Features 02.11.2016 | 22:53von IM David Martínez

Carlsen-Karjakin Vorschau 1: Magnus mit Weiß

Weltmeister Magnus Carlsen und sein Herausforderer Sergey Karjakin werden vom 11. bis 30. November in New York die Schachkrone im ersten WM-Match zwischen zwei Spielern einer neuen Generation ausfechten. Das zwölf Partien lange Match wird die gesamte Schachwelt in Atem halten. In dieser Serie von Artikeln wird der spanische IM David Martinez einen Blick darauf werfen, was das Match uns zu bieten verspricht. Er beginnt mit der Frage aller Fragen, die den Spielern wohl schon jetzt schlaflose Nächte bereitet - welche Eröffnungen werden gespielt und ausdiskutiert werden? Zuerst wird Magnus' Weiß-Repertoire aufs Korn genommen.

In seinem letzten Match eröffnete Magnus als Weißer mit dem Zug 1.e4... und gewann! | Foto: WM Sochi 2014

Der Norweger Magnus Carlsen wird versuchen, seinen Titel gegen den Russen Sergey Karjakin zu verteidigen. Karjakin war damals wohl das vielversprechendste Talent der Generation der beiden Kontrahenten (beide wurden 1990 geboren.) Im Alter von 12 Jahren und 7 Monaten erlangte er seinen Großmeistertitel - bis heute Weltrekord. Die Zeit wird zeigen, ob Ausnahmetalente wie Praggnanandhaa oder Abdusattorov in dieser Hinsicht bald ein Wörtchen mitzureden haben.

Carlsen vs. Karjakin in unserem Direktvergleich

Obwohl die Statistik in jeder Hinsicht klar zu Gunsten von Carlsen ausfällt, sollten wir nicht vergessen, was sich in den Titelkämpfen der letzten Jahren zugetragen hat. Carlsen deklassierte Anand vor ihrem Match 2014 auf dem Papier um ganze 71 Elo-Punkte. Das Match war für Carlsen aber alles andere als ein Spaziergang und hätte gut und gerne auch ganz anders ausgehen können:  die  Tragikomödie in Runde 6 beinhaltete einen unglaublichen Überseher beider Spieler. Hätte Anand seine Chance genutzt, hätte sich die Matchsituation um 180 Grad gewendet. Im Jahr 2012 verzeichnete der Inder seinerseits 64 Punkte mehr als sein Herausfordere Boris Gelfand. Dieser zeigte sich aber extrem gut vorbereitet, überraschte seinen Gegner und die Schachwelt mit der Sveshnikov-Variante, hielt die 12 Matchpartien über Schritt und musste sich erst im Schnellschach-Stichkampf geschlagen geben.

Bis dato saßen sich Carlsen und Karjakin in 47 Partien gegenüber, 21 davon wurden mit klassischer Bedenkzeit gespielt. Magnus konnte in diesen viermal gewinnen, während Sergey nur einen Sieg zu verbuchen hat. Werden wir ein ausgeglichenes Match im frostigen November New Yorks erleben? Hoffentlich! Karjakins Vorbereitung wird sicherlich vom gleichen Kaliber sein wie jene Gelfands und Anands in den eben erwähnten Matches. Was genau werden wir aber erwarten können? Natürlich ist das das Lieblingsthema eines jeden Schachfans und auch wir werden nun etwas spekulieren:

Zuerst widmen wir uns der möglichen Vorbereitung beider Spieler auf die Partien, in der Carlsen die weißen Steine führt.

Carlsen - Karjakin

Magnus kann mit großer Leichtigkeit zwischen 1.e4 und 1.d4 wecheln, dennoch möchte ich auf ein wichtiges Detail hinweisen. In seinem Match 2013 gegen Anand begann Magnus mit 1.Sf3, was der Inder durch exzellente Vorbereitung unter vollster Kontrolle neutralisieren konnte. Er ging dann über zu 1.c4, aber nur für eine Partie, weil er wahrscheinlich ungern gegen die sogenannte Triangle spielte, die Anand anwandte. Von diesem Punkt an spielte Magnus in jeder einzelnen Partie 1.e4, womit er akzeptierte, potentiell gegen die Berliner Mauer anrennen zu müssen. Die Theorie schätzt die Berliner Mauer immer noch als kerngesund für Schwarz ein, was den Weißspielern nach wie vor Kopfschmerzen bereitet. Jüngst umging Magnus die Berliner Mauer fast immer mit d3 und setzte nach dem gebräuchlichen Lc5 mit dem Abtausch auf c6 fort.


Diese Stellung war eine der Hauptbühnen theoretischer Diskussionen im Jahr 2016. Wei Yi glänzte mit einem brillanten Sieg gegen David Navara, was die Popularität der aggressiven Anti-Berliner-Variante mit heterogenen Rochaden stark anstiegen ließ.

Trotzdem denke ich, dass moderne Computeranalysen dieser verdächtig aktionistischen Herangehensweise, einen Springer auf c4 und eine Dame auf e2 zu stellen, sowie die Bauern am Königsflügel nach vorne zu preschen, standhalten können. Der Sieg Laznickas gegen Duda auf der Olympiade in Baku sollte diese Einschätzung untermauern.

Natürlich ist die Sache aber nicht allzu einfach für Schwarz! Carlsen hat die Diagrammstellung, die auf dem Thumbnail der Videoanalyse Niclas Huschenbeths' zu sehen ist, gleich vier Mal im Jahr 2016 erreicht. Die einzige klassische Partie in dieser Stellung spielte er gegen Wesely So:

Das Resultat wirft einige Fragen auf: Vier Partien, vier Siege gegen So, Nakamura, Kramnik und Aronian!

Ein wundervolles Foto der Begegnung Carlsen-So. Im Hintergrund versucht Karjakin, einen Blick zu erhaschen... ein Zeichen für sein Interesse an dieser Variante?  | Foto: Bilbao Masters

Selbstverständlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Carlsen doch mit 1.d4 eröffnen wird und sich der Aufgabe stellt, ein Mittel gegen Karjakins Spezialität, der Damen-Indischen Verteidigung, zu finden. Zwei Siege Carlsens aus diesem Jahr sprechen für diese Theorie - gegen Emilio Córdova auf der Olympiade in Baku und gegen Pentala Harikrishna im Norway Chess Turnier

In der Hauptvariante der Damen-Indischen Verteidigung spielt Karjakin ausschließlich La6, während Carlsen den Zug 5.Sbd2 der Hauptvariante 5.b3 vorzieht.


Carlsen und Karjakin haben diese Stellung bereits zweimal gegeneinander auf dem Brett ausgefochten, einmal 2014 und einmal 2012 - beide Partien endeten remis. Vielleicht bereitet Karjakin hier 5...Lb7 vor. Der Läufer zieht sich wieder auf sein natürliches Feld zurück, nachdem er seinen Dienst getan hat: Der Spinger wurde nach d2 provoziert, um die Kontrolle der weißen Dame über das wichtige Feld d5 zu unterbrechen. Nach den natürlichen Zügen 6.Lg2 Le7 7.0-0 0-0 kann Weiß zwischen den Hauptfortsetzungen 8.b3 und 8.Dc2 wählen. Der Russe erreichte diese Stellung bereits fünf Mal und schaffte es, alle fünf Partien zu remisieren! Der Damen-Inder, oder ähnliche Varianten mit 1.Sf3, bieten in meinen Augen größeres Potential als die Berliner Verteidigung, Überraschungen zu finden. Ohne Zweifel investiert Team Carlsen momentan Stunden, um interessante Pfade in diesen Varianten auszukundschaften. 

Mein Tipp? Zuerst dürfen wir die Berliner Mauer sehen... und dann mal schauen. Aber aufgepasst! Wie oben erwähnt, startete Carlsen gegen Anand mit 1.Sf3 und 1.c4. Obwohl beide Spieler natürlich darauf aus sind, ihren Rivalen zu überraschen, halte ich es für wahrscheinlicher, dass Karjakin bereits Bekanntes wiederholen wird und auf seine Analysen, die bis ins Unendliche reichen, vertrauen wird. Dahingegen wird Magnus seiner Philosophie treu bleiben und versuchen, spielbare Stellungen zu erhalten, in welchen beide Spieler von Beginn an auf sich allein gestellt sind. Wird er diese bekommen?

Mit meinem Freund Shakhriyar Mamedyarov beim Spiel Miami-San Antonio. Was für ein Kampf! Stolz, den Ball während des Spiels berührt zu haben!


Wird Mamedyrov's aggressiver Spielstil auf Karjakin abfärben?


Was glaubst Du? Mit welchem Zug wird Magnus seine erste Weiß-Partie eröffnen? Stimme ab!



















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