Berichte 19.11.2016 | 04:02von Colin McGourty

Carlsen - Karjakin, Partie 6: Gleichstand zur Halbzeit

“Ich fühlte, dass heute nicht der Tag war, an dem ich etwas Großes unternehmen sollte," meinte Magnus Carlsen nach der Partie, daher begnügte er sich mit dem Erbringen des Beweises, mit Schwarz nach Belieben ein Remis holen zu können; die Partie dauerte zwei Stunden bzw. 32 Züge lang und verließ nie wirklich seine Vorbereitung. Sergey Karjakin kann sich damit trösten, bei seiner ersten Weltmeisterschaft zur Halbzeit gleichauf mit dem Champion zu liegen. Wir haben noch weitere aufregende Tage vor uns!

Sowohl Sergey als auch Magnus waren nach der sechsten Partie in guter Stimmung | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Bevor wir zur Partie selbst kommen - wir haben erneut Videoanalysen von einer Anzahl an Großmeistern -, werfen wir einen Blick darauf, was Alexander Grischuk nach der fünften Partie Sport Express zu sagen hatte. Er wurde gefragt, ob er den Eindruck hatte, Magnus Carlsen sei außer Form:

Vielleicht, ja, aber Sergey ist definitiv auch nicht in seiner Bestform. Es ist allgemein sehr schwer, in Bestform zu sein, und wahrscheinlich gelingt dir das in neun von zehn Fällen nicht. Darum ist es dein Bestes, weil es  so selten passiert.

Aber wann sollte man in Bestform sein, wenn nicht für ein Weltmeisterschaftsmatch?

Natürlich versucht jeder, so gut wie möglich in Form zu kommen, aber noch einmal, es funktioniert bei weitem nicht immer auf diese Weise. Bislang ist es selbst für mich schwer zu sagen, wer sich von den beiden am Brett besser fühlt. Sie hatten noch keine, sagen wir, altmodische Partie, in der aus allen Rohren gefeuert wurde. Es war ein sehr komplexer, von Manövern geprägter Kampf.

Ist das der Grund, warum viele das Match unumwunden als langweilig bezeichnen?

Es stimmt, ich habe in diesem Match bislang nichts wirklich Neues gesehen. Wenn man jede Partie einzeln hernimmt, stimme ich zu, es war etwas uninteressant zum Zusehen, aber aus meiner Sicht ist die Hauptsache, dass es ein ausgeglichener Kampf ist. Lasst sie in jeder Partie zehnzügig Remis machen, aber das Ergebnis bleibt ausgeglichen - und ist für mich interessant. Es ist besser so, als brillante Partien zu sehen und eine Seite geht weit in Führung. Das Packendste ist momentan genau der Kampf in dieser Begegnung.

Kommt jedes Remis im Match Karjakin zugute?

Natürlich. Immerhin war Carlsen vor dem Beginn der klare Favorit, aber je weniger Partien übrig bleiben, desto kleiner wird seine Favoritenrolle.

Andererseits war Partie 6 die erste von zweien, in denen Sergey die weißen Figuren hat, und die fünfte Partie war für Magnus ziemlich traumatisch verlaufen... auch wenn die Wirkung schnell nachgelassen zu haben scheint!

Carlsen sieht nach dem gestrigen Fehler so deprimiert und nervös aus...

Wir sahen eine Wiederholung des "Anti-Marshall"-Spaniers, der in Partie 4 neun Züge lang gespielt wurde, bis Carlsen sich mit 9. ... d5 für eine Bauernopfer-Variante entschied, statt 9. ... d6 zu ziehen. Das war für Sergey natürlich keine Überraschung, aber Magnus' 14. ... c5 war ein neuer Zug, der ihn schließlich zum Nachdenken brachte. Der kiebitzende Anish Giri war beeindruckt:

Hm, die Jungs machen ihre Hausaufgaben!

Nigel Short fühlte unterdessen, dass Karjakins Stil ihn zur Zielscheibe mache:

Sergeys große Stärke - ein enges, aber sehr gut analysiertes Repertoire - ist eine Belastung, wenn dein Gegner Monate zur Vorbereitung darauf hat.

Zwei kurze Schübe des schwarzen f-Bauern später wurde eine Stellung erreicht, die ein forciertes Remis zu sein scheint, wie Karjakin später erklärte:


Für das ungeschulte Auge ist das bei weitem nicht offensichtlich, aber Magnus löste das Problem im Blitztempo: 17. ... Lxg5 18. Sxg5 h6 19. Se6 Dd5 20. f3 Tfe8:


Karjakin sprach von der "brillanten" Eröffnungsvorbereitung seines Gegners und sagte, dass "ich ziemliches Glück hatte, hier 21. Te5 zu haben - andernfalls stehe ich auf Verlust". Das stimmt vielleicht nicht ganz - die Computer schlagen einige verrückte Varianten vor, in denen 21. Sc7 auch funktioniert - aber der in der Partie gespielte Zug forcierte das Remis. 

Sergey sieht zuversichtlich aus, es ist aber dennoch eine Überraschung, dass er in der Eröffnung bisher noch keinen Einfluss auf seinen Gegner ausüben konnte | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Es folgte 21. ... Dd6 22. c3! Txe6 23. Txe6 Dxe6 24. cxb4 cxb4, und bei den zerstörten Bauernstrukturen und den ungleichfarbigen Läufern war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Partie unentschieden enden würde. Zumindest Nigel Short war sehr zuversichtlich 

Ich verwette mein Haus und verkaufe meine Kinder in die Sklaverei, wenn das kein Remis ist. Wir sehen uns am Sonntag, Freunde!

Nigels Nachwuchs konnte bald erleichtert aufatmen:

Sergey Karjakin - Magnus Carlsen, Remis, 32 Züge, keine Angst, keine Geschichte, nichts...

Eine richtige Analyse der Partie gibt es von Eric Hansen:

Und Niclas Huschenbeth:

Ihr könnt auch die Live-Berichterstattung mit Niclas und Melanie Lubbe hier noch einmal sehen:

Das einzige, was die Spieler noch zu absolvieren hatten, war ein neuer Spießrutenlauf mit den Medien…

Die Journalisten sind es müde, über Remisen zu berichten. Es sieht so aus, als ob sie dem Herausforderer gegenüber aggressiv werden.

Nach der Anspannung vom Vortag waren beide Spieler in guter Stimmung, da sie einen halben freien Tag hatten und ein Ruhetag vor ihnen liegt:

Wenn es noch 46 Stunden bis zur nächsten Partie sind

Magnus fasste zusammen:

Es geht weiter, und solange ich im Match nicht hinten liege, ist das in Ordnung. Gestern hätte ich an einer Stelle verlieren können. Es war nicht erzwungen, aber es war eine schwierige Stellung. Ich fühlte, dass heute nicht der Tag war, an dem ich etwas Großes unternehmen sollte. Ich bin mit der kurzen Partie ziemlich zufrieden und nun werde ich versuchen, mich auf die nächste vorzubereiten.

Sergey bemerkte, dass Magnus' Eröffnungsvorbereitung unterschätzt wird, aber er war zur Halbzeit ebenfalls zufrieden:

Wie ich vorhin bereits sagte, ist Magnus in den Eröffnungen sehr gut, daher ist es auch für mich keine große Überraschung. Ich habe im Grunde ein Gefühl, dass das Match interessant ist und die einzige Partie, mit der ich vielleicht wirklich unzufrieden sein könnte, die von gestern war, daher ist das in Ordnung.

Er beantwortete souverän eine einigermaßen unzusammenhängende Frage, ob das Match so lange wie jenes zwischen Karpov und Kasparov 1984 dauern könnte: "Wir müssen im Januar in Wijk aan Zee spielen, daher haben wir nicht so viel Zeit!", und verriet ebenfalls, dass er am Ruhetag eine Hubschrauberfahrt unternehmen könnte. Carlsen meinte: "Das macht mir Angst" und plant, seine Füße am Boden zu lassen.

Von den Spielern abgesehen ist es eine Gelegenheit für Kommentatoren, Schachfans und Journalisten - besonders jenen in Europa -, zur Abwechslung etwas Schlaf zu bekommen, auch wenn es einige verärgerte Stimmen gab. Ian Nepomniachtchi, der das Match sowohl auf seinem Twitch-Kanal als auch dem russischen Match TV live kommentiert, wählte den falschen Tag für eine Pause:

Anscheinend strapazieren die Jungs die Kommentatoren weniger, wenn ich nicht auf Sendung bin :)

Die Fans von Magnus Carlsen gerieten womöglich kurz in Panik, als sie Lawrence Trent beim Team Carlsen entdeckten...

Mitglieder von Carlsens Team in der VIP-Zone

Es kann jedoch gut sein, dass er mit der Managerrolle seines Schützlings Fabiano Caruana beschäftigt ist, da die Nummer Eins der USA nicht den besten Tag wählte, um vorbeizukommen:

Danke für den spannenden Empfang in NYC, Jungs!

Was ist also der Zwischenstand? Nun, wir haben sechs Remisen und zählen…


Es fehlen noch zwei Partien, um mit dem Auftakt des WM-Kampfes zwischen Anand und Kasparov im World Trade Center 1995 gleichzuziehen, während uns Nigel daran erinnerte, dass diese Remisen nichts im Vergleich zu vorangegangen Weltmeisterschaften sind:

Beschwert euch nicht. Das erste K-K-Match war monatelang gesäß-betäubend öde. Das ist besser. #CarlsenKarjakin

Was können wir nun erwarten? Nun, kommen wir zum Interview mit Grischuk zurück, der gefragt wurde, ob er Grund zur Annahme sieht, Karjakin könnte gewinnen:

Bislang gibt es keine bestimmten Gründe zu denken, Sergey würde gewinnen, aber am wichtigsten ist, dass er nicht verliert! Und in der fünften Partie überspielte er an einer Stelle Magnus, daher hat er eine Chance. Ich schlage eine Analogie mit dem Boxen vor: wenn du auf einen stärkeren Gegner triffst, denkst du nicht sofort daran, ihn K.O. zu schlagen. Zuerst versuchst du, nicht selbst ausgeknockt zu werden, dann versuchst du auf Augenhöhe zu boxen, und nur dann kannst du durchzubrechen versuchen.

Karjakin wird in der siebenten Partie am Sonntag wieder Weiß haben, für die Peter Svidler in der Live-Berichterstattung Gesellschaft von Jan Gustafsson bekommen wird. Dieses Dream Team wird bis zum Ende des WM-Kampfes bei jeder Partie dabei sein, wenn nötig auch im Tiebreak!

Der glückliche Loek van Wely wählte unterdessen den schnellsten Tag für die Berichterstattung! Er kommt jedoch nicht ganz so einfach davon, da er am Samstag ab 12:00 Uhr eine weitere Runde Geschwätzblitz absolvieren wird. Lasst sie euch nicht entgehen!

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