Berichte 27.11.2019 | 11:37von Colin McGourty

Carlsen mit Rekordergebnis: Die Gewinner und Verlierer des Tata Steel in Kolkata

Magnus Carlsen hat beim Tata Steel Chess India seinen eigenen Rekord gebrochen und das Turnier mit vier Punkten Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Hikaru Nakamura gewonnen. So leicht, wie es klingt, war es aber nicht, denn der Weltmeister bezeichnete den Beginn des Turniertags, während dem er an einer Magenverstimmung litt, als „ziemlich brutal“. Auch für Vishy Anand war der Tag nicht schön, denn er verpasste die Qualifikation für das Londoner Finale durch einen Einsteller gegen Vidit und durch Zeitüberschreitung in besserer Stellung gegen Anish Giri. Damit ist MVL in der nächsten Woche der Gegner von Magnus, Ding Liren und Levon Aronian beim mit $350.000 dotierten Finale der Grand Chess Tour. 

Magnus Carlsen bei seiner Schlussrede | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien des Tata Steel Chess India Rapid & Blitz in Kolkata könnt ihr nachspielen:

Und hier die Live-Bilder vom Schlusstag mit den Kommentaren von Peter Svidler, Jennifer Shahade, Maurice Ashley und Tania Sachdev:

Werfen wir nun einen Blick auf die Gewinner und Verlierer:

Gewinner

1. Magnus Carlsen

Selbst ein kranker Magnus Carlsen ist noch Magnus Carlsen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Oberflächlich betrachtet, lief es bei Magnus ganz normal. Mit seinen +2 am Schlusstag stellte er eine neue Bestleistung bei einem Schnellschach- und Blitzturnier der Grand Chess Tour auf und erreichte 27 der möglichen 36 Punkte:


Natürlich übertraf er dabei sich selbst!

Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt, da schon die 1.Runde des Tages zeigte, dass mit Carlsen etwas nicht stimmte. Bereits nach 5 Zügen bot er Vidit Remis an, und der indische GM sah sichtlich überrascht keinen Grund dieses abzulehnen. Tania Sachdev erzählte Carlsen später den Grund:

Der Beginn der Runde war ziemlich brutal, da ich mir irgendeine Magenverstimmung eingehandelt hatte. Die Details will niemand wissen, aber es war hart.

Die Antwort auf die Frage nach eventuellen Wünschen für die Siegesfeierlichkeiten gab weitere Aufschlüsse:

Etwas essen, ohne mich übergeben zu müssen!

In der zweiten Partie des Tages traf Carlsen auf Anish Giri, der Folgendes berichtete:

Ich bot ihm nach 4 Zügen Remis an. Er hatte Vidit nach 5 Zügen Remis angeboten, daher wollte ich das überbieten, und außerdem machte er einen etwas seltsamen Eindruck, als er über seinen ersten Zug nachdachte. Schließlich hat er das Angebot abgelehnt, was ich als persönliche Beleidigung auffasste…

Man kann sich leicht vorstellen, warum sich Magnus trotz seiner Probleme zum Weiterspielen verpflichtet fühlte, doch nach einigem Auf und Ab endete die Partie dennoch remis. Der vorzeitige Turniersieg wurde später mit einer Niederlage gegen Ding Liren verhindert, doch dann entschied sich Magnus mit einem zehnzügigen Remis gegen Ian Nepomniachtchi wieder für eine pragmatische Herangehensweise.

Es gab schon dramatischere Turnierverläufe ... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Drei Runden vor Schluss fühlte sich Magnus besser und beschloss, „zurückzuschlagen und ein gutes Ergebnis zu erzielen“. Er schlug daraufhin Levon Aronian und Vishy Anand und hätte um ein Haar auch Wesley So besiegt:


21…Sf4! sorgte dafür, dass Wesley So Probleme bekam. Acht Züge später musste Schwarz dann den Ausmacher finden:


29…Lh3+! erzwingt den Damentausch (30.Ke2 Lg4!), und nach 30.Dxh3 Dxh3+ 31.Txh3 Txh3 steht Schwarz auf Gewinn. 29…Dg5! ist sogar noch stärker, doch stattdessen entschied sich Magnus für 29…Lxd6? und nach 30.Lb2+! konnte er sogar froh sein, dass Weiß mit nun schon besserer Stellung Remis anbot.

Leicht war der Tag also nicht, aber Carlsen kämpfte sich bravourös durch. Sein Kommentar danach:

Natürlich ist das ein schöner Sieg, und wie ich vor dem Turnier gesagt habe, war es mir wichtig, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Zuletzt habe ich im Schnellschach und Blitz nicht gut gespielt, aber mit diesem Resultat habe ich vermutlich gezeigt, dass ich derjenige bin, den man schlagen muss!

Dabei lächelte er, weil er natürlich weiß, dass daran ohnehin niemand zweifelt! Und natürlich wollten die jungen Fans auch ein Autogramm von ihm:

2. Hikaru Nakamura

Nakamura war mit einem langweiligen Remis gegen Carlsen zurfrieden, da er so seinen 2.Platz absichern konnte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Magnus gewann überlegen das Turnier, doch Hikaru Nakamura, der am Ende glatte 4,5 Punkte Vorsprung auf die Drittplatzierten Giri und So hatte, konnte ebenfalls zufrieden sein! Er verlor sehr selten – nur einmal gegen Magnus –, holte beim Blitzen gleich viele Punkte wie der Weltmeister und behielt seine Spitzenposition in der Blitz-Weltrangliste.


Wäre Magnus nicht dabei gewesen, hätte er ein perfektes Turnier gespielt.   

3. Maxime Vachier-Lagrave

Die französische Nummer 1 war in Kolkata nicht am Start, aber am Ende durfte er sich dennoch über die Qualifikation für das Finale der Grand Chess Tour freuen, das nächste Woche in London stattfindet:


Ian Nepomniachtchi und Wesley Sos hatten ihre Qualifikationschance schon früh verdorben, während  Vishy Anand seine Ausgangslage nie entscheidend verbessern konnte. Als Maxime am Finaltag live zugeschaltet wurde, meinte er:

Direkt nach St. Louis schätzte ich meine Qualifikationschance auf etwa 15-20%, aber jetzt liegt sie bei 50%!

Während er sich mit der Qualifikation für das Kandidatenturnier extrem schwer tut, lief nun alles nach Plan für ihn. Zweifellos hat der Grand Prix in Jerusalem im Dezember für ihn oberste Priorität, doch natürlich wird er sich im Halbfinale von London gegen Magnus Carlsen nicht kampflos ergeben.

4. Ding Liren

Ding Liren hat erneut gezeigt, dass er Carlsen besiegen kann | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Zum Teil verlief das Turnier für die Nummer 3 der Welt enttäuschend, wenn man an seine vielen vergebenen Chancen denkt (etwa die Stellung, bei der er gegen Nakamura einen Vorteil von +14.33 hatte), doch auf der anderen Seite schlug er zweimal Magnus Carlsen!

Aktuell ist er so etwas wie der Angstgegner des Weltmeisters. Erst vor ein paar Monaten hat er diesen beim Stichkampf des Sinquefield Cup besiegt, und in Kolkata schlug er ihn überzeugend in beiden Blitzpartien.

In London trifft der Chinese auf Levon Aronian, und bei einem Sieg käme es im Finale vermutlich zum nächsten Aufeinandertreffen mit dem Weltmeister.

Verlierer

1. Vishy Anand

Vermutlich hatte Vishy Anand gemischte Gefühle, als er in Kolkata antrat. Auf der einen Seite ist es natürlich toll, von den eigenen Fans umschwärmt bei einem Turnier mitzuspielen. Andererseits hat man schon bei der WM in Chennai und auch bei Auftritten von Carlsen in Norwegen gesehen, dass der Erwartungsdruck und das zusätzliche Medieninteresse zur Belastung werden können.   

Vishy stellte sich hinterher den Medien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Womöglich hätte sich Vishy gewünscht, dass er in Bukarest am Ende ein wenig mehr gekämpft hätte, da der 6.Platz in Kolkata zwar durchaus im Rahmen seiner Möglichkeiten war, aber das Feld dort keinen einzigen Schwachpunkt aufwies. Vor dem Schlusstag war noch alles drin, doch dann verlor er direkt zum dritten Mal in Folge gegen Ian Nepomniachtchi. Schöne Siege gegen Harikrishna und Wesley So brachten neue Hoffnung, doch die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Erst kam der einzügige Einsteller gegen Vidit mit 20.Sd2?:


20…Dc5! mit Doppelangriff auf f2 und den Läufer auf c4, und nach 21.Sf3 (21.Te2 Txd2 22.Txd2 Dxc4) 21…Dxc4 22.Sxe5 Dc5 23.Sxd7 Sxd7 stand Schwarz auf Gewinn. Und dann folgte die Zeitüberschreitung gegen Anish Giri in klar besserer, allerdings nicht mehr einfach gewonnener Stellung:

Es folgte ein Remis gegen Nakamura, doch das Letzte, was VIshy vor seinen beiden letzten Partien gegen Magnus und Ding Liren gebrauchen konnte, war ein Interview. Sein Befinden?

Ich weiß es nicht, es interessiert mich nicht mehr! Es ist zu viel schief gelaufen.

Da Carlsen in Zeitnot fehlgriff, gab es immerhin noch einen letzten Hoffnungsschimmer:


Nach 49…Txg5! steht Schwarz auf Gewinn, denn dem weißen König fehlt jeglicher Schutz und Carlsen hat nur noch ein paar Racheschachs. Stattdessen scheiterte jedoch 49…Dd6+ 50.Kg1 Txg5? an dem brillanten 51.Se4!! Schwarz steht auf Verlust, und Vishy gab auf.

Damit gab es keine Chance mehr, sich für London zu qualifizieren, und Anand begnügte sich in der Schlussrunde mit einem Kurzremis gegen Ding.

2. Levon Aronian

Levon Aronian neben dem Überflieger! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aronian hat nach seinem Sieg beim St. Louis Rapid & Blitz schon den letzten Platz beim anschließenden Sinquefield Cup belegt, doch kam es durchaus überraschend, dass der Gewinner von zwei Turnieren mit verkürzter Bedenkzeit in diesem Jahr dieses Mal abgeschlagen Letzter wurde und neun seiner letzten vierzehn Partien verlor. Damit holte Aronian tatsächlich den einen Punkt, den er noch für die Qualifikation für London brauchte, aber Selbstvertrauen hat er so sicher nicht gesammelt. 

3. Sergey Karjakin

Der Verlauf des Turniers in Kolkata vergrößerte vermutlich Sergey Karjakins Unzufriedenheit, dass er seine Gewinnstellung gegen Anton Korobov in der letzten Runde von Bukarest nicht gewinnen konnte. Damals dachte man, dass sich Anand ohnehin qualifizieren würde, aber so landete Karjakin nur 0,3 GCT-Punkte hinter Maxime Vachier-Lagrave auf Platz 5 in der Gesamtwertung.

4. Zurechnungsfähigkeit

Selbst im Computerzeitalter haben wir Zuschauer Ehrfurcht vor dem Können der weltbesten Spieler, doch gelegentlich tun sie Dinge, die uns zweifeln lassen. Dazu passt die Schlussrundenbegegnung zwischen Vidit und Nakamura, wo der indische GM in bereits hoffnungsloser Stellung einen “inspirierten” Versuch wagte 


71.Ke3??!!??

Hikaru war verwirrt, Magnus war amüsiert und Vidit war es ziemlich peinlich, und als er seinen Fehler bemerkte, stellte er die Uhr ab. Nakamura bekam etwas zusätzliche Bedenkzeit und schlug Vidit nach dessen "Verbesserung" 71.Kf3:

Das war das Tata Steel India Rapid & Blitz, aber wie erwähnt müsst ihr nicht lange warten, bis das Finale in London beginnt! 

Die Nationalbibliothek von Kolkata war ein beeindruckender Austragungsort! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die Halbfinals Aronian-Ding Liren und Carlsen-MVL beginnen bereits nächsten Montag im Olympia Conference Centre von London. Davor findet am Wochenende noch ein 36-stündiger Banterthon statt. Mehr erfahrt ihr in Jan Gustafssons Banter-Blitz-Show, die heute um 18:00 Úhr beginnt.

Weitere Links:


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