Berichte 20.11.2018 | 13:32von Colin McGourty

Carlsen-Caruana, R8: Caruana vergibt eine weitere Chance

Fabiano Caruana hat die bisher beste Chance verpasst, beim WM-Match in London in Führung zu gehen. Der Amerikaner kam mit Vorteil aus der Eröffnung, wurde dann aber zögerlich und spielte in der kritischen Stellung nicht ambitioniert genug. Die Stellung des Weltmeisters stand kurz vor dem Kollaps, doch als er die Chance bekam, die Partie herumzureißen, griff er energisch zu und sprach hinterher davon, „zufrieden zu sein, dass er die Partie gerettet hat“. Vier Partien vor Schluss steht es damit immer noch unentschieden.

Magnus und Fabiano haben eine andere Herangehensweise | Foto: Niki Riga

Alle acht Partien in London endeten bislang remis, aber über mangelnde Spannung kann man sich wie in Partie 8 nicht beschweren. Hier könnt ihr alle Duelle noch einmal mit Computeranalyse nachspielen:

Noch besser ist es natürlich, sich das gesamte Geschehen noch einmal mit den Live-Kommentaren von Peter Svidler, Sopiko Guramishvili und Alexander Grischuk zu Gemüte zu führen:

Den deutschsprachigen Live-Kommentar mit Melanie und Nikolas Lubbe gibt es hier:


Eine ausführliche Analyse der Partie von Peter Svidler (auf Englisch) gibt es hier:

Und hier die deutschsprachige Analyse von Melanie und Nikolas Lubbe:


1. Caruana gewinnt den Eröffnungskampf

Dieses Mal eröffnete Caruana mit 1.e4, und bekam dabei Unterstützung von Demis Hassabis, dem Geschäftsführer von DeepMind und Entwickler von AlphaZero:

„Es war eine große Ehre für mich, den ersten Zug der achten Wettkampfpartie der Schach-WM auszuführen. Die spürbare Intensität und Konzentration im Raum werden mir unvergesslich bleiben – eine großartige Erfahrung!“

Magnus spielte erneut Sizilianisch, aber nach drei Rossolimos mit 1…c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 in Folge entschied sich Fabiano Caruana dieses Mal mit 3.d4 für einen Offenen Sizilianer:

Nach 3…cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 war die Sveshnikov-Variante auf dem Brett, und nach 6.Sdb5 d6 vermied Caruana mit dem zweithäufigsten Zug 7.Sd5 die Hauptvarianten nach 7.Lg5:

„7.Sd5 ist im Vergleich zur Hauptvariante, auf die sich Carlsen ewig lang vor dem Match vorbereitet haben muss, ein recht schmales Feld. Eine kluge Wahl.“

Anish Giri wies auch darauf hin, dass die hochrangigste Partie mit 7…Sxd5 8.exd5 jüngst von einem ehemaligen Weltmeister gespielt wurde:

„Allein aus Respekt vor Vladimir Kramnik, der bei der Schacholympiade so gespielt hat, sollte sich Magnus diese Variante genauer angeschaut haben.“

Magnus spielte jedoch 8…Sb8 statt 8…Se7, und danach ging es recht schnell bis zu dem bescheidenen 12.Ld2 (statt des natürlich aussehenden 12.Le3, womit der Bauer a7 angegriffen wird) weiter:


In dieser Nebenvariante wurde nur eine Handvoll Partien gespielt, darunter zwei von Grigoriy Oparin gegen Boris Gelfand beim Nussknackerturnier 2017. Magnus dachte neun Minuten für 12…f5 nach, während 13.a5 dieses Jahr nur von chess24-Autor Niclas Huschenbeth gespielt wurde.

Niclas’ Gegner spielte 13…Sf6, während Carlsen 13…a6 aufs Brett brachte, aber Niclas bezeichnete diese Zugfolge als die beste: 14.Sa3 e4 15.Sc4 Se5 16.Sb6 Tb8 17.f4 exf3 18.Lxf3:

„Ein befriedigendes Gefühl, dass die aktuelle Stellung meiner Hauptvariante im Sveshnikov entspricht. Definitiv keine schöne Stellung, wenn man nicht vorbereitet ist, bisher kam sie nur einmal im Fernschach vor und Weiß gewann.“

Niclas muss nicht zu selbstkritisch sein, weil er Carlsens Zug nicht auf dem Schirm hatte, denn obwohl 18…g5?! den Schachfans sicher viel Spaß machte…

… musste Svidler hinterher einräumen, dass der Zug vermutlich verliert. Was war geschehen? Angesichts des recht hohen Tempos der letzten Züge ist es recht plausibel, dass Magnus bei seiner Vorbereitung durcheinanderkam:

„Risikolos wäre alles andere als eine präzise Beschreibung des heutigen Geschehens. Sieht so aus, als wäre er mit g7-g5 All-In gegangen. Entweder wird es Matt oder eine vernichtende Niederlage.

Anish Giri: Ich glaube nicht, dass er heute viel riskiert. Er hat einfach nur seine Haupteröffnung gespielt und einige Ideen durcheinandergebracht, wie uns das allen gelegentlich passiert. Menschen eben.“

Carlsen meinte später auf die Frage, ob er mit seinen Sekundanten zufrieden sei:

Mein Team arbeitet wie verrückt, und ich bin sehr zufrieden mit ihm. Es liegt an mir, es besser zu machen.


2. Caruana goldene Gelegenheit

Als Caruana nur fünf Minuten überlegte, ehe er 19.c4 spielte, musste Magnus das Schlimmste befürchten. Grischuks Kommentar:

Magnus mag definitive keine Stellungen, in denen seine Königsstellung geschwächt ist und die rein taktisch sind. Eine solche Stellung könnte sogar dazu führen, dass er kein Sveshnikov mehr spielt … Vermutlich hasst er sie.

Wieder ein harter Arbeitstag für Magnus | Foto: Niki Riga

Das Problem war, dass kein einfaches Entrinnen mehr gab. Der Weltmeister meinte hinterher:

Natürlich hielt ich meine Stellung für gefährdet, und auch zeitlich sah es nicht gerade gut aus, aber ich habe keine gute Abweichung gesehen. Das war das Hauptproblem, daher musste ich mich auf die scharfe Variante einlassen und auf das Beste hoffen.

Die Partie ging weiter mit 19…f4 20.Lc3! Lf5 (20…Dc7!? scheint die erste Wahl des Computers zu sein, obwohl der Vormarsch des c-Bauern damit wohl nur verzögert wird):


Magnus verbrauchte 21 Minuten für diesen Zug und hatte sich bereits den kommenden Ereignissen gefügt. Alexander Grischuk hatte in der letzten Partie eine komplizierte Formel aufgestellt, wie wahrscheinlich ein bestimmter Zug angesichts der Bedenkzeit eines Spielers ist, aber auf die Frage, wie wahrscheinlich 21.c5! von Caruana sei, meinte er:

Weniger als 5 Minuten Bedenkzeit - c5, 5-20 Minuten - c5, mehr als 20 Minuten - c5. Das ist eine ganz andere Stellung!

Fabiano bestätigte das hinterher, obwohl er 34 Minuten nachdachte:

Außer c5 habe ich tatsächlich keinen anderen Zug erwogen, wollte aber nachdenken, bevor ich ihn ziehe.


Caruana bleibt bisher in London eiskalt, aber der entscheidende Schlag ist ihm noch nicht geglückt | Foto: Niki Riga

Die Partie jedenfalls befand sich nun auf dem Siedepunkt, und während normale Computer leichten Vorteil für Weiß anzeigten, kamen stärkere Maschinen zu der Erkenntnis, dass die Partie nach c5 bereits fast vorbei ist: 

Schließlich kam der Zug dann endlich aufs Brett:

Die erste Alternativentscheidung kam nach 21…Sxf3+ 22.Qxf3 dxc5:


Caruana spielte schnell 23.Tad1, und da auch Carlsen diesen Zug als Hauptvariante angesehen hatte, kann man ihn schwer kritisieren. Objektiv war aber 23.Tae1 “eine Art mathematischer Gewinnzug”, wie Svidler in seiner Analyse feststellte, denn die Pointe ist, dass Weiß nach 23…Lf6 das starke 24.h4!! hat und 24…h6 mit 25.g4! beantworten kann.

Svidler fügte aber hinzu, “Den nächsten Zug kann und muss ich kritisieren”. In der kritischen Stellung der Partie folgte 23…Ld6, worauf Caruanas 23.h3?!, was 23…g4 verhindert, ein völlig unverständlicher Zug ist (nach 23.Sc4! meinte Magnus, “sollte 23…g4 funktionieren”, aber die Computer bestreiten das). Vielmehr macht der Zug in einer dynamischen Stellung einen ängstlichen Eindruck – nicht das Holz, aus dem Weltmeister in der Regel geschnitzt sind.


Womöglich ist dieses Urteil ungerecht, da der Zug ohne die konkrete Widerlegung 24…De8!. stark gewesen wäre. Die war allerdings durchaus zu sehen, denn Carlsen brauchte dafür keine zwei Minuten

Der beste Zug in der Stellung war 24.Dh5!, wonach Weiß in allen Varianten Vorteil hat. Die Spieler unterhielten sich nach der Partie darüber:

Carlsen: Ich machte mir wegen 24.Dh5 Sorgen. Vermutlich muss ich 24…Lg6 25.Dh6 Tf7 26.Sc4 Lf8 und 27.Dh3 spielen, und ich weiß nicht, was los ist. Schwer zu bewerten, aber es sah für mich so aus, als hätte hier nur Weiß Freude.

Caruana: Vielleicht hätte ich 24.Dh5 Lg6 25.Dh6 spielen sollen, das war vermutlich besser. Ich habe Variante aber nicht zum Laufen bekommen und außerdem habe ich 24…De8 unterschätzt.

Carlsen: Nach 24.h3 war ich auf jeden Fall erleichtert, da ich wusste, dass 24…De8 gut ist und ich die Partie vermutlich retten kann.


Das achte Remis

Es war bemerkenswert, wie schnell die Partie nach dieser verpassten Gelegenheit verflachte, wie auch unser Experte nach 25.Sc4 Dg6! 26.Sxd6 Dxd6 27.h4 feststellte:

„Ich denke, dass ich die Autorität habe, zu sagen, wie diese Stellung einzuschätzen ist. Remis.“

Recht bald war klar, dass die Stellung zu nichts mehr führte, wobei 29…h5! das Kommentatorenteam überzeugte:


Der Läufer bekommt einen Vorposten auf g4, und Schwarz kann nichts mehr passieren. Die Partie endete nach 38.Tg5:

“Grischuk applaudiert, als die achte Partie remis endet!
Svidler: "Eine verpasste Chance von Fabiano, und die erste Partie, in der Weiß etwas hatte.”

Keine Wiederholung also von New York, wo der Herausforderer die achte Partie gewonnen hatte:


Pressekonferenz nach der Partie | Foto: Niki Riga

Stattdessen stehen noch vier Partien aus, in denen jeder zweimal Weiß hat. Schwer zu sagen, wer im Moment die besseren Karten hat. Caruana hat in den letzten drei Partien zwei gute Chancen verpasst, während Carlsen sich jeweils retten konnte.

Nach der Partie sprach der Weltmeister über seine Gefühle:

Natürlich bin ich ein wenig erleichtert, da diese Partie hat war und mein Gegner die Chancen auf seiner Seite hatte. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nicht verloren habe.

Caruana wurde gefragt, ob er sich wie nach einem verschossenen Elfmeter fühle:

Ich glaube nicht, dass die Stellung viel damit zu tun hat. Natürlich hatte ich die besseren Chancen, aber das führt nicht immer zum Ziel. Und nur weil man ein bisschen Druck auf Magnus ausübt, heißt das noch lange nicht, dass er darunter zusammenbricht.

Schaut er sich die Partie noch einmal an, wird er aber zumindest bereuen, dass er Carlsen nicht wenigstens dazu gezwungen hat, um den halben Punkt zu kämpfen.

Allmählich kommt ein Stichkampf in Sichtweite, in dem Carlsen als großer Favorit gelten sollte, doch Peter Svidler glaubt nicht daran, dass der Weltmeister aktiv darauf aus ist:

Magnus ist so stolz darauf, dass er besser als jeder andere ist, dass er nicht einmal unbewusst ein 6:6 anstrebt. Er weiß, dass das okay für ihn wäre, aber das ist nicht sein Plan. 

Am Mittwoch wird Anish Giri an der Seite von Peter Svidler in unserem Hamburger Studio kommentieren, und Alexander Grischuk wird sich wieder telefonisch zuschalten.

Davor tritt  Peter Svidler aber am Ruhetag um 16 Uhr zum Banter Blitz an. Ihr habt die Chance, ihn herauszufordern!


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