:53von Fuxia Scholz

Chessable Masters 14: Sieg für Magnus Carlsen!

In einem sehr spannenden zweiten und letzten Match konnte Magnus Carlsen das Turnier Chessable Masters vorzeitig gewinnen. Anish Giri hatte drei gute Chancen zum Sieg, konnte aber keine verwerten. Ein einziger zu schnell gespielter Zug in der letzten Partie entschied schließlich alles zu Carlsens Gunsten.


Hier alle Partien des Finales zum Nachspielen:

Der englische Live-Kommentar mit Yasser Seirawan, Anna Rudolf und Peter Svidler:

Und der deutsche Kommentar mit Josefine Heinemann, Sonja Bluhm und Jan Gustafsson:


Partie 1: Ein spätes Gambit zum frühen Sieg

Die Eröffnung versprach wenig Feuerwerk: Die Abtauschvariante im Semi-Tarrasch, bei der sehr früh zwei Leichtfiguren auf beiden Seiten das Brett verlassen. Weiß hat einen Zentralbauern mehr, dafür aber einen isolierten Bauern am Rand, ansonsten sieht die Stellung wenig spannend aus. Bis zum 15. Zug blieben beide auf ausgetretenen Pfaden:


Hier aber spielte Carlsen den seltenen Zug 16.Te3!?, den wir bisher nur dreimal in der Datenbank haben; die bemerkenswerteste Partie ist wahrscheinlich Wesley So - Leinier Dominguez Perez, 2017, die mit einem Remis endete. Nach 16…Sf6 17.d5 hatten wir endlich eine ganz neue Position auf dem Brett. Die Idee ist hier, die kleine Bauernkette f7, e6 aufzubrechen und dem weißfeldrigen Läufer mehr Gewicht zu geben. Allerdings hatte Carlsen noch mehr im Sinn: 17…exd5 18.e5!? ist ein Gambit, das die Engine nicht überzeugt; für Giri jedoch war das nicht so klar.

Im weiteren Verlauf gewann Carlsen mit h4, f3 und h5 mehr Raum und schuf eine sehr unklare Situation, in der Giri mit 25…Sc5? entschied, den Bauern zurückzugeben:



Ein Fehler, dessen Schwere man auch daran erkennt, dass die Engine Schwarz eher dazu rät, eine Qualität zu geben: 25…Ld5 26.Sd6 Lxb3! 27.Sxe8 Txe8 28.axb3, und Schwarz hat noch Chancen auf Ausgleich. In der Partie ließ sich Carlsen nicht zweimal bitten: Nach 26.Txd4 Txd4 27.Txd4 Sb3 28.Dg3! drohte schon ein Matt auf g7. Es folgten 28…g6 (was sonst?) 29.axb3 und ein zweiter schwerer Fehler Giris: 29…Td8??



30.e6! — die eigentliche Idee des Gambits! Die schwarze Dame ist angegriffen, und 30…Dxg3 geht nicht, weil 31.Txd8# Matt ist, daher 30…Dc1+ (30…Dc5, das den Turm an den König fesselt, sieht sehr unattraktiv aus, denn 31.De5 greift die schwarze Dame erneut an, und nach 31…gxf5 32.Dxc5 bxc5 33.Txd8+ ist nichts mehr zu machen), 31.Kh2 Txd4 32.e7! mit der Matt-Drohung 32.e8=D# 32…Dc8 33.De5 (droht schon wieder Matt auf g7) das verzweifelte 33…Th4+, und hier machte sich Carlsen nicht einmal mehr die Mühe mit Sxh4 (Matt in 9), sondern zog das leicht hämische 34.Kg3 (Matt in 20). Giri gab endlich auf.

Partie 2: Giri verschenkt einen Sieg

Carlsen spielte hier mit den schwarzen Steinen Grünfeld, sehr zur Freude Peter Svidlers. Giri entschied sich für die Abtauschvariante mit 5.Ld2, die mit 5…Lg7 6.e4 Sxc3 7.Lxc3 die berüchtigte Fesselung des c-Bauern vermeidet.



Die Partie dümpelte eine Weile vor sich hin, bis Carlsen den sehr fragwürdigen Zug 14…Le6? spielte:



Giri blunderte mit 15.Lxe6? sofort zurück, übersah ebenso wie Carlsen eine wunderbare Chance: 15.Dh6! mit der Drohung Sg5 und Matt auf h7 15…Df6 16.Sg5 Dg7 17.Dxg7+ Kxg7 18.Lxe6 h6 (18…fxe6? 19.Nxe6+!) 19.Sxf7 Kf6 20.Lb3 c4 21.Sd6 cxb3 22.axb3, und Weiß hätte schlicht zwei Bauern mehr und damit eine sichere Gewinnstellung.

Eine zweite Chance gab Carlsen nicht; die Partie endete Remis mit nur noch den Königen und einem schwarzen Springer auf dem Brett.

Partie 3: Ein brüchiger Stonewall 

Wieder eine scheinbar harmlose Eröffnung: Englisch, Vier-Springer-System, die Nimzowitsch-Variation mit e4, in der Carlsen seinen geliebten Stonewall aufbaute. Es gelang Giri, diesen Aufbau mit einem Angriff am Damenflügel aufzubrechen, und schließlich hatte er sich eine sehr komfortable Stellung erarbeitet, in der die weißen Figuren fast gelähmt erschienen. Die Engine mochte Schwarz hier:



Hier aber schien Giri den Faden zu verlieren. 30…h4?! gab Weiß Zeit, sich besser zu organisieren. Besser wäre gewesen 30…Ta2 31.Dc3 Da6 32.Tb2 Lb5 33.Txa2 Dxa2 34.Dc7 Dd2. Solch nuanciertes Spiel ist in einer Rapid-Partie vermutlich kaum zu finden, aber Carlsen fand immerhin einen Weg, sich zu befreien und die Damen abzutauschen. Auch diese Partie endete Remis.

Partie 4: Die Tragödie

Wieder 1.d4, aber diesmal entschied sich Carlsen für die Cambridge-Springs-Variante, die man nur noch selten sieht, denn sie ist praktisch zu Tode analysiert. Die ersten 17 Züge folgten auch ausgetretenen Pfaden, bis Carlsen 18…a5?! spielte. Noch kein schwerer Fehler, aber die nächsten Züge waren alle suboptimal. Giri gewann Raum und hatte endlich Gelegenheit zu dem schönen Zug 28.Sf6!



Der Punkt ist hier, dass 28…gxf6 29.exf6 Sg6 30.De3 den schwarzen König sehr in die Enge treibt. Jetzt wäre ja auch Th4 möglich oder h4, h5. Darauf wollte sich Carlsen nicht einlassen: 28…Kf8 29.Dg4 (29.Sxe8 findet die Engine noch etwas besser) 29…Tb5 (Carlsen will Material tauschen, möglichst viel, möglichst schnell!) 30.Sh5 mit Mattdrohung auf g7 — wie in Partie 1, nur mit vertauschten Rollen! 

30…g6 31.Df4 wieder mit einer Mattdrohung: Dxh6 Kg8 Sf6#. 31…Sf5? (Sg8 wäre viel besser gewesen) 32.Txb5 Dxb5 33.Lxf5!, und Schwarz kann den Läufer nicht sofort nehmen, weil dann wieder das gleiche Matt wie nach Zug 31 droht. Also 33…g5 und hier hätte Giri 34.Dc1 spielen müssen, um das Folgende zu verhindern. Statt dessen 34.Df3?! exf5 und der schwere Blunder 35.Dxf5?? 



Zu gierig! Mit 35.Sf6 Db3 36.Td3 hätte Giri sich einen Vorteil halten können. Carlsen braucht nur 3 Sekunden, um mit 35…De2 Turm und Springer in die Gabel zu nehmen, und danach hatte Giri nichts Besseres als Dauerschach — und das ist bekanntlich Remis. Carlsen reichte das.

Fazit

Zum dritten Mal in Folge hat Magnus Carlsen ein Match in nur zwei von drei möglichen Sets gewonnen. Ein überzeugender Turniersieg.



Anish Giri war ein starker Gegner, der sich gute Gewinnchancen erspielt hat. Aber Schach ist ein konkretes Spiel: Gut stehen reicht nicht, man muss auch verwerten. Daran arbeitet er jetzt vermutlich.

Mit dem zweiten Platz hat er sich aber nicht nur 27.000 $ erspielt, sondern auch einen Platz in unserem nächsten Turnier, den Legends of Chess, das am 21. Juli beginnt.



Wir von chess24 danken allen, die mitgemacht haben: den Sponsoren Chessable und Julius Baer, den Spielern und Schiedsrichtern, und ganz besonders euch, den Zuschauern!

Natürlich sind wir auch in der Zeit bis zum nächsten Turnier für euch da. Immerhin können wir schon die ersten Nahschachturniere übertragen, und außerdem habe wir jede Menge Shows für euch. Schon morgen laden euch Josefine und Sonja zum Geschwätzblitz ein, und übermorgen widmet sich Lubbes Lernstunde nochmal ausführlich den Partien der Chessable Masters.



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