Berichte 08.07.2019 | 16:04von Colin McGourty

Carlsen erobert Kroatien: Sieben Erkenntnisse der GCT Zagreb

Magnus Carlsens schlicht “irres” (Giri) Jahr setzte sich in der letzten Runde der Grand Chess Tour Zagreb auch in der letzten Runde mit einem Sieg gegen Maxime Vachier-Lagrave fort. Damit hat der Weltmeister acht Turniere in Folge gewonnen, ist seit 79 Turnierpartien ungeschlagen und steht nun wieder bei seinem Elo-Rekord von 2882. Wesley So belegte mit +3 den verdienten 2.Platz und ist nun auch in der Gesamtwertung Carlsen auf den Fersen, während Hikaru Nakamura und Maxime Vachier-Lagrave die gute Ausgangsposition, die sie in Abidjan hatten, verspielten.

Carlsen nimmt den Siegerpokal in Empfang | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

1. Carlsen ist stärker denn je

Durch die 9,7 Punkte, die Magnus Carlsen in Zagreb hinzugewonnen hat, verbesserte er sich auf 2881,7 in der Live-Elo-Liste, womit er in der offiziellen Liste vom August aufgerundet seinen bisherigen Elo-Rekord vom Mai 2014 einstellt. Der neue Magnus Carlsen ist aber eher noch gefährlicher als damals:


In Zagreb sah man nur in der Partie gegen Ding Liren und der verpassten Glanzpartie Vishy Anand die kunstvolle Technik, mit der Magnus den Gipfel der Schachwelt erklommen hat, während er die Siege gegen Giri und Nepomniachtchi mit mutigem Angriffsspiel mit den schwarzen Steinen errang. Hikaru Nakamura wurde Opfer eines taktischen Scharmützels, während Maxime Vachier-Lagrave als vermutlich bester Grünfeld-Spieler der Welt unbeschreiblich leicht überspielt wurde:

"MVL hat über 2800 und verliert praktisch nie mit Grünfeld. Es ist unglaublich, wie leicht das bei Magnus aussieht."

Laurent Fressinet hat sich die Partie angesehen:

Wenn überhaupt hätte Magnus sogar noch mehr Punkte holen können, obwohl er in den drei Partien gegen Caruana, Mamedyarov und Karjakin zeitweilig sogar schlechter stand. Zu Maurice Ashley sagte er:

In diesem Turnier hatte ich, wenn ich das so sagen darf, in der ersten Hälfte eine etwas schwierige Phase. Aber es scheint derzeit bei jedem Turnier so zu sein, dass ich vor dem Ruhetag müde bin und mich danach so richtig erholen kann. Ich habe noch nie gegen so ein Feld +5 geholt, daher bin ich sehr zufrieden! 

Alle Partie aus Zagreb könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen: 

Es läuft schon eine Weile gut…

Hier Magnus im Interview:

Anish Giri meinte, dass “seine aktuelle Form irre ist, und es sehr schwer ist, sie so lange zu behalten”, aber der Niederländer fügte hinzu, dass ein paar Theoriesiege Magnus von den Vorzügen der Eröffnungsvorbereitung überzeugt hätten“ und „er schlicht einer der Spieler ist, die am besten vorbereitet sind.“

"Ich habe mich gefragt, ob Carlsen jetzt auf die Frage nach seinem Lieblingsspieler immer noch "der Carlsen von vor drei oder vier Jahren" oder "die 2019er-Version von Magnus" sagen würde." 

Levon Aronian sah das ebenfalls als Faktor von Carlsens letzten Erfolgen an:

Er hat jetzt angefangen, die Hauptvarianten zu spielen, was er früher nicht gemacht hat, aber er hat sich sehr gut auf sein Match gegen Fabiano vorbereitet. Daher macht er etwas sehr Ungewöhnliches – er spielt von Anfang an die kritischen Varianten. Er spielt „Zentrumsschach" und das funktioniert. Heute zum Beispiel war das eine sehr direkte und sehr gute Partie. Man sieht, dass er an sich arbeitet. Das ist ein gutes Vorbild!

Caruana stimmte in das Lob ein:

Sein Turnier hier war außerordentlich gut, aber er spielt schon das ganze Jahr exzellent, und er gewinnt mit erstaunlicher Leichtigkeit. So was wie heute, wo er am Ende der Partie noch eine Stunde auf der Uhr hat, passiert normal nicht. Bei ihm passt in jeder Partiephase einfach alles.

Magnus, der weder am FIDE Grand Prix noch bei der Grand Chess Tour Paris teilnimmt, wird erst in gut einem Monat wieder in Saint Louis antreten.  

Hier die Pokalübergabe:

Falls euch dieser Pokal an etwas erinnert, seid ihr nicht allein!

 2. Wesley So ist wieder da

Wesley Sos härtester Gegner in der letzten Runde könnte Levon Aronians Hemd gewesen sein | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nachdem Wesley So letztes Jahr drei der ersten sieben Partien beim Kandidatenturnier verloren hatte, durchlief er ein längeres Tal. Seine Solidität – in den meisten Turnieren verliert er maximal eine Partie – hatte er zwar wiedererlangt, aber im Juni war er bis auf Platz 14 in der Weltrangliste abgerutscht, daher konnte man sich durchaus fragen, ob er noch einmal an seine Topform der Jahre 2016/17 herankommen würde. In Norwegen gab es schon die ersten positiven Anzeichen mit +1 beim Turnierschach, und in Zagreb folgten nun starke +3 ohne Niederlage, die an den alten So erinnerten. Dieses gute Ergebnis machte sich sowohl finanziell als auch in GCT-Punkten bemerkbar…  


Man beachte, dass Aronian, Caruana, Giri, Mamedyarov nd Anand in Abidjan nicht am Start waren.

…und brachte ihn in Top 5 der Live-Elo-Liste zurück:


Er hatte Glück, dass sein Einsteller gegen Sergey Karjakin unbestraft blieb, und auch Ian Nepomniachtchi ließ in Gewinnstellung Dauerschach zu, aber ansonsten zeigte er mit Siegen gegen Ding Liren, Mamedyarov und Nakamura eine überzeugende Leistung. Caruana gehörte zu denen, die ihn lobten:

Er hat das sehr gut gemacht. Er hat durchweg gut gespielt und war sehr konstant. Seine Gewinnpartien waren von hoher Qualität. Gegen Mamedyarov spielte er exzellent, und auch der Sieg gegen Hikaru war, von einem kleinen Stolperer in Endspiel abgesehen, sehr gut. Mit etwas mehr Glück hätte er sogar um den Turniersieg mitspielen können.

So entgegnete:

So wie Magnus in den letzten Monaten spielt, wollen wir seinen Siegeszug nicht bremsen und lassen ihn einfach alle Turniere in diesem Jahr gewinnen! Der zweite Platz fühlt sich schon wie ein Sieg an, wenn er mitspielt, denn er erinnert an den Bobby Fischer, bei dessen Turnieren in den 1960er und 1970ern es auch nur um den zweiten Platz ging.

Sos Entscheidung, in der Vorschlussrunde nicht auf Sieg zu spielen, war sportlich absolut sinnvoll, aber wenn er so weitermacht, kann er Magnus sicher herausfordern. 

3. Aronian, Caruana (und Karjakin) schlugen sich gut

Levon Aronian und Fabiano Caruana landeten auf dem geteilten dritten Platz, und beide zeigten, warum sie zu Carlsens schärfste Rivalen gezählt werden. Levon saß sogar schon einmal auf dem Thron Probe…

…und er war der einzige Spieler außer Magnus und Wesley So, der ungeschlagen blieb: “Wenn man nicht verliert, hat man meist eine gute Zeit!” Noch immer ist es schwer zu glauben, dass er seine Partie gegen Mamedyarov nicht gewinnen konnte, diejenige gegen Carlsen war aber sicher eine der herausragenden Begegnungen des ganzen Turniers. 

Fabiano Caruana erinnerte sich in der letzten Runde vermutlich daran, dass Benoni "Sorgenkind" bedeutet | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Caruana schlug Nakamura und MVL, vergab aber eine Gewinnstellung gegen Nepomniachtchi. Fabi meinte, “ich habe wirklich in jeder Partie alles gegeben, befand mich aber zu Beginn in schlechter Form“. Sein Siegeswille war eindeutig zu erkennen, als er in der letzten Runde gegen Sergey Karjakin Benoni spielte:

Ich weiß nicht, wie ich diese Partie erklären soll. Ich spielte Benoni, was die weiteren Geschehnisse vermutlich schon recht gut erklärt! Die Eröffnung lief so schlecht für mich, aber ich wollte unbedingt einen Kampf…

Die verpassten Chancen in dieser Partie passten zum ganzen Turnier von Sergey Karjakin in Zagreb:

Hätte ich in den guten Stellungen besser gespielt, hätte ich sicher deutlich mehr Punkte geholt, denn heute hatte ich fast wieder eine Gewinnstellung, stand gegen Magnus klar besser und stand gegen So einen Zug lang auf Gewinn. Zumindest eine dieser drei Partien hätte ich gewinnen müssen. Ich bin nicht zufrieden, aber gut ist, dass ich diese Jungs bisweilen überspielen kann. Wenn ich an meiner Technik arbeite, werde ich vermutlich mehr Punkte holen. 

Technik war bislang eher nicht Karjakins Problem, und wir haben ihn aufgenommen, da er trotz -1 zeigte, dass seine Elo von 2748 nicht seine tatsächliche Spielstärke widerspiegelt. Da das Kandidatenturnier naht, ist mit einem weiteren Formanstieg zu rechnen! 

Karjakin im Gespräch mit Anand, Giri und Chuchelov bei der Schlussfeier | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

4. 50% sind nicht immer gleich gut

Nepo hatte nicht nur Probleme mit seinen Haaren| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Drei Spieler landeten bei 50%, aber auf ganz unterschiedliche Weise. Ian Nepomniachtchi begann teils recht glücklich mit Siegen gegen Anand, Caruana und Mamedyarov, doch dann schlug das Universum in Form von Ding Liren und Carlsen zurück. Am Ende setzte Anish Giri den letzten Nadelstich, nachdem er und sein Helfershelfer gesehen hatte, dass Weiß in einer bestimmten Variante nur vermeintlich gut steht.

"Ich möchte mich für diese Partie bei jemandem bedanken, dem ich noch nie gedankt habe, dies aber dringend tun sollte: Meinem Helfershelfer, der immer für mich da ist, bei Tag und bei Nacht, der unter den unmenschlichsten Bedingungen für mich arbeitet und nie um etwas bittet - mein PC!"

Jan Gustafsson hat sich angeschaut, wo Nepo fehlgriff:

Anish Giris Jahr verläuft bislang sehr gemischt – sehr gut in Wijk aan Zee, miserabel in Shamkir, sehr gut in Shenzhen, miserabel beim Grand Prix in Moskau, und jetzt… “Ich habe in einem Turnier zwei völlig verschiedene Turniere gespielt!“ Das erste Turnier begann grausam mit einer üblen Niederlage gegen Magnus Carlsen, und dann folgte in Runde 5 eine Niederlage gegen Ding Liren, doch das Turnier war lang genug, um sich fangen zu können. Ein schöner Sieg gegen Shakhriyar Mamedyarov und der gegen Nepo sorgten dafür, dass Anish wieder bei 50% landete – und alle zufrieden waren!

Ding Liren - fast pausenlos am Brett | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ding Liren derweil schlug Nepo und Giri, verlor aber in Runde 1 gegen Wesley So und in Runde 8 gegen Magnus, und hätte in der Schlussrunde gegen Mamedyarov auch noch fast verloren:

In der Mitte habe ich gut gespielt, aber am Anfang und am Ende nicht. Mein Niveau hat in den letzten Partien stark nachgelassen. Ich bin sehr müde, da ich nun seit mehr als einem Monat in Europa bin und vier Turniere am Stück gespielt habe.

Ding spielte in Abidjan, beim Norway Chess und vor Zagreb einen Zweikampf gegen Navara, und auf die Frage, wie lange er nun Pause habe, meinte er, “ungefähr eine Woche”, da er dann schon in Wenzhou zu einem Match gegen Dmitry Andreikin antritt!

5. Gebt den Spielern eine Pause!

Damit kommen wir zu einem Thema, das in Zagreb immer wieder zur Sprache kam – Erschöpfung. Ding ist nicht der einzige, der einen vollen Terminkalender hat. Sergey Karjakin, der wie Nakamura, So, Giri, Mamedyarov, Aronian und MVL ab Freitag beim FIDE Grand Prix in Riga mitspielt, meinte, “In diesem Jahr machen die Topspieler überhaupt keine Pause.“

Jeder braucht ein wenig Ruhe... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Natürlich sind viele Turniere gut für alle Schachfans und die Bankkonten der Spieler, aber in einem Punkt gibt es bei der Grand Chess Tour sicher Verbesserungspotential. Bei einem so starken elfrundigen Turnier nur einen Ruhetag einzuplanen, führte dazu, dass Probleme vorprogrammiert waren. Die Hitze und die fehlende Klimaanlage stellten die Ausdauer der Spieler auf die Probe und nicht nur ihr schachliches Können. 

Der aktuelle Turnierplan beim Sinquefield Cup sieht vor, dass nach fünf Tagen ein Ruhetag eingelegt wird und danach bis zu sieben Tage am Stück gespielt wird | Quelle: Grand Chess Tour

Ein Ruhetag würde bedeuten, dass nicht nur die Spieler, sondern auch die Kommentatoren und Journalisten es leichter haben. 

6. Die Berliner Verteidigung ist wieder da

Bei einem Turnier mit vielen Comebacks feierte auch eine Eröffnung eine Art Auferstehung, nachdem sie 2000 beim WM-Kampf von Vladimir Kramnik gegen Garry Kasparov angewendet worden war und sich danach einiger Beliebtheit erfreute. In den letzten Jahren hatte aber Russisch der Berliner Verteidigung als solideste Verteidigung gegen 1.e4 den Rang abgelaufen, und Fabiano Caruana hatte sogar gezeigt, welche Konterchancen in dieser Eröffnung stecken. Und in Zagreb?

  • Russisch: 0
  • Berliner Verteidigung: 9

Nur das Abgelehnte Damengambit kam öfter aufs Brett, und die Berliner Verteidigung spielten Aronian, Karjakin, So und Nakamura…

"Jedes Mal wenn Hikaru die Berliner Verteidigung spielt, stirbt ein Einhorn. Bitte rettet die Einhörner."

Daran ist wohl Laurent schuld:

Die Partien Aronian 1-0 Karjakin und So 1-0 geben immerhin Hoffnung, dass diese Episode von kurzer Dauer sein wird! 

7. Um zu gewinnen, müssen andere verlieren

Kein Spieler erlitt in Zagreb totalen Schiffbruch, aber die restlichen vier Spieler wollen sicher schnell einen Haken unter dieses Turnier machen. Maxime Vachier-Lagraves blieb bei -2 hängen, wobei er mit Vishy Anand in guter Gesellschaft war. Hikaru Nakamura, der letztes Jahr die Grand Chess Tour gewinnen konnte, landete ohne Sieg bei -3.

Weder Nakamura noch Anand waren in Zagreb in Bestform |Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Shakhriyar Mamedyarov derweil wandelte in der Eröffnung mehrmals am Abgrund und konnte mit seinen -3 nach 8 Runden sogar halbwegs zufrieden sein. Wie Giri erholte er sich aber, schlug Anand und hätte gegen Ding Liren in der Schlussrunde fast noch nachgelegt. Noch ist es zu früh für ein Urteil, aber er könnte auf dem Weg zu alter Stärke sein.

Ein Gruppenfoto zum Abschluss | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Soviel zur Grand Chess Tour in Zagreb. Als Nächstes steht ab Freitag der FIDE Grand Prix in Riga an und ab Samstag folgt der nächste Höhepunkt in Dortmund (mit Nepomniachtchi, Dominguez, Radjabov, Wojtaszek, Rapport…)! Alle Turniere könnt ihr live auf chess24 verfolgen. 

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