Interviews 29.10.2014 | 16:42von Malte Turski

Carlsen gegenüber BBC Radio: “Ich sehe mich eher als Künstler”


Magnus Carlsen wurde von Dominic Lawson für BBC Radio 4 interviewt. Der Weltmeister sprach über seine Faulheit, wie er von einem Gegner aus der Fassung gebracht wurde, der am Vorabend der Partie trank, und weshalb zu analytisches Denken ein Nachteil beim Schachspielen sein kann. Dominic Lawson – ein ehemaliger Zeitungsjournalist und aktueller Präsident des englischen Schachverbands - interviewte Magnus in Oslo, während die beiden eine Partie Schach spielten. Die Partie findet ihr am Ende des Artikels. Wir haben eine Abschrift des 15-minütigen Interviews angefertigt, welches auf der BBC-Website zum nachhören verfügbar ist:


Dominic Lawson: Ich muss unseren Zuhörern zunächst sagen, dass Magnus ein sehr ansehnlicher Mann ist, nicht zu sprechen von seinen zerebralen Attributen. Magnus, kannst du nachvollziehen, dass es manche Männer unfair finden, wie du außerordentliche Intelligenz mit gutem Aussehen verbindest?

Magnus Carlsen: Eigentlich finde ich das ziemlich fair, da es mir in meiner Kindheit so erschien, als hätte ich weder das eine noch das andere. Daher halte ich das schon für OK.

Du warst also das hässliche Entlein, das sich in einen schönen Schwan verwandelte?

Das ist eine dänische Redewendung und keine norwegische, aber ich halte es für einen korrekten Vergleich.

Wir spielen gerade eine dänische Eröffnung. Ich wählte einen nach Bent Larsen benannten Partiebeginn, also eine Art Hommage an Skandinavien, wenn auch nicht unbedingt an Norwegen. Eine norwegische Eröffnung konnte ich nicht finden.

Es gibt einige norwegische Eröffnungen. Die eine ist sehr schlecht, während die andere mindestens zweifelhaft ist.

Wir sprachen gerade über deinen Körperbau. Soweit ich weiß warst du mal ein eifriger Fußballspieler. Stimmt das?

Ja, auf gewisse Weise. Ich spiele hier in Norwegen für eine Fußballmannschaft, obwohl sowohl meine Anwesenheit als auch meine Einstellung nicht gerade erstklassig sind. Ich gehe davon aus, dass man mich beim nächsten Spiel in die zweite Mannschaft versetzt. Ich habe keine gute Technik, aber für die Verhältnisse der Liga und meiner Position bin ich einigermaßen schnell.

Bist du ein sehr aggressiver Spieler? Wirst du ab und zu vom Feld geschickt?

Nein, weil die Schiris zu viel Respekt vor mir haben. Ich hätte den Platzverweis sicherlich einige Male verdient gehabt, aber es wurde stets Nachsicht geübt. Manchmal verliere ich die Nerven, aber meistens läuft alles gutgelaunt ab.

Dachte Dominic an den Zwischenfall während des Shamkir-Turniers, als der 74-jährige Schiedsrichter Faik Gasanov bei einer Partie schlecht aussah? | Foto: Evgeny Surov, Chess-News 

Betrachtest du Schach als Sport und wenn ja, als einen Sport, bei dem körperliche Ausdauer sehr wichtig ist?

Definitiv. Schach ist für mich zuallerst ein Sport und nur nachrangig Kunst und Wissenschaft. Ausdauer spielte während der WM sicherlich eine Rolle. In der fünften und sechsten Runde habe ich zwei Schlüsselpartien gewonnen. Die Partien wurden meines Erachtens in der fünften und sechsten Stunde durch physische Stärke entschieden.

Fischer, der zu seinen Hochzeiten sehr fit war, meinte mal, dass er es genieße, wenn das Ego des Gegners zusammenbricht. Hast du eine ähnliche Einstellung?

Ein wenig vielleicht. Ich gewinne nicht gerne wenn ich weiß, dass der Gegner nicht sein Möglichstes getan hat. Ein Beispiel: Bei einem Top-Turnier habe ich einmal einen meiner Gegner beobachtet, wie er am Tag vor unserer Partie einen Cocktail trank. Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen. Ich konnte keine ernsthafte Partie spielen.

Magnus, das ist meine Chance, da ein guter Freund gestern sein 25-jähriges Jubiläum als politischer Moderator bei einem TV-Sender feierte. Er ist ein guter Freund, sodass ich fünf oder sechs wirklich hervorragende Cocktails trank. Ich erwähne das, da du unsere Partie fortan nicht so ernst nehmen dürftest, wie du solltest.

Ich halte das nur für relevant, wenn die Spieler ähnliche Spielstärken haben.

Das hältst du hier offensichtlich nicht für gegeben.

Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber nein.

Ich sollte erwähnen, dass Magnus sich auf alarmierende und sogar brutale Weise meinem König nähert. Damit demonstriert er, ich muss es so sagen, einen Mangel an Respekt vor seinem deutlich älteren Gegner.

Mein nächster Zug wird nicht respektvoller sein.

Damit habe ich bereits gerechnet. Das Problem dabei ist, dass ich nur wenig dagegen unternehmen kann.

Du hast tatsächlich nicht den Zug gemacht, den ich erwartet hätte. Daher bin ich gerade leicht besorgt und verliere das Interesse an dieser Konversation. Ich werde mich jetzt auf die Partie konzentrieren, die mich vor ein sehr konkretes Problem stellt. Nämlich die Frage, wohin ich meine Dame stellen soll.

Es wird oft behauptet, dass Schach ein Gradmesser für Intelligenz ist. Glaubst du, dass diese Aussage zutrifft?

In meinem Fall denke ich, dass ich bloß sehr gut in dem bin, was ich tue. Ich bin nicht blöd, aber es gibt deutlich schlechtere Schachspieler, die viel intelligenter sind als ich. Ich glaube, beim Schach geht es nicht nur um das, was man gemeinhin als Intelligenz definiert, nämlich die Fähigkeit zu analytischem Denken. Ich halte zu analytisches Denken im Schach sogar für einen Nachteil, da es beim Schach auch viel Spielraum für Kreativität gibt. Es ist schwer zu erklären. Ich weiß, weshalb ein Zug gut oder schlecht ist. Ich kann aber nicht genau erklären, weshalb ich das weiß.

Findest du das mysteriös?

Auf jeden Fall.

Ohne ins Metaphysische abdriften zu wollen, denkst du diese Gabe kann, sofern man religiös veranlagt ist, als ein Geschenk Gottes beschrieben werden? Etwas, das man nicht der Analyse unterziehen sollte? Du könntest einfach sagen, so wurde ich geschaffen und ich sollte dankbar und froh darüber sein.

Ich glaube eigentlich nicht an Geschenke von Gott. Ich weiß nicht, ob ich in einer anderen Tätigkeit gut wäre, wenn ich mich auf sie konzentrieren würde. Aber ich kann mich definitiv sehr, sehr glücklich schätzen, etwas gefunden zu haben, das ich liebe und in dem ich offensichtlich besser bin als jeder andere. Und gleichzeitig nicht verstehen, weshalb.

Fühlst du dich eigenartig? In dem Sinne, dass du dich anders fühlst? Oder hältst du dich für normal?

Ich bin manchmal etwas eigenartig, aber nicht mehr als die meisten Leute auch. Jeder ist ein bisschen eigenartig.

Obwohl du scheinbar sehr bescheiden bist, verfügst du über einen außergewöhnlichen Verstand. Denkst du manchmal, dass du diesen Verstand auf Dinge verwenden könntest, die der Gesellschaft nützlicher sind? Dass du gerne ein Arzt wärst oder ein Chemiker, der den Nobelpreis verliehen bekommt? Oder irgendetwas anderes, das die Menschheit voranbringt? Oder hältst du deine Intelligenz für so speziell, dass dir solche Gedanken nicht kommen?

Ich bezweifle, dass ich in einem anderen Feld so gut sein könnte, dass sich ein Ausstieg aus dem Schach für mich lohnen würde.

Eine deiner Fähigkeiten, die ich wohl in einem Film über dich sah, ist das simultane, blinde Spielen mehrerer Partien. Es ist wirklich etwas Besonderes, das zu beobachten. Ich habe mich gefragt, gegen wieviele Spieler du gleichzeitig blind spielen könntest? Wir sitzen hier in einem Haus, aus dem man ein Tal in Oslo überblicken kann. Es ist ein großer Raum und ich frage mich ob, wenn er voll mit Schachbrettern und vielleicht 25 Leuten wäre, du blind gegen diese 25 Leute spielen könntest.

Magnus spielt zu Beginn der 60 Minutes-Doku von CBS, Mozart of Chess, blind.

Wahrscheinlich schon. Bislang habe ich nur gegen zehn Leute simultan und blind gepielt. Das ist anstrengend, aber nichts Besonderes.
Mit meinem letzten Zug habe ich übrigens ein sehr wichtiges positionelles Ziel erreicht, indem ich deinen Läufer von der langen Diagonale aussperren konnte. Mein König sieht jetzt deutlich sicherer aus. Jetzt habe ich freie Hand, mit einem schnellen Angriff am Königsflügel vorzugehen.

Ja, jetzt muss ich wirklich mal nachdenken, bevor ich völlig überrollt werde. Ich glaube, so sagt man das im Schach. Magnus, Schach wird als sehr harte Arbeit betrachtet. Ich denke, das stimmt. Aber du hast dich selbst als faul bezeichnet und ich frage mich, worin deine Faulheit genau besteht?

Meine Faulheit besteht im Wesentlichen darin, nicht in der Lage zu sein, Schach als einen Ganztagsjob zu betreiben. Ich war bislang nicht in der Lage, morgens aufzustehen und zu denken "Jetzt arbeite ich mal an meinem Schach". Ich bin eher ein Künstler in dem Sinne, dass ich Inspiration brauche. Ich weiß, es gibt Leute, die ihre Zeit nicht gern mit Rumtrödeln verbringen. Aber zu denen gehöre ich nicht.

Magnus’ Läufer hat die lange Diagonale erobert, die einst mir gehörte. Das macht mich etwas traurig, da er mein Eigentum gestohlen hat.

Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten, zu gewinnen. Die eine ist sehr einfach, aber die andere ist eleganter.

Ich weiß auch, wie. Du spielst Dxe2+?

In einer früheren Episode war Lawson gegen den ehemaligen Box-Champion Lennox Lewis erfolgreicher | Screenshot: BBC

Ja.

Das kostet mich mindestens eine Figur.

Jep.

Scheint so, als wäre das ein guter Moment zur Aufgabe...

Ich würde dem zustimmen.

Vielen Dank für die Partie, das Ende war wirklich sehr schön.

Das war es.

Ich habe die Partie genossen, aber hast du dich sehr gelangweilt?

Überhaupt nicht! Es war eine interessante Partie und das Ende hat mir gut gefallen.

1. b3 ♘f6 2. ♗b2 g6 3. ♗xf6 exf6 4. c4 d5 5. cxd5 ♕xd5 6. ♘c3 ♕a5 7. g3 ♘c6 8. ♗g2 ♗e6 9. ♘f3 O-O-O 10. O-O h5 11. h4 g5 12. a3 ♘e5 13. b4 ♘xf3+ 14. ♗xf3 ♕e5 15. ♔g2 g4 16. ♗e4 f5 17. ♗d3 f4 18. ♖c1 ♗d6 19. ♕e1 ♖he8 20. ♘b5 ♔b8 21. ♘xd6 ♖xd6 22. ♖c5 ♗d5+ 23. ♔h2 b6 24. ♖c3 ♗b7 25. ♕c1 fxg3+ 26. fxg3 ♕xe2+ 27. ♗xe2 ♖xe2+ 28. ♔g1 ♖g2+ 29. ♔h1 ♖dxd2

0-1 (alle Partien der Serie können hier nachgespielt werden)


Zum Weiterlesen:


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