Berichte 25.11.2016 | 10:39von Colin McGourty

Carlsen-Karjakin, Partie 10: Magnus ist zurück!

Magnus Carlsen hat mit einem Sieg gegen Sergey Karjakin den Ausgleich im WM-Kampf geschafft. Die erste Hälfte der 10. Partie war von gegenseitiger Nervosität geprägt, und sie hätte zu einem raschen Ende kommen können, wenn Karjakin eine forcierte Remisvariante gefunden hätte. Nach einigen Abenteuern landeten die Spieler so in einem leicht besseren Endspiel für Carlsen, in dem er seine gesamte Klasse zeigen konnte. Karjakin schien eine Festung errichtet zu haben, doch eine kleine Unaufmerksamkeit reichte für den Zusammenbruch. Ein sichtlich erleichterter Magnus Carlsen ist nun wieder Favorit auf den Titel – aber ab jetzt kann sich keiner der Spieler mehr einen Ausrutscher leisten!  

Das Lächeln ist nach zehn sieglosen Partien zurück | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Vishy Anands Sekundant Grzegorz Gajewski wusste bei seinem Kommentar, wovon er redete:

"Die heutige Partie erinnerte mich an den großartigen Song "Under pressure" (dt.: Unter Druck)"

Die Partie wurde am 25.Todestag von Freddie Mercury gespielt, es hätte also keinen besseren Bezug geben können:

Erneut kam ein Spanier aufs Brett, aber dieses Mal beantwortete Magnus die Berliner Verteidigung mit einem seltenen Abspiel der Anti-Berliner Variante. Wieder einmal versuchte er, seinen Gegner unter allen Umständen in ein Gebiet abseits der Theorie zu locken, wie Anish Giri erklärte:

"Dasselbe Konzept wie in der zweiten Partie in Sotschi. Eine schlechtere, aber spielbare Version einer bekannten Stellung. Eine schöne, aus der Verzweiflung geborene Idee."

Zum Teil handelte es sich womöglich um einen Bluff, doch zumindest war die Stellung nach dem 10.Zug völlig neu und Karjakin verbrauchte angesichts der schier endlosen Möglichkeiten extrem viel Zeit. Magnus hatte deutlichen Vorteil, den er allerdings mit dem Abtausch der weißfeldrigen Läufer komplett einbüßte. Nach 20.Sd2 kam der entscheidende Moment in der Partie und vielleicht der gesamten WM 2016:


Nach 20…Sxf2+! wäre die Partie angesichts von 21.Kg2 Sh4+! 22.Kg1 (22.gxh4 Dg6+ und Weiß hat mit schlechter Struktur einen Bauern weniger) 22…Sh3+ 23.Kh1 Sf2+ und Zugwiederholung remis. Sergey meinte, er habe 20…Sxf2 gesehen, aber übersehen, dass Schwarz nach 21.Kg1 Nh3+ 22.Kg2 mit einer Springergabel auf f4 Material gewinnt. Danach hätte die Partie zwar weitergehen können, doch Schwarz hätte zumindest nicht schlechter gestanden und Magnus wollte sicher keine Variante auf dem Brett, mit der er das Match direkt verlieren konnte.

An Erntedank konnte sich Magnus bedanken |Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Stattdessen spielte Sergey rasch 20…d5, was Ian Nepomniachtchi als “einen der überraschendsten Züge der gesamten WM” bezeichnete. Paco Vallejo meinte…

"Ich fürchte, man muss Sf2 und Sh4!! mit Remis sehen, um Weltmeister zu werden"

…aber manche meinten darauf, das würde für beide Spieler gelten!

Die anschließende Zugfolge war sehr verwirrend. Im nächsten Zug ließ Magnus erneut ein forciertes Remis zu, das allerdings schwerer zu sehen war, und dann spielte er ebenfalls einen übereilten Zug. Weiter ging es mit 26.Tfe1, und diese Sequenz wurde auf Video festgehalten:

"Merkwürdig, er berührte den Bauern, bevor er den Turm zog."

Hat Magnus "j’adoube" gesagt? Auf jeden Fall hätte er dann den soliden Zug 26.f3 spielen können. Das war aber nicht das einzig Merkwürdige an diesem Zug:


Wie unsere Kommentatoren feststellten, hätte 26…Taf8 vermutlich zu einem sofortigen Umdenken des Weltmeisters geführt, da das sicher beabsichtigte 27.Te2, dann an der abermaligen Springergabel 27…dxe4 28.dxe4 Nf4+! gescheitert wäre.

Die Schachfans waren jedenfalls begeistert vom Fortgang der Partie:

"Zuschauer während der 10.Partie"

Ab diesem Moment spielten die Akteure aber wieder so, wie man sie kennt. Magnus erzielte Raumvorteil und bessere Koordination, während Sergey hartnäckigen Widerstand aufbaute. An dieser Stelle wurde es Zeit, die Musik zu wechseln:

"Die ganze Nacht"

Einige Zuschauer wie Nigel Short erklärten Carlsen schon früh zum Sieger, aber trotz des großen Drucks hielt Karjakin lange dagegen:

"Das sagen dir die Computer nicht: Carlsens 51.f3 wird von einer Mischung aus Müdigkeit und Besorgnis begleitet."

Sein Fehler aber war, und den machte unser Kommentatorenteam auch, Magnus' teuflische Pläne zu unterschätzen. 55.Td2-d3! sah aus wie ein Nullzug, und wie Sergey später zugab:

Als er 56.Rb1 spielte, dachte ich, Magnus wollte ein wenig Zeit bis zur Zeitkontrolle im 60.Zug gewinnen. Ich habe nicht begriffen, dass er b5 spielen will, und nach diesem Fehler ist meine Stellung vermutlich verloren.

Die Computer bestätigen, dass 56…Thh7 der Verlustzug war, während Karjakins Vorschlag 56…Sh6 die Partie vermutlich gehalten hätte. Magnus konnte jetzt den lange vorbereiteten Durchbruch ausführen:

"Endlich der Durchbruch, der Carlsen vermutlich den Ausgleich bringt"

"Ein selbstbewusster Carlsen und der kritische Zug 57.b4-b5. Was heißt "Das ist nicht Alcatraz" auf Norwegisch?"

Ab diesem Moment war die weiße Stellung technisch gewonnen, aber die Verwertung verlief nicht ohne Probleme. Wie Carlsen selbst zugab, war er erst am Ende sicher, dass es zum Sieg reichte.

Dieses Mal hat es Sergey erwischt:

"Schach ist brutal. Geplatzter Traum oder nur ein Rückschlag?"

Niclas Huschenbeth hat sich die Partie für euch angesehen:


Und hier noch einmal die gesamte Live-Übertragung mit Melanie und Nikolas Lubbe:


Schließlich hat Magnus seinen Gegner also doch gebändigt:

Seine Erleichterung war groß, das bestätigen auch seine Worte:

Natürlich sieht die Sache nun ganz anders aus. Es war nicht leicht, aber ich habe ihn geschlagen!

In der Pressekonferenz fügte er hinzu:

Das ist eine riesige Erleichterung. Ich habe zehn Partien lang nicht gewonnen, das bin ich einfach nicht gewohnt. Der Kampf geht weiter, und er wird immer noch hart, aber immerhin kämpfen wir nun mit der gleichen Ausgangslage.

Der Kampf wird damit auf jeden Fall die kompletten 12 Partien andauern, er könnte aber auch an Magnus’ Geburtstag (dem 30. November) mit einem Stichkampf enden. Sein Kommentar:

Ich bin einfach froh, dass es zwei weitere Partien gibt!

Karjakin muss man hoch anrechnen, dass er trotz seiner Enttäuschung die gesamte Pressekonferenz absolvierte und auch Interviews gab. 

Karjakin nimmt unter dem Applaus für seinen Gegner in der Pressekonferenz Platz | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Auf die Frage nach den nächsten Partien antwortete er:

Ich will einfach nur gut spielen und nichts einstellen.

Zur Erholung gibt es jetzt einen Ruhetag, an dem auch unsere Kommentatoren mal entspannen und sich darüber freuen können, dass Bewunderung bisweilen auf Gegenseitigkeit beruht:


Norm MacDonald: "Stellt euch vor, wie überrascht ich war, als ich die Schachübertragung verfolgte und ihr meinen Namen erwähnt habt. Das hat mich umgehauen. Ich liebe euch Jungs, und ihr tragt unendlich viel zur Verbesserung meines Spiels bei."

Peter Svidler: "Ich bin sicher, dass ich irgendwann aufhöre, schreiend in meinem Hotelzimmer auf und ab zu rennen." 

Und jetzt? Zumindest ist wieder alles offen:


Natürlich muss keiner der beiden in den beiden verbleibenden Partien mit aller Gewalt auf Gewinn spielen, aber vor allem Magnus wird vermutlich versuchen, einen Stichkampf zu vermeiden. Sergey hat zunächst Weiß, und man darf gespannt sein, ob er direkt zurückschlagen kann.

Am Samstag um 20 Uhr geht es weiter, dann werden Melanie und Nikolas Lubbe wieder live für euch kommentieren! Wie immer könnt ihr die Partie auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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