Berichte 13.11.2018 | 12:12von Colin McGourty

Carlsen-Caruana, R3: Caruana vergibt Eröffnungsvorteil

Bei der Schach-WM in London endeten bisher alle drei Partien remis, und jedes Mal war am Ende der Schwarze am Drücker, konnte aber nicht gewinnen. In Partie 3 hatten beide Spieler gute Gründe sich zu ärgern, wobei Magnus Carlsens die Frage, ob er mit dem Verlauf der Eröffnung zufrieden gewesen sei, mit einem lapidaren „Nein“ beantwortete. Derweil hatte Caruana nach den ersten Zügen klaren Vorteil, warf diesen aber mit einem unbedachten Zug weg. Danach musste er noch ein wenig leiden, aber nicht allzu sehr. In der Pressekonferenz meinte er hinterher, dass „Magnus mich noch ein bisschen mehr hätte ärgern können“.

Diese Partie ließ beide Spieler mit einigen offenen Fragen zurück | Foto: Niki Riga

Ein Viertel der Schach-WM 2018 liegt bereits hinter uns, und bisher floss noch kein Blut. Alle Partien könnt ihr hier nachspielen:

Auch in der dritten Partie durften sich die Schachfans wieder über die brillanten Kommentare von Peter Svidler (der nun bis zum Ende dabei ist), Sopiko Guramishvili und Alexander Grischuk freuen:

Auf Deutsch kommentierten auch gestern in gewohnter Manier Melanie und Nikolas Lubbe:


Wie in der ersten Partie entschied sich Carlsen auch gestern für Sizilianisch, und Caruana wählte dagegen erneut die Rossolimo-Variante mit 3.Lb5 und verzichtete somit auf die schärferen Varianten, die nach 3.d4 entstehen. In der ersten Partie hatte er das Eröffnungsduell verloren, aber dieses Mal brachte er im 6.Zug eine neue Idee aufs Brett, indem er statt 6.h3 das deutlich seltenere 6.0-0 spielte. Nach weniger als zwei Minuten entgegnete Carlsen dem weißen Aufbau mit 6…Dc7:

„Svidler über Magnus' 6...Dc7: "ein untypischer Wartezug". Er wurde noch nie von einem Topspieler gespielt...“

“Fabiano Caruana nach dem leicht obskuren 6...Qc7. Viel Spaß beim Interpretieren seines Gesichtsausdrucks.“

Caruana meinte hinterher, dass beide Spieler schon früh auf sich allein gestellt waren und dass seine Antwort 7.Te1 „für ihn logisch aussah”. Für diesen Zug verbrauchte er aber nur vier Minuten, was Svidler den Eindruck vermittelte, dass der Damenzug Caruana nicht vollkommen unvorbereitet erwischt hatte. Svidler dachte außerdem, dass Caruanas Team in den Fußstapfen von Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik wandle:

Er würde mich vermutlich verspotten, wenn er mich hören könnte, aber ich zähle zumindest geistig zur Kramnik'schen Analyseschule, die so vorgeht: „Man bestimmt die Ausgangsstellung der Analyse und ab da notiert man alle Züge, die gewissen Sinn ergeben, und analysiert sie zumindest ein bisschen.“ 

Svidler arbeitete 2004 intensiv mit Kramnik während dessen Match gegen Peter Leko zusammen, war aber auch beim 2000er-Match in London aktiv beteiligt:

Ich bin zu 1 Prozent für die aktuell katastrophale Lage im Weltschach verantwortlich, da ich vor dem Match Kramnik-Kasparov eine Notiz an Kramnik geschrieben habe: “Die Berliner Verteidigung ist durchaus spielbar!”

Aus verschiedenen Gründen waren Kramnik und die Berliner Verteidigung für die Partie relevant, doch Carlsen spielte schnell und bot ohne Zögern mit 9…0-0 ein Bauernopfer an: 


"Nach Caruanas 9.b4 denkt Carlsen etwa 30 Sekunden nach und spielt dann 9...0-0. Seine gesamte Körpersprache lässt vermuten, dass er zum Einmarsch nach Italien bereit ist."

Grischuk war der Meinung, dass man die Herausforderung durchaus annehmen und den Bauern schlagen konnte, doch nach 10.Sbd2 hatte Caruana auch alles unter Kontrolle, während Carlsen mit 10…Bg4!? und der Aufgabe des Läuferpaars eine keineswegs offensichtliche Fortsetzung vorbereitete.

Fabiano Caruana war zu Beginn der Partie im Vorteil | Foto: Niki Riga

Als 13…a5 aufs Brett kam, war Grischuk der Meinung, Schwarz habe seine Stellung misshandelt:

Grischuk: "Schwarz hat nun eine schlechte Version der Anti-Berlin-Variante auf dem Brett! Die Frage ist, wie groß der weiße Vorteil ist.”

An dieser Stelle aber kam Caruana vom rechten Weg ab. Nach 14.bxa5 Txa5...


...spielte er überstürzt 15.Ld2?!, und nach 15…Taa8! behielt Schwarz die Kontrolle über die a-Linie. Nach 15.Txa5! Dxa5 16.Ld2! Dc7 17.Da1! hätte Weiß dagegen sehr komfortablen Vorteil gehabt.

All das war beiden Spielern während der Partie klar, wobei Carlsens Antwort auf die Frage, ob er nach der Eröffnung zufrieden war, sehr einsilbig ausfiel:

"Daniel King: Magnus, warst du mit dem Eröffnungsverlauf zufrieden?

Magnus: Nein."

Er führte weiter aus:

Nach Da1 hat Schwarz nicht einmal annähernd Ausgleich. Vielleicht ist die Stellung gar nicht so schlecht, da Schwarz recht solide steht, aber ich werde sicher nicht in nächster Zeit Ausgleich erzielen. Es gab überhaupt keinen Grund zur Zufriedenheit. Ich rechnete mit einem langen Arbeitstag, war dann aber erleichtert.

Caruana meinte zum norwegischen Fernsehen VG.TV, dass, “er ein wenig enttäuscht war – Ich habe nicht gut gespielt”. Zu 15.Ld2 meinte er, “Ich habe diesen Zug sofort bereut”:

Grischuk meinte:

Das Problem bei solchen Ungenauigkeiten ist nicht die Ungenauigkeit an sich, sondern dass sie ein Anzeichen ist, dass vermutlich weitere Ungenauigkeiten, Fehler oder Einsteller folgen.

In gewissem Ausmaß stimmte das, denn Caruana landete im weiteren Verlauf in einer Situation, in die man gegen Carlsen nicht geraten will: in einem leicht schlechteren Endspiel. Grischuk war überrascht, da Caruana solche Anti-Berlin-Strukturen normal sehr gut behandle, während Kramnik bei einer anderen Live-Übertragung diese Überraschung ebenfalls zum Ausdruck brachte. Kramnik schätzte die Chancen der Spieler so ein:

Meiner Meinung gibt es zwei Varianten, denn Fabianos Spiel hängt viel mehr als das von Magnus von der Form ab. Sein Niveau unterscheidet sich sehr stark, wenn er in Form bzw. nicht in Form ist. Ist er nicht in guter Form, hat er aus meiner Sicht wenig Chancen, weil Magnus schon mit guter Form schwer zu schlagen ist! Ist man nicht in Bestform, ist ein Sieg praktisch unmöglich. Aber wenn er in Bestform ist, hat er eine echte Chance. Mit einem Lauf ist er extrem stark. Läuft es, rechnet er extrem gut – was das betrifft, ist er vielleicht der Beste überhaupt. Bekommt er seine Stellungen, schöpft Selbstvertrauen und ist in guter Form, ist er für mich sogar leichter Favorit, aber viel hängt von seiner Form ab, die bisher keinen optimalen Eindruck hinterlässt.

Das norwegische Fernsehen sorgte dann für ein wenig zusätzliche Spannung... 

„Im Film sieht es so aus, als hätte Carlsen eine Figur berührt, ohne "j'adoube" zu sagen.“

Magnus meinte hinterher aber einfach, “Ich habe j’adoube gesagt”, und fügte hinzu:

Ich verstehe das Bedürfnis nach Geschichten, aber es sind zwei Schiedsrichter im Spielsaal, die für etwaige Vorfälle zuständig sind und sich das Video anschauen können… 

Derweil hatte Caruana eine unbequeme Stellung:

Svidler: Dies ist eine dieser merkwürdigen Situationen, in denen nichts droht, aber einem die eigene Stellung nicht gefällt und man gern einen Plan hätte.

Grischuk: Das P-Wort. Ich glaube, Gustafsson lässt die Verwendung des Wortes Plan im Zusammenhang mit Schach nicht zu. Ich bin vollkommen seiner Meinung! Es gibt keine Pläne. Es existieren zwar einige Ideen, und wenn man diese in einer Partie zusammenbringt, kann man hinterher von einem “Plan” sprechen, aber nicht im Voraus. Das ist wie die Frage: „Was ist dein Lebensplan?“ Man sie nicht beantworten, bevor das eigene Leben sich tatsächlich abspielt.

Svidler: Das nenne ich tiefgründig …

Zum Glück für Caruana hatte sein Gegner nach 37.Kd1 auch keinen Plan:


Der Weltmeister spielte 37…fxe4?! 38.dxe4 c4 39.Sd2 Sc5, und gab später zu:

Ich wollte ihn im 40.Zug vor die Wahl stellen, ob er auf c5 nehmen soll oder nicht. Das war mein Gedanke, doch ich vermute, dass keinen echten Grund gab, eine Krise in dieser Stellung zu provozieren.

Caruana hatte noch fünf Minuten auf der Uhr und sah, dass er 40.Lxc5! spielen konnte. Danach hatte er keine Probleme, das Remis zu sichern und konnte zu diesem Zweck sogar seinen Springer opfern. In der Schlussstellung hatte Schwarz den falschen Läufer, um seinen h-Bauern umwandeln zu können.

„Die dritte Partie endet remis, nachdem Caruana nach der Eröffnung besser stand und am Ende die schlechtere Stellung hatte.“ ‌

In bestimmter Weise hatte Carlsen damit seinen Gegner entwischen lassen, doch zumindest geriet er vor der nächsten Weißpartie nicht in Nachteil:

Grischuk: Es wäre witzig, wenn die erste Matchhälfte so weiterginge. Magnus ist mit Schwarz am Drücker, spielt dann aber fast grundlos weiter, wird müde und kann mit Weiß nichts machen.

Svidler: Das wäre ein interessanter Kreislauf der Gewaltlosigkeit.

So viel zum Thema Eröffnungsvorteil...

Der Versuch, mit Weiß auf Gewinn zu spielen, brachte Caruana wieder nichts ein, und  Grischuk meinte dazu:

Grischuk: Noch ein paar Partien wie diese, und er übernimmt Karjakins Strategie, mit beiden Farben auf Remis zu spielen.  

Sopiko: Hätte er keine Angst vor einem Stichkampf?

Grischuk: Ok, in der Regel bevorzugen die Leute einen langsamen Tod!

Svidler: Ich weiß nicht, ob das stimmt.

Grischuk: Es stimmt. Schau dir diese Filme an, in denen die Leute “bitte töte mich nicht“ sagen. Sie wissen zwar, dass sie ohnehin umgebracht werden, doch wenn sie erwischt werden, rufen sie dennoch “bitte töte mich nicht“, “bitte töte mich nicht“!

Ungeachtet solcher Diskussionen, hat Carlsen nun in den nächsten vier Partien dreimal Weiß:

Schon am Dienstag könnt ihr auf chess24 die vierte Partie mit Peter Svidler, Sopiko Guramishvili und Alexander Grischuk (auf Englisch) oder Melanie und Nikolas Lubbe als deutschsprachigen Kommentatoren verfolgen!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 1

Guest
Guest 12670126895
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options