Berichte 19.05.2020 | 21:58von Colin McGourty

Carlsen & Lagno gewinnen das Steinitz Memorial

Die beiden Favoriten, Magnus Carlsen und Kateryna Lagno, haben das erste FIDE Online Steinitz Memorial gewonnen. Aber beide hatten es nicht leicht. Obwohl Magnus das Turnier schon vor der letzten Runde in der Tasche hatte und mit letztlich mit 2 vollen Punkten vor dem zweitplatzierten Daniil Dubov gewann, war er mit seinem Spiel nicht glücklich. Sein Kommentar: „Das war furchtbar, vom Anfang bis zum Ende!“. Kateryna war die konsistenteste Spielerin, begann den Tag aber mit einer Niederlage gegen Lei Tingjie und beendete ihn mit einem Armageddon gegen eben diese Gegnerin. 152 Züge später gehörte ihr der erste Platz.

Magnus Carlsen und Kateryna Lagno erfüllten die Erwartungen als Favoriten | Fotos: David Llada und Fred Jonny


Magnus Carlsen feiert den norwegischen Nationalfeiertag mit einem Sieg

Auf dem Papier sah es nicht so aus als habe Magnus Grund zur Unzufriedenheit. Er fuhr ungeschlagene 3 Punkte ein, was ausreichte, um mit 2 Punkten Vorsprung vor Daniil Dobov zu gewinnen.


Einige Partien waren auch wirklich eindrucksvoll: Anton Korobov und Alexander Grischuk wurden einfach vom Brett gefegt.

Also war Magnus glücklich?

Ich bin glücklicher als wenn ich das Turnier nicht gewonnen hätte, aber es war schrecklich, vom Anfang bis zum Ende … aber das Ergebnis ist okay, also geht es weiter.

Er erklärte:

Ehrlich gesagt war dieses ganze Turnier eine Schinderei für mich. Ich habe sehr langsam gespielt und jeder meiner Verluste war absolut verdient. Selbst wenn ich eine gute Partie gespielt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich es mit schlechter Technik vermasselt habe. Was kann ich also sagen? Nicht sehr glücklich, aber ich nehme den ersten Platz.

Das klingt vielleicht überkritisch, aber Magnus kam gerade aus der letzten Partie, in der er schwer kämpfen musste, um nicht mit Schwarz gegen Jeffery Xiong zu verlieren. Ähnlich mühsam war seine Partie gegen David Anton, in dem er mit einem Bauern weniger ein Remis  erreichte.

Auch sein Sieg gegen Bu Xiangzhi wäre beinahe entgleist, aber sein Gegner patzte mit 35.b5?


Da der weiße Springer jetzt nur noch von der Dame gedeckt wurde konnte Magnus 35…Txe2+! 36.Kxe2 Dxg2+ spielen, und der weiße König war einfach zu exponiert, um zu überleben. Dieser Sieg sicherte Magnus den Turniergewinn zwei Runden vor Schluss, aber die Partie, die ihn mathematisch zum Champion machte, ein Remis gegen Dubov, war auch nicht so überzeugend.

Dennoch, Sieg ist Sieg, und dieser war insgesamt doch nicht knapp — ebenso wie der Preis für den 1. Platz und die 1.200 $, die Magnus für seine 12 Punkte obendrauf bekam.



Dubov und co. üben nicht genug Druck aus

Daniil Dubov begann den Tag allein an der Spitze. Nachdem er David Anton geschlagen hatte, sah es so aus, als werde auch dies sein Tag, aber dann verlor er drei Partien in Folge:


Die erste Niederlage gegen Alexander Grischuk war eine Partie, in der Dubov es bedauerte die Aljechin-Verteidigung (1.e4 Nf6) zu spielen, die Carlsen schon so viel Ärger im Banterblitz-Finale gegen Firouzja eingebracht hatte. Grischuk hätte die Partie schon eher beenden können, gewann aber erst nach 55 Zügen.

Noch schneller verloren war Dubov gegen Bu Xiangzhi, als er 14.e4? spielte. Nach 14…fxe4 15.Lxe4 konnte Weiß kein Material gewinnen wegen 15...Sxd4! (15...Sxb4 gewinnt auch):

Seine Hoffnungen auf einen Titel schwanden völlig, als er eine fast gewonnene Position gegen Xiong vergeudete, indem er in ein Turmendspiel ging und es dann verspielte. Bemerkenswert bleibt dennoch, dass er auf Platz 2 endete, nachdem er die beiden letzten Partien mit Remis beendete.

Der Grund dafür war, dass auch sonst niemand konsistent spielte. Peter Svidler, Shakhriyar Mamedyarov und Le Quang Liem drohten alle, in den Kampf um Platz einzusteigen, fielen dann aber wieder zurück. Übrig blieben ein paar isolierte Momente. Peter zum Beispiel erwischte Bu Xiangzhi sehr zeitig:

Im Zug 17 war die schwarze Dame schon auf c3 gefangen. Bu Xiangzhi konnte aber noch einmal zurückschlagen in der letzten Runde, als Le Quang Liem 13…h6? spielte:


14.Sh7! gewinnt einfach den Turm auf f8, denn 14…Kxh7?? und das Doppelschach  mit 15.Sf6++ wäre Matt auf h7 im nächsten Zug.

Das größte Kuriosum des Turniers war vermutlich, dass der als zweiter angesetzte dreifach Blitzweltmeister Alexander Grischuk auf dem letzten Platz landete mit 7/18. Ein Grund war sicherlich, dass niemand im Turnier zusammenbrach, aber es war auch klar, dass er mit seinen Gedanken woanders war. Aber seine Frau machte das mehr als wett!

Kateryna Lagno – widerwillige Online-Meisterin

Die als erste angesetzte Kateryno gewann das Turnier, aber erst nach einem heftigen Kampf, der schon vor dem Turnier begann! Sie kommentierte:

Ich bin keine Expertin im Online-Schach. Ich mag es, die Figuren anzufassen und das Brett vor mir zu sehen. Online spielen bin ich nicht gewohnt. Ich habe die Maus ein paar Tage vor dem Turnier gekauft.

Sie haben keine von Alexander geborgt?

Nein, ich mochte seine nicht, also habe ich mir eine andere gekauft, eine kleinere!

Hat sie das Event genossen?

Ganz ehrlich, es macht mir keinen Spaß. Es tut mir leid, das zu sagen, denn es ist doch besser als nichts, diese Art Turnier verlangt ja, dass ich in Form bleibe. Ich muss mich vorbereiten, Dinge nachschlagen, meine Analyse überprüfen, arbeiten. Ohne das ist es eine andere Geschichte, man sitzt einfach da, entspannt sich und wartet.
Aber wenn man weiß, dass man morgen 6 Partien zu spielen hat, ist man motiviert, etwas zu tun. Dennoch, ich habe 26 Jahre lang meinen Gegnern gegenüber gespielt, das ist eine Menge! Ich mag es, meine Gegner zu sehen, Ideen auszutauschen, nach den Partien zu reden. Alte Gewohnheit!


Hier das ganze Interview mit Kateryna Lagno nach ihrem Sieg:

Aber zu den Details: Der Tag fing mit Kateryna an der Spitze an, aber nach der ersten Runde hatten wir nicht nur eine, sondern zwei Führende. Kateryna wurde geschlagen von Lei Tingjie, die später noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Es hätte schiefgehen können für Kateryna, denn in der nächsten Partie war sie in großen Schwierigkeiten gegen Tan Zhongyi, mit Problemen nicht nur am Brett:

Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch schon selbstsicherer, denn sie hatte einen Plan gefunden:


Hier fing sie an, mit ihrem b-Bauern vorzulaufen, und mit einiger Hilfe ihrer Gegnerin schaffte der es bis auf b7, und sie gewann die Partie!

Zwei Spielerinnen übernahmen kurzzeitig die Führung: Alexandra Kosteniuk und Zhansaya Abdumalik. Aber beide fielen später zurück. Alexandra erlebte eine traumatische Niederlage in Runde 15 gegen Lei Tingjie in einer Position, die unverlierbar schien:


Alexandra hätte hier einfach den Bauern mit Kxg7 nehmen können, um dann mit ihren eigenen Bauern zu gewinnen. Stattdessen spielte sie 56…b4 57.Kf5 Te8 58.Kf6 b3? und plötzlich war es vorbei:

59.Th1! und die Mattdrohung zwang Schwarz den Turm zu geben mit 59…Te6+, aber das reichte nicht, um die Partie zu retten. Kurioserweise hätte Weiß nach 60.Kxe6 b2 Matt in 2 geben können mit 61.Kf6, aber 61.Te1 um den Bauern zu stoppen genügte natürlich auch.

Die 20-Jährige Zhansaya Abdumalik war unterdessen in Hochformat, und ihr Sieg in derselben Runde war der 7. in Folge! In der nächsten Runde wurde sie mit einem Remis aufgehalten und danach geschlagen von Tan Zhongyi in einer komplizierten Partie in der vorletzten Runde. Das hieß, sie musste Kateryna Lagno in der letzten Runde schlagen, um eine Chance auf den Titel zu bekommen, aber mehr als ein Remis — und damit Bronze — gelang ihr nicht.

Dieses Remis war die Chance für Lei Tingjie, die mit 7/8 Punkten endete, nachdem sie einen unnötigen Bauerndurchbruch von Elisabeth Pähtz bestrafte, die nicht in Form war.

Der Stichkampf um den 1. Platz wurde im Armageddon entschieden, für das Lei Tingjie die Farbe wählen durfte. Sie entschied sich für Weiß. Das sollte sie um den 31. Zug herum bereuen, als klar wurde, dass Weiß keine Chance auf Gewinn hatte. Der Punkt beim Armageddon ist aber, dass Weiß nicht nur gewinnen muss, sondern auch mehr Zeit hat. Berechtigterweise versuchte Lei Tingjie, auf Zeit zu gewinnen. Die Tatsache, dass es kein Inkrement ab Zug 60 gab, machte das leichter, aber unter dem Strich wurde es dann doch schwer.

Die Partie war teilweise absurd, aber sehr unterhaltsam anzusehen!

Am Ende, 121 Züge später, gab Lei Tingjie auf, und Kateryna Lagno hatte den Titel gewonnen. 

FIDE President Arkady Dvorkovich sagte, sie würden auf die Fortsetzung des Kandidatenturniers im September hoffen, wofür eine 60-Prozentige Chance angab, aber die Menge an Online-Schach, die wir vorher sehen werden, ist phänomenal!

Zunächst einmal haben wir die Lindores Abbey Rapid Challenge, das zweite Event in der neuen Magnus Carlsen Tour. Ende Juni dann die Online Chess Masters, Ende Juli die Legends of Chess, und im August schließlich das Grand Final.

Siehe auch:


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