Berichte 19.11.2018 | 10:58von Colin McGourty

Carlsen-Caruana, R7: Magnus spielt “viel zu weich”

Wie vor zwei Jahren in New York hat Magnus Carlsen die ersten sieben Partien des WM-Kampfs remisiert, wobei sein jetziger Herausforderer Fabiano Caruana jeden Tag ein Stück selbstsicherer wirkt. In der 7.Partie kam wie in Partie 2 das Abgelehnte Damengambit aufs Brett, dabei wich Carlsen im 10.Zug als Erster ab, wurde aber direkt mit einer überraschenden Antwort konfrontiert. Alexander Grischuk sprach von einer “kindischen Vorbereitung”, einen kleinen Vorteil erhielt der Weltmeister aber trotzdem. Letztlich führte er aber zu nichts, und hinterher räumte Carlsen ein, dass sein Spiel „viel zu weich“ gewesen sei.

Leider verlief die 7.Partie nicht so dramatisch wie erhofft...

Wenn Ihr alles über die siebte Matchpartie der Schach-WM in London erfahren wollt, solltet ihr euch Peter Svidlers Analyse nicht entgehen lassen:

Auf Deutsch haben Dmitrij Kollars und Nikolas Lubbe die Partie ausführlich kommentiert:


Alle bisherigen Partien der WM könnt ihr hier nachspielen:

Die ersten drei Weißpartien hatte Magnus Carlsen mit 1.d4, 1.c4 und 1.e4 eröffnet, und natürlich fragten sich alle Beobachter, was er für die siebte Partie vorbereitet hatte. Zum zweiten Mal kam 1.d4 und in der Folge das recht ruhige Abgelehnte Damengambit aufs Brett.

Nach der Überraschung in der zweiten Partie verzichtete der Weltmeister dieses Mal auf 10.Td1 und wich mit 10.Sd2 ab:


Überrascht wurde er dennoch, denn fast unmittelbar danach beorderte Caruana seine Dame wieder mit 10…Dd8 dahin zurück, wo sie gerade hergekommen war. Carlsen dachte nun neun Minuten nach und meinte hinterher in der Pressekonferenz: „Ich wusste, dass der Zug existiert, habe ihn aber nicht erwartet.“

“Fabiano zeigt seine Klauen.”

Anish Giri gehörte zu den Beobachtern, die ein sofortiges “stilles Remisangebot” durch Stellungswiederholung erkannten:

“11.Sf3 sieht verlockend aus!?”

Natürlich hatte Carlsen andere Pläne, aber Alexander Grischuk zeigte sich einmal mehr verwirrt von der weltmeisterlichen Eröffnungsvorbereitung:

Den deutschen Live-Stream könnt ihr hier noch einmal anschauen:


Grischuks Tirade hatte durchaus eine pädagogische Note:

Wir sehen die nächste kindische Vorbereitung von Magnus. Bei der Vorbereitung geht es darum, tief zu graben. Wenn man ein großes Loch gräbt, ist es oben sehr breit und je tiefer man kommt, desto schmaler wird es, aber diese Vorbereitung ist eher so, dass man einen Lichtschein erkennt, der immer breiter wird, je tiefer man gräbt. Jedes Mal hat er als Weißer schon im ersten oder zweiten Zug etwas übersehen. Am wichtigsten ist, schon am Anfang alle Möglichkeiten zu überprüfen, und je tiefer man vordringt, desto unwichtiger wird es. Viele machen diesen Fehler – sie fangen zu spät an zu analysieren. Man sollte ganz am Anfang beginnen. Mir scheint, dass 10…Dd8 ihn bereits überrascht hat.

Natürlich kommt so etwas vor. Grischuk erzählte dazu eine Geschichte von seiner 3.Partie beim Kandidatenturnier in Kazan:  

Grischuk: Erinnerst du dich an das Kandidatenturnier 2011, wo ich im Finale gegen Gelfand spielte und ich sagte, “du musst nicht tief analysieren, aber schau dir bitte bei jedem Zug c5, e5 und b5 an”.

Svidler: Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, glaube es dir aber. Jedenfalls habe ich mir c5 und e5 im Kopf behalten, aber b5 nicht.

Grischuk: Und natürlich spielte er dann im zweiten Zug unserer Analyse b5, wonach Weiß bereits um Ausgleich kämpft!

Svidler: Ich bin berühmt dafür, ein perfekter Sekundant zu sein! Niemand hat sich je beschwert. Hört nicht auf ihn. Alle sollten mich sofort engagieren. Ich bin sehr offen für Angebote.

Gelfands 9...b5!! überraschte Grischuk sehr und die Partie endete damals nach 14 Zügen remis.

Bezogen auf 2018 zog Grischuk diesen Schluss:

Das Niveau ist sehr hoch, und es gibt sehr wenige Fehler, und das Vorbereitungsniveau mit Schwarz ist sehr hoch. Trotzdem kann ich nicht glauben, dass man mit Weiß nicht einmal eine Idee finden kann!

"Ein weiterer Fall einer schlecht gespielten Weißpartie" war Carlsens Kommentar | Foto: Niki Riga  

Zur Verteidigung Carlsens kann zumindest angeführt warden, dass 10…Dd8 ein sehr seltener Zug in dieser Stellung ist. In seiner Analyse folgerte Peter Svidler, dass 11.Sb3 mit der Neuerung 11…Lb6 zu beantworten aus Sicht des Schwarzen stark ist.

Dabei musste man sicherstellen, dass die Varianten mit 12.Td1 und 12.0-0-0 nicht gefährlich sind:

Das ist vermutlich eine sehr gute Idee des Team Caruana. Offenbar ist sie nicht nur für eine Partie gut, sondern scheint ein sehr guter Ansatz in einer sehr alten Variante zu sein.

Magnus machte sich jedoch nicht zu viele Sorgen, da er nicht vom Brett gefegt wurde:

So unangenehm war die Überraschung nicht, da Weiß einige sichere Optionen hat und vielleicht sogar auf Vorteil spielen kann. Mein Ansatz aber war viel zu weich. Dann hatte ich eine Chance für aktives Spiel, konnte aber nicht recht daran glauben.

Diese Chance kam nach 12.Se2 De7 13.Lg5 dxc4 14.Sd2 Se5:


Hier spielte Carlsen 15.0-0 und bemerkte, “Mit der Rochade räumte ich quasi ein, dass die Stellung ausgeglichen ist”. Seine andere Idee war 15.Sce4!?, was auch Caruana berücksichtigte, als er eine halbe Stunde über 13…dxc4 nachdachte. Der Herausforderer hatte das spektakuläre 15…Ld7 16.Dc3 Sxe4 17.Sxe4 f6 18.Dxe5! gesehen, wonach Weiß zumindest zeitweilig eine Figur mehr hat:


In seiner Analyse stellt Svidler fest, dass der Computer kühl 18…Lc6! spielt, während Caruana 18…fxg5 19.Lxc4 Tac8 20.Lb3 h6 21.0-0 vorbereitet hatte und dazu meinte: “Wir landen in dieser ziemlich ungewöhnlichen Stellung, aber wenn Weiß sich konsolidieren kann, könnte das ein wenig unangenehm für mich werden.“


Wenn man sieht, wie tief Caruana in die Stellung eingedrungen ist, hat Magnus wahrscheinlich nicht bereut, “dass er sich nicht dazu durchringen konnte.”

Caruana: "Natürlich ist Druck da, aber ich glaube, ich habe mich jetzt darauf eingestellt. Am Anfang war es noch ein wenig ungewohnt und mein Spiel litt ein wenig darunter" | Foto: Niki Riga

In den nächsten zehn Zügen wurden viele Figuren abgetauscht, und alles sah nach einem schnellen Remis aus, doch lauern gegen den Weltmeister in solchen Stellungen immer Gefahren. Nach 24.Sxc3 waren unsere Kommentatoren der Meinung, dass Caruana die Partie leicht zum Abschluss bringen konnte:


24…Lb5!, mit der Idee, den weißfeldrigen Läufer gegen den Springer und den anderen Läufer gegen den weißen Läufer zu tauschen, hätte zu einer symmetrischen Stellung geführt, in der der schwarze Springer dem weißen Läufer überlegen gewesen wäre. Stattdessen spielte Caruana aber schnell 24…Lxg3!? 25.hxg3 Dd7!?     

Svidler: "Die einzige Gefahr besteht hier darin, dass Caruana meint, die Partie wäre vorbei und er müsste nur noch fünf Züge Machen, während Carlsen gerade erst anfängt nachzudenken. Dabei kann man die Konzentration verlieren.”

Später kam die Bestätigung, dass Caruana sorglos war…

Kurz vor dem Ende spielte ich etwas sorglos und geriet unerwartet ein wenig unter Druck, doch im Grunde war die Stellung immer remis.  

…während Carlsen Hoffnung schöpfte:

Ich habe gehofft, dass ich ihn im Endspiel mit Springer gegen Läufer überspielen kann, aber letztlich war nichts los.

Das entstandene Endspiel sah aber unbequem für Schwarz aus:


Laut Computer steht Schwarz aber gut, und beginnend mit 33…f6 spielte der Herausforderer bis zum Remisschluss nach 40 Zügen mit der Präzision eines Computers:

Damit hat Carlsen aus den beiden Weißpartien in Folge nichts herausgeholt.


Angesichts des Verlaufs von Partie 6 war er unter dem Strich aber nicht allzu enttäuscht:

Nach der letzten Partie hatte ich das Gefühl, mit dem Schrecken davon gekommen zu sein, daher stört mich das heutige Remis weniger. Ich bin nicht begeistert, aber ich bin auch nicht in Panik. Es hätte schlimmer kommen können, und das Match ist immer noch ausgeglichen, und mit Schwarz läuft es gut. Über mein Spiel von heute bin ich nicht begeistert, aber das Leben geht weiter. 

Magnus hat sicher im Hinterkopf, dass er in einem Stichkampf mit Schnell- und Blitzpartien klarer Favorit ist. Dahin muss man aber erst kommen, und in der 8.Partie von New York konnte Sergey Karjakin den ersten Sieg erringen. Er hatte allerdings Schwarz, während Caruana am Montag Weiß hat:

“Spaß beiseite, gutes Ergebnis für Fabi, der zwei potentiell harte Schwarzpartien gut hinter sich gebracht hat. Jetzt stellt sich die Frage, ob es im Rossolimo etwas Neues gibt.“

Hoffen wir auf ein etwas lebhafteres Duell!

Erneut werden Peter Svidler, Alexander Grischuk und Sopiko Guramishvili auf Englisch live auf chess24 ab 16:00 Uhr CET. für euch kommentieren. Und natürlich haben wir auch einen deutschsprachigen Kommentar für euch im Angebot:

Weitere Links:


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