Berichte 26.05.2019 | 20:07von Colin McGourty

Carlsen und Ding Liren führen nach Tag 1 in der Whiskybrennerei

Weltmeister Magnus Carlsen und die Nr. 3 der Welt, Ding Liren, führen beim Lindores Abbey Chess Stars Turnier, nachdem sie ihre ersten beiden Partien remisierten und ihre letzte Partie des Tages gewinnen konnten. Sergey Karjakin führte das Turnier zu Beginn an, verlor dann aber gegen Ding Liren in Runde 3, während es für den fünffachen Weltmeister Vishy Anand ein Tag zum Vergessen war: Er verlor zwei seiner Partien. Ein wenig schade ist es, dass in der Whiskybrennerei keiner der Spieler zur Schottischen Eröffnung griff, aber dennoch konnten wir Zeuge von denkwürdigem Schach werden.

Nicht jeder hat das Kunststück geschafft, mit Dudelsack im Hintergrund zu lächeln! | Foto: Lindores Abbey Distillery Facebook

Den chess24-Broadcast könnt ihr euch unter folgendem Link anschauen (aufgrund einer Übereinkunft mit den Organisatoren zeigen wir die Züge der Partien nicht auf unserer chess24-Seite): Lindores Abbey Chess Stars Tournament

Alle Partien kannst du im folgenden PGN Viewer nachspielen:

An diesem Tag kommentierten die Großmeister Danny King und Gennadi Sosonko. Des Weiteren findet ihr im folgenden Video Interviews mit den Spielern nach Beendigung der Partien als auch einzelne Interviews mit den Spielern.

Ebenso könnt ihr euch anschauen, was die Kameras an den Brettern aufgezeichnet haben. So könnt ihr die Action von ganz nah erleben:

Falls ihr euch wundern solltet, um was es sich bei Acqua Vitae handelt…

Douglas Griffin: Etwas nicht-schachlichtes mit Bezug zu Whiskey. Das englische Wort "Whisky" kommt aus dem Schottischen (Gälisch) "uisge beatha" - wörtlich, das "Wasser des Lebens". Darauf beziehen sich der Begriff Aqua Vitae beim Lindores Abbey Turnier.

Der Name ist ebenso ein technischer Begriff, denn die Lindores Abbey Destillerie wurde 2017 gegründet, aber man kann das dort hergestellte Produkt nicht "Scotch whisky" nennen - denn dieser muss mindestens 3 Jahre und 1 Tag gereift sein.

Aber nun zu den Partien!

Runde 1: Carlsen ½-½ Ding Liren, Karjakin 1-0 Anand

Als Magnus gefragt wurde, den Tag zusammenzufassen, meinte er:

Die Partien waren interessant, das ist klar. Es war sehr, sehr kalt im Spielsaal, denke ich. Und deshalb hat es mir nicht wirklich Spaß gemacht.

Er hat es definitiv versucht, die Geschehnisse auf dem Brett anzuheizen. Gegen Ding Liren traf er einige mutige Entscheidungen:


12.c5!? Lxf1 13.Kxf1 d6 14.exd6 cxd6 15.h4! gxh4?! 16.Txh4 Sf6 bekam die Zustimmung des stärksten schottischen Großmeisters:

Jonathan Rowson: Tolle Eröffnungsbehandlung von Magnus. 12.c5! ist kontraintuitiv, aber effektiv. Es geht nicht um das weiße Läuferpaar, sondern um die seltsamen schwarzen Springer. Nach 16.Txh4 sage ich bereits einen weißen Sieg voraus.

Es sah so aus, als ob wir erwarten konnten, dass Magnus dort weitermacht, wo er in Abidjan aufgehört hatte: nämlich mit der Dominanz im Schnellschach:


Hier jedoch bereute er es später, dass er nicht das Mittelspiel nach 17.De2 spielte, sondern sich stattdessen für 17.c4!? dxc5 18.dxc5!? entschieden hatte, wonach sein Vorteil langsam im Endspiel versandete, auch wenn Ding Liren es sich schwieriger als nötig machte, als er im 22. Zug einen Bauern mit der falschen Figur schnappte.

chess24: Carlsen-Ding endet remis - noch zwei weitere Runden sind heute zu spielen!

Die Nr. 1 Chinas ist nicht nur in Schottland, sondern im gesamten Vereinigten Königreich zum ersten Mal. Ding kommentierte sein Spiel in diesem Jahr später so:

Es ist schon sehr komisch. Gegen Magnus remisierte ich alle Partien, aber gegen Hikaru habe ich mir unsagbar schwergetan! Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Spielstilen.

Sergey Karjakin war der Held der ersten Runde nach einem harten Eröffnungskampf gegen Vishy Anand. Die indische Nr. 1 wählte die alte Variante 10...Te8 im abgelehnten Damengambit anstatt des schockierend 10...Td8, das Caruana beim WM-Match in London gegen Magnus spielte. Die Partie folgte dem Vorgänger Mamedyarov-Anand von dem Wijk aan Zee Turnier im letzten Jahr, bis Sergey im 18. Zug eine Neuerung präsentierte. Der wahre Wendepunkt kam allerdings mit Zug 22:


Sergey dachte hier zum ersten Male wirklich nach und möglicherweise verwechselte er irgendetwas, denn 22.Txe5! ist absolut spielbar (22.f6? 23.Lxf6!). Stattdessen wählte er 22.Lf6!?, was ein Bluff war, den Vishy hätte callen müssen. Denn nach dem Schlagen des Läufers sollte die Stellung für Schwarz ok sein. In der Partie geschah allerdings 22…Tac8!? 23.Lxe5 und Weiß verblieb mit einem Mehrbauern und guter Figurenkoordination. Das war allerdings nicht das Ende der Partie, wie Vishy später selbst meinte:

Natürlich stand ich zu diesem Zeitpunkt klar schlechter, und dann habe ich die Stellung erst gerettet und dann doch wieder verloren.


Runde 2: Karjakin ½-½ Carlsen, Anand ½-½ Ding Liren

Carlsen war sofort im "Aufholmodus" und sein Siegeswille wurde mit der Eröffnungswahl deutlich: Die Hauptvariante der Königsindischen Verteidigung mit Schwarz!


Und schon bald sah es aus wie eine Stellung, die Magnus auch im Geschwätzblitz zu spielen versuchen könnte:


Auf h5 zu schlagen ist das, was Menschen und Karjakin insbesondere ungern tun, und nach dem "Fingerfehler" 18.Lg4!? folgte ein Generalabtausch, wonach ein remisträchtiges Endspiel entstand.

In der anderen Partie wurde eine sorgsame Partie gespielt, in der Vishy an einem bestimmten Punkt drohte, seine Stellung mit Vorteil zu konsolidieren:


Zieht der Turm zurück und Weiß kommt zu b3, kann er davon träumen, etwas aus der Stellung zu machen. Aber Ding reagierte mit dem forcierenden 29…d5! 30.exd5 Txe3 31.fxe3 Lxb2 und auch wenn der d-Bauer das Brett rauf marschierte, reichte das nur für den halben Punkt.

Runde 3: Ding Liren 1-0 Karjakin, Carlsen 1-0 Anand

Sergey Karjakin ging immer noch als Führender in die letzte Runde des Tages, aber Ding Liren merkte dazu später an:

Dieses Jahr habe ich verdammt gute Ergebnisse gegen Sergey. Zuletzt in Abidjan habe ich in dreimal geschlagen.

Er sollte dem einen weiteren Sieg hinzufügen, der teilweise auf bessere Kenntnis der Eröffnung zurückzuführen war. Denn Ding Liren war nicht überrascht vom scharfem 11.c6 erwischt worden, denn er erinnerte sich an eine Partie, die er 2014 in der chinesischen Meisterschaft gespielt hatte. 


Hauptsächlich ging es dabei um einen Zug:


Sergey wies im Anschluss an die Partie darauf hin, dass Schwarz hier über das starke 16…Sh5! 17.Le3 f6!, verfügt. Dann gibt der Figurengewinn 18.g4?! fxe5 19.gxh5 Dxh5 Schwarz einen starken Angriff. Stattdessen spielte er aber einen Zug, von dem er wusste, dass er in ähnlichen Stellungen funktioniert - aber das scheint hier nicht der Fall zu sein: 16…Sg4? 17.h3 Sxf2 18.Kxf2 Lc5+ 19.Le3 Lxe3+ 20.Kxe3

Jaideep Unudurti: Der erfreulich Moment, in dem beide Spieler plötzlich beschließen, ein Meisterwerk zu spielen.

Der König wurde ins Freie und in die Mitte des Brettes gelockt, aber es gibt keinen Ausmacher. 9 Züge später sah es dann so aus, als ob Weiß regulär lang rochiert hätte und sich schlicht einer Mehrfigur erfreut:


Im anderen Aufeinandertreffen schoss Vishy daneben - und das, obwohl er während seiner Karriere viele Schussübungen bereits absolviert hatte!

Anand in Khanty-Mansiysk nach dem Gewinn des 2014er Kandidatenturniers | Foto: Kirill Merkuriev, Turnierseite

Vishy Anand: Ratet mal, was ich mache? Keine Tiere (oder Schachspieler!) wurden während der Dreharbeitend es Videos verletzt!

Magnus gab zu seiner Eröffnung preis:

Ich dachte, ich stand schon zu Beginn sehr schlecht, doch dann bekam ich ein paar Tricks. Dann drehte sich die Partie sehr schnell.

Carlsen war bereits wieder guter Dinge nach 18.dxc5 und 19.Le1:


Ich war sehr zufrieden, dxc5 und Le1 spielen zu können, denn ich hatte das Gefühl, einiges an Gegenspiel zu bekommen. Ansonsten drohte mir eine Stellung, in der Schwarz einfach am Damenflügel besser steht. Nun gibt es hier und da Taktik.

Der Computer favorisiert immer noch Schwarz an dieser Stelle, aber nach 19…d4?! folgte 20.Sa4! Magnus fasste das so zusammen: "Es ist klar, dass der Trend mein Freund ist und nun wird es sehr trickreich". So trickreich, dass Vishy sich hier sogar freiwillig für 20…Sd7?! entschieden hatte:


21.Lxf7+! Kxf7 22.Db3+ Kf8 23.Dxb7 ist einer der Tricks, über die Magnus zuvor gesprochen hatte. 23…dxe3 hätte die Partie am Leben gehalten, aber nach 23…Txe3?! fiel die schwarze Stellung auseinander. Die Partie endete dann schnell im 31. Zug.

chess24: Ein Sieg über Anand und zwei Remis sind wie das Wasser des Lebens für Magnus, der am ersten Tag zusammen mit Ding Liren die Führung mit 2/3 übernimmt!

Dieser erste Sieg auf schottischem Grund brachte ihm die gemeinsame Führung mit Ding Liren ein (beide 2/3), während Sergey Karjakin bei 1,5/3 und Vishy Anand bei 0,5/3 stehen. Die folgende Tabelle wird sich vervollständigen, je mehr Ergebnisse eintreffen:

Vor dem Ende des Tages stellten sich die Spieler noch einem großen Panel-Interview. Dort wurden sie zu unterschiedlichen Themen befragt. Eine Frage bezog sich auf das generelle Niveau des heutigen Schachs verglichen mit dem der Vergangenheit. Dazu meinte Karjakin:

Vor 15 Jahren war es möglich, aus der Eröffnung heraus einen großen Vorteil zu bekommen und heute passiert das sehr, sehr selten. Ich glaube, wir werden einfach besser und besser. Ich denke, nachdem Magnus damit begann, seine leicht besseren Stellungen weiter zu spielen und nach sechs Stunden zu gewinnen, haben wir alle etwas gelernt. Und mittlerweile spielen wir diese langen Partien auch auf einem anderen Level.

Carlsen stimmte zu:

Insgesamt ist die Technik heute viel besser. Wenn du, ich tippe 15-20 Jahre zurück gehst, dann hatten alle guten Spieler eine gute Technik. Aber davor konnte man sehr starke Spieler finden, die eine grausame Technik hatten und sich schlecht verteidigten.

Vishy merkte an, dass eine der Veränderungen auch ist, dass "die im Vorteil befindliche Seite viel hartnäckiger spielt". Dann wurde Magnus noch gefragt, wie sich das menschliche Schach in Zukunft entwickeln wird:

Schaut man sich Partien zwischen Computern an, ist es klar, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, wenn es um das Verständnis langfristiger Kompensation und ähnlicher Dinge geht. Denn wir bewerten Stellungen einfach falsch und wir ziehen unsere Schlüsse zu frühzeitig. Es ist nicht klar, wie man diese Dinge verbessern kann, aber es ist offensichtlich, dass wir in dem Bereich erst an der Oberfläche von dem kratzen, was möglich ist im Schach. Denn wir sind Menschen und wir machen Fehler.


Das derzeitige Format für die Weltmeisterschaft bekam Zustimmung von Karjakin und Carlsen, während Anand es mit dem System verglich, mit dem er groß geworden ist:

Unser Qualifikationssystem war für die damalige Zeit gut, aber du musst es immer anpassen. Das Schach ist heutzutage so reich, dass ein Interzonenturnier nicht reichen würde. Das damalige System war für die damalige Zeit gut, denke ich. Es produzierte gutes Schach und gute Matches, aber heutzutage würde es glaube ich nicht funktionieren.

Sonntag ist der zweite und bereits der Finaltag des Events und alle Spieler spielen noch einmal gegeneinander. Es ist also noch nichts entschieden. Wenn sich an der Situation an der Tabellenspitze nicht ändert, würde es in der letzten Runde beispielsweise zum Aufeinandertreffen von Ding Liren und Magnus Carlsen kommen. Das Match wirst du sicher nicht vermissen wollen! Gibt es mehrere Sieger mit der gleichen Punktzahl, wird über den Sieg im Blitz-Playoff mit 3+2 entscheiden.

Die Partien kannst du dir auf der offiziellen Seite anschauen.

Weitere Links:


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