Berichte 10.11.2017 | 13:52von Colin McGourty

Champions Showdown, Tag 1: Naka & Dominguez gehen in Führung

Hikaru Nakamura und Leinier Dominguez liegen in ihren Matches gegen Veselin Topalov bzw. Wesley So in Führung, aber das spannendste Duell am ersten Tag des Champions Showdown in St. Louis war Caruana-Grischuk. Neben zwei schönen Gewinnpartien lieferten sich die beiden eine faszinierende Schlacht, an deren Ende Fabiano Caruana zwar keine Figuren mehr auf dem Brett hatte, aber Remis wegen gegnerischer Zeitüberschreitung reklamieren konnte. Ein toller Auftakt, dem noch weitere 26 Partien pro Match folgen!

Die dramatischste Partie des Tages | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Bevor wir uns dem Geschehen in St.Louis zuwenden, wollen wir eine Frage beantworten:

Wo war Magnus?

Am meisten gespannt kann man beim Champions Showdown in St. Louis auf das Duell zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und Ding Liren sein, doch darauf müssen die weltweiten Schachfans noch bis Samstag warten.

Grund für den verspäteten Beginn ist Magnus Carlsens gestriger Auftritt in Hamburg. Erst wurde er von Ulrich Stock von “Die Zeit” interviewt und sprach dabei unter anderem über Computer und menschliche Intuition. Dabei merkte er an, dass Garry Kasparov bei seiner Niederlage gegen Deep Blue immer noch „bedeutend stärker“ als der Computer gewesen sei:

Magnus sprach auch über die aktuelle TCEC-Meisterschaft:

Offen gestanden, sind die meisten Partien Schrott ... in einigen gibt es aber brillante und tiefe Ideen, von denen ich mir etwas abschauen möchte.

Am Abend gab er dann gegen 13 Nutzer seiner „Play Magnus“-App eine Simultanvorstellung, die von IM Lawrence Trent live kommentiert wurde. Alle Partien könnt ihr hier auf chess24 nachspielen. Magnus hatte für alle Partien nur 30 Minuten zur Verfügung, doch das konnte ihn nicht aufhalten:


Erst danach wurde es ernst…

Magnus ist vermutlich bereits auf dem Weg nach St. Louis, wo gestern folgende Ergebnisse zustande kamen:

Viel Unterhaltung bot das mit Spannung erwartete Match Grischuk-Caruana:

Caruana 10:10 Grischuk

Die interessanteste Neuerung beim diesjährigen Champions Showdown ist der Verzicht auf Zeitgutschriften, was Alexander Grischuk zu der Bemerkung verleitete, dass es sich um „eine schmutzige Angelegenheit“ handeln werde. Gerade bei einem Zeitnotsüchtigen wie Grischuk spielt die Bedenkzeit eine große Rolle, und in den ersten vier Partien bekam er mehrfach ernste Probleme. Als Begründung nannte er, dass „es schwer sei, gegen eine gute gegnerische Vorbereitung schnell zu spielen“.

Alexander Grischuk ist bei kurzer Bedenkzeit ein Monster | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

in der ersten Partie, einem Najdorf-Sizilianer mit 6.Be2, verpasste Grischuk den thematischen Befreiungsschlag:


Nach 26…d5! 27.exd5 Lc5+! hätte Schwarz gute Kompensation für den Bauern gehabt, aber nach 26…h5? 27.Tc3! De8 28.Tc7! stand Schwarz auf Verlust. Da Grischuk auch noch weniger Zeit hatte, gab er schließlich mit zwei Minusbauern auf.

Herbst in St. Louis... | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Nach der Partie äußerte sich Caruana zum Thema Zeitgutschrift:

Der psychologische Druck auf die Spieler ist von Anfang sehr groß. Eine Partie sollte im Allgemeinen nicht dadurch entschieden werden, dass ein Spieler in völlig gewonnener Stellung auf Zeit verliert, aber bei einem Turnier kann man das mal machen. 

Seine Worte erwiesen sich in der nächsten Partie als geradezu prophetisch. In einem Angenommenen Damengambit hatte Caruana die Chance, das brillante 41…g3! zu spielen, da das scheinbar gute 42.Dxb6 einen gewaltigen Nachteil hat:


42…Dh3!! gewinnt sofort. Entweder nach 43.gxh3 g2# oder durch 43.Df2 Dxh2+! 44.Lxh2 gxf2 durch Bauernumwandlung im nächsten Zug.

In der Partie hätte Caruana nach 41…Se2 das Remis durch Zugwiederholung ansteuern sollen, doch er spielte so lange weiter, bis es nur noch um die Bedenkzeit ging. Er machte nur noch Königszüge, stellte seine Dame ein und hatte am Ende Glück:


Nach 80…Lc5? überschritt Grischuk bei 81.Dxc5 die Zeit und die Partie wurde remis gewertet! 

Der Moment in Schwarzweiß, in dem Grischuk die Zeit überschreitet | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

In unserem Video könnt ihr euch das gesamte Geschehen des gestrigen Turniertages noch einmal ansehen:

Grischuk glich in der nächsten Partie aus, da Caruana in einem Anti-Berlin-Spanier ohne entsprechende Kompensation eine Figur opferte. Grischuk kannte keine Gnade und setzte mit 40…Sg3+! den tödlichen Hieb:


Die vierte Partie endete in einem Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern remis, womit es nun 10:10 steht (für einen Sieg in den 30-Minuten-Partien gibt es 5 Punkte, für einen Sieg in den 20-Minuten-Partien gibt es 4 Punkte, usw.).

Caruana kann nicht glauben, was er sieht| Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Nakamura 12,5:7,5 Topalov

In diesem Duell ist Hikaru Nakamura auf der Papierform angesichts der kurzen Bedenkzeit gegen Veselin Topalov klarer Favorit. Er meinte zu seinem Gegner:

Da ich ein wenig experimentieren und schärfer spielen möchte, ist Veselin ein guter Gegner.

Topalov dagegen wusste offenbar gar nicht, dass sein Gegner ihn sich konkret ausgesucht hatte.

Topalov sitzt zum ersten Mal seit Juni wieder am Brett | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

Bisher verlief dieses Match jedenfalls keineswegs einseitig. Die erste Partie endete nach 33 Zügen remis, doch in der zweiten bekam Nakamura nach einem Bauernopfer riesige Kompensation. Er fand zwar nicht immer die beste Fortsetzung, doch in Zeitnot stellte Topalov die Partie einzügig ein mit 59…f5?


60.Th8+! erzwang die schwarze Aufgabe, da der Bauer nach 60…Ke7 61.Txd8 Kxd8 62.g7 zur Dame läuft. 59…Td7 hätte die Partie gehalten.

In der dritten Partie spielte Nakamura den “dummen Zug” 11…Lg6!? statt wie Giri gegen Anand 11…Lg7 und versuchte es mit einem neuen Plan. Nach 15…0-0?! war er laut Topalov schon in großen Schwierigkeiten:

Er rochierte zum Königsflügel, wo all meine Figuren standen!

Nach 19…Th8 hätte die Partie direkt vorbei sein können:


20.Sg5+! Kg8 (20…Kg6 21.Lh5#) 21.Sxe6! ist vernichtend, aber auch Topalovs 20.Sh5 reichte letztlich für den vollen Punkt.

Hikaru Nakamura schlug zurück | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Turnierseite

In der vierten Partie verhinderte Nakamura ein überraschendes Unentschieden, indem er den Schwarzen regelrecht zusammenschob. So sah die Schlussstellung nach 76.Ta7 aus:


Schwarz kann den Springer nicht mehr decken, da immer die Gabel 77.Sd5+ kommt.

So 7,5:12,5 Dominguez

Unsere Vorhersage für dieses Match lautete:

Schwer zu sagen – vermutlich wird es mehr Remis als in den anderen Matches geben, da beide Spieler normalerweise sehr solide spielen.

Tatsächlich kam in allen vier Partien die Berliner Verteidigung aufs Brett, und die ersten drei endeten remis. Fairerweise muss gesagt werden, dass jeweils mit 4.d3 Anti-Berlin gespielt wurde, doch das konnte nicht verhindern, dass der erste Bauer in der zweiten Partie erst nach 37 Zügen geschlagen wurde!

Wesley mit seltsamer Sitzposition | Foto: Austin Fuller, Offizielle Turnierseite

Nach ausgeglichenem Verlauf in den ersten drei Partien bekam Leinier Dominguez in der letzten Partie des Tages riesigen Vorteil. Er vergab diesen, womit eine neue Partiephase begann:

Über die Stellung machte ich mir überhaupt keine Gedanken mehr … Wir hatten weniger als 30 Sekunden auf der Uhr, das hatte nichts mehr mit Schach zu tun.

Dominguez konnte schließlich in Führung gehen, als Wesley eine Springergabel übersah:


Am heutigen Freitag stehen sechs 20-Minuten-Partien auf dem Programm. Am Samstag folgen dann acht 10-Minuten-Partien und am Sonntag zwölf 5-Minuten-Partien.

Die Partien samt Live-Kommentar von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade aund Maurice Ashley könnt ihr live hier auf chess24 verfolgen. Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

Weitere Links:


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