Berichte 13.09.2018 | 13:58von Colin McGourty

Chess960 Showdown, R2: Ein guter Tag

“Heute ist ein guter Tag”, meinte Peter Svidler, als er nach Bekanntgabe der Chess960-Stellung für den zweiten Turniertag des Champions Showdown in St. Louis die Gelegenheit bekam, diese mit Garry Kasparov zu analysieren. Danach trennten sich die Wege der beiden aber – während Kasparov nach eigener Einschätzung zwar stärker als an Tag 1 spielte, dabei aber eine Figur einstellte und zwei Partien gegen Veselin Topalov verlor, konnte Svidler mit einem Sieg sein Match gegen Hikaru Nakamura ausgleichen. Da MVL es schaffte, schon nach zehn Zügen einen Turm zu verlieren, ist Wesley So der einzige Spieler ohne Niederlage.

Wesley So kann angesichts seiner klaren Führung völlig entspannt sein | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien des Champions Showdown könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Live-Übertragung mit Jennifer Shahade, Yasser Seirawan und Maurice Ashley sowie Interviews mit Peter Svidler, Garry Kasparov, Wesley So, Sam Shankland und Levon Aronian:

Und hier die Zwischenstände nach dem zweiten Turniertag (Schnellpartien zählen doppelt):


Schauen wir uns die Matches wieder der Reihe nach an:

Kasparov 4 - 8 Topalov

Trotz kleinerer Stolperer konnte Topalov sehr zufrieden sein! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

“Meines Erachtens habe ich heute besser gespielt als gestern”, lautete Garry Kasparovs Urteil, doch im Ergebnis schlug sich das nicht nieder. Mit Weiß gelangen ihm zwei Remis, aber er verlor beide Schwarzpartien und hat nun in seinem Match gegen Veselin Topalov vier Punkte Rückstand. Mit entscheidend war die erste Partie des Tages, in der Kasparov eine Stellung hatte, „von der man mit Schwarz nur träumen kann“. Dann aber übersah er ein entscheidendes Detail, als er seine Springer in Angriffsposition brachte:


Kasparov hatte alle Angriffsszenarien sauber berechnet, doch dann machte Topalov das, was an Tag 1 nur Levon Aronian und Anish Giri getan hatten und rochierte lang! Der Ex-Weltmeister hatte übersehen, dass der König beim Chess960 mit einem einzigen Zug nach c1 flüchten kann.

Die Partie entwickelte sich zu einem zweischneidigen Thriller, in dem Weiß immer besser stand und schließlich nach 42 Zügen in zwei Zügen mattsetzen konnte!


42.h8=D+ führt zu Matt im nächsten Zug – z.B. nach 42…Txh8 43.Df7# Auch Topalovs 42.Tb5 war völlig in Ordnung, doch zögerte er damit das Ende unnötig hinaus. Der letzte Zug der Partie war 48.b8=D, doch anstatt in eine Dame umzuwandeln stellte Topalov einfach seinen Bauern nach a8: 

Kasparov dachte, dass der illegale Zug für seinen Gegner grundsätzlich zum Verlust geführt hätte, meinte aber: „Die Partie war verloren, und ich hatte keine Lust, irgendwas anderes zu behaupten.“ In Wirklichkeit wäre Topalov bei einer entsprechenden Reklamation nur verwarnt worden und hätte eine Zeitstrafe bekommen, wonach die Partie wieder ihr logisches Ende genommen hätte.

Kasparov meinte, diese „Katastrophe“ in einer guten Stellung habe sich „furchtbar auf ihn ausgewirkt“. Nachdem er mit den weißen Steinen anschließend nichts erreichte, musste er in der ersten Blitzpartie die nächste Niederlage hinnehmen. Dieses Mal war 37…Tf5?? der schlimme Fehler, der dem Läufer die Diagonale abschnitt:


38.Td2! Lb1 39.Tb2! und der Läufer hat kein Feld mehr. 

Garry meinte hinterher, es sei “keine gute Idee, eine Figur einzustellen”, benutzte diesen einzügigen Fehler aber nicht als Ausrede:

Solche Einsteller kommen nicht von ungefähr - sie sind das Resultat, wenn man sich unwohl fühlt.

Kasparov wird sicher weiter bis zur letzten Patrone kämpfen – am Mittwoch drängte er seinen Gegner fast aus dem Bild, als er den Tisch bei der Suche nach guten Zügen immer weiter zur Seite schob!

Nakamura 6 - 6 Svidler

Nakamura bereitete sich mit dem Team USA vor | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Dies ist das einzige Match mit einem ausgeglichenem Spielstand, und das Ergebnis spiegelt den bisher knappen Verlauf gut wieder. Peter Svidlers Fazit war schon fast paradox, wenn man bedenkt, dass Chess960 berühmt dafür ist, dass man keine Vorbereitung braucht:

Ich bin mit dem Ausgang sehr zufrieden! Ich bin nicht ganz sicher, dass ich wirklich gut gespielt habe, aber mit +1 bin ich am Ende des Tages definitiv einverstanden. Ich glaube – und das klingt natürlich wie ein Witz – dass Hikaru mich heute komplett auspräpariert hat! Er hatte Ideen, wo ich keine hatte, und er bekam mehr vielversprechende Stellungen mit Weiß und hatte mit Schwarz keine Probleme. Einige Partien waren recht trocken, doch die Blitzpartien waren sehr interessant, und ich bin froh, dass ich sie gut überstanden habe!

In der zweiten Schnellpartie hatte Svidler gute Gewinnchancen, er gab aber zu, dass er einen Zug von Nakamura nur deshalb zuließ, weil er nicht gesehen hatte, dass in der vorher beabsichtigten Variante seine Dame hing, was „meinen Plan zunichte machte, mit Schachgeboten in drei Zügen mattzusetzen, und ich deshalb neue Ideen brauchte!“ Das gelang ihm und nach drei Remis endete der Tag dramatisch.

Svidler stand besser, gab Nakamura dann kurz die Chance, seinerseits ans Ruder zu kommen, ehe der Todesstoß folgte:


Svidler erläuterte:

Die letzte Partie war chaotisch, und ich spielte dieses 47…g6, einen Zug, den ich für sehr schön hielt. Stattdessen hätte ich mit Schachgeboten in fünf Zügen mattsetzen können, was definitiv einfacher gewesen wäre. Ich stand auf und Sam Shankland fragte, “Ich frage nur aus Neugier, was war an 47…Th1+ 48.Kg2 Dd2+ 49.Kxh1 De1+ und Matt verkehrt?” Ich sagte, “Nichts…”. Unterm Strich bin ich deshalb froh, dass ich diesen Tag mit einem Punkt mehr beendet habe.

47...g6!! war auf jeden Fall ein schöner Zug, und vielleicht war Svidlers Schach an diesem Tag von seiner Analyse mit Kasparov inspiriert, denn die beiden saßen zusammen, als die neue Chess960-Stellung bekannt gegeben wurde.

Die neue Stellung wird bekanntgegeben| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Kasparov und Svidler machen sich an die Arbeit... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

... und dann geht es los! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Er meinte zu Maurice Ashley:

Das war ein extrem guter Tag für mich, da ich mit Garry über Schach reden konnte, und es ist sehr schwer zu beschreiben, wie gut das tut. Es ist so lange her, dass ich mit Garry am Brett saß und über Schach diskutierte, und es ist ein großes Vergnügen für mich, dass ich das nun tun konnte. Offensichtlich haben wir nicht viel richtig kapiert, aber das ist unwichtig, da es einfach toll ist, mit ihm eine Stunde lang Möglichkeiten durchzuspielen und Stellungen zu diskutieren, also einfach mit ihm über Schach zu reden – heute ist einfach ein guter Tag!


Giri 3 – 9 So

Überraschend ist dieses Duell bisher eine klare Angelegenheit, da Wesley So in überragender Form ist und nun als einziger Spieler noch ungeschlagen ist. Wieder meinte er, dass „Chess960 viel besser als normales Schach“ sei und zeigte in der zweiten Partie des Tages einmal mehr, wie gut sein Stellungsgefühl in wenig vertrauten Positionen ist. Aus seiner Sicht „war Giri etwas zu ambitioniert und merkte nicht, dass er plötzlich schlechter stand“. Die Computer geben 10.e5?! die Schuld (10.exd5 mit Damentausch, und die Remischancen sind groß). Die weißen Figuren waren bereits überlastet, als Giri 19.Tg1 spielte:


19…Sc4! 20.Sxc4 20.Te2! und der Doppelangriff auf die Dame und g2 ist fatal. Nach 21.Se5 Dxb1! gab Weiß auf.

Post-mortem | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die erste Blitzpartie verlief ähnlich brutal, mit dem letzten Zug demonstrierte Weiß eindrucksvoll seine Dominanz: 


28.Lb6! Schwarz gab auf.

Shankland 5,5 – 6,5 MVL

Sam Shankland schlug den Springer auf f5, stellte seine Dame nach b5, und hatte nach weniger als zehn Zügen eine Gewinnstellung gegen einen Super-GM! |Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Sam Shankland räumte ein, dass Maxime Vachier-Lagrave, “ihn beim Blitzen wie ein Kind aussehen ließ”, doch in der ersten Schnellpartie an Tag 2 waren die Rollen vertauscht, als er 8…Db5! entkorkte:


Sam Shankland bezeichnete die Ausgangsstellung als “etwas abgefahren”, mit Gefahren für beide Seiten. Im konkreten Fall ist der Doppelangriff auf f5 und b2 das Problem. Shankland erklärte sich MVLs Turmopfer im 9.Zug mit 9.Lf2??!, wonach 9…Dxb2 einfach den Turm auf a1 gewinnt, damit, dass die französische Nummer 1 sich bewusst dafür entschieden hatte, aber es ist auch möglich, dass er übersehen hatte, dass der Springer auf d3 gefesselt ist. In der Partie stand Weiß früh auf Verlust, doch in einer Blitzpartie hätte Weiß das Blatt vielleicht noch wenden können, wenn Schwarz mit 15…Sf7?? das Matt nach 16.Dxf8+! zulässt. Mit ausreichend Bedenkzeit spielte Schwarz aber 15...Lf7 und Weiß gab nach 18 Zügen auf.

MVLs Begeisterung über diese Stellung ließ bald nach! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Der Franzose schlug direkt zurück, als Shankland ein Bauernopfer falsch einschätzte und schon nach 12 Zügen fast auf Verlust stand, doch der Tag sollte ein gutes Ende für den US-Meister nehmen. Er meinte hinterher:

Vor dem Match machte ich mir über die Schnellpartien wenig Sorgen – vermutlich ist er der bessere Spieler als ich, dachte ich, aber ich kann sicher einigermaßen mithalten. Ich den ersten vier Schnellpartien habe ich aus meiner Sicht besser als er gespielt. Vermutlich ist er unterm Strich immer noch der bessere Spieler, doch richtig Angst hatte ich vor dem Blitzen. Er ist aus meiner Sicht der klar bessere Blitzer, daher ist 1,5 aus 4 ein gutes Resultat.

Sam musste in der ersten Blitzpartie hart arbeiten und sich mit Turm gegen Turm und Läufer verteidigen...

...doch in der zweiten stand er schon früh quasi auf Gewinn. Wieder hatte MVL Turm und Läufer, aber dieses Mal hatte Shankland zum Turm einen Springer plus Mehrbauern, den er souverän verwertete.

Aronian 8 – 4 Dominguez

Aronian tauschte sich vorher mit MVL aus | Foto: Spectrum Studios, Turnierseite

Auch Levon Aronian konnte mit dem Tag zufrieden sein, denn dank zwei Siegen baute er seine Führung gegen Leinier Dominguez auf vier Punkte aus. Vor allem der Sieg im Schnellschach war beeindruckend!


Nachdem Dominguez 24…Sc6 gezogen hatte, hatte er nur noch zwei Minuten gegen sieben Minuten seines Gegners. Aronian spielte 25.Txh6, was bei den Live-Kommentatoren Erinnerungen an den “Gangsterzug” Txf7!? gegen Alexander Grischuk beim Sinquefield Cup weckte. Das ging vielleicht ein wenig zu weit, da nach der Annahme des Opfers die weiße Dame nach g6 kommt und die Partie durch Dauerschach vermutlich direkt vorbei wäre. Aronian entschied sich dafür weiterzuspielen: 

Ich hatte wieder mehr Zeit, und damit spiele ich auf Gewinn. Mir war klar, dass die Stellung extrem scharf ist und der Schuss nach hinten losgehen konnte, doch das ist eben meine Art, Schach zu spielen. Ich muss mir treu bleiben. 

Dominguez lehnte das Opfer mit 25…Se5!? 26.Dh7+ Kf8 27.Kg3 ab und spielte dann das auf den ersten Blick starke 27…Sf7??


Nach dem vernichtenden 28.Tg6! war die Partie im höheren Sinne vorbei, auch wenn Dominguez erst im 35.Zug aufgab.

David Martinez und Pepe Cuenca von chess24 kommentieren für die spanischen Zuschauer! | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Heute stehen noch zwei Schnellpartien plus zwei Blitzpartien auf dem Programm, ehe am Freitag mit acht Blitzpartien der Abschluss folgt. Alle Partien könnt ihr live ab 20 Uhr auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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