Berichte 05.09.2019 | 19:30von Colin McGourty

Chess 9LX, Tag 3: Caruana besiegt Kasparov

Garry Kasparovs Albtraum wurde zur Realität, als er gegen Fabiano Caruana in Gewinnstellung die Zeit überschritt. Das war auch zeitgleich der dramatischste Moment am dritten Tag der St. Louis Chess960. Der 13. Weltmeister konnte sich von diesem Rückschlag nicht mehr erholen und fiel mit 3,5:14,5 weiter zurück. Damit ist das Match zwischen den beiden sogar vor den 8 Blitzpartien vorbei. Wesley So fehlt noch ein Remis, um den Gesamtsieg gegenüber Veselin Topalaov klarzustellen, während die Hoffnungen auf Spannung bei Aronian-Nakamura liegen. Der Ausgang des Matchs ist nach einem guten Tag für Naka wieder offen.

Garry Kasparov ging die Zeit aus | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Doch zuerst eine Ankündigung: Weltmeister Magnus Carlsen wird Jan Gustafsson morgen in Oslo ab 18 Uhr joinen und gegen chess24 Premium-User Geschwätzblitz spielen. Du wirst also wieder eine Chance haben, gegen den besten Spieler aller Zeiten anzutreten: Geschwätzblitz mit Magnus Carlsen.

Doch davor hat unsere Aufmerksamkeit erst einmal ein anderer "bester Spieler aller Zeiten"! Alle Partien aus St. Louis kannst du wie immer hier nachspielen:

Und hier gibt es den Live-Kommentar zur Runde:

Caruana 14,5:3,5 Kasparov: Eine Albtraum-Show

Fabiano Caruana blieb ruhig und nutzte die Chancen, die sich ihm ergaben | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Am dritten Tag gab es im Caruana-Kasparov-Match ein déjà vu, nur dass das Ausmaß der Qualen für den 13. Weltmeister noch einmal neue Dimensionen annahm. Wieder war der Knackpunkt die erste Partie und wieder sah man Kasparovs bestes Schach aufblitzen. Nach langem Nachdenken im Mittelspiel wies er nach, dass er seine einzigartige Fähigkeit, Kombinationen aufzuspüren und zu bewerten, nicht verloren hat:


15.Txf4! Txf4 16.cxd6+ Kxd6 17.Lxa7 Ta8 18.Le3 Tff8 und Weiß besaß das mächtige Läuferpaar.

chess24: Nach dem Auffinden einer hübschen taktischen Abwicklung steht Kasparov klar besser, hat aber wieder einmal großen Rückstand auf der Uhr.

Ein oder zwei genaue Züge und schon würde die schwarze Stellung auseinanderfallen, aber Fabiano nutzte wieder einmal seinen Zeitvorteil aus, kam in die Partie zurück und übernahm die Initiative. Danach allerdings war er, wie er selbst zugab, schuldig, zu schnell gespielt zu haben. Er sagte später: "Ich stand vermutlich taktisch zwischendurch irgendwo auf Gewinn" und tatsächlich hatte er nach 39.e5? eine Möglichkeit dazu:


Man muss nicht die Nr. 2 der Welt sein, um 39...Txc3! zu sehen, was auf der Stelle gewinnt, da Schwarz nach 40.Kxc3 Sxd5+ den Läufer auf f4 gewinnt. Aber mit 1:41 gegenüber 5 Sekunden von Kasparov spielte Caruana nur den zweitbesten Zug 39...Ta5. Dann machte er auch noch einen taktischen Fehler, den Kasparov später nach 43...Sc2+? ausnutzte:


44.Ke5! ist ein Figurenopfer, doch nach 44…Txc3 45.d6+! sind die weißen Bauern nicht mehr aufzuhalten. Die Partie ging weiter mit 45…Kf8 46.d7 Te3+ 47.Kf6:


Doch hier ereignete sich eine Tragödie, denn bei der Jagd auf den endgültigen Ausmacher hatte Garry die Uhr vergessen. Oder besser gesagt, der eine Blick, den er in deren Richtung warf, war genau zur falschen Zeit, einen Moment bevor der 10-Sekunden-Delay endete und die letzten 5 Sekunden runterzuticken begannen. "Er hat sich im Moment verloren", sagte Caruana, und es war seine unangenehme Pflicht, den ehemaligen Weltmeister darauf hinzuweisen, dass er die Zeit überschritten hatte. Im Alter von 56 Jahren reagierte Kasparov in einem Schaukampf noch so, als würde man ihm den Boden unter den Füßen wegreißen:

Oder in Zeitlupe:

Nur Veselin Topalov kann einen Schock noch besser ausdrücken! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Fabiano kommentierte:

Das war nicht die schönste Art, zu gewinnen. Es ist schon ein hässlicher Sieg, auf Zeit zu gewinnen, vor allem, wenn man die Stellung misshandelt hat. Aber was soll ich machen? Ich würde lieber besseres Schach zeigen. Aber wenn solche Dinge passieren, nehme ich den Sieg halt mit!

Seine Gelassenheit am Ende war zum Teil darauf zurückzuführen, dass er nicht gemerkt hatte, dass er in der Schlussstellung auf verlorenem Posten stand. Denn gesehen hatte er nur 47…Tf3+ 48.Ke5 Te3+ 49.Kf4 Td3:


Doch hier ist 50.Ld8! der einzige Gewinnzug. Danach sind die Bauern nicht mehr aufzuhalten.

Garry versuchte alles, doch musste er so viele Nackenschläge einstecken! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Von diesen Rückschlägen konnte er sich nicht mehr erholen und die nächsten beiden Partien endeten bitter für den früheren Weltmeister. 27...Lf6? (27...Lg7!) war ein unglückliches Feld für den Läufer, weil er hier hängt und am Ende einer Kombination flöten geht:


28.Sc5+! Sxc5 29.Sxd5+ Kc8 30.Lh3+! Kasparov gab auf, auch wenn man sich fragt, ob das ohne die Vorgeschichte aus der vorherigen Partie auch passiert wäre. Immerhin ist Schwarz "nur" eine Qualität im Hintertreffen.

chess24: Kasparov gibt die zweite Partie im Schnellschach verloren und müsste nun alle 10 Blitzpartien gewinnen, um das Match auszugleichen!

Garry stand nun vor der unmöglichen Aufgabe, alle 10 Blitzpartien gewinnen zu müssen, um das Match noch auszugleichen. Aber dieses Trauerspiel wurde nicht noch in die Länge gezogen, da er bereits in der folgenden Stellung daneben griff:


24.Se4? erlaubt sowohl 24…Sxc4!, als auch den Zug, den Caruana in der Partie spielte, 24…Sg2!. Nach 25.Td1?, ein weiterer schwacher Zug, der in die Gabel 25…Sg4! rennt, hätte Garry mit Qualität weniger weiterspielen können, war aber zu diesem Zeitpunkt schon so angefressen, wie man nur sein konnte.

Selbst wenn nichts richtig läuft, bleibt es faszinierend, Garry zu beobachten. | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Das Match war damit offiziell entschieden, Fabiano gewann 30.000 $ und Garry 20.000 $, aber keiner der beiden Spieler schien in der Stimmung, es in der letzten Partie des Tages ruhig anzugehen. Sie schwankte von einer Seite zur anderen und wurde durch einen weiteren Fehler von Kasparov fast entschieden:


28…Sxb3!?? Weiß kann nicht auf b3 wiedernehmen, das ist offensichtlich, aber 29.Ka2!! ist überraschenderweise ein Gewinnzug, denn nachdem der Springer wegzieht, käme der Turm auf die b-Linie! Doch nach 29.Db5?! von Fabi stand Weiß nach Abtausch der Damen einfach schlechter. Doch das Remis, das folgte, war der logische Ausgang, wenn man den angeschlagenen Ex-Weltmeister bedenkt.

Das einzige, worüber sich Kasparov freuen konnte, war, dass er nicht den Patzer des Tages spielte!

Wesley So 13:5 Veselin Topalov

Der Schiedsrichter musste in Topalov-So eingreifen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Veselin Topalov verpasste einige Gewinnzüge in der ersten Partie des Tages und gab zu früh in der letzten auf (37.a6!! und die Partie geht weiter), aber das war kein Vergleich zur zweiten Partie im Schnellschach. Denn diese entschied das Schicksal des Matchs:


Veselin wollte hier 0-0 spielen und den König von c1 nach g1 in Sicherheit bringen. Das wäre auch ein starker Zug gewesen, denn nach 14...Lc4! hätte Schwarz nur einen leichten Vorteil. Es gab nur ein Probem: Der König begann die Partie auf d1 und Veselin hatte bereits 7.Kc1! gespielt. Das war ein wenig ärgerlich, aber es kam noch schlimmer - weil er den König herührt hatte, musste er ihn ziehen, doch dann würde er durch 14...Lxf3+ verlieren. Topalov gab stattdessen auf, doch zumindest nahm er es mit Humor.

Manchmal passieren solche Dinge halt | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So braucht nun nur noch einen halben Punkt , um das Match zu gewinnen, und erklärte seine Hauptstrategie läge darin, schnell zu spielen, weil im Chess960 "selbst wenn man anfängt zu denken, man sowieso schlechte Züge macht!"

Peter Svidler 11:7 Leinier Dominguez

Die erste Niederlage für Peter, aber es sollte noch schlimmer kommen! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Leinier Dominguez erklärte seine Strategie für den Tag sei, "im Prinzip einfach schneller zu spielen", doch auch hier halfen vor allem Fehler des Gegners. Der erste kam mit Zug 72 in der ersten Schnellschachpartie, als Peter Svidler ein Remis in einem Springerendspiel verpasste, in dem Leinier einen Bauern mehr hatte. Das war nachvollziehbar in einer trickreichen Stellung wie dieser, aber was in der ersten Blitzpartie passierte, war viel schwieriger zu erklären!


Hier stellte Peter mit 28...Tc1+?? 29.Sxc1 schlicht einen ganzen Turm ein und gab auf. Solche Patzer passieren nicht häufig, auch wenn Peter schon einmal einen ganzen Turm gegen Sergey Karjakin im World Cup Finale 2015 in Baku einstellte - er wird hoffen, dass ihm das nicht noch einmal beim am Dienstag startenden World Cup in Khanty-Mansysk passiert!

Svidler macht immer noch Meter um Meter | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Doch war damit noch nicht zu viel schief gegangen, da Peter im Anschluss die zweite Schnellschachpartie auf schöne Art und Weise gewann, indem er Leiniers König von b8 bis nach a1 tief ins weiße Lager lockte. Mit Zug 17 war bereits klar, wie die Partie enden muss für den US-Spieler:


17.Le3! nun droht Lc1 gefolgt von a2-a3 mit Matt. Leinier stoppte das, indem er den a2-Bauern mit dem König schlug. Aber der König sollte später nur unter Aufgabe einer Figur entkommen. Peter geht damit mit einem soliden Vorsprung von 4 Punkten in die abschließenden 8 Blitzpartien.

Levon Aronian 9,5:8,5 Hikaru Nakamura

Als Levon Aronian nach der ersten Partie des zweiten Tages mit 7,5:0,5 führte, war es schwer vorherzusagen, dass dieses Match mit Abstand der umkämpfteste Wettbewerb werden würde, obwohl Hikaru darauf hinwies, dass er derjenige gewesen sein könnte, der um Längen in Führung hätte liegen können!

Ich denke, die Fans sollten glücklich über den Verlauf des Matchs sein, denn gemessen an den Stellungen, die ich hatte, hätte es nicht ansatzweise knapp sein dürfen. Ich verlor mindestens zwei, wenn nicht mehr Stellungen im Schnellschach, bei denen ich komplett auf Gewinn stand. Von daher können die Fans sich nicht beschweren, dass es so knapp ist.

Levon Aronian erlaubte es Nakamura, ins Match zurück zu kommen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Doch das war nicht die ganze Geschichte, denn in beiden Partien, in denen Levon die schwarzen Steine führte, war er am dritten Tag nah am Sieg. In zwei anderen Partien hingegen schaffte es Hikaru mit Schwarz, tatsächlich den vollen Punkt einzufahren. In der ersten Partie verpasste Levon die Chance, Lg2 gegen Ende zu spielen und mit zwei Bauern weniger weiterzukämpfen. Stattdessen lief er in 33...Tf1+!

chess24: Nakamura gewinnt die dritte Partie von fünf Partien gegen Aronian und ist damit bei 7:9 wieder zurück im Match - mit Abstand das engste Match von allen, das jetzt ins Blitz geht!

Kurios ist allerdings, dass das schnellste Matt tatsächlich 33…Dxe3+ 34.Txe3 Tf1+ 35.Kg2 T8f2# gewesen wäre.

Einen ähnlichen Verlauf nahm die zweite Partie mit Weiß, wo Levon mit 22.0-0-0? in die Probleme hineinrochierte.


22…a3! war der Nachteil bei dieser Entscheidung und nach 23.Sf4 Txf4 24.gxf4 axb2+ 25.Kb1 verpasste Hikaru ein Matt in 6 durch 25...Sa3+, 25…Ta8 lief die Partie noch 23 weitere Züge, auch wenn das Ergebnis nicht mehr wirklich zur Diskussion stand.

Vor dem letzten Tag sieht es bei den Zwischenständen wie folgt aus:


Wenn Svidler gut startet, werden wir vielleicht schnell nur ein Match haben, bei dem noch Geld auf dem Spiel steht, aber 1) Aronian-Nakamura sollte ein großartiger Wettkampf werden, und 2) selbst wenn das Match bereits entschieden ist, erwartet nicht, dass Kasparov-Caruana kein Kracher wird!

Garry Kasparov hat das Gebäude noch nicht verlassen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Ab 19:50 gehts wieder los. Sei dabei und schalte ein! Los gehts ab 19:50 Uhr MEZ.

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