Berichte 18.11.2016 | 09:57von Colin McGourty

Carlsen-Karjakin, Partie 5: Magnus "baut Mist"

Eine Partie mit vielen überraschenden Wendungen endete remis, weil Sergey Karjakin seine erste Chance vergab, bei der Schach WM 2016 in Führung zu gehen. In der Pressekonferenz war Magnus Carlsen niedergeschlagen, da er zwar glücklich der Niederlage entgangen war, sich aber nicht verzeihen konnte, dass er eine Stellung aus der Hand gegeben hatte, in der eigentlich nur er auf Sieg spielen konnte. Der Kampf ist entfacht, zumal Karjakin an diesem Wochenende zweimal in Folge Weiß hat.  

Anhand der Körpersprache konnte man nach der Partie nicht erkennen, dass Magnus derjenige war, der glücklich ins Remis entwischt war! | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Bis zu einem bestimmten Punkt verlief alles in normalen Bahnen. Das Match in New York begann wie Anand-Carlsen in Chennai 2013 mit vier Remis, und Magnus hatte sich am Ruhetag auf seine typische Art erholt:

In Chennai gewann Magnus dann die nächsten beiden Partien, die das Match entschieden, und auch in New York sah es eine Zeitlang gut für ihn aus. Er spielte Italienisch und brachte seinen Gegner damit schon früh zum Nachdenken – das kam einigermaßen überraschend, wenn man bedenkt, wie sehr vor dem Wettkampf Karjakins eröffnungstheoretische Vorbereitung thematisiert wurde.

"Zeit für die tägliche Mitternachtsweisheit von Anish Giri: Ziemlich überraschend, dass Magnus bisher alle Eröffnungsduelle für sich entschieden hat."

Die Eröffnung zählt zu den ältesten überhaupt, erfährt zuletzt aber eine echte Renaissance:

"Der "homo schachus" des 21. Jahrhundert hat erkannt, dass Weiß seinen Läufer nach c4 stellen sollte, um f7 anzugreifen - wie man es schon vor 500 Jahren wusste."

Tatsächlich entdeckte Carlsen den Holzfäller in sich!

"Kawumm! 14.Lxf7+!"

Ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick aussah, war es dann zwar nicht, aber zumindest konnte sich der Weltmeister ein wenig Erholung gönnen:

"Der Weltmeister im Halbschlaf, während Karjakin nachdenkt."

Kann das ein neuer Trend werden?

"Auch Eric Hansen hat den "Carlsen in sich" entdeckt."

Danach änderte sich aber einiges. Zunächst hieß es, das Team Carlsen sei unzufrieden damit, dass die Ruhezone der Spieler in der Live-Übertragung gezeigt werde. Allerdings schränkte Magnus später ein: „Ist mir egal, das ist nicht meine Hauptsorge.“ Ernster jedoch war, dass die Einschätzung der Stellung auf dem Brett sich deutlich zu Karjakins Gunsten wendete, als dieser nach langem Nachdenken den Zug 19…Qh4! auspackte:

"Nach 25 Minuten findet Karjakin 19...Dh4!"

Der Bauer auf b4 ist angegriffen, und 20.e6 löst die weißen Probleme nicht wegen der Schwäche des Feldes f2. Plötzlich rochen die Karjakin-Fans ihre Chance, aber die Hoffnungen verflogen schnell wieder, als auf 20.Tf3! der Zug 20…Lxc5!? folgte – zum zweiten Mal in Folge ruinierte sich Karjakin auf identische Art die Bauernstruktur.

Bisher haben sich die Vorhersagen bestätigt, dass Carlsen es schwer haben würde | Foto: Anastasia Karlovich, FIDE

Damit war die Partie wieder in Carlsens Fahrwasser, und es deutete sich eine lange Massage für Karjakin an … doch dann ereignete sich erneut Merkwürdiges. Karjakin fand einen Plan:

"Für einen Amateur wie mich ist die Zugfolge ab 32...Kf8 wirklich ein beeindruckendes Beispiel, wie man einen Plan fasst und anschließend umsetzt."

Er überführte seinen König von g8 nach c8, um den Bauern b7 zu decken, fand den perfekten Zeitpunkt für 34…g5 und wurde dann überraschend belohnt, als Carlsen mit 38.g4 voreilig (oder zu spät) vorpreschte: Fabiano Caruana gehört zu denen, die bemerkt haben, dass Magnus in schlechten Stellungen nicht unbesiegbar ist:

Man hält ihn für einen großartigen Endspielspezialisten, aber wenn er sich verteidigen muss, ist er kaum stärker als andere Spitzenspieler.

Peter Svidler merkte im Live-Kommentar zudem an, dass Magnus normal schlicht nicht in schlechten Stellungen landet. Dieses Mal ritt er sich mit seinem 41. Zug, dessen Erklärung bizarr war, noch tiefer in den Schlamassel. Aus irgendeinem Grund hatte er seine Züge falsch notiert und war überrascht, als er nach seinem vermeintlichen 39.Zug frische Bedenkzeit bekam. Wie sich herausstellte, war es sein 40.Zug, aber…

Ich dachte, ich mache sicherheitshalber einen Zug und gehe auf die Toilette. Und dann war der Zug [41.Kg2] ein Riesenfehler. Ich hatte Glück, dass ich wegen ihm nicht verloren habe.

Nach 41…hxg4 42.hxg4 (Carlsen beklagte in der Pressekonferenz, dass er nicht dem f-Bauern zurückschlagen konnte) ließ Karjakin einen starken Zug vom Stapel:

"42...d4! erinnert an die letzte Partie des Kandidatenturniers, in der Karjakin gezeigt hat, dass er unter Druck starkes Angriffsschach bieten kann."

Einmal mehr hatte Karjakins Lager Grund zur Freude, während Carlsen und sein Team sich überlegten, was es hieße, zum ersten Mal in einem WM-Kampf in Rückstand zu geraten:

"Der Moment, in dem du begreifst, dass der nette russische Teddybär, mit dem du spielst, ein Piranhagebiss hat."

Sie mussten sich keine allzu großen Sorgen machen, da Karjakin den Großteil seines Vorteils direkt einbüßte, weil er 43.Dxd4 mit 43…Ld5?! beantwortete, anstatt mit 43…Th8 die h-Linie zu besetzen (Sergey meinte hinterher, er habe den Fehler schon erkannt, als Magnus an seiner Antwort überlegte). Der Weltmeister nutzte die Gelegenheit, um mit 44.e6! selbst Gegenspiel zu erlangen, wonach die Partie ohne weitere Wirren remis endete.

Manchmal macht es keinen Spaß, vor die Presse zu treten |Foto: Anastasia Karlovich, FIDE

Magnus war hinterher annähernd sprachlos, was für unsere Kommentatoren aber nicht galt. Niclas Huschenbeth hat die Partie für euch kommentiert:


Und hier noch einmal der gesamte Live-Kommentar von Melanie und Nikolas Lubbe:


Die Spannung steigt also weiter:


Obwohl Karjakin bisher mit den weißen Steinen wenig Beeindruckendes gezeigt hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass er vor Ablauf des Wettkampfs nicht mindestens einmal zuschlagen will. Wie erwähnt, hat er nun zweimal in Folge in Weiß und wird seine Chance sicher suchen. Ab jetzt wird es sicher immer noch spannender…


Um 20 Uhr geht es heute weiter mit der 6.Partie, die einmal mehr von Melanie und Nikolas Lubbe live kommentiert wird. Wie immer könnt ihr die Partie auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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