Berichte 25.11.2018 | 16:34von Colin McGourty

Carlsen-Caruana, R11: Harte Fakten

„Er ist sehr gut vorbereitet, und ich habe mit Weiß nicht viel herausgeholt – das sind die harten Fakten“, meinte Magnus Carlsen nach einem Remis, bei dem er keinerlei Druck auf Fabiano Caruana entfachen konnte. Der Weltmeister ließ Russisch mit Sd7-f6 zu, war danach aber entweder überrascht oder zu zögerlich, um seinen Gegner in den schärfsten Varianten herauszufordern. Stattdessen wählte er die sichere Variante, und darf nun in der 12. und letzten Partie mit Schwarz nicht verlieren.

Der Moment, in dem man sich herumdreht und ein ehemaliger Herausforderer den Raum betritt | Foto: Niki Riga

Hier der englische Live-Kommentar mit Anish Giri, Peter Svidler und Alexander Grischuk:

Und hier der deutschsprachige Live-Stream mit Melanie und Nikolas Lubbe:

Evgeny Tomashevsky bezeichnete die zehnte Partie als eine der besten Partien in der WM-Geschichte und vermutete, dass „Magnus heute etwas mehr riskieren würde“, damit er nicht bei Gleichstand in der letzten Partie mit Schwarz antreten musste. Selbst wenn dies seine Absicht war, konnte man das auf dem Brett nicht erkennen.

Hier die Analyse von Peter Svidler in englischer Sprache:

Und hier die Analyse der 11. Partie von Melanie und Nikolas Lubbe:


Und wenn ihr es noch nicht getan habt, empfehlen wir euch dringend, euch anzusehen, was AlphaZero bisher von diesem Match hält.

Der erste Zug sorgte in mehrfacher Hinsicht für eine Überraschung:

„Ich wollte die Sache mit 1.b4 ein wenig anheizen, aber Magnus Carlsen war heute ein Langweiler.“

„Ein Russe spielt für einen Norweger gegen einen Amerikaner Polnisch.“

Sergey Karjakin hat denselben Sponsor wie die Veranstaltung (PhosAgro), aber dass der letzte Herausforderer den ersten Zug ausführte sorgte dann doch für Stirnrunzeln. Alexander Grischuk sprach Klartext:

Ich denke, für eine Person, die praktisch ständig ausruft, “Ich will Weltmeister werden”, muss dies sehr erniedrigend sein.

Alle schienen jedoch ihren Spaß zu haben, obwohl der Zug 1.b4 natürlich rasch zurückgenommen wurde, aber nicht zugunsten von 1.f4, der Bird-Eröffnung:

Stattdessen kam 1.e4 aufs Brett, womit Carlsens Weißbilanz so aussieht: 1.d4, 1.c4, 1.e4, 1.d4, 1.c4, 1.e4. Unsere Kommentatoren, die oft Probleme hatten zu ergründen, was der Weltmeister mit Weiß anstrebte, sahen darin eine kluge Wahl – auf diese Weise hatte sein Team jeweils eine Woche Zeit, etwas auf Caruanas Antwort auf den jeweiligen Zug vorzubereiten.  

Caruana blieb seinem Russisch treu, und im 4.Zug spielte Carlsen mit 4.Sf3 die Hauptvariante, nachdem ihm 4.Sd3 in Partie 6 nur Probleme eingebracht hatte. Nachdem 8…Sd7 auf das Brett kam, und später 9…Sf6 war klar, dass Caruana die Variante spielte, die in dem Video aus dem Saint Louis Chess Club zu sehen war, das vorher an die Öffentlichkeit gedrungen war:

Carlsen meinte dazu später:

Ihm gelang es trotzdem, mich zu überraschen. Handelte es sich wirklich um eine Art Gambit, hat es gut funktioniert.

Der weitere Verlauf der Eröffnung war aber rätselhaft. Magnus spielte das normale 10.Ld3 und überlegte dann 10 Minuten, als Caruana mit normalen 10…c5 antwortete:


Grischuk sprach von einer “erneut miserable Vorbereitung von Magnus mit Weiß” und wies darauf hin, dass dieser Zug von Alexander Riazantsev ausgearbeitet wurde, dessen Schützling Alexandra Kosteniuk schon 2011 (und danach weitere zwei Male) so spielte. Vielleicht hatte Carlsen etwas wie 11.h4 vor, bekam dann aber kalte Füße, als er Caruana am Brett gegenüber saß und auf dessen Vorbereitung gefasst sein musste. Wieder wählte Magnus den populärsten Zug 11.The1, und wieder reagierte Caruana mit dem populärsten Zug 11…Le6. Diese Stellung kam bisher nur in wenigen Partien aufs Brett, die man aber kaum übersehen haben konnte:

„Magnus hat mehr als 20 Minuten weniger auf der Uhr, aber wir sind beileibe nicht außerhalb der Theorie unterwegs.”

Giri und Karjakin kommentierten gerade live, als Pentala Harikrishna klarmachte, was man an dieser Stelle nicht tun sollte:

“Nach 12.Lg5 stellte ich gegen Karjakin mit 12...h6 die Partie ein und verlor 2016 in Shamkir schnell. Nach einigen genauen Zügen ist die Stellung remis.“

12.Lg5 h6? wurde in dieser Partie mit 13.Lxh6! beantwortet, aber natürlich würde Caruana nicht in diese Falle tappen. Carlsen dachte hier weitere 12 Minuten nach, ehe er einen anderen Angriffsversuch startete:

“Magnus Carlsen nach 10...c5. Was genau brachte ihn dazu, keine schärfere Variante wie etwa 12.Lg5 zu spielen? Er verbrauchte 11 Minuten für 11.The1 und 12 Minuten für 12.Kb1.“

Stattdessen spielte er 12.Kb1 und nach 12…Da5! 13.c4 (unsere Kommentatoren hielten 13.a3!? für riskant) 13…Dxd2 14.Lxd2 waren die Damen vom Brett verschwunden. Bis hierhin folgten die Spieler der Partie Sasikiran-Miroshnichenko, die vor einigen Wochen in Saint Louis gespielt wurde, doch nun wich Caruana mit dem vermutlich stärkeren 14…h6! von Miroshnichenkos 14…Tfe8 ab:


Hier gab es viele Möglichkeiten und auch nur den kleinsten mikroskopischen Vorteil auszunutzen war bislang die Stärke des Weltmeisters, doch stattdessen nahm sein nächster Zug alle Spannung aus der Stellung. Carlsen dachte erneut lange nach, ehe  er 15.Sh4 spielte, doch nach 15…Tfe8 16.Sg6 Sg4! bestand am Ausgang der Partie bereits kein Zweifel mehr. Nach 30 Zügen hatte Weiß zwar einen Bauernbauern, aber bei verschiedenfarbigen Läufern reichte ein wenig Sorgfalt aus, um das Remis zu sichern:


Carlsen wies darauf hin, dass Anatoly Karpov dieses Endspiel 1975 gegen Ljubomir Ljubojevic gewonnen hatte

“Magnus Carlsen verweist auf die Partie Ljubojević gegen Karpov (Mailand, 1975). Er war so großzügig,  "jeder Schachspieler kennt sie" und nicht "jeder Schachspieler kennt sie" zu sagen."

…aber Caruana ließ sich an dieser Stelle nicht beschwindeln:


Schlagen auf f5 verliert sofort (55…Lxf5?? 56.h5! und der Bauer zieht ein oder der Läufer geht verloren), aber er muss nicht schlagen und nach 55…Lc2! wurde Frieden geschlossen. Schlägt Weiß auf g6, nimmt Schwarz mit dem Bauern und keine Seite kann Fortschritte machen.

Sicher nicht die begeisterndste Partie der Schachgeschichte... | Foto: Niki Riga

Über die Partie an sich gab es also nicht viel zu schreiben, aber Spaß machte die Übertragung dennoch. Giri etwa meinte „Ich habe schon viele Remis in meinem Leben gesehen“ und Svidler konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als Giri die unglückliche Formulierung wählte, “zurück zum Remisbrett”. Irgendwann fingen unsere Kommentatoren dann an, ihre Top 5 aller Weltmeister zu nominieren:

Svidler überlegte später, ob er Capablanca durch Karpov ersetzen sollte, und beide wurden gefragt, ob sie Anand vergessen hätten. Grischuk, der die Frage gestellt hatte, kam mit seiner eigenen Auswahl:

Wie aber sahen die Spieler die Partie? Direkt danach war Caruana natürlich sehr zufrieden, da in seiner Schwarzpartie nicht „viel passierte“. Er gab eine interessante Antwort auf die Frage, ob er vor dem Match die nun entstandene Ausgangslage akzeptiert hätte, in einer Weißpartie den Weltmeistertitel erringen zu können:

Manchmal bekommt man eine solche Frage gestellt, ob man eine Situation wie diese akzeptieren würde, aber in Wahrheit lautet die Antwort Nein, da der Weg dahin dazu gehört und ich die ersten elf Partien ungern vermissen würde. Es ist eine normale Situation, und keine schlechte, aber ich hätte auch keine andere vor dem Match akzeptiert.

Fabiano Caruana hat bisher überzeugt | Foto: Niki Riga

Carlsen dagegen schien frustriert:

Natürlich bin ich nicht begeistert. Ich wurde in der Eröffnung überrascht und beschloss dann, die Partie zu beenden. Ich wollte auf Nummer sicher gehen… In dieser Matchsituation gab es keinen Grund, etwas Verrücktes zu tun.

Gegen Karjakin spielte er in New York in der letzten Weißpartie auf Remis, um anschließend den Stichkampf zu gewinnen, doch zunächst muss am Montag die letzte Partie gespielt werden, in der er Schwarz hat! Spielt Carlsen wieder Sizilianisch (mit einem Wechsel riskiert man in dieser Phase eine böse Überraschung), und Caruana will einen Kampf, wird er ihn vermutlich bekommen:

„Magnus Carlsen zur 12.Partie: "Viel hängt davon ab, was er will. Möchte er die Partie ohne Kampf beenden, ist das für mich in Ordnung, und wir spielen Schnellschach. Ansonsten gibt es einen Kampf.”

Während der Live-Übertragung dachte Alexander Grischuk darüber nach, dass sein Traum von 12 Remis in Gefahr sein könnte:  

Grischuk: Normal spricht alles für ein Remis, aber ich habe das Gefühl, das ganze Universum wird dagegen kämpfen.

Giri (etwas später): Aber Alexander, aber glaubst du nicht, dass das Universum schon eingegriffen hätte, wenn es keine 12 Remis will?

Svidler (wieder etwas später): Noch einen Witz lasse ich zu, und der kommt von unserem MrDodgy, der meint, "Wenn das Universum 12 Remis gewollt hätte, hätte Anish das Kandidatenturnier gewonnen!"

Ab jetzt können wir nur noch abwarten, was am Montag passiert. Was es auch sein wird, uns steht eine großartige Schachwoche bevor! Ab 16 Uhr könnt ihr die Partie mit Melanie und Nikolas Lubbe im Live-Stream verfolgen!

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 2

Guest
Guest 7511117635
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options