Berichte 22.11.2016 | 08:02von Colin McGourty

Carlsen-Karjakin, Partie 8: Magnus überzieht

Nach seinem Schwarzsieg in der achten Partie ist Sergey Karjakin nur noch vier Partien vom Weltmeistertitel entfernt. In einer außergewöhnlichen Kampfpartie forderte Magnus Carlsen immer wieder das Schicksal heraus, bis er in seinem Gewinnstreben in Zeitnot fehlgriff. Als Karjakin dies nicht ausnutzte, sah es zunächst wieder so aus, als käme Carlsen mit einem blauen Auge davon. Doch die Stellung, die die Computer als remis einschätzten, erwies sich als schwierig. Am Ende fand Karjakin einen brillanten Gewinnweg, und Magnus verließ wutentbrannt die Pressekonferenz. Welch ein Tag!   

Wird Sergey Karjakin im Jahr der Außenseiter wirklich Weltmeister? | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Nach sieben Remis war die täglich gestiegene Frustration des Weltmeisters spürbar, und so kam es, dass er in der 8.Partie um jeden Preis mit den weißen Steinen gewinnen wollte. Das ging so weit, dass unsere Kommentatoren sich an einer Stelle fragten, ob er lieber verlieren als remis spielen wolle. Da von Schach und Magnus Carlsen die Rede ist, war diese Aggressivität für das ungeübte Auge nicht auf Anhieb offensichtlich. Carlsen wechselte wie Karjakin zu 1.d4 und entschied sich für das anspruchslose Colle-Zukertort-System, in dem Weiß seine Läufer nach b2 und d3 stellt. Anish Giri erkannte darin einen Plan:

"Carlsens 16 Soldaten gegen Karjakins 16 Soldaten. Warten wir ab, was passiert."

Magnus ist in New York vielleicht nicht in Topform, aber er hat nicht den Glauben verloren, dass er jeden anderen Spieler auf der Welt in einer ausgeglichenen Stellung überspielen kann. Je mehr Figuren, desto besser.

Das Problem jedoch war, dass Karjakin die Eröffnung mit sehr großem Selbstvertrauen spielte und mit deutlich schnellerem Spiel als sein Gegner alle Probleme löste. Alles sah nach einem Massenabtausch mit anschließendem  Remisschluss aus, als Magnus zu zaubern begann. Er zog seine Dame und seinen Läufer auf die Grundreihe zurück und ermutigte Karjakin zu einer ersten aggressiven Handlung mit 18…Sg4, worauf er 19.Sb5!? folgen ließ:

"Svidler bezeichnet 19.Sb5 als Stichelei, während Jan Pfeile malt."

Unsere Kommentatoren waren sich recht sicher, das Magnus nicht so gespielt hätte, wenn er gesehen hätte, wie stark 19…Dg5! war, aber Sergeys solide Zugfolge 19…Lc6 20.a4 Ld5 war vielleicht sogar noch frustrierender. Die ersten Anzeichen, dass dies nicht sein Tag war, folgten:

"Schwer wiegt das Haupt, das die Krone trägt."

Er verpasste im 22. Zug eine interessante Chance, mit dem Bauern auf c4 wiederzunehmen, holte dies aber gleich zwei Züge später nach und ging damit ernste strategische Risiken ein. Hätte Carlsen mit dem Turm geschlagen, hätte er laut Karjakin „auf keinen Fall schlechter gestanden“.


Gelingt es Schwarz, einen Springer nach c5 zu bekommen, dominiert er, doch noch immer war Magnus am Werk: Er schaffte es, eine extrem zweischneidige Stellung herbeizuführen, in der Weiß die d-Linie kontrolliert und mit seinem Läufer auf g2 und dem stark platzierten Springer weiter Druck ausübt. Wieder ließ Magnus Möglichkeiten aus, das Remis zu forcieren, ehe die beiden Spieler zum ersten Mal in diesem Match in gegenseitiger Zeitnot landeten.

Der Höhepunkt wurde mit 35.c5? erreicht, denn nach diesem Zug stand Carlsen zum ersten Mal in diesem Wettkampf klar auf Verlust:

"35.c5?? hätte die Wende bei Carlsen-Karjakin bringen können! Aber mit Txd8 36.Sxd8 Sxc5 37.Dd6 Dd3?? 38.Sxe6! gab Schwarz den Vorteil aus der Hand."

In der Pressekonferenz erfuhren wir, dass Karjakin den Gewinnzug zwar gesehen hatte, aber nicht sicher war, ob 37…Da4! 38.Dxb6 tatsächlich funktionierte, und stattdessen die Variante wählte, die in der Partie aufs Brett kam. An deren Ende hatte er mit seinen verbliebenen zehn Sekunden 41.e4! übersehen:


Svidler meinte, Karjakin “werde sich wegen des ausgelassenen Gewinns in den Hintern beißen". Die Spieler mussten sich auf jeden Fall erst einmal erholen:

"Die beiden Spieler während der Züge 35 bis 37."

"Ich habe länger geskypet. Ist in der Zwischenzeit etwas passiert?"

Anschließend mündete die Partie aber in einer merkwürdigen Grauzone, in der die Computer zwar fortwährend 0,00 anzeigten, für den menschlichen Beobachter aber alles andere als klar war, wer hier auf welches Ergebnis spielte. Magnus ließ weiter Züge aus, die ihm gute Remischancen geboten hätten, bis er schließlich – kurz nachdem Svidler gemeint hatte, „Ich vermute, dass diese Stellung eher [für Karjakin] gewonnen als remis ist, auch wenn der Computer das nicht so sieht“ – mit 51.De6 einen Zug ausführte, nach dem der Supercomputer Sesse sofort Matt in 35 anzeigt. Dafür musste Karjakin aber den einzigen Zug finden: 51…h5!!

Das gelang ihm, und Magnus sah die Bescherung. Da kann man sich schon einmal einsam fühlen.

"Magnus allein im Glaskasten."

Das Ende kam sehr plötzlich – 52.h4 a2! Aufgabe


Eine hübsche Schlusspointe, denn nach 53.Dxa2 kommt 53…Sg4+! 54.Kh3 Dg1! und es ist aus.

Jan Gustafsson hat die Partie für euch analysiert:


Und auch Niclas Huschenbeth hat sie sich genauer angeschaut:


Und hier der gesamte Live-Kommentar von Melanie und Nikolas Lubbe:


Kommen wir aber noch zu den Reaktionen auf diesen Hammer, der die Schachwelt in Aufruhr versetzte:

"Die letzten Stunden war ich nicht hier und habe mein Handy aufgeladen. Als ich es wieder anmachte, hatte ich unzählige neue Nachrichten."

"Warum wird es immer nur spannend, wenn ich nicht mehr zusehe. Überraschende Entwicklung bei der Schach-WM..."

"Ww...ow."

Wir haben Magnus bereits in der Pressekonferenz annähernd sprachlos erlebt, als die er die 5.Partie fast verloren hätte, aber diese Niederlage war offenbar zu viel. Ohne dass er es aussprach, war ihm klar, dass er sie sich selbst zuzuschreiben hat.

"Wer permanent mit dem Feuer spielt, verbrennt sich irgendwann."

Erst verweigerte er die Interviews nach der Partie, und dann verlor er die Nerven, als er in der Pressekonferenz auf seinen Gegner wartete und sich die Blicke der Schachfans und Fotografen auf ihn richteten:

Das kann durchaus Folgen haben:

"Für jeden Verstoß erhalten der Veranstalter und die FIDE je 5 Prozent des Preisgeldes."

"Der Weltmeister riskiert mit dem Verlassen der Pressekonferenz eine hohe Strafe."

Das allerdings dürfte derzeit nicht die größte Sorge von Magnus Carlsen sein...

Karjakin zeigt mit zunehmender Matchdauer immer mehr Selbstvertrauen | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Sergey Karjakin dagegen zeigte sich auf der Pressekonferenz in Bestform und wies nicht nur nach, dass er während der Partie alles unter Kontrolle hatte, sondern gab einige brillante Antworten. Auf die Frage, wie es sei, mit Schwarz zu gewinnen, meinte er: „Es ist viel besser gut zu spielen, als mit Weiß zu spielen.“ Und als er von einem Kind gefragt wurde, wie viele Partien er täglich zu Trainingszwecken spiele, antwortete er, „Bei diesem Turnier eine“.

Und nun? Erst einmal gibt es einen Ruhetag, der vielleicht nicht das Optimale für Magnus ist:

"Ein Ruhetag ist jetzt das Schlimmste überhaupt."

Danach muss Carlsen um sein Leben kämpfen. Er lag noch nie in einem WM-Kampf zurück, aber natürlich gibt es viele Beispiele, auf die er sich stützen kann. 2012 schlug Anand gegen Gelfand nach einer Niederlage in Partie 7 direkt zurück und auch gegen Topalov holte er einen Rückstand auf. Dasselbe gelang Kramnik 2006 gegen Topalov und 2004 gegen Leko, während Kasparov in New York 1995 gegen Anand nach acht Remis die neunte Partie verlor und dann mit vier Siegen in den nächsten fünf Partien noch das Blatt wendete.


Vier Partien hat Carlsen auf jeden Fall noch Zeit, um zu verhindern, dass Sergey Karjakin seinen Kindheitstraum verwirklicht:

"Als Siebenjähriger sagt Sergey Karjakin, dass er Schachweltmeister werde wolle. Nun hat er die Chance"

Partie 9 folgt am Mittwoch, und wieder werden Melanie und Nikolas Lubbe eure Kommentatoren sein.

Wie immer könnt ihr die Partie auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:

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  • Carlsen: "Ich werde ihn so lange beharken, bis er umkippt"
  • Carlsen - Karjakin, Partie 1: Trumpowsky-Remis
  • Carlsen - Karjakin, Partie 2: Keine Berliner Mauer, kein Krimi
  • Carlsen - Karjakin, Partie 3: Sagenhaft
  • Carlsen - Karjakin, Partie 4: Verteidigungsminister
  • Carlsen - Karjakin, Partie 5: Magnus "baut Mist"
  • Carlsen - Karjakin, Partie 6: Gleichstand zur Halbzeit
  • Carlsen - Karjakin, Partie 7: Neuer Zug, gleiches Ergebnis



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