Interviews 25.11.2021 | 12:33von Colin McGourty

Carlsen über die Weltmeisterschaft: „Ich kann ohne leben!“

Magnus Carlsen beginnt sein 5. Weltmeisterschaftsmatch am Freitag, bei dem er in Dubai mit den schwarzen Steinen gegen Ian Nepomniachtchi antreten wird. In einigen Interviews in großen internationalen Publikationen gab er vor dem Match zu, dass er diesmal „weniger hungrig“ sei und ohne den großen Aufwand der Weltmeisterschaft leben könne. Er sprach zudem über die Gefahr, die von Alireza Firouzja ausgeht („sein Talent ist gewaltig“) und wie es um seine Motivation, die Weltrangliste anzuführen, stünde, sollte er den Titel behalten oder verlieren. 

Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi bei der Eröffnungszeremonie in der Dubai Opera | Foto: Eric Rosen, FIDE

Es gab bei der Eröffnungspressekonferenz einen unterhaltsamen Zwischenfall. Schachjournalist Mike Klein, der das löbliche Ziel verfolgte, interessante Reaktionen hervorzurufen, konfrontierte die Spieler mit Sachen, die sie übereinander gesagt hatten. Das einzige Problem? Das Zitat, „es ist bereits sein 5. Match, deshalb denke ich, dass sein inneres Feuer nicht mehr so heiß brennt“, das er Ian Nepomniachtchi zuschrieb, wurde tatsächlich vom 15. Weltmeister Vishy Anand gesagt.

Magnus tat es lachend mit einer passenden Antwort ab:

Nun, das ist das erste mal, dass ich davon höre und es motiviert mich sehr, danke also dafür!

Es würde sich jedoch bald herausstellen, dass Magnus der internationalen Presse selbst sehr ähnliche Sachen gesagt hatte. Er überraschte Sean Ingle vom The Guardian am Anfang ihres Interviews:

Ich bin weniger hungrig. Ich denke, das ist immer der Fall, wenn man zum fünften Mal um den Titel spielt statt des ersten Mals.

Später ging er sogar noch weiter:

Im Moment fühle ich es nicht wirklich. Ich habe das Gefühl, dass ich schon einmal an diesem Punkt war, es bereits geschafft habe. Und es ist für mich ehrlich gesagt nicht spannend. Aber wenn ich mich am Freitag hinsetze, wird es sich vollkommen anders anfühlen. Und darauf freue ich mich sehr.

Wir fanden durch einen explodierenden Konfetti-Ballon heraus, dass Magnus in der 1. Partie Schwarz haben wird | Foto: Eric Rosen, FIDE

Im gleich Artikel zitiert Sean den 14. Schachweltmeister Vladimir Kramnik, der über die Motivation und Fähigkeit spricht, die Magnus derart lange an der Spitze sein ließen: 

Magnus ist der weltweit einzige Spieler, für den es keine andere Option gibt, als zu gewinnen. Es ist tief in ihm verankert. Andere wollen gewinnen. Aber Magnus? Er muss gewinnen. Das ist ein großer Unterschied. Für ihn gibt es keinen zweiten Platz. Und das gibt einem zusätzliche Kraft, wenn man Schach spielt.

Als Computer auftauchten, gab es einen entscheidenden Wandel. Meine Generation, die vor Computern aufwuchs, hatte ein grundsätzliches strategisches Verständnis des Spiels. Aber unsere Rechenfähigkeiten sind ein wenig schlechter, als die der meisten Vertreter der jungen Generation.

Aber während die jüngere Generation durchweg fantastische Rechenfähigkeiten und Einfallsreichtum haben, wird jeder Spieler an der Spitze hin und wieder schwer wiegende strategische Fehler machen. Jedoch ist Magnus in der Lage, sehr gut zu rechnen und er hat diese altmodische strategische Grundlage, keineswegs schlechter als die großartigen Spieler aus der Vergangenheit, wie Anatoly Karpov. Er kann also beides.

Leontxo García war mit Judit Polgar und Vishy Anand bei der Eröffnungszeremonie | Foto:Eric Rosen, FIDE

Motivation war auch ein großes Thema im fantastischen Interview von Leontxo García für Spaniens El País.

Wir haben ein paar Schlüsselstellen unten für euch übersetzt:


Unter der Nummer eins, die du nun fast 12 Jahre bist, gibt es nichts, eine Leere. Wie motivierst du dich selbst, weiter zu versuchen, an der Spitze zu bleiben? 

Ja, das ist eine grundsätzliche Frage, weil es stimmt, dass es für mich heutzutage immer schwerer wird, mich zu motivieren, wesentlich schwerer als in früheren Jahren. Jenseits von alledem, versuche ich so an meinen Beruf heranzugehen, dass er mir erlaubt, ihn noch immer zu genießen und so viel zu lernen, wie ich kann. Aber ehrlich gesagt genieße ich die Weltmeisterschaft nicht so sehr wie die Turniere im internationalen Turnierplan. Bei der Weltmeisterschaft geht es praktisch darum, die Krone zu behalten. Ich gebe zu, dass das ein großer Anreiz ist, aber es ist auch unglaublich belastend. 

Es ist schön hier zu sein, mit Drum und Dran, das zu einer Weltmeisterschaft gehört, aber ich könnte ehrlich gesagt ohne das alles leben. 

Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir vorzustellen, was am Freitag geschehen wird, wenn wir unsere erste Partie spielen. Und ich vertraue darauf, dass es so viel Spaß machen wird bei den vorherigen Malen.  

Garry Kasparov war 20 Jahre in Folge die Nummer eins. Diesen Rekord zu brechen schien unmöglich, beinahe unmenschlich, aber du bist mittlerweile bei beinahe 12 Jahren. Fängst du an, dies als möglich wahrzunehmen? 

Nun, momentan ist mein Vorteil über den zweiten Spieler auf der Weltrangliste groß, aber Alireza Firouzja hat gerade einen gewaltigen Sprung gemacht und ist Nummer zwei geworden. Wenn er diesen Rhythmus beibehält ist klar, dass meine Lage nicht mehr so komfortabel wie jetzt sein wird.

Momentan ist meine Intention, viele Jahre weiterhin Schach zu spielen, auch wenn ich nicht Weltmeister bin. 

In dem Fall wird das Hauptziel sein, den Spitzenplatz zu behalten und ich habe mir das vorgestellt, weil ich in den letzten beiden Titelkämpfen kurz davor stand, zu verlieren. Aber natürlich ist die Vorstellung, dass ich möglicherweise entthront werden nicht gerade angenehm, weshalb ich so hart wie möglich kämpfen werden, um mir das nicht wieder vorstellen zu müssen.    

Ich denke, dass du Firouzja als nächsten Anwärter auf den Titel siehst.

Ja, natürlich. Es reicht, sich seine Zahlen und Kurve anzusehen, aber ich habe auch viele Partien gegen ihn gespielt, hauptsächlich Schnellschach, aber auch klassisch, und 

ich kann bestätigen, dass sein Talent enorm ist. 

Wie gehst du aus psychologischer Sicht damit um, dass im Gegensatz zu Turnieren mit 8 - 10 Spielern, bei der Weltmeisterschaft dein Gegner jeden Tag derselbe ist? Träumst du oder hast du Albträume von Ian Nepomniachtchi? Oder von den Waffen, die du für ihn vorbereitet hast?  

Es kommt sehr darauf an, wie das Match verläuft. Wenn alles gut läuft, wenn man gewinnt und das Gefühl hat, dass der Gegner keine tödlichen Waffen bereit hält, dass man weiß, wie man sie kontert, dann wird alles einfacher. Aber im letzten Match gegen Caruana war es genau umgekehrt. Ich erkannte, dass ich nicht in der Lage war, mit den weißen Steinen einen Vorteil zu erlangen, weil er alle meine Waffen neutralisiert hatte. Andererseits fühlte ich mich mit den schwarzen Steinen wesentlich besser. Deshalb bevorzuge ich Turniere, da jeden Tag wechselnde Gegner wesentlich motivierender sind. 

In Matches, egal wie gut die Monate der Vorbereitung verlaufen sind, darunter auch einige Wege zu finden, den Gegner zu überraschen, hat man irgendwann keine Ideen mehr. 

Natürlich ist diese Erfahrung sehr unangenehm und es ist schwer zurückzukommen, aber der Trost ist, dass mein Gegner vermutlich ähnlich leiden wird.  

Nepomniachtchi überprüfte, dass er tatsächlich die weißen Steine hatte | Foto: Eric Rosen, FIDE

Nimmst du dir während der Weltmeisterschaften in deinem Tagesablauf Zeit dafür, zu entspannen, abzuschalten und zu verhindern, besessen zu werden? 

Es ist in der Tat so, dass ich an den Ruhetagen hauptsächlich versuche, beinahe den ganzen Tag abzuschalten und wenige Stunden einplane, um mich auf auf die nächste Partie vorzubereiten - zuerst, aus einer grundsätzlichen, strategischen Sich darüber nachzudenken, wie man an die Sache herantritt, um dann konkrete Eröffnungsvarianten und Verteidigungen zu analysieren und diese auswendig zu lernen. 

Der Schlüssel zu meiner psychologischen Vorbereitung während einer Weltmeisterschaft ist, versuchen zu vergessen, dass ich eine Weltmeisterschaft spiele. 

Eines der geheimen Trainingslager während der letzten Monate war das Luxushotel in Chiclana (Cádiz). Wie war es? Wie sah dort ein normaler Tag aus?

Es war großartig, weil in dem Hotel, dem Royal Hideaway Sancti Petri, den Gästen Schach als Aktivität angeboten wird, da der Oberkellner ein großer Schachfan ist. Zusätzlich war es eine sehr angenehme Umgebung. Wir haben mit einigen ortsansässigen Fans Fußball gespielt und den großartigen Sonnenschein genossen. Zudem hat der Atlantik besonderes Licht, dass ich dem Mediterranen vorziehe. Dies trug dazu bei, es zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. 


Wir müssen nicht mehr lange warten, da die 1. Partie des Matches live hier auf chess24 am Freitag beginnt! 



Siehe auch: 


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