Berichte 11.11.2017 | 23:34von Colin McGourty

Champions Showdown, Tag 2: Die schnellste Hand gewinnt

Die drei Spezialisten fürs schnelle Schach liegen in ihren Matches in St. Louis vorne:  Hikaru Nakamura und Leinier Dominguez mit souveränen 13 Punkten Vorsprung auf Veselin Topalov bzw. Wesley So, Alexander Grischuk mit knappen 4 Punkten auf Fabiano Caruana. Da ohne Inkrement oder Delay gespielt wird, dominierte erneut eine Zeitnotschlacht das Geschehen: Nachdem Dominguez mit beiden Händen zog und beide Spieler die Figuren nicht wirklich auf den beabsichtigten Feldern platzierten, endete die chaotische 5. Partie zwischen So und Dominguez letzten Endes zu Gunsten des Kubaners.

Dominguez konnte das Umkippen seines Königs nicht verhindern, hatte am Ende aber einen Turm mehr und gewann auf Zeit | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

An Tag 2 fanden beim Champion Showdown in jedem Match 6 Partien mit jeweils 20 Minuten pro Spieler statt, für einen Sieg gab es 4 Punkte, für ein Remis 2. In der Auswahl unten könnt ihr alle Partien mit Computer-Analyse nachspielen:

Dominguez dominiert gegen So

Wo sollen wir anfangen, wenn nicht mit dem Match, das am zweiten Tag die meisten Emotionen hervorrief? Zunächst ging es weiter wie am Tag zuvor: der Anti-Berliner kam zum fünften Mal aufs Brett und endete zum vierten Mal in einem Unentschieden. Am Schluss stand Lenier Dominguez mit den schwarzen Steinen klar besser, hatte aber 5 Minuten weniger auf der Uhr und entschied sich, nicht weiterzuspielen. Der norwegische Großmeister Jon-Ludvig Hammer brachte ein Thema zur Sprache, auf das wir noch zurückkommen werden:

Ich mag dieses Spielen ohne Inkrement aus verschiedenen Gründen nicht – einer davon ist, dass Dominguez mit Inkrement auf Sieg gespielt hätte.

Wesley So beschloss, dass es an der Zeit war etwas zu ändern, und wechselte von der Berliner Verteidigung zur Französischen, aber es machte sich nicht bezahlt. Er geriet in ein leicht schlechteres Endspiel und wurde von Dominguez brilliant überspielt. Dieser vereinte dabei Geschwindigkeit und exaktes Spiel in einer Art und Weise, die wir im Laufe des Tages noch öfter von ihm erleben sollten.

Dominguez sagte, er habe vor dem Match geplant, sich auf alle Bedenkzeiten zu konzentrieren | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Die nächste Partie war die bislang brutalste des Matches (in rein schachlichem Sinne), da Dominguez mit allen seinen Figuren den weißen König angriff:


41…Nf4+! 42.Kg3 Ne2+! und das war's.

Mit 13 Punkten Rückstand benötigte Wesley So dringend einen Sieg, der ihm auch gelang, nachdem er erneut die Eröffnung wechselte – dieses Mal kam Russisch aufs Brett – und in 59 Zügen seinen Gegner überspielte. Was jedoch von dieser Partie vielleicht im Gedächtnis bleibt, ist der phänomenale Widerstand, den Dominguez leistete, trotz größter Probleme auf dem Brett und viel weniger Zeit auf der Uhr.

Danach kam es zur Partie des Tages, einem Musterbeispiel, wenn es um die Frage des Für und Wider von Spielen ohne Inkrement oder Delay geht. Ein weiterer Anti-Berliner lief gut für Dominguez, bis er Sos 30.Dg3! übersah, was Damentausch erzwingt und zu einem vorteilhaften Endspiel für Weiß führt. Dominguez drückte es so aus:

Er bekam das bessere Endspiel und ich hatte viel weniger Zeit, es war also keine gute Ausgangslage.

Die Frage war, ob Wesley aus dieser Stellung einen Sieg herausquetschen könnte oder nicht... genaugenommen, es wäre die Frage gewesen, wenn es sich um eine normale Partie mit Inkrement gehandelt hätte.

Bevor es ziemlich irrsinnig wurde! | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Ohne Inkrement lag der Fall anders, und im Nachhinein wäre Wesley klug beraten gewesen, Remis anzubieten. Obwohl er mehr Material hatte, im Match zurücklag und einen gesunden Vorsprung auf der Uhr besaß. Bei dieser Gelegenheit zitieren wir Alexander Grischuk aus einem alten Interview mit Vlad Tkachiev, in dem er über Dominguez sprach, der die schnellste Hand habe, die er jemals gesehen hätte.

Vorausgesetzt, er kam nicht zufällig vorbei, scheint Vlad Tkachiev in St. Louis Alexander Grischuks Sekundant zu sein – hier bei der Vorbereitung im Freien | foto: Austin Fuller, Offizielle Turnierseite

Grischuk bezieht sich auf die Blitz-Weltmeisterschaft 2008, bei der Dominguez mit 8 Siegen und 7 Remis Gold gewann, einen halben Punkt vor Vassily Ivanchuk und deutliche 1,5 Punkte vor Peter Svidler und Grischuk selbst:

Als er Blitz-Weltmeister in Almaty wurde – ohne Inkrement – hätte ich in meiner Partie gegen ihn ewiges Schach geben können, aber ich hatte noch 20 Sekunden und er nur noch 10. Wir begannen beide zu blitzen, aber mein Fähnchen fiel dann, während er immer noch 5 Sekunden übrig hatte. Er hatte in dieser Phase also nur 5 Sekunden verbraucht und ich 20.

Was in der Partie folgte, war ein Durcheinander, das man sich nicht oft genug anschauen konnte und für jede Menge Diskussionsstoff sorgte!

Ohne Worte

Schach ohne Inkrement ist Speed-Curling

Wir haben gerade gesehen, warum Spielen ohne Inkrement dämlich ist

Weitere Gründe: Der Schiedrichter gewinnt zu sehr an Bedeutung, Züge mit beiden Händen, insgesamt Unsinn

Ihr könnt euch die Endphase dieser Partie in der Live-Show ansehen, und danach das Post Mortem, das sich bis weit in die nächsten Partien erstreckte:

Wie man sieht, zieht Wesley irgendwann nur noch mit seinem König, so wie es Caruana am Tag zuvor gegen Grischuk gemacht hat, und erlaubt es Dominguez, den Turm einzukassieren. Es gab jedoch kein Happy End für So, da seine Zeit zuerst ablief; in einer Stellung, die für ihn absolut verloren war.

Dominguez war sich über das Ergebnis nicht sicher:

Irgendwann sah ich, dass ich noch fünf Sekunden hatte und er ebenfalls, und ich begriff, dass es nur darum ging, so schnell wie möglich zu ziehen, und genau das habe ich versucht... Ich dachte, es wäre Remis, und fragte (den Schiedsrichter), aber die Uhr zeigte Zeitüberschreitung an... also sagte er, Schwarz hätte gewonnen.

Er merkte an:

Wir alle wussten, dass es irgendwann passieren würde, eine Situation wie diese... Es gewinnt grundsätzlich derjenige, der seine Hand schneller bewegt – mit Schach hat das nichts mehr zu tun.

Ein zutiefst erschütterter Wesley So kommentierte: „Meine Zeit war immer okay, aber am Schluss hat er wie eine Maschine gespielt.“ Er fügte hinzu:

Ich bin nicht wirklich an diese Über-die-Zeit-zieh-Techniken mit ein paar Sekunden gewöhnt. Ich spiele nicht so viel online... Vielleicht nutze ich morgen beide Hände!

Der Scherz am Schluss bezog sich auf die Tatsache, dass Dominguez beide Hände benutzte, als er ganz am Ende den Turm schlug. Dadurch forderten die Kommentatoren hartnäckig, dass die Partie für Remis erklärt werden sollte.

Blinzelt und ihr verpasst es – Dominguez schlägt den eingestellten Turm mit zwei Händen, während Wesley im Stehen versucht, sein Tempo zu erhöhen

Vielleicht wäre das geschehen, wenn Wesley Protest eingelegt hätte, aber er wies darauf hin, dass er in dem Durcheinander keine Zeit gehabt hätte, auf seinen Gegner zu schauen. Außerdem hatten beide Spieler illegale Züge gemacht, so hatte Wesley einmal seinen Turm komplett neben das Brett gestellt:

Wesley Sos Turm auf der i-Linie konnte den Tag nicht retten :)

Beachtet, dass Leiniers Turm genau in der Mitte von vier Feldern steht! Das DGT-Brett hatte natürlich zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben, so dass die Action nur noch im Live-Video nachzuvollziehen ist.

Alexander Grischuks Vorhersage vor dem Turnier war eingetroffen:

Man hat hier ein sehr merkwürdiges Format gewählt. Alle Partien ohne Inkrement, man will also eine richtig „schmutzige“ Sache... Online kann man ohne Inkrement spielen, aber live wird es ein „schmutziges“ Spiel.

Die Kontroverse bleibt. Dem Beobachter erscheint es jedoch falsch, dass das Kommentatoren-Team die Endphase dieser Partie in Zeitlupe betrachtete und die Aktionen der Spieler beklagte. Uns wurde schließlich nur bestätigt, was dabei herauskommt, wenn man beschließt, ohne Inkrement oder Delay zu spielen. Entweder man denkt vorher darüber nach, was man will, oder man lehnt sich zurück, genießt den Spaß und kümmert sich nicht allzu sehr um das Ergebnis! Was sind schon 20.000 Dollar Preisunterschied unter Freunden   

Da noch schnellere Partien bevorstehen, können wir ohnehin mehr von alldem erwarten, und es gibt sicherlich Spielraum für noch mehr Dramatik. Heutzutage werden ja kaum noch Partien ohne Inkrement gespielt, wenn man von den Armageddons einmal absieht. Eine der bekanntesten Partien dieser Art fand 2008 bei den US-Frauenmeisterschaften statt, ein Jahr, bevor man nach St. Louis umzog:

Wie bereits erwähnt, wurden die restlichen Partien der Matches inmitten dieser Kontroverse fast kaum noch beachtet, wobei dies im Fall von So – Dominguez durchaus gerechtfertigt war: eine unspektakuläre Russische Verteidigung endete nach 37 Zügen in einem Remis.

Leiniers Ergebnisse machten ihn zur Nr. 3 in der aktuellen Schnellschach-Rangliste:


Wesley So muss im Match nun über sich hinauswachsen, da Dominguez in den immer kürzer werdenden Bedenkzeiten wahrscheinlich noch stärker werden wird.


Topalov lässt Nakamura ungeschoren davonkommen

Auch Hikaru Nakamura ist mit seinem Vorsprung von 13 Punkten nun der haushohe Favorit im Match gegen Veselin Topalov, aber in ihrem Fall hätte das Ergebnis des zweiten Tages auch komplett anders ausfallen können. Topalov hatte in fünf der insgesamt sechs Partien jeweils entscheidenden oder zumindest klaren Vorteil, nutzte aber seine Chancen weiterhin nicht.

Eine weitere verpasste Chance für Veselin Topalov | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Die erste Partie gewann Nakamura erst, nachdem Topalov Damentausch anbot, wonach sich dessen starke Angriffsstellung in ein gravierend schlechteres Endspiel verwandelte. In Partie 2 ließ er seinen Vorteil mit Schwarz entgleiten und in Partie 2 fand Veselin dann den tödlichen Schlag:


19.Sxd5 exd5 20.b4! gewann zwar kein Material, aber sprengte das Zentrum auf und alle weißen Figuren standen bereit, die schwarze Stellung zu vernichten. Man könnte viele Positionen auswählen um zu zeigen, wie Topalov jedes Mal fehlgriff, aber diese nach 27...Sb3 ist vielleicht die klarste:


28.Dxg7! gewinnt nicht nur einen Bauern, sondern beraubt den schwarzen König jeder Gelegenheit, das Zentrum zu verlassen. Für einen Spieler von Topalovs dynamischer Stärke...

Nakamura über Topalov:

Er weiß besonders gut, wann er die Qualität opfern kann. Wenn man alle Spitzenspieler betrachtet, sogar zusammen betrachtet, glaube ich nicht, dass einer von ihnen auch nur annähernd auf seine Anzahl von Siegen mit Qualitätsopfern kommt.

…sollte der Rest ein Kinderspiel sein. Stattdessen spielte er jedoch 28.Tfb1?! und ließ 28...0-0! zu. Weiß besaß immer noch ausgezeichnete Möglichkeiten, aber es war Hikaru, der im weiteren Partieverlauf als letzter eine Chance verpasste.

Topalov – Nakamura wurde sicherlich den Erwartungen gerecht, was unterhaltsames und dynamisches Schach betrifft | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Das Ganze setzte sich fort, Topalov übersah einige Chancen in Partie 4, die Remis endete. Partie 5 war ihre erste und einzige ereignisarme des Tages. Danach in der letzten Partie schaffte es Topalov erneut nicht, einen Vorteil auszunutzen, und vergaß am Ende sogar noch, dass er eine Figur mehr auf dem Brett hatte:


Nakamura hatte mit Weiß die Initiative übernommen, aber falls Topalov seine Mehrfigur gegen den Bauern mit 56...Lxe6! zurückgegeben hätte, wäre für Nakamura noch einige Arbeit zu verrichten gewesen. Stattdessen gab Veselin auf.


Caruana scheitert zum Schluss

Das bei weitem knappste Match beim Champions Showdown findet zwischen Fabiano Caruana und Alexander Grischuk statt, beide Spieler waren gleichauf bis zu einem Einsteller in der letzten Partie des zweiten Tages.

Fabiano Caruana ist in St. Louis so gut wie zuhause | foto: Spectrum Studios, Offizielle Turnierseite

Nach zwei engen Partien am Anfang verpasste Grischuk eine gute Gelegenheit, in der dritten die Qualität zu opfern und musste stattdessen letztendlich eine Figur opfern. Seine Kompensation reichte nicht aus und Caruana übernahm die Führung. Schließlich schlug Grischuk in Partie 5 zurück, sein beeindruckend geschmeidiger Angriff erlaubte Fabiano lediglich eine Möglichkeit zu entkommen:


28.Lxc5!! Sc3+ 29.Txc3 Txd3 30.Txd3 Lxc5 31.Td8+ Lf8 32.Sd4!  und z.B. 32...De7 33.Se6! und das Nehmen auf f8 im nächsten Zug wäre für eine Schnellpartien brilliant gewesen.


Nach Caruanas 28.Le3 gab es jedoch keine Rettung und 28...Sc3+ 29.Txc3 Txd3 30.Txd3 sah Grischuk nach 46 Zügen als Sieger.

Keiner hat gesagt, dass es leicht werden würde | foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Die letzte Partie des Tages schien für die Spieler eine zu viel zu sein, zunächst verspielte Grischuk einen Vorteil und zog dann 46.Tc6!?


46...Dxa4 dürfte gewinnen, stattdessen übersah Fabiano mit 46...Txg3?? aber ein winziges Detail und musste aufgeben, nachdem 47.Dxb4 seine Dame vom Brett entfernte.

Ein später Schub wendete das Match zu Grischuks Gunsten

Grischuk übernahm also eher zufällig die Führung, die aber von Bedeutung sein könnte, da sein Vorteil in den kürzeren Bedenkzeiten wahrscheinlich noch ansteigen dürfte.

Der Spielstand nach zwei Tagen in den drei Matches mit US-amerikanischer Beteiligung

Am Samstag steigt ein gewisser Magnus Carlsen ins Geschehen ein, indem er gegen Ding Liren eisig langsame 30-Minuten-Partien spielt, während der Rest des Feldes heiße 10-Minuten Kämpfe austrägt.

Die Partien samt Live-Kommentar von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley könnt ihr live hier auf chess24 verfolgen: US stars | Carlsen vs. Ding Liren. Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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