Berichte 24.11.2016 | 12:31von Colin McGourty

Carlsen - Karjakin, Partie 9: Matchball abgewehrt

Sergey Karjakin stand bei der Schachweltmeisterschaft 2016 in New York kurz davor, nach der neunten Partie mit beinahe uneinholbaren zwei Punkten in Führung zu gehen. Magnus Carlsen räumte ein, er sei "einfach froh, überlebt zu haben", da er nach einer langen theoretischen Eröffnung ins Schwimmen geraten war. Schlussendlich benötigte er eine Kombination aus brillanter Verteidigung und Glück; Sergey spürte zwar, dass sein Moment gekommen war, spielte jedoch ein Läuferopfer, das sich nur als zweitbester Zug in der Stellung entpuppte. Magnus überstand die ganzen 5 Stunden und 40 Minuten und hat in zwei der drei noch ausständigen Partien Weiß.

Die unglaubliche Anspannung scheint sich auf die Spieler auszuwirken...

Sergey kam am Mittwoch in der für ihn völlig neuen Rolle des WM-Favoriten zur Partie. Einer, der weiß, wie sich das anfühlt, ist Boris Gelfand. Er gewann die siebente Partie des Weltmeisterschafts-Matches 2012 gegen Vishy Anand, nachdem die ersten sechs Partien unentschieden geendet hatten. Er verlor danach die achte Partie, aber Boris erklärte in einem Interview mit Sport-Express.ru, dass es bei Karjakin einen entscheidenden Unterschied gäbe:

Es ist von enormer Bedeutung, dass Sergey einen Tag lang pausieren kann, was ich damals nicht konnte. Es ist sehr wichtig, deinen Sieg zu überleben, damit klarzukommen. Für den Herausforderer - besonders dann, wenn man zum ersten Mal ein Match auf solch einem Niveau spielt - gibt es nach einem Sieg jede Menge Emotionen. Ich konnte das in der nächsten Partie zweifellos nicht zu 100% hinter mich bringen, aber Karjakin hat anderthalb Tage und ein sehr gutes Team, das ihm helfen sollte. Ich würde sie alle davor warnen, das Match als gewonnen zu betrachten. Es hat gerade erst begonnen - Carlsen wird seine Anstrengungen verdoppeln und Sergey muss darauf vorbereitet sein. Ich bin mir jedoch sicher, dass er das auch selbst ganz so sieht.

Wir konnten einen grimmig geführten Kampf erwarten:

GRIMMIGE AUSSICHTEN: Nur noch vier Partien im Match, der Weltmeister spielt um sein Schachleben.

Die naheliegende Vorgehensweise wäre vielleicht gewesen, in den letzten vier Partien um jeden Preis ein Remis anzusteuern, aber Boris meint, dass das nicht ratsam sei:

Am wichtigsten ist meiner Ansicht nach, gut zu schlafen, ruhig zu bleiben und weiterhin so zu spielen, als ob noch Gleichstand wäre. Wenn alles gut funktioniert und alles klappt, gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Es ist nicht überliefert, ob Karjakin diese Worte kannte oder nicht, aber er spielte seine womöglich souveränste Partie bisher. Seine Spanische Eröffnung wurde mit der Archangelsk Variante (6...Bc5) beantwortet, worauf Sergey die Art tiefgehenden Eröffnungswissens zeigte, die wir von ihm erwartet, aber im Match noch nicht zu sehen bekommen hatten. Wir gerieten ohne allzu viele Pausen von ihm zu einer Stellung, die die letzte in jener Variante ist, die in der Videoserie Svidler's Archangels bei chess24 behandelt wurde:


Peter hatte eine einprägsame Einschätzung der Stellung für Schwarz parat:

Das ist spielbar, vielleicht kann man sogar Remis erreichen, aber es ist nicht besonders angenehm und sicher nicht ausgeglichen.

Svidler war dermaßen überzeugt, dass Magnus diese Stellung in seiner Vorbereitung gehabt hatte und wisse, was er als nächstes tun müsse, dass er anbot, seinen Hut aufzuessen, sollte das nicht der Fall sein. Eine halbe Stunde später…

@polborta: Typischerweise schmecken Wollhüte am besten mit Soyasauce, aber ich möchte deinen Geschmack nicht beeinflussen.

Es folgte eine Phase, in der Weiß immer lästigen Vorteil hatte und durchzubrechen drohte. Beide Spieler hatten einen wunderschönen Trick gesehen, den Sergey "meine kleine Hoffnung" nannte:

Die Partie blieb jedoch unglaublich spannend. Magnus fand einige geniale Ressourcen, aber Sergey lehnte die einfache Remis-Lösung entschlossen ab und spielte weiter (Niclas Huschenbeths Videozusammenfasssung liefert alle Einzelheiten!). Die Partie erreichte in einer Stellung ihren Höhepunkt, in der Carlsen seine Weltmeisterschaftskrone mit 38. ... Se7!? aufs Spiel setzte. Wenn er seinen Springer ohne dramatische Zwischenfälle nach f5 überführen könnte, würde er die Stellung vermutlich halten können, aber dahinter stand ein großes Fragezeichen:

Magnus befindet sich mit sehr wenig Zeit in großen Schwierigkeiten - 39. Lxf7+! ist möglich, aber anscheinend ist 39. Db3 noch stärker.

Sergey wusste, dass er schnell handeln musste, solange Schwarz unkoordiniert stand, und er spürte ebenfalls, dass es - wie von Svidler beschrieben - ein "versteckter Matchball" war - 2:0 bei noch drei ausständigen Partien wäre ein riesiger Schritt in Richtung Weltmeistertitel gewesen. Karjakin investierte daher 25 Minuten seiner verbliebenen Bedenkzeit, um seine Optionen tiefgehend zu berechnen. Keine davon war trivial und in der anschließenden Pressekonferenz zeigte sich, dass die Gedankengänge Sergeys ähnlich denen unserer Berichterstatter waren.

Einige Leute hatten Karjakin kritisiert, da er nach seinem Gegner die zweite Geige spielte und fast keine Angriffszüge ausführte…

Zeit aufzuwachen.

In diesem Moment nahm er jedoch all seinen Mut zusammen und spielte das mutige 39. Lxf7+!?:

Unmittelbar vor 39. Lxf7+, wenn dein ganzes Schachleben vor deinen Augen vorüberzieht.

Paco Vallejo war einer derjenigen, die dem Herausforderer Lob aussprachen:

Sehr, sehr beeindruckender Herr Karjakin

Ich habe so oft gehört, Karjakin wisse nur, wie man verteidigt, dass ich es beinahe geglaubt hätte :D

Wie sich jedoch zeigte, war das nicht die beste Möglichkeit - unser Kommentatoren-Team dachte, dass Sergey mit nur drei Minuten statt 25 potentielle Probleme nach dem stärkeren 39. Db3 vielleicht nicht gesehen und den Zug gespielt hätte. So war die Stellung jedoch bald dermaßen vereinfacht, dass Magnus nur noch ein Quäntchen Sorgfalt benötigte, um das Remis zu halten. Er wusste, dass er mit dem Schrecken davongekommen war:

"Nun, es hätte viel schlimmer kommen können."

Es folgten mehr als 30 Züge und beinahe zwei Stunden Spielzeit, aber am Remis schien kein Weg mehr vorbei zu führen. Einen vollständigen Bericht aller Wendepunkte und des ganzen Partieverlaufs liefert Niclas Huschenbeth in einem Analysevideo:

Ihr könnt hier auch die Live-Berichterstattung zur neunten Partie nachholen:

Die Pressekonferenz verlief weniger dramatisch als die letzte; Magnus nahm teil und verriet, dass sein Team gegen die Entscheidung Berufung einlegte, ihn für das wutentbrannte Davonstürmen nach der achten Partie mit einem Bußgeld zu belegen. Der Weltmeister räumte ein, dass die neunte Partie kein Zuckerschlecken gewesen sei:

Es war allgemein gesehen eine sehr schwierige Partie, daher gab es sicherlich viele schwierige Punkte, und ich bin einfach froh, überlebt zu haben.

Magnus sprach auch über seine missliche Lage im Match:


Es ist natürlich keine sehr angenehme Lage, aber ich muss darüber so denken, dass ich eine Partie von drei gewinnen muss, und das ist normalerweise etwas, das ich schaffen kann.


Magnus und sein Manager Espen Agdestein | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Magnus hat die besten Gesichtsausdrücke seit Kasparov! | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation 


Es ist erwähnenswert, dass er in zwei dieser drei Partien die weißen Figuren führen wird. Karjakin wirkte unterdessen erneut selbstbewusst und wird täglich besser im Umgang mit den Medien. Sein Manager twitterte: "Nun denn, sollen wir ins Endspiel gehen?”

Es wird also spannend! Magnus spielt am Donnerstag mit Weiß, was für die Schachfans aus Europa schlaflose Nächte bedeutet!

Es geht zur gewohnten Zeit weiter - Nikolas und Melanie Lubbe werden wieder live berichten. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

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