Berichte 13.11.2016 | 11:55von Colin McGourty

Carlsen - Karjakin, Partie 2: Keine Berliner Mauer, kein Krimi

Nach der Partie bat Magnus um Verständnis: "Das ist ein langes Match, es wird nicht in jeder Partie ein Feuerwerk geben!" Das war beinahe eine Untertreibung. Im dritten Zug schürte er die Hoffnungen, als er im Spanier mit dem klassischen 3. ... a6 und nicht der berüchtigten Berliner Verteidigung antwortete, aber nach ein paar spannenden Zügen, in denen Karjakin die Oberhand zu bekommen schien, löste er die ganze Spannung auf und ließ die Partie langsam Remis enden. Ein solider Auftakt für beide Spieler, aber mit wenig Berichtenswertem.

Karjakin konnte noch keinen Treffer landen...

Als er gefragt wurde, wie das Match ausgehen würde, meinte GM Vlad Tkachiev:

Wie viele entschiedene Partien es geben wird, hängt von der Strategie ab, die Karjakin und sein Team gewählt haben. Ein schneller Gewinn in einer der ersten Partien des Matches ist die einzige Chance. Wird Sergey sein Glück in einem "Blitzkrieg" versuchen? Ich kenne die Antwort darauf nicht.

Es ist zu mehr als 95% wahrscheinlich, dass der Sieg an ihr wisst schon wen gehen wird - den klaren Favoriten.

Anerkennung selbst nach zwei Partien - wer tut diesen Gefallen? | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Nun, was immer man auch von dieser Vorhersage halten mag, wir können mit Bestimmtheit sagen, dass das Match nicht mit einem Blitzkrieg des Herausforderers begonnen hat. Stattdessen entschied er sich in der ersten Partie dazu, eine etwas schlechtere Stellung zu verteidigen, und in der zweiten zermarterte er sich nicht allzu lange den Kopf, ehe er die Partie zu einem relativ mühelosen Remis führte.

Am anderen Brett war vermutlich mehr los | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Es begann, wie bereits erwähnt, mit einer kleinen Überraschung, da Magnus die Berliner Verteidigung vermied, die ihm in seinen Zweikämpfen mit Vishy Anand so viel geholfen hatte, und spielte stattdessen den geschlossenen Spanier. Karjakin entschied sich zur Variante 6. d3, die auf Spitzenniveau so sehr in Mode gekommen ist, dass Peter Svidler (der leider erst ab Montag berichten wird!) eine ganze Videoserie darüber aufgenommen hat.


Beide Spieler waren mit dem Abspiel sehr vertraut, Magnus wich von seinem Spiel nur bei der Paris Grand Chess Tour in diesem Jahr gegen Veselin Topalov ab, als er 12. ... Te8 statt 12. ... Sc6 zog. Karjakin ließ sich davon jedoch nicht beirren und spielte die vielleicht undramatischste Neuerung des Jahres:


13. Ta1 Magnus dachte über 20 Minuten lang über die Folgen dieses Turmzuges nach. Es war diese Art von Partie.

Trotzdem hatten wir niemand Geringeren als Garry Kasparov, der uns daran erinnerte, dass nicht alles ganz geradlinig sein muss:

Einer der besten Indikatoren für eine interessante Schachpartie ist, dass Amateure denken, sie sei es nicht!

Sehen wir uns also die Partie an, und wir haben tatsächlich nicht nur eine, sondern gleich drei Zusammenfassungen - sucht euch eine aus oder führt euch alle gemütlich an diesem Ruhe(sonn)tag zu Gemüte! Die erste stammt vom Kanadier Eric Hansen, zu dem sich ab Montag Peter Svidler gesellt:


Die nächste vom deutschen GM Niclas Huschenbeth:


Garry Kasparov war anlässlich des Champions Showdown in St. Louis und hatte unweigerlich etwas zum Match zu sagen, darunter auch ein Vergleich der beiden Spieler:

Ich denke, dass die Spieler bei dieser Weltmeisterschaft in verschiedenen Ligen spielen. Karjakin ist großartig - Carlsen ist besonders.

Sergeys Manager Kirill Zangalis begrüßte die Außenseiterrolle:

Hier ist es wie in einem Boxkampf: der stärkere Sportler wollte seinen Gegner nieder- oder sogar K. O. schlagen, doch das ist ihm nicht gelungen. Sergey hielt in der Eröffnung sehr gut dagegen. Ab jetzt wird das Match seinen eigenen Kurs nehmen, aber es war wichtig, dem ersten Schlag zu widerstehen.

Das war ein Echo Karjakins eigener Gedanken nach der Partie, aber ein gewisser Radio Jan war nicht beeindruckt (genau so, wie wir von seinem Mikrofon nicht beeindruckt sind - ernsthaft, er hatte die Kühnheit, sich in der Vergangenheit über jenes von Svidler zu beschweren!?):

Die einzige passende Antwort auf Radio Jan kam vom anderen Jan:

Ein populistischer Schwachkopf hat Erfolg. Das sind dunkle Zeiten.

Radio Jan war aber nicht der einzige verstimmte Zuseher. Normalerweise wäre es für eine Schachveranstaltung eine großartige Sache, wenn der Turniersaal voller Zuseher wäre; es stellte sich jedoch heraus, dass die Tickets nicht nur verkauft worden waren, sondern dass es auch Ortsansässige mit Freikarten für eine Partie gab, die ebenfalls vorbeikamen. Das zeigte die Grenzen des Veranstaltungsortes auf: das für Agon typische "Industrial cool"-Design erscheint weit weniger ansprechend, wenn man eine Stunde wartet, um einen Blick auf die Spieler zu erhaschen, aber keinen Sitzplatz hat. 

Ein Raum voller Stehplätze | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Hält die Zuschauermenge die Spieler in Schach? | Foto: Vladimir Barsky, Russische Schachföderation

Der Star Tribune zitierte Carl Fisher, der meinte: "Das ist die schlechtest organisierte Veranstaltung, auf der ich in meinem ganzen Leben gewesen bin", bevor er weiter ausführte, er sei 82 Jahre alt!

Die Partie selbst half vermutlich auch nicht, da sie die Zuseher im Internet und die Berichterstatter - manchmal buchstäblich - in den Wahnsinn trieb:

Man weiß, dass die Partie viiieel zu langweilig ist, wenn man sich zu fragen beginnt, welches der Gebäude über einem der #Trumptower ist...

Wenn der britische Außenminister das Wort "Jammerama" verwenden darf, benutze ich das Wort "Gähnathon"

In Momenten wie diesem, da ich bei einer Partie zusehe, bin ich dankbar dafür, eine Menge Wein im Haus zu haben.

Wie viele langweilige Partien lang müssen wir den Leuten 75 Dollar zum Zusehen berechnen, ehe wir bemerken, dass das Schach mit seinen derzeitigen Regeln kaputt ist?

Vielleicht hatte Gregs Schwester die Lösung - eine Pause von allem zu nehmen!

The sun setting on game two of #carlsenkarjakin #worldchesschamps #southstreetseaport #manhattan #chess #uschess

A photo posted by Jennifer Shahade (@jenshahade) on

Die Sonne geht während der zweiten Partie zwischen #CarlsenKarjakin unter.

Hier könnt ihr die Live-Sendung zur zweiten Partie nachholen:


Die Spieler liegen am ersten Ruhetag also gleichauf bei 1:1. Karjakins Manager sagte im selben Interview, aus dem weiter oben zitiert wurde, dass er 12 Remisen nicht ausschließen würde, aber hoffen wir einfach, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Peter Svidler wird in unserem Hamburger Studio zu Eric Hansen hinzustoßen, um am Montag die dritte Partie des Weltmeisterschafts-Matches zu kommentieren, in der Magnus wieder die weißen Figuren führt. Wird er wieder Tromp wählen? Wir werden bald mehr erfahren!

Am Montag geht es ab 20:00 Uhr (14:00 Uhr Ortszeit) weiter! Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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