Allgemein 12.08.2015 | 13:00von Colin McGourty

Carlsen will die Welt verändern

Magnus Carlsen hat den Weltmeistertitel in spannenden Duellen sowohl gewonnen als auch verteidigt. Aber heute kehrt er zu einem alten Thema zurück- seinen Wunsch, den Weltmeisterschaftsmodus zu ändern und die Privilegien des Weltmeisters abzuschaffen. Er schlägt ein "gerechteres System" durch ein "jährliches Knockout Turnier, ähnlich dem Modus beim Weltpokal," vor. Würde dieses System allen Weltklassespielern eine faire Chance auf den Titel geben und mehr Medienaufmerksamkeit erzeugen oder einfach nur einen Rückschritt zu den unbeliebten FIDE-Weltmeisterschaften der Jahre 1998-2004 bedeuten? Was meint ihr? 

Sogar die Anwesenheit von Vladimir Putin bei der Abschlusszeremonie des Weltmeisterschaftsduells zwischen Carlsen und Anand im Jahr 2014 hat von den Medien in der westlichen Welt nicht viel Aufmerksamkeit erhalten - könnte ein neuer Modus mehr Fans an der königliche Spiel binden?  | Foto: Anastasia Karlovich, FIDE

Magnus Carlsen, der am Sinquefield Cup, der am 23. August beginnt, teilnimmt, veröffentlichte seine Meinung auf Facebook (klickt auf "See more", um den ganzen Text sehen zu können):

In advance of travelling to the US to prepare for the Sinquefield Cup, I felt it important to share with you something I...

Posted by Magnus Carlsen on Tuesday, 11 August 2015

"Bevor ich in die USA reise, um mich auf den Sinquefield Cup vorzubereiten, wollte ich gerne einige meiner Gedanken mit euch teilen: Das Weltmeisterschaftsformat.

Ich möchte das, was ich zu sagen habe, gerne damit einleiten, dass ich großen Respekt und große Ehrfurcht vor all den Weltmeistern habe, die es vor mir waren und für diejenigen, die zur Professionalisierung des Schachsports beigetragen haben. Das Match in Chennai gegen V. Anand und unser nachfolgendes Match..."

Carlsens Hartnäckigkeit ist bewundernswert. Bereits im Jahr 2010 verweigerte er seine Teilnahme am Kandidatenturnier 2011 aus Protest gegen den bestehenden Modus: 

In my opinion privileges should in general be abolished and a future World Championship model should be based on a fair fight between the best players in the World, on equal terms.

"Meiner Meinung nach sollten Privilegien generell aufgehoben und ein zukünftiger Weltmeisterschaftsmodus sollte in einem fairen Kampf auf gleicher Basis zwischen den besten Spielern der Welt ausgetragen werden. 

Jetzt wo er all die Privilegien des Weltmeisters besitzt, - selbst wenn er sein nächstes Match im Jahr 2016 verliert, würde er sich direkt für das nächste Kandidatenturnier qualifizieren- wäre es leicht, den Status Quo, der ihm jede Menge Vorteile verspricht, zu akzeptieren. Stattdessen möchte Carlsen alles über den Haufen werfen. Des reinen Selbstinteresses kann man ihn bei seinem Vorschlag somit schon einmal nicht beschuldigen...aber hat er Recht ?

Im Folgenden haben wir einige Pro- und Kontrapunkte zusammengestellt:

Pro

1) Das Ende der Privilegien

Momentan hat der Weltmeister einen großen Vorteil gegenüber seinen Rivalen um die Weltmeisterschaftskrone, da er einfach zwei Jahre lang warten kann, um gegen einen Spieler anzutreten, der sich durch ein hartes Qualifikationssystem kämpfen musste. Das neue System würde das beenden und der Besitz des Titel würde- wie beim Fußball- für mehr Prestige sorgen. Es wäre wahrscheinlicher, dass sich die zur Zeit des Weltmeisterschaftskampfes stärksten Schachspieler durchsetzen. 

2) Ein leicht nachvollziehbares System

Ein Turnier im K.O.-Modus zur Bestimmung des Weltmeisters, das jeder verstehen kann, ist deutlich benutzerfreundlicher als ein System, bei dem die Teilnehmer des Kandidatenturniers durch ihr Rating, den Weltpokal, die Grand-Prix-Turniere, Privilegien und Wild Card ermittelt werden und erst danach ein Turnier gespielt wird, bei dem der Herausforderer des Weltmeisterschaftsmatches entschieden wird 

Jan müsste nicht länger Videos wie dieses machen:

3) Mehr reguläre Weltmeisterschaften + mehr beteiligte Spieler = mehr Medienaufmerksamkeit?

Wenn all die besten Spieler an einem einzigen und äußerst wichtigen Turnier teilnehmen, sollte es möglich sein, weltweit eine deutlich größere Medienaufmerksamkeit zu generieren. Schach wird in naher Zukunft sicherlich nicht mit der Aufmerksamkeit mithalten können, die eine Fußballweltmeisterschaft erhält, aber der neue Modus könnte ein erster Schritt sein, ein Massenpublikum zu erreichen.

Kontra

1) Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren

Das Timing von Carlsens Vorschlag ist möglicherweise nicht gut, denn nach langem Ringen scheinen wir endlich einen Weltmeisterschaftsmodus gefunden zu haben, mit dem die meisten Leute gut leben können. Das K.O.-System wurde als Qualifikationsmodus zum Kandidatenturnier akzeptiert und beim diesjährigen Weltpokal in Baku nehmen Topalov, Nakamura, Caruana, Giri, So, Kramnik, Grischuk & Co. teil – höchstens die Abwesenheit Magnus Carlsens kann das Turnier davon abhalten, zum Schachevent des Jahres zu werden. Der Grand Prix bietet denjenigen Topspielern, die nicht regelmäßige Gäste der Superturniere sind, die große Chance, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Darüber hinaus hat das Kandidatenturnier für sich genommen das Potential, ein unglaubliches Turnier zu sein- hier genügt es, an das Kandidatenturnier 2013 in London zu erinnern.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese dramatische letzte Runde beim Kandidatenturnier 2013 in London so schnell überboten werden kann- die beiden Führenden Kramnik und Carlsen verlieren beide ihre letzte Partie. | Foto: Anastasia Karlovich, london2013.fide.com

Wie Magnus selbst zugibt, ziehen die Weltmeisterschaftsmatches "massives Interesse seitens der Medien und der Öffentlichkeit" auf sich. Der Zweijahreszyklus- wenn die FIDE ihn beibehält- scheint den meisten Beobachtern auch angemessen. 

2.) Haben wir das n‌icht schon einmal probiert?

Das Bestimmen des Weltmeisters durch K.O.-Turniere war eine große Idee des FIDE-Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov von 1998 bis 2004. Das hat aber zu einer Reihe von Weltmeistern wie Alexander Khalifman, Ruslan Ponomariov and Rustam Kasimdzhanov geführt, die nie ganz anerkannt wurden. Ein Knock-Out-System mit kurzen Matches- wenn man lange Matches spielt, ist es schwer zu sehen, wie man jedes Jahr einen großen Weltmeisterschaftskampf veranstalten kann- erhöht automatisch den Glücksfaktor, auch wenn die Ergebnisse keineswegs so zufällig sind, wie sie von den Kritikern dieses Systems immer dargestellt werden.

Das System wird tatsächlich bei der Weltmeisterschaft der Frauen alle zwei Jahre noch angewandt. Hier wurde beispielsweise Hou Yifans Herrschaft als Weltmeisterin von Anna Ushenina unterbrochen und nun von Mariya Muzychuk. Die vorherrschende Meinung ist jedoch, dass es für die Frauen besser wäre, den Weltmeisterschaftsmodus der Männer zu adaptieren und statt einem K.O.-System einen Weltpokal zu spielen. Die große Hürde auf diesem Weg ist das Geld.  

3) Ein Bruch der Geschichte

Zwei Jahrhunderte Schachgeschichte sind mit der Vorstellung verbunden, dass ein Herausforderer den amtierenden Weltmeister in einem direkten Duell bezwingen muss, um die Schachkrone zu erlangen. Wollen wir diese Idee aufgeben? Würde irgendein neuer Weltmeister nach Magnus Carlsen die gleiche Anerkennung unter einem neuen Modus erhalten? Und wie soll Magnus es schaffen, Kasparov bei der Anzahl seiner Siege in Weltmeisterschaftsduellen einzuholen?

"Ein großer Dank geht an alle, die mich auf dieser interessanten Reise unterstützt haben. Zwei(Titel) sind in der Tasche, fünf müssen noch geholt werden."

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