Berichte 16.09.2018 | 10:19von Colin McGourty

Chess960 Showdown, R4: Knapp vorbei ist auch daneben

An einem Finaltag mit wenig Dramatik in den meisten Matches kam Peter Svidler von den Spielern, die zuvor zurücklagen, dem Sieg noch am nächsten. Er unterlag Hikaru Nakamura am Ende jedoch knapp und musste dabei auch noch das Missgeschick verdauen, dass er mit Garry Kasparov 29 Minuten lang die falsche Chess960-Stellung analysiert hatte. Der frühere Weltmeister unterlag Veselin Topalov daraufhin in nur 15 Zügen, wodurch seine Siege am Ende des Wettkampfs zwar hübsch anzusehen waren, aber definitiv zu spät kamen. Die klarsten Siege feierten MVL und Levon Aronian, die jeweils mit 17,5:8,5 gegen Sam Shankland und Leinier Dominguez gewannen.

Svidler-Nakamura war das aufregendste Match| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Sämtliche Partien des Chess960-Champions-Showdown könnt ihr hier nachspielen:

Und hier das Video mit der Live-Übertragung des letzten Turniertags:

Schauen wir außerdem auf die Endstände der fünf Matches. Veselin Topalov, Hikaru Nakamura, Wesley So, Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian konnten ihre Duelle alle gewinnen und $30.000 Preisgeld einfahren:


Die späteren Sieger hatten bereits am Vortag in Führung gelegen, und in vielen Fällen lautete die Frage nur, wann die Matches entschieden sein würden. Schauen wir uns die Matches in der Dramaturgie des Tages an:

1. MVL 17,5 – Shankland 8,5 | MVL steht sechs Runden vor Schluss als Sieger fest

Maxime Vachier-Lagrave meinte hinterher, dass seine drei Siege in Folge am Vortag „das Match praktisch entschieden haben“, und fügte hinzu, „dass er heute sein bestes Schach zeigen konnte“. Zu Beginn war das Match noch sehr spannend und eng, doch am Ende wurde es zu einer Demonstration des Franzosen, der sieben Partien in Folge gewann, ehe er noch ein Remis abgab. Der US-Meister Sam Shankland sah gegen MVL etwa so aus, wie Kevin, die Flagge im Kampf mit dem Hurricane Florence……

Das Ende des Matches kann mit zwei Partien zusammengefasst werden. In der ersten Partie hatten beide Spieler laut MVL vergessen, dass Schwarz “lang rochieren kann”, indem der Turm auf b8 über den König nach d8 hüpft:


18…0-0-0! an dieser Stelle oder nach 18…c6?! 19.Lxc6 hätte Schwarz klar in Vorteil gebracht. Die Rochaderegeln beim Chess960 bringen aber selbst die Besten durcheinander…

"Vor der Rochade dirgierte Kasparov noch eine Sinfonie."

…und nach 19…Lxc6?! 20.Dxc6+ hatte Weiß Vorteil, den MVL mit einem Figurenopfer brillant verwertete. Schon in der nächsten Partie stellte er den Matchsieg sicher und spielte dann befreit auf. Einmal kam ihm Shankland dabei freundlich zuhilfe und ließ einen entscheidenden Zwischenzug zu:

Noch bevor 13.Da8# aufs Brett kam, gab er jedoch auf!

2. Aronian 17,5 – Dominguez 8,5 | Aronian steht fünf Runden vor Schluss als Sieger fest

Levon sprudelte nur so vor Eröffnungsideen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Aronian brauchte eine Partie länger als MVL, bis sein Sieg feststand, am Ende hatte er aber dasselbe klare Endergebnis vorzuweisen. Zuvor hatten die beiden zusammengearbeitet:

Ich denke, dass ich schneller gespielt habe und mit Maxime zusammen einige interessante und überraschende Ideen gefunden habe!

Veselin Topalov stimmte zu:

Er schien zu verstehen, was man in der Eröffnung tun muss - daher machte ich dasselbe wie er!

Aronians Sieg hätte sogar noch höher ausfallen können, wenn er in einer schwierigen Stellung etwas genauer gerechnet hätte:

Nach 63.Kxh5?? Kc2 kam Schwarz gerade noch rechtzeitig, um den weißen g-Bauern aufzuhalten. Statdessen hätte 63.Kh6! mit anschließendem Schlagen des Bauern auf h7 leicht gewonnen.

3. So 15,5 – Giri 10,5 | So steht vier Runden vor Schluss als Sieger fest

Nicht immer spiegelten die Endergebnisse den Matchverlauf perfekt wider, doch hier ging es nur darum, das „Nötigste zu tun“, um die für den Matchgewinn notwendigen 2,5 aus 8 zu holen, wie Wesley So hinterher einräumte. Die ersten drei Partien des Tages endeten remis, ehe er den Gesamtsieg mit einem netten Angriffssieg mit den schwarzen Steinen sicherstellte. Dabei handelte es sich aber offenbar um einen Fall von „falscher Rochade“:


Die “kurze Rochade” mit 16.0-0?!, bei der der König von c1 nach g1 hüpft, sieht hübsch aus, rennt aber direkt in einen vernichtenden Königsangriff. Mit 16.0-0-0, wobei nur der Turm von b1 nach d1 hüpft, ist zwar kein Zuckerschlecken, hätte aber mehr Chancen geboten.

In Bestform ist Wesley So extrem schwer zu schlagen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Das Match ging mit vier weiteren Remis zu Ende, wonach sich die Äußerungen der beiden Spieler stark ähnelten. Als So gefragt wurde, meinte er, „Einige Spieler sind sehr gut in der Analyse… doch beim Chess960 bringt die ganze Vorbereitung nichts und die kreativeren Spieler sind im Vorteil“. Am Tag vorher hatte Giri noch gemeint, er habe sich in einer taktischen Stellung besser geschlagen, und damit impliziert, So wäre in trockenen und technischen Stellungen eher zuhause.

Auf jeden hatte Giris wichtigster Beitrag des Tages etwas mit Garry Kasparov zu tun…

4. Topalov 14,5 – 11,5 Kasparov | Topalov steht drei Runden vor Schluss als Sieger fest

Erneut setzten sich Garry Kasparov und Peter Svidler zusammen, um gemeinsam die letzte chess960-Stellung zu analysieren, doch dieses Mal ging der Schuss gewaltig nach hinten los! Hier die ausgeloste Stellung:

Dei Kommentatoren stellten schnell fest, dass das interessanteste Element dieser Stellung die Dame g1 ist... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Und hier unsere Helden bei der Arbeit…

Wer findet den Unterschied? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Leider sind bei dieser Stellung Dame und Turm auf der f- und g-Linie vertauscht! Garry erzählte hinterher die gesamte Geschichte:

Gemeinsam mit Peter habe ich 29 Minuten lang eine falsche Stellung analysiert! Dann kam Giri vorbei und meinte, „Moment mal, seid ihr sicher, dass das die richtige Stellung ist!?“ Ich will niemandem die Schuld zuschieben, aber Peter hat sich die Stellung angeschaut. Mein Fehler, ich hätte selbst schauen müssen…

Peter war tags darauf immer noch geknickt:

"Mist zu bauen, wenn dein größter Held sich mal wieder auf der großen Bühne des Schach blicken lässt, ist ein ernster Kandidat für die fünf schlimmsten Momente, morgens um drei nassgeschwitzt aus dem Schlaf zu schrecken." 

Witzigerweise war das nicht einmal der schlimmste Unfall, der Svidler bei der Vorbereitung mit einem Weltmeister unterlaufen ist. In Partie 8 des WM-Match Kramnik-Leko im Jahr 2004 brachte Kramnik eine extrem scharfe Variante des Marshall-Angriffs aufs Brett, deren Loch Peter Leko nach langem Nachdenken am Brett fand. Svidler räumte später ein, dass er als Mitglied des Teams Kramnik die Stellung auf dem Brett gehabt hatte, doch auch hier war letztlich der Spieler am Brett für seine Züge verantwortlich.

Dieser Unfall hätte um ein Haar die Schachgeschichte verändert, doch am Ende konnte Kramnik die letzte Partie gewinnen und seinen Titel verteidigen. In St. Louis ging es um deutlich weniger, aber Kasparov konnte sich von diesem Schlag nicht mehr erholen. Er klagte:

Hätte ich sie mir gar nicht angeschaut und mich direkt ans Brett gesetzt, wäre das besser gewesen!

In der ersten Partie war er als Schwarzer von seinem Spiel in der Eröffnung so angewidert, dass er im 15.Zug aufgab, als man zumindest noch Widerstand leisten konnte. Die zweite Partie war fast noch schlimmer, obwohl er womöglich erst hinterher erfuhr, dass er den Gewinn ausgelassen hatte!

"Ich hatte gerade das zweifelhafte Vergnügen, Kasparov telefonisch mitzuteilen, dass er den Gewinnzug 30.Lh5!! übersehen hat."

Topalov gewann die dritte Partie in nur 19 Zügen…

…wodurch Kasparov die restlichen fünf Partien gewinnen musste, um das Match noch unentschieden zu gestalten. Immerhin gewann er die nächste Partie nach einer hübschen Kombination, obwohl die anschließende Verwertung durchaus fehlerhaft verlief!


13.Sxf5! Dxg1 14.Sxd6+ (die Pointe!) 14…Sxd6 15.Txg1

"Trotz eines Leichtsinnsfehlers gewann Kasparov die Partie. Er muss nun die restlichen vier Partien gewinnen, um ein Unentschieden zu erreichen."

Topalov war jedoch nicht mehr aufzuhalten, denn der Bulgare gewann die nächste Partie als Schwarzer in nur 18 Zügen. Er war sehr zufrieden, zumal er im Vorjahr noch eine böse Schlappe gegen Hikaru Nakamura einstecken musste. Topalov räumte ein, dass sein Gegner seine Chancen nicht ausreichend genutzt habe, fasste aber zusammen: „Unterm Strich habe ich das Match aus meiner Sicht dominiert.“

Das Schachbrett macht selbst die Größten demütig | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Noch war das Match aber nicht vorbei, und Garry konnte am Ende noch ein paar Siege einfahren. Erst wurde die schwarze Dame gefangen…

….ehe in der letzten Partie der Höhepunkt folgte:


Es begann mit dem Qualitätsopfer 14…c4!!, und danach gewann er die Partie, ohne dass sein Gegner einen gröberen Fehler begangen hätte.

5. Nakamura 14 – 12 Svidler | Nakamura steht zwei Runden vor Schluss als Sieger fest

Peter Svidler schlug sich nach dem Analyse-Missgeschick besser, wenngleich er in der ersten Partie nach einem Qualitätseinsteller in guter Stellung hart ums Remis kämpfen musste. Wie Kasparov übersah in der nächsten Partie etwas Schwerwiegendes… 

"Beidseitige Blindheit. Nakamura und Svidler übersahen das einfache Txb8!"

In der Tat hing der Läufer auf b8, doch Svidler hatte Glück und konnte mit einem Sieg den Ausgleich im Match herstellen. Damit schien Spannung bis zum Schluss garantiert, doch Nakamura stellte im Anschluss mit vier Siegen in Folge den vorzeitigen Matchsieg sicher. 

Wie läufts bei der Analyse, Jungs? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Svidler gewann die letzten beiden Partien und stellte damit zumindest einen Gleichstand nach Siegen her:


Da die Schnellpartien zwei Punkte zählten, gewann Nakamura aber mit zwei Punkten Vorsprung. Auf den knappen Ausgang angesprochen, meinte er hinterher:

Das Match war gut, und das lag zum großen Teil daran, dass wir beide schon viel Erfahrung im Fischer-Schach gesammelt hatten. In den anderen Matches war die Diskrepanz größer. Einige Spieler hatten schon Erfahrung damit und andere nicht, daher war unser Match das knappste.

Die Tatsache, dass alle Matches spätestens zwei Runden vor Schluss entschieden waren, löste eine Diskussion aus, wie der Modus verbessert werden kann. Eine offensichtliche Möglichkeit wäre ein K.O.-Format, damit die Spieler nicht vier Tage lang gegen denselben Gegner antreten müssen. Auch ein Match USA gegen die Welt im Scheveninger-Format wurde vorgeschlagen, zudem kam die Frage auf, ob es schlau ist, mehrere Schnell- bzw. Blitzpartien gleichzeitig auszutragen: 

"Bartholomew: Meine Meinung ist vielleicht unpopulär, aber ich denke, man musste zu viele Partien gleichzeitig verfolgen.

Eric Hansen: Stimme zu. Entweder sollte man weniger Matches austragen oder diese zeitversetzt stattfinden lassen. Das wird in anderen Sportarten auch gemacht." 

Wir haben schon oft erwähnt, dass Vlad Tkachiev darauf besteht, dass nur eine Partie gleichzeitig stattfinden sollte.

Die andere Frage ist, wie erfolgreich Chess960 sein kann. Für die Spieler ist es eine erfrischende Abwechslung, bei der es um keine Elo-Punkte geht. Veselin Topalov bezweifelt aber, dass das auch für Amateure gilt:

Das Problem ist, glaube ich, dass die Fans nicht verstehen, was den Unterschied für uns ausmacht. Sie haben nicht dieselben Probleme wie wir und die Theorie langweilt sie nicht so sehr wie uns!

Schach ist ein schwierig zu verstehendes Spiel, und es ist fraglich, ob Chess960 zu seiner Popularisierung beiträgt, aber wie Svidler und andere betonten – es gibt viel Spielraum für neue Formate. 

Kasparov gelang es, uns bestens zu unterhalten! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Garry Kasparov glaubt jedenfalls daran:

Ich bin sehr glücklich, dass wir etwas vermutlich Historisches vollbracht haben.

Auf jeden Fall ist alles gut, was dafür sorgt, dass er sich ans Schachbrett setzt!

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