Berichte 12.09.2018 | 14:25von Colin McGourty

Chess960 Showdown, R1: So und MVL mit starkem Auftakt

Garry Kasparov und Veselin Topalov gewannen zum Auftakt des Champions Showdown in St. Louis jeweils eine Partie, doch der Bulgare liegt wegen des Schnellschachsieges in Führung. In jedem Match fanden zwei der vier Partien einen Sieger, und nur Wesley So und Maxime Vachier-Lagrave konnten eine Niederlage vermeiden. So gewann 4,5:1,5 gegen Anish Giri, während MVL seinem Gegner Sam Shankland eine Lektion im Blitzschach erteilte. Da Chess960 mit zufällig ermittelten Anfangsstellungen gespielt wurde, bot der erste Turniertag eine gute Mischung aus dynamischen Möglichkeiten und „Normalität“.

Kasparov feierte sein Comeback gegen Topalov in St. Louis | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Beim Champions Showdown 2018 werden fünf Einzelwettkämpfe ausgetragen, in denen es jeweils $50.000 zu gewinnen gibt. Der Sieger erhält $30.000, der Verlierer $20.000. Jedes Match besteht aus sechs Schnellpartien mit 30 Minuten plus 10 Sekunden Verzögerung, bei denen ein Sieg zwei Punkte zählt, sowie vierzehn Blitzpartien mit 5 Minuten plus 5 Sekunden Verzögerung, bei denen ein Sieg einen Punkt zählt. Am ersten Turniertag wurden nach zwei Schnellpartien zwei Blitzpartien gespielt – alle Partien könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die gesamte Live-Übertragung, darunter auch Interviews mit Garry  Kasparov, Hikaru Nakamura, Wesley So und Veselin Topalov:

An den ersten drei Turniertagen wird jeweils eine Chess960-Stellung ausgelost, und am Schlusstag werden dann zwei Stellungen gespielt. Im Anschluss haben die Spieler eine Stunde Zeit, sich über die Stellung Gedanken zu machen - dabei können sie sich von ihren Sekundanten oder Super-GMs beraten lassen, aber nicht von Schachprogrammen!  

Schauen wir uns die einzelnen Matches von Tag 1 an:

Kasparov 2,5 – 3,5 Topalov

Gut dreizehn Jahre ist es nun her, seitdem Garry Kasparov am 10.März 2005 seinen Rücktritt erklärte. Zuvor hatte der Ex-Weltmeister das Supergroßmeisterturnier von Linares gewonnen, dabei aber in der letzten Runde gegen Veselin Topalov verloren. Damit steht das aktuelle Match unter dem Vorzeichen einer möglichen Revanche, wobei sich die beiden durchaus gegenseitig respektieren. Topalov übernahm damals zumindest eine Zeit lang die Nummer 1 der Weltrangliste von Kasparov und ist nun mit 43 Jahren auch nur noch Halbprofi. Nach dem letztjährigen 1,5 zu 10,5-Debakel gegen Hikaru Nakamura beim Champions Showdown hat er nur noch ein großes Turnier bestritten. In Shamkir startete er mit zwei Siegen, verlor dann aber die letzten drei Partien, und zuletzt trug er einen Zweikampf gegen Ding Liren aus, der an den Chinesen ging.

Noch einige Ratschläge vom Meister, bevor es losgeht? | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Chess960 hat für die Spieler Vorteile, was auch Kasparov so sieht:

Das fühlte sich heute Morgen richtig merkwürdig an. Im Gegensatz zu früher und dem vergangenen Jahr in St. Louis musste ich mir nichts ansehen, brauchte keine Vorbereitung, musste keine Varianten mit dem Computer analysieren…

Dafür ging die Arbeit direkt mit dem ersten Zug los, da es beim Chess960 keine Theorie gibt. Garry sprach über die Stellung mit Springern auf a1 und h1:

Ich muss sagen, dass ich mich wegen dieser Stellung nicht verrückt gemacht habe. Ich mag eigentliche keine Finachetto-Springer, Läufer sind mir deutlich lieber. Eine komplizierte Stellung!  

Wesley So hob jedoch hervor, dass es noch verrücktere Stellungen gibt:

Abgesehen von den Springern am Rand ist die Stellung sehr logisch, denn alle Figuren stehen auf guten Feldern und jeder Bauernzug im Zentrum öffnet eine Diagonale... Der weiße König steht sehr sicher und kann direkt den Bauern auf h2 decken.

Die Rochade war bereits im ersten Zug möglich, wie bei der 139 Züge langen Partie zwischen Hikaru Nakamura und Magnus Carlsen, die diese im Rahmen ihres Chess960-Match gespielt haben, doch Kasparov entschied sich für Bobby Fischers Lieblingszug. Immerhin spricht man auch von Fischer Random Chess...

Die erste Partie sah bald wie “normales” Schach aus und endete mit Remis durch Zugwiederholung, als Topalov einsah, dass Kasparov als Weißer ausreichende Kompensation für das Bauernminus hatte. Die zweite Partie verlief deutlich spannender und begann mit dem Zug des Tages, 1.c4, der die anderen Möglichkeiten klar in den Schatten stellte:

·         1.c4 – 10 Partien

·         1.d4 – 5 Partien

·         1.e4 – 4 Partien

·         1.f4 – 1 Partie: dank Peter Svidler! 

Außerdem kam die interessanteste Eröffnung des Tages auf das Brett. 1.c4 greift direkt den Bauern h7 an, und vier Spieler (Giri, Svidler und Dominguez folgten Topalov) nahmen den Gambitbauern: 1.c4 e5 2.Qxh7!?

"Ein Bauer ist ein Bauer, auch beim Chess960?"

Nakamura meinte später, “Lev verhinderte das Schlagen in seiner Partie gegen Leinier mit 1…c6, aber wir anderen haben es nicht gesehen und spielten 1…e5”, doch wie es aussieht, muss Schwarz den Bauernraub gar nicht fürchten. Selbst Dominguez, der 1...c6 auf dem Brett hatte, spielte in der nächsten Partie auch 1…e5!

Nach 2…Sg6! gewinnt Schwarz durch die Vertreibung der Dame direkt ein Tempo, und als Kasparov die mutigen Züge 5…b5!7…d5 und 8…c5 folgen ließ, hatte er schnell eine gute Stellung erreicht. Dennoch fühlte er sich nicht besonders wohl:

Das Problem ist, wenn du nicht in Form bist, hast du zwar eine gute Stellung, doch es gibt so viele Möglichkeiten und die Uhr tickt... Ich schaute mir diesen und jenen Zug an, und am Ende spielte ich schlecht.

Im 9.Zug hätte er einfach die Qualität gewinnen können:


Auf 8…La5! gibt es keine gute Antwort, aber Kasparov hatte Probleme mit den unüblichen Feldern, auf die die Figuren beim Chess960 gezogen werden können:

Das ist das Problem mit der Geometrie. Man erwartet nicht, dass der Läufer nach a5 geht und den Turm auf e1 fängt.

Nach 8…e4?! konnte Topalov selbst ein kraftvolles Qualitätsopfer bringen und die Partie im Endspiel gewinnen. Beide Spieler waren mit ihrer Leistung zufrieden, der Bulgare meinte dazu:

Irgendwie ist es mir gelungen, schnell zu spielen, und viele meiner Züge waren gut und natürlich. Ich spielte sehr schnell und war zufrieden mit der Qualität meines Spiels.

Veselin Topalov wartet auf die Bestie... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die erste Blitzpartie verlief recht ausgeglichen, doch in der letzten Partie des Tages konnte Kasparov einen Rechenfehler seines Gegners bestrafen:


Auch Topalov schien der Geometrie des Fischer-Random-Schachs hier nicht gewachsen, da er übersah, dass Schwarz nach 16.Txe6?! Dxe6 17.Lb3 mit 17…Sd5 18.Dd3 Sac7 alles überdecken konnte, da der a8-Springer alles zusammenhält. Die Verwertung war aber alles andere als einfach, und am Ende hatte Kasparov nur noch sieben Sekunden auf der Uhr. Topalov hätte mit 40.Sxh4 das Remis erreichen können, aber stattdessen schleuderte er den Verlustzug 40.Dxg6?? aufs Brett. Kasparov meinte, “er brauchte heute ein wenig Glück”, doch der 55-Jährige hat seinen Killerinstinkt noch nicht eingebüßt, wie 40...De2+! und Matt in 3 Zügen zeigte:

Topalov liegt nach Tag 1 in Führung, da das Schnellschach doppelt zählt, aber reicht seine Strategie aus? 

Die beste Herangehensweise gegen Garry besteht darin, einfach zu ignorieren, dass du gegen ihn spielst, und sich auf die Stellung zu konzentrieren... die stärkste Waffe sind die besten Züge! 


Svidler 2,5 – 3,5 Nakamura

Nakamura - Svidler zeigten viele unterhaltsame Partien! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Nach einer recht ruhigen Partie zu Beginn ging es beim zweiten Duell richtig zur Sache:

"Nach zehn Zügen haben Svidler und Nakamura jeweils eine Figur entwickelt: Svidler die Dame, Nakamura einen Turnier. Was ist mit den Eröffnungsprinzipien passiert?"

Hikaru Nakamura bekam die Chance, den Bauernraub 1.c4 e5 2.Qxh7 zu bestrafen und entwicklete einen kreuzgefährlichen Angriff gegen Svidlers ästhetisch überzeugenden, aber nicht ganz sattelfesten Aufbau am Königsflügel:

"Der schwarze Springer tritt seine lange Reise bis zum Matt auf g3 an?!"

16.Td1? erwies sich hier als Verlustzug, den es folgte 16…e4!, unter anderem mit der brutalen Drohung 17…Te5 samt Damenfang. Svidler musste die Dame opfern, konnte die Niederlage aber nicht verhindern. Dafür konnte er sich in der ersten Blitzpartie revanchieren, als er einen gelungenen Gegenangriff startete und gewann. 

In der letzten Partie packte er dann das erwähnte 1.f4!? aus. Der originelle Ansatz erwies sich als vielversprechend, doch er konnte seinen Vorteil nicht verwerten und geht mit einem Rückstand von einem Punkt in den Schlusstag. Allzu sauer schien er deswegen aber nicht zu sein:

Giri 1,5 – 4,5 So

Anish Giri konnte zuletzt online ein Match gegen Shakhriyar Mamedyarov gewinnen und stimmte sich nun auf seinen Wettkampf gegen Wesley So ein…

"Bin in Detroit und bereite mich auf das morgige Chess960-Match gegen Wesley So vor."

…doch in der zweiten Schnellpartie ging einiges schief. Giri ist bekannt für sein großes Eröffnungswissen, aber in dieser unvertrauten Stellung stand er bereits nach 10 Zügen auf Verlust. So machte keinen Fehler mehr und holte souverän den ganzen Punkt.

Giri und So waren beide glänzend angezogen | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Die Chance zur Revanche kam in der ersten Blitzpartie, doch Giri zeigte im falschen Moment, dass er sich mit den Möglichkeiten beim chess960 beschäftigt hatte!


19.fxe5! gibt Weiß entscheidenden Vorteil (Lh3+ ist nur ein Schach), aber stattdessen zeigte Giri mit19.0-0-0?, dass er weiß, wie man beim Chess960 rochiert. Ansonsten rochierte nur noch Levon Aronian lang, in zwei aufeinanderfolgenden Partien aber mit wenig Erfolg. Nach 19…Lxe4 war der Großteil des weißen Vorteils verschwunden und nach einem Endspielfehler von Giri konnte So sogar den ganzen Punkt einfahren. Ein Remis in der letzten Partie machte die Ausgangslage für Giri nicht besser, zumal sein Gegner ein Fan dieser Variante ist – “Ich mag Chess960 mehr als normales Schach”, meinte So zu Maurice Ashley.

MVL 4 – 2 Shankland

Im St. Louis Chess Club feierte Sam Shankland seinen größten Triumph, aber Blitzschach gegen MVL ist immer hart |Foto: Spectrum Studios, Turnierseite

In den ersten beiden Partien hatte Sam Shankland die Oberhand, sie endeten aber beide remis. Beim Blitzen zeigte Maxime Vachier-Lagrave dann aber, was in ihm steckt! 14…Se3+!! war der vielleicht schönste Zug des Tages…

…obwohl das anschließende Damenopfer nicht minder brillant war: 15.Lxe3 fxe3 16.Sf3 exf2!! 17.Sxe5 Lh4! 18.g3 Lh3+ 19.Tg2 Lxg3! Weiß gab auf. Was für eine Partie!  

Sam schaffte in der nächsten Partie zwei Züge mehr, aber angenehmer verlief sie kaum. Im 11. Zug hätte er die Initiative ergreifen können, aber in einer Blitzpartie war das nicht leicht zu sehen:


11…Lc7! bereitet 12…Le5! im Falle von 12.Sxg7? vor, und da die weiße Dame aus b1 hängt, steht Schwarz schon fast auf Gewinn. In der Partie folgte auf 11…f6? trotzdem 12.Sxg7!!, wonach 12…Kxg7 an 13.Lxf6+! scheitert, weil dieses Mal die ungedeckte schwarze Dame auf b8 fällt. Shankland versuchte mit 12…Lc7 das Schlimmste zu verhindern, doch die Aufgabe war hoffnungslos: 

Nach 21…Kxh7 22.Dd7+ kann Schwarz das Matt auf g7 nur noch wenige Züge hinauszögern.

Aronian 3,5 – 2,5 Dominguez

Aronian im lockeren Austausch mit Svidler vor Beginn der Partien | Foto: Austin Fuller, Turnierseite 

Levon Aronian war der einzige Spieler, der in der ersten Runde gewinnen konnte, und das auf überzeugende Weise. Leinier Dominguez spielte langsam und wurde schließlich Opfer eines Mattangriffs, bei dem Weiß nicht einmal Material opfern musste:

"Die Uhr ist Dominguez' Feind, als Aronian den ersten Sieg des Tages erringt!"

Wir hatten bereits die zweite Partie erwähnt, in der Aronians 1…c6 laut Nakamura den Zug 1.c4 „widerlegte“, doch danach passierte nicht mehr viel. Die dritte Partie war vielleicht die wildeste des gesamten Tages, denn beide Spieler vergaben klaren Vorteil, ehe Aronian schließlich in der letzten Partie noch einen ganzen Punkt einfuhr. Dabei handelte es sich ebenfalls um eine chaotische Angelegenheit, in der Aronian gute Rettungschancen hatte, am Ende aber fehlgriff:


32.e6+! mit Gewinn des Turms auf h8 war der simple Gewinnzug.

Kann Garry zurückschlagen? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Bereits heute Abend geht es beim Champions Showdown weiter. Seid live dabei, wenn es auf chess24 um 20 Uhr weitergeht!

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