Berichte 12.11.2017 | 14:18von Colin McGourty

Champions Showdown, Tag 3: Magnus steigt ins Geschäft ein

Magnus Carlsen hat bei seinem ersten Auftritt beim Champions Showdown in St. Louis mit einem Sieg in der letzten Partie die Führung gegen Ding Liren übernommen. Die anderen Matches sind bereits bei den 10-Minuten-Partien angelangt, und Fabiano Caruana und Wesley So haben es geschafft, scheinbar aussichtslose Rückstände aufzuholen und ihre Duelle wieder spannend zu gestalten. Derweil liegt Hikaru Nakamura gegen Topalov quasi uneinholbar in Führung.

Weltmeister Magnus Carlsen ist nun auch vor Ort | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Weltmeister Magnus Carlsen gab am Donnerstag noch eine Simultanveranstaltung in Hamburg und reiste deshalb später an, am Samstag aber trat er zu seiner ersten Partie im Chess Club and Scholastic Center of Saint Louis an. Er meinte, er hätte gut geschlafen, aber im Vollbesitz seiner Kräfte war er deshalb nicht:

"Ich fühle mich ausgeruht, habe aber keine Energie. Ich bin froh, dass ich den Tag überstanden habe."

Magnus, der den Chinesen bereits 2015 für ein einwöchiges Trainingslager in Qatar verpflichtete hatte, erklärte, warum er sich gerade Ding Liren als Gegner ausgesucht hat:

Ich habe schon mit ihm trainiert und bin beeindruckt von seinem Talent. Viele Turnierpartien haben wir noch nicht miteinander ausgetragen, daher hielt ich ihn für die perfekte Wahl, eine neue Herausforderung zu suchen … Er rechnet extrem gut, kann dynamische Stellungen sehr gut einschätzen und er hat eine gute Technik. Er hat kaum Schwächen und daher völlig zu Recht 2780 Elo.

Ding Liren könnte sich beim Kandidatenturnier für den nächsten WM-Kampf qualifizieren | Foto: Austin Fuller, Offizielle Turnierseite

Das Match zwischen den beiden begann mit den vier 30-Minuten-Partien, die ihr hier nachspielen könnt:

Ding Liren meinte, er habe die Partien seines Gegners aufmerksam studiert, und fügte hinzu: “Mein Stil ist ähnlich.” Was er damit meinte, zeigte sich in der ersten Partie, in der er seinen gefürchteten Gegner mit Schwarz aus scheinbar remisverdächtiger Stellung heraus überspielte. Die weiße Stellung war bald kritisch, und obwohl Carlsen sich sehr geschickt verteidigte, war seine Stellung nach 46…Lf2 objektiv verloren:


Magnus’ Hoffnungen basierten auf der Fesselung des Läufers auf e7 und taktischen Tricks wie Bxc5 und d6, doch mit der Gegenfesselung 46…Th2! konnte Schwarz gewinnen. Womöglich befürchtete Ding Liren 47.Kf1 h3 48.Lh4, doch nach 48…Th1+! kann Schwarz den Läufer geben, weil der h-Bauer zur Dame läuft.  

Nach der Entfesselung 46…Kf6 fand Magnus jedoch 47.Kf1!, und nach 47…Txf3 48.Kg2 hatte Ding Liren nichts Besseres als 48…Tg3+, wonach seine Bauern die Qualität aufwogen, er aber keinen Vorteil mehr hatte. 

Hikaru Nakamura schaut genau hin | Foto: Austin Fuller, Offizielle Turnierseite

In der zweiten Partie bot Magnus ein Bauernopfer an, doch im Gegensatz zu den Computern, die munter zugreifen, lehnte Ding Liren ab, und die Partie endete nach 85 Zügen remis. In Partie 3 sah es so aus, als würde Magnus seinen ersten vollen Punkt einfahren, als er mit seinem d-Bauern durchbrach, doch dann folgte ein seltsamer Überseher. Gerade als er eine Figur gewinnen konnte, bot Carlsen Damentausch an:


Offenbar dachte Magnus, dass Weiß danach gewinnt, daher stellt sich die Frage, was er übersehen hat. Vielleicht glaubte er, 51.Sf6+ Kh8 52.Tg8 wäre Matt, und übersah, dass die Dame auf c4 den Turm schlagen kann. Oder er meinte, der schwarze König müsste nach 51.Sf8+ Kh8 52.Sg6+ nach g7 gehen, wonach das Abzugsschach 53.Sxf4+ gewinnt. Das ist die wahrscheinlichere Erklärung, da Carlsen nach der Partie auf das Feld g7 deutete, Ding Liren aber mit dem König nach h7 ging und die Partie mit Zugwiederholung endete.

In der vierten Partie des Tages schaffte es Carlsen dann aber, den vollen Punkt einzufahren. In einem Grünfeld mit vertauschten Farben brachte der Weltmeister einen Bauern nach d3 und obwohl Weiß auch danach über gute Remischancen verfügte, ging der Punkt an den Schwarzen. Carlsen meinte dazu:

Zum Glück hat er den korrekten Weg fürs Remis nicht gefunden, und ich bekam alles, was ich brauchte. 

Auf einmal mischte auch noch der schwarze a-Bauer mit, und in der Schlussstellung kann Weiß nicht mehr beide Bauern aufhalten:  


Hier das Video vom gestrigen Tag mit Magnus’ Äußerungen zu seinen Partien:

Noch (fast alles drin)

Bei den anderen Matches wurden bereits die 10-Minuten-Partien gespielt, doch es ging wesentlich ruhiger als am Vortag zu. Überraschenderweise konnten sich die Favoriten, denen die kürzere Bedenkzeit eigentlich zugute hätte kommen müssen, nicht weiter absetzen:


Alle Partien könnt ihr mit Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Das einzige Match, das bereits entschieden ist, ist Nakamura-Topalov, denn Hikaru geht mit einem 13-Punkte-Vorsprung in den letzten Tag. Veselin müsste mindestens sieben der zwölf Blitzpartien gewinnen, um den Rückstand noch aufzuholen. 

Veselin Topalov fasste sein Problem bei kurzer Bedenkzeit so zusammen: "Ich mag sie, aber ich bin bei kurzer Bedenkzeit nicht gut!"  |Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Unterhaltsam war das Match aber allemal, zumal die ersten vier Partien am Samstag allesamt an den Schwarzen gingen: 


27…f5! mit Angriff auf beide Springer war ein überraschender, aber wirkungsvoller Gewinnzug von Topalov.

Die letzten vier Partien endeten remis, doch Topalov konnte sich gleich mehrfach sehenswert retten. Er meinte, er habe “heute zumindest etwas Widerstand geleistet”, während Nakamura es mit ein wenig allgemeiner Lebenshilfe probierte: “Es ist wichtig, nicht den Kopf zu verlieren!” 

Comebacks

Bei den beiden anderen Matches sah es zur Halbzeit so aus, als wären sie entschieden. Wesley So und Leinier Dominguez begannen mit vier Remis, doch in der fünften wollte So unbedingt gewinnen und spielte 34.Td1??


34…Sf3+! 35.Kh1 Dxd1 gewann einen Turm und Wesley hatte 16 Punkte Rückstand.

Leinier Dominguez geriet kurz vor der Ziellinie ins Stolpern| Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Im anderen Match gewann Alexander Grischuk drei der ersten vier Partien und baute seine Führung auf 13 Punkte aus,  während bei Fabiano Caruana alles schiefging, was schiefgehen konnte. In Partie 3 konnte eigentlich nur er noch gewinnen, zumal Grischuk weniger Zeit hatte, doch dann begann mit 52.Rb5?? die Katastrophe:


52…Te1+ und Matt in zwei Zügen.

In der nächsten Partie wollte Caruana in schlechter Stellung Grischuk über die Zeit heben, doch der Russe fand den Gewinnweg und fuhr den vollen Punkt ein.

Mit der Uhr hatte Grischuk mal wieder so seine Probleme | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Dann aber folgte die Wende. Grischuk zauberte mit dem vorbereiteten 6…Lxf2+! und Caruana räumte ein, “Ich stand die gesamte Partie über total auf Verlust”. Das galt auch für die Schlussstellung:


Er verlor aber nicht, da Grischuk – laut Caruana - “in totaler Gewinnstellung ein wenig zu lang zögerte”, und schließlich komplett die Kontrolle verlor. Grischuk ist berühmt für seine Abgebrühtheit in Zeitnot, aber dieses Mal war davon wenig zu sehen:

Caruana meinte, “Grischuk hat danach ein wenig die Nerven verloren”, und tatsächlich verlor der Russe danach drei Partien in Folge. Erst in der letzten Partie konnte Grischuk den Abwärtstrend stoppen, allerdings war das Remis angesichts seiner glänzenden Gewinnchancen kein wirklicher Erfolg.

Wesley So braucht am Schlusstag eine weitere Siegesserie | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite 

Ähnlich verlief das andere Match, in dem Wesley So auf einmal die letzten drei Partien gewinnen konnte. Leinier Dominguez erklärte das so:

Ich glaube nicht, dass ich müde war. Ich spielte heute einfach nicht gut. Den gesamten Tag über stand ich unter Druck – selbst in meiner Gewinnpartie hatte ich großes Glück – und Wesley hat heute gut und viel schneller als ich gespielt.

Auf einmal machte Dominguez Fehler, wie etwa der simple taktische Einsteller 46…Tc8?:


Der Läufer auf e6 hängt, doch, die beiden Türme stehen sich ungedeckt gegenüber. Des Rätsels Lösung? 47.Lc5+!, wonach Dominguez mit 47…Txc5 die Qualität geben musste. Die Partie war aber nicht mehr zu retten.

Nicht der beste Tag des Kubaners, der Wesley So aber dennoch beeindruckte!

Vor dem Match war mir nicht klar, dass Dominguez so stark ist… Es gibt sicher leichtere Gegner.

Wesley meinte, bis zum Gesamtsieg sei es noch ein weiter Weg, schauen wir also auf die Ausgangslage vor den zwölf Blitzpartien am Sonntag, bei denen es jeweils zwei Punkte pro Sieg zu gewinnen gibt:

Alexander Grischuk:  2*5 (10) + 3,5*4 (14) + 4*3 (12) = 36
Fabiano Caruana:       2*5 (10) + 2,5*4 (10) + 4*3 (12) = 32

Hikaru Nakamura:      2.5*5 (12,5) + 4*4 (16) + 4*3 (12) = 40,5
Veselin Topalov:        1.5*5 (7,5) + 2*4 (8) + 4*3 (12) = 27,5

Leinier Dominguez:   2.5*5 (12,5) + 4*4 (16) + 3*3 (9)  = 37,5
Wesley So:                1.5*5 (7,5) + 2*4 (8) + 5*3 (15) = 30,5

Oder als Graphik:


Grischuk hat weiterhin vier Punkte Vorsprung, daher muss Caruana mindestens zwei Blitzpartien mehr gewinnen. Nakamura wird gegen Topalov als ohnehin besserer Blitzspieler nichts mehr anbrennen lassen, und für So wird es mit 7,5 Punkten Rückstand (also vier Siegen beim Blitzen) gegen Dominguez ebenfalls schwer.

Jennifer Shahade und Yasser Seirawan bei der Arbeit | Foto: Austin Fuller, Offizielle Turnierseite

Die drei Blitzschlachten werden ergänzt von den 20-Minuten-Partien zwischen Magnus Carlsen und Ding Liren, deren Match bis Dienstag dauert. Alle Partien könnt ihr mit dem Live-Kommentar von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley auf chess24 verfolgen: US-Stars | Carlsen vs. Ding Liren 

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