Interviews 08.09.2016 | 06:37von chess24 staff

Caruana: Gold wäre ein “großer persönlicher Erfolg”

Nach seinem Drittrundensieg in der Olympiade in Baku gab die aktuelle Nummer 2 der Weltrangliste, Fabiano Caruana, der iranischen IM Dorsa Derakhshani ein Interview. Die USA hatten den Sieg bereits sicher, sein Teamkamerad Hikaru Nakamura versuchte aber noch, eine schwierige Stellung gegen den Argentinier Sandro Mareco zu halten. Fabiano sprach über die Bedeutung der Olympiade für ihn, seine bisherigen Erfahrungen sowie über allgemeinere Themen, zum Beispiel, woraus Glück im Schach besteht.

Fabiano Caruana am Spitzenbrett für die USA bei der Olympiade in Baku | Foto: Dorsa Derakhshani

Dorsa Derakhshani: Wie hast du dich in Baku eingelebt?

Fabiano Caruana: Wie ich mich einlebe? Es ist ja nicht mein erster Besuch hier, ich bin wahrscheinlich zum dritten oder vierten Mal hier. Ich mag es immer hier zu sein. Es ist eine unterhaltsame und wirklich schöne Stadt. Das Besondere an dieser Olympiade ist, dass sich die meisten Spieler über die Stadt verteilen. Es ist anders als in, sagen wir, Tromsø, aber ja, ich fühle mich wohl und habe Spaß. Bisher bin ich gut gestartet — zwei Siege.


Was ist das Ziel das amerikanischen Teams in Baku?

Zu gewinnen!

Was glaubst du wie gut eure Chancen sind?

Ich glaube nicht, dass wir der Favorit sind, aber wir sind sicherlich einer der Favoriten. In der Setzliste liegen wir etwa 20 Elo-Punkte hinter Russland, aber ich glaube, dass in einem Duell mit dem russischen Team die Chancen ungefähr ausgeglichen sind, und dass, wenn wir alle in Form sind, sehr gute Gewinn- oder zumindest Medaillenchancen bestehen.

Wenn ihr nicht gewinnen solltet, welchem Team würdest du es wünschen?

(Großes Lachen) Wem ich den Sieg wünsche? Interessant. Ich wäre entweder für Frankreich oder Peru.

Was ist anders daran, bei der Olympiade für eine Team mit großen Ambitionen zu spielen, als für Italien?

Ja, tatsächlich ist es viel interessanter für ein solches Team zu spielen. Als ich für Italien spielte war es vor Begegnungen mit Top-Teams wie Russland oder China bereits im Vorhinein klar, dass wir verlieren würden. Es ist viel interessanter mit diesen Teams auf Augenhöhe zu sein, und nicht mit einer Verlierermentalität in das Match zu gehen. Naja, ich glaube nicht, dass ich mit Italien gegen Top-Teams am ersten Brett gewonnen habe – normalerweise wurden wir 3-1 oder 3,5-0,5 vernichtet, und jetzt ist für uns alles möglich, so ist es viel schöner.

Wie wichtig ist die Olympiade für dich als Spieler?

Wenn ich in einem Team mit guten Gewinnchancen bin, und das bin ich nun, und wir eine Medaille holen und/oder gewinnen, ist mir das sehr wichtig. Gewinnen wäre ein großer Erfolg, nicht nur für das Team, sondern ich würde es auch als einen großen persönlichen Erfolg betrachten, dass ich in einem Team wäre, das die Olympiade gewinnen konnte.

Wie gut verstehst du dich mit deinen Mannschaftskameraden ?

Ich verstehe mich mit jedem gut. Ich würde nicht sagen, dass ich mit einem der Spieler in meinem Team eng befreundet bin, aber ich verstehe mich gut mit ihnen.

Caruana und Nakamura - normalerweise erbitterte Konkurrenten, aber jetzt in einem Olympiateam | Foto: Dorsa Derakhshani

Ist es leicht für dich, die Rivalität des restlichen Jahres zu vergessen?

Die Rivalität mit meinen Teamkameraden? Nunja, ich würde sagen, dass Nakamura und Wesley direkte Konkurrenten sind - immerhin spiele ich in vielen Turnieren gegen sie und hoffe/versuche, sie zu schlagen - und nun hoffe ich, dass sie gewinnen. Es ist anders für mich, da ich normalerweise nicht hoffe, dass ein anderer Spieler gewinnt, aber natürlich möchte ich, dass sie, jeder von uns, so viel wie möglich gewinnen.

Habt ihr zusammen trainiert?

Nein, während des Turniers teilen wir Ideen, aber wir hatte kein Team-Trainingslager vor dem Turnier.

Du sagst, ihr teilt Ideen – bereitet ihr euch zusammen vor?

Wir bereiten uns nicht wirklich zusammen vor. Wir haben einen Trainer, Alexander Lenderman, der mit uns arbeitet, aber wenn jemand eine Idee hat, die einem anderen helfen könnte, teilt er sie.

Was glaubst du wie wichtig die Eröffnungswahl ist?

Sehr wichtig! Im modernen Schach ist es vor allem auf dem Toplevel nicht weniger wichtig, als jeder andere Teil der Partie. Wenn du eine gute Stellung erhältst, eine Idee oder deine Vorbereitung aufs Brett bekommst, ist es ein gute Ausgangsposition für den Rest der Partie, sich selber gut fühlen, den Gegner in die Defensive drängen… alles führt zu besserem Spiel. Ich weiß es von vielen Leuten, auch von mir. Wenn meine Vorbereitung erfolgreich war, kann ich auch in der restlichen Partie besser spielen.

Ungefähr so, wie es gerade Nakamura passiert?

Nun, ich hoffe, dass er seine Stellung hält. Die Eröffnung lief schlecht - sehr schlecht, aber er ist einer der Spieler, die sehr gut verteidigen. Er ist ein unglaublicher Verteidiger - es ist eine seiner Stärken.

Während Nakamura in die Kamera starrte, starrte Mareco ihn an - aber Hikaru kam schlussendlich davon | Foto: Dorsa Derakhshani

Wie arbeitest du an deinen Eröffnungen?

Naja, ich versuche die ganze Zeit neue Ideen zu finden, viel davon ist allgemeine Vorbereitung, wie zum Beispiel neue Sachen zu spielen, und ein Teil ist spezifisch, zum Beispiel etwas nützliches gegen meine Gegner zu finden.

Schachbrett oder Computer?

Der Großteil passiert am Computer. Manchmal benutze ich ein Brett, vor allem wenn ich mit jemandem zusammenarbeite. Wenn ich mit jemanden arbeite, können wir das Brett benutzen, um eine Stellung durchzuspielen, eine Trainingspartie zu spielen, oder zu schauen, was sich natürlich anfühlt, weil selbst wenn man weiß, was aus der Sicht des Computers der beste Zug ist – wenn man am Brett sitzt und der Gegner einen unerwarteten Zug macht, muss man in der Lage sein, selber zu denken. Daher ist es wichtig, die Stellung selber zu betrachten, nicht nur mit der Engine.

Wie bereitest du dich auf eine Partie vor?

Ich schaue mir meinen Gegner an, seine Partien, vor allem seine neusten, und versuche zu erkennen, in welcher Variante ich Ideen gegen ihn habe. Normalerweise geht ein Großteil der Zeit für die Entscheidung drauf, was man spielen soll, und nicht für die tatsächliche Vorbereitung. Der Hauptteil der Arbeit ist bereits getan und alles was man tun muss, ist den Schwachpunkt im gegnerischen Repertoire zu finden.

Ein sehr interessanter Eröffnungskampf zwischen Caruana und Navara führte zum Remis, als die USA ihren bisher einzigen Mannschaftspunkt gegen die Tschechische Republik abgaben.  | Foto: Dorsa Derakhshani

Was ist mit deiner Vorbereitung vor Turnieren?

Das ist normalerweise nur sehr allgemeine Arbeit. Einfach neue Ideen finden und sicherzustellen, dass ich keine Löcher in meinem Repertoire habe.

Ist Lawrence Trent mit dir in Baku?

Nein, er ist nicht hier.

Du hast ein paar Fragen via #AskFabiano beantwortet. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich bin nicht darauf gekommen. Ich habe Leute, die mir Ratschläge zu den Sozialen Medien geben, sie haben sich das ausgedacht.

Was machst du am liebsten, wenn du gerade kein Turnier spielst?

Ich gehe gerne raus und verbringe Zeit mit Freunden, wenn ich die Möglichkeit habe, lerne ich gerne neue Leute kennen, aber wenn ich alleine bin höre ich normalerweise Musik, schaue Filme und spiele manchmal Computerspiele. Aber ich bevorzuge mit Leuten nichts Spezielles zu machen, zum Beispiel Abendessen, abends weggehen, und ich mag es, neue Dinge auszuprobieren. Wenn ich etwas noch nicht gemacht habe, und es lustig klingt, dann probiere ich es normalerweise auch aus. Ich mache gerne aktive Sache, es muss nicht Sport sein, einfach nur aktiv sein.

Glaubst du auch, dass feiern in der Natur des Menschen liegt? (Nigel Freeman auf der offiziellen Olympiaseite)

Ja!

Wirst du auf der Bermuda-Party sein?

Werde ich!

Wie würdest du Glück definieren, im Sinne von "Glück haben"?

Es ist schwer, das zu definieren! Nehmen wir an, du spielst gegen jemanden mit 2750.  Es besteht die Möglichkeit, dass er wie, sagen wir nicht wie 2750, sondern wie 2300, 2400 oder 2500 spielen wird — er einen sehr schlechten Tag haben wird. Ein aktuelles Beispiel - Nakamura gegen Ding Liren in der letzten Runde des Sinquefield Cup ist nur ein Beispiel, dass auch starke Spieler einen schlechten Tag haben können, aber ich glaube, es gleicht sich alles aus. Es mag Fälle geben, in denen dein Gegner sehr schlecht spielt, aber auch Fälle, in denen er unaufhaltsam spielt und dir keine Chance lässt. Oder man läuft in die Vorbereitung und verliert, weil dein Gegner eine Neuerung parat hatte. Ich glaube, im Allgemeinen gleicht es sich aus, aber man kann sein Glück erhöhen, indem man kämpft und nie aufgibt. Je mehr Widerstand du leistest, desto höher sind die Chancen, dass dein Gegner es vergeigen wird.

Anders gesagt, Glück kann man sich erarbeiten?

Ich glaube nicht, dass ich es Glück nennen würde, aber für Außenstehende sieht es danach aus. Schaut euch zum Beispiel an, wie oft Carlsen schlechte Stellungen rettet oder remisliche Partien gewinnt, weil er weiterspielt und versucht, das Beste herauszuholen. Von außerhalb mag es wie Glück aussehen, aber tatsächlich ist es vielmehr das Ergebnis harter Arbeit. 

Hast du irgendein unbeschriebenes Blatt, das jeden überraschen könnte?

Bei der Olympiade?

Ja.

Lass mich nachdenken… ich bin mir nicht sicher. Spontan fällt mir kein Land ein. Natürlich gibt es Mannschaften, die ab und zu für Aufreger sorgen, aber ich würde zum Beispiel die Niederlande kein unbeschriebenes Blatt nennen. Sie haben einen Topspieler am ersten Brett, aber ist es klar, dass sie gegen Teams wie Russland, China oder die USA Außenseiter sind. Auch gegen Frankreich, wenn Maxime in Form ist. Sie können sehr gefährlich sein, und auch einige der Spieler können gefährlich sein, wenn sie gut spielen, aber ich glaube nicht, dass es große Überraschungen geben wird. Ich weiß nicht, wer am Ende oben stehen wird, aber ich glaube nicht, dass es eine große Überraschung sein wird.

In deinem jungen Alter hast du es geschafft, das dritthöchste Rating der Schachgeschichte zu erreichen. Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?

Fabiano macht am Brett einen gelösten Eindruck. | Foto: Dorsa Derakhshani

Ich glaube, ich hatte eine sehr gute Phase. Ich gewann 40 Punkte in einem einzigen Turnier. Es hätte anders laufen können - ich hätte nur wenige gute Turniere haben können, aber meinen ganzen Erfolg hatte ich eigentlich in einem Turnier und deswegen (lacht ein bisschen) habe ich sieben Partien in Folge gewonnen und mein Rating stieg auf 2840… Ich frage mich immer noch, warum ich dieses Resultat hatte, und auch ein paar Turniere danach waren sehr gut, wie zum Beispiel der European Club Cup. Für einige Zeit spielte ich unglaublich gutes Schach, vermutlich besser, als ich es verdiente (lacht). Vielleicht hatte ich auch ein wenig Glück! Ich hatte meine starke Phase und wenige Monate später hatte ich zu kämpfen. In Wijk aan Zee, Zürich im folgenden Jahr, gab es sechs Monate, in denen ich kaum gute Ergebnisse zeigte, aber in diesem einen Turnier (Sinquefield Cup 2014) war ich nicht aufzuhalten.

Wie ist es, die ganze Zeit gegen die selben Spieler zu spielen?

Es kann langweilig werden. Deswegen genieße ich die Olympiade - Ich spiele gegen neue Spieler, neue Eröffnungen, neue Stellungstypen, neue Probleme, denen ich mich stellen muss. Wenn ich gegen Vishy oder Anish spielen muss, gegen die ich ungefähr zehn Mal jedes Jahr spiele, kann es etwas langweilig werden.

Also heißt du solche Turniere wie das Qatar Masters gut?

Ja! Sie sind attraktiv! Ich werde die Isle of Man spielen, ein offenes Turnier mit vielen starken Spielern - Nakamura, Wesley So - aber ich kann auch gegen Leute spielen, gegen die ich sonst nie spielen würde.

Viel Erfolg und vielen Dank für deine Zeit!

Danke.


Neuigkeiten vom Ruhetag der Olympiade

Der Ruhetag ist der Tag nach der Nacht davor… aber den Sozialen Medien nach zu urteilen, waren viele Spieler früh wach und erkundeten Baku:

With my coach and a teammate 🇺🇸 Rest day at the #bakuchessolympiad 🇦🇿

A photo posted by Nazi Paikidze-Barnes (@nazipaiki) on

He like to go to the gym on restdays. #mvp🏆

A photo posted by Anish Giri (@anishgiri94) on

Für manche ist es an der Zeit Baku zu verlassen!

Glückwünsche an Veselin Topalov… und auch an unseren Jan Gustafsson, der seine Banter Blitz Show gestern von einem geheimen Ort (“Ich könnte mich nicht auf einer Karte finden”) aus gab, und sich als frischer Vater eines Mädchens outete.

Heute Abend um 19:00 Uhr MESZ spielt der 7-malige Russische Meister Peter Svidler ein Banter Blitz, gerade wenn die letzten Partien der Olympiade zu Ende gehen sollten.


Viele von euch sind zweifelsohne unter den 1.371 Teilnehmern der diesjährigen Fantasy Chess Olympiad. Wenn es für nicht so gut läuft (hier findet ihr die Tabellen und Statistiken)  dann gibt es bei der Week2Sprint Competition noch eine Chance. Der Anmeldeschluss ist heute um 13:00 Uhr. Viel Glück!

Weitere Links:


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