Berichte 21.11.2016 | 08:25von Colin McGourty

Carlsen-Karjakin, Partie 7: Neuer Zug, gleiches Ergebnis

Ein dramatischer Moment im WM-Kampf! Nachdem er mit 1.e4 in drei Partien nichts erreicht hatte, wechselte Sergey Karjakin zu 1.d4. Wurden wir Zeuge einer Wende? Definitiv nicht… Wieder erwies sich Weltmeister Magnus Carlsen als der besser vorbereitete Spieler, und nach einer Komödie der Irrungen war das siebte Remis in Folge unterschriftsreif. Nur fünf Partien stehen nun noch aus, enden sie auch remis, beginnt an Magnus Carlsens 26. Geburtstag der Stichkampf.

Gbenga Akinnagbe spielte Chris Partlow in "The Wire" und eröffnete die 7.Partie |Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Es war die zweite Partie in Folge, in der Sergey Weiß hatte, und wenn er aus diesem Vorteil Kapital schlagen wollte, war dies die letzte Chance. Die Schachfans waren für Großes bereit!

"Wenn man sein gegrilltes Hühnchen mit allen Schikanen am Couchtisch zu sich nimmt, läuft die Schach-WM."

"Gute Nacht! Carlsen & Karjakin / Djokovic & Murray"

Karjakin beschloss, dass es an der Zeit war, seine Versuche einzustellen, im Spanier Vorteil zu erzielen, und wechselte zu 1.d4. Magnus spielte darauf Slawisch, wonach Karjakin mit einer leicht veränderten Zugfolge aufwartete, doch erst Carlsens 10…Sc6 sorgte für das erste längere Nachdenken des Tages (Nehmen auf c5 oder d1 sind die normalen Züge):


Wie jeder Russische englische Schuljunge weiß:

"10...Sc6 weicht - ohne langes Nachdenken - von Capablanca-Rubinstein, 1925 ab"

Der Zug 10…Sc6 wurde ebenfalls 1925 von Edgar Colle gegen Saviely Tartakower gespielt, kam seitdem aber selten aufs Brett. Die Tatsache, dass der Computer gesunden Vorteil für Weiß sieht und Magnus Carlsen ihn fast ohne Nachdenken spielte, ist ein sicheres Indiz, dass sein Team etwas Hinterhältiges im Sinn hatte.

“11.Dxd8+ Txd8 12.a4 b4 13.Sb5!? ist verrückt, und Magnus muss diese Zugfolge vorbereitet haben.“

Das ist vermutlich, trotz seiner gegenteiligen Erklärungen in der Pressekonferenz (wo er den Plan 12.Sb3 erwähnte, aber meinte, er habe 12…Ld6 übersehen), der Grund, warum Sergey 11.Sd2?! Lxc5 12.Sde4 spielte, wonach sich nach nur 12 Zügen die Frage stellte, ob Schwarz klar oder nur leicht besser stand.

Anish Giri lehnte sich weit aus dem Fenster:

Die Symmetrie und die komfortable schwarze Stellung erinnert mich an die 21.Partie zwischen Capablanca und Alekhine, die, wie wir alle wissen, 0:1 endete."

Später musste er aber Abbitte leisten:

"Ich sollte aufhören zu twittern."

Und was passierte in der Zwischenzeit auf dem Brett? Naja, erst spielte Magnus zügig 15…0-0 ohne sich ernsthafte Gedanken über den naheliegenden Zug 15…f5 zu machen, den er später mit einem achselzuckenden „Weiß nicht“ in der Pressekonferenz abtat…

"Hm, 0-0. Er ist nicht in Bestform. Oh Carlsen!"

„Die Fehler sind alle da, sie müssen nur noch gemacht werden,“ heißt es bei Tartakower, und so ging es auch weiter. 16…Tc8? war einer der Züge, nach denen Weiß seinen einzigen Trick in der Stellung optimal anwenden konnte:


17.Sf6+! Lxf6 18.Lxb7 und Schwarz hat nur die Wahl, welches unangenehme Endspiel er sich aussucht. Peter Svidler beschrieb, wie er sich an Carlsens Stelle fühlen würde:

Ich wäre total wütend... und würde mich selbst verfluchen. Die Partie war eigentlich schon vorbei.

Magnus blieb danach aber auf Kurs und steuerte die Partie in Richtung einer Festung. Hinterher meinte er:

Natürlich musste ich keinen Bauern geben, aber zum Glück gab es genug Möglichkeiten, meine Stellung zu halten. Ich spürte, dass er bereits nach 12.Sde4 nicht mehr besser stehen kann, aber wenn ich einen anderen Zug als 16…Tc8 spiele, ist das Remis vermutlich ziemlich einfach zu erreichen. In der Partie musste ich noch ein wenig arbeiten, aber es passierte nichts Ungewöhnliches.

Die letzten Phasen der Partie waren wenig aufregend, und nach 33 Zügen war der Spuk vorbei.



Hier Jan Gustafssons Analyse der Partie:


Niclas Huschenbeth hat sie sich auch genauer angesehen:


Und hier der gesamte Live-Kommentar von Nikolas und Melanie Lubbe:

Zwei recht schnelle Remis in Folge - nach drei hart umkämpften Partien – das war natürlich das große Thema in der Pressekonferenz und im Internet. 

Besteht Karjakins Strategie darin, seinen Gegner zu frustrieren und erst dann zuzuschlagen, wenn er nicht mehr ausgleichen kann? |Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Teimour Radjabov verwies auf Kasparovs lange Remisserie im ersten Match gegen Karpov, und Karjakin erwähnte in der Pressekonferenz, dass Grischuk 2011 im Kandidatenturnier auch nur remis spielte (um dann vor dem scheinbar unvermeidlichen Stichkampf gegen Gelfand die letzte Partie zu verlieren), ehe sich sogar Hikaru Nakamura zu Wort meldete:

"Wer weiß, vielleicht spielen sie 12mal remis und schaffen das klassische Schach damit ein für alle Male ab. Das schrieb mir Hikaru Nakamura, und ich musste euch das mitteilen."

Eine Überreaktion? Ohne Frage, aber der zusätzliche Druck, den die Remisserie verursacht, wird zum Faktor.

Bislang zeigt der Zwischenstand jedenfalls nur bei der Farbverteilung ein Ungleichgewicht:


Magnus hat in den verbleibenden fünf Partien dreimal Weiß, und seine Antworten in der Pressekonferenz klangen sehr danach, dass er den bisherigen Matchverlauf ändern will:

"Hat Magnus nicht angedeutet, dass es keine Remis mehr gebe? Klang so für mich."

Für Sergey dagegen erhöht jedes Remis seine Chancen, das Match zu gewinnen, wie Grischuk feststellte. Außerdem klettert Karjakin mit jedem Remis in der Weltrangliste nach oben:

Lassen wir zum Schluss den polnischen Großmeister Michal Krasenkow zu Wort kommen, der der vorherrschenden Meinung widerspricht. Sein Text wurde nach Partie 6 geschrieben, die 7.Partie stützt seine Ansicht aber nur noch mehr:

Bei allen Vorhersagen war Carlsen der klare Favorit: er hat das deutlich höhere Rating und er führt im direkten Vergleich mit 4:1 (bei allerdings vielen Remis). Schon vor Beginn des Wettkampfs war ich mir aber fast sicher, dass Karjakin gewinnen würde. Ein historischer Trend! Die PiS, der Brexit, Trump – die nächste Überraschung wäre nur logisch.

Nun liegt die Hälfte des Matches hinter uns. Sechs Partien – sechs Remis. Es ist lange her, dass der Norweger so lange keine Partie gewonnen hat! Man sieht, dass Carlsen seinen Gegner im tiefsten Innern unterschätzt hat: in den Partien 3 und 4 überspielte er Karjakin, doch dann entspannte er sich zu früh und ließ seinen Gegner in überwältigenden Stellungen noch ins Remis entwischen. Natürlich weiß der Weltmeister, dass man immer bis zum Ende voll konzentriert sein muss, wenn man den vollen Punkt erringen will – aber das ist ihm nicht gelungen und sein Gegner verteidigte sich bis zum Ende zäh.

In der 5.Partie verlor Carlsen seinen Sinn für Gefahren und spielte in einer ausgeglichen Stellung grundlos auf Sieg – und dieses Mal bekam Karjakin Gewinnchancen, die er dann vergab. Offenbar war er auf eine derartige Wende noch nicht vorbereitet.

Für den Favoriten ist das Match bisher alles andere als ein Spaziergang. Und obwohl die erste Hälfte des Wettkampfs eher Karjakin unter Druck sah, bleibe ich bei meiner Prognose: Karjakin wird gewinnen. Wie? Entweder wird der Weltmeister in einer Partie schlecht spielen oder es kommt zum Stichkampf und damit einem Nervenspiel, in dem sich Sergey schon mehrfach als der Stärkere erwiesen hat.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob ich Recht behalte.  

Ist am Ende wieder Magnus derjenige, der zuletzt lacht? | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Am heutigen Montag hat Magnus Weiß, und die Partie wird einmal mehr live von Melanie und Nikolas Lubbe in deutscher Sprache kommentiert!

Wie immer könnt ihr die Partie auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 3

Guest
Guest 7821969967
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options